Reportage

Weitwandern in den Pyrenäen

Die spanischen Pyrenäen gehören zu den ursprünglichsten und schönsten Gebirgsregionen Europas. Wie spektakulär sie sein können erfährt man eindrucksvoll auf dem Berghüttenrundweg »Carros de Foc« im Nationalpark Aigüestortes i Estany de Sant Maurici.

Weitwandern in den Pyrenäen
Postkarten-See mit Bilderbuch-Hütt e: Estany Tort de Peguera mit dem Refugi Josep Maria Blanc© Manuel Meyer

Das Wasser des Lac dera Restanca schimmert in kitschigem Türkisblau. Die Ufer des Bergsees fassen schroffe Felsen und Schwarzkiefern ein. Keine Uhr, die ihn mit nervösem Ticken daran erinnert, schnell noch die dringend nötigen Bewerbungen zu schreiben. Keine Hotels, die für eine Übernachtung mit Luxusmenü horrende Preise verlangen. 

Eigentlich wäre Pedro Palacios viel lieber in irgendein exotisches Land gereist, vielleicht nach Indien oder Brasilien. Doch die Wirtschaftskrise im Land hatte auch vor dem spanischen Filmproduzenten nicht Halt gemacht. Schon seit mehr als neun Monaten war er arbeitslos. Und so entstand aus der Not heraus eine Idee, der sich Pedros Freunde gerne anschlossen: Urlaub in der Heimat.  

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Seen am Feuerwagenweg

Die Wahl fiel auf den Nationalpark Aigüestortes i Estany de Sant Maurici im Herzen der katalanischen Pyrenäen, dessen Gipfel zum Teil über die 3000-Meter-Marke reichen. 1955 gegründet, ist er auch heute noch der einzige Nationalpark Kataloniens und gehört zu den ursprünglichsten und einsamsten Regionen Spaniens. Sechs Tage lang will der Madrilene mit seinen Freunden auf dem Berghüttenrundweg »Carros de Foc« (auf Deutsch: Feuerwagen) dieses Naturschauspiel genießen. 

Der Weg zum Monges-See ist mühsam. Immer wieder müssen Pedro und seine sechs Begleiter aus Madrid kleinere Gebirgsseen umrunden, bevor sie die Schutzhütte Ventosa i Calvell erreichen. Am nächsten Morgen, während Pedro und seine Freunde noch gemütlich ihren Café con leche mit Marmeladentoast verspeisen, gesellt sich Hüttenwirt Jaume zu ihnen.

Der Nationalpark sei eine »botanische Schatzkammer« mit fast 150 endemischen Pflanzenarten wie der Pyrenäen-Distel und unterschiedlichsten Glockenblumen, Narzissen und Orchideenarten, die nur hier wachsen, erzählt er. »Wenn ihr etwas die Augen aufhaltet, könnt ihr auf dem Weg Gämsen, Auerhähne, Murmeltiere und Bartgeier sehen.«

Gelegentlich hätten Wanderer sogar aus weiter Ferne Braunbären gesichtet, von denen etwa 20 Exemplare in den Pyrenäen, im Grenzgebiet zwischen Spanien und Frankreich leben. Doch das, wofür der Nationalpark eigentlich berühmt ist, sind die unzähligen Seen, Bäche und Flüsse – bedeutet doch das katalanische Wort Aigüestortes soviel wie »gewundenes Wasser«.

Sant Maurici bezeichnet den östlichen Teil des Nationalparks, der nach dem bekanntesten See benannt ist. In dem nur knapp 14119 Hektar großen Nationalpark befinden sich über 200 Gebirgsseen als Überbleibsel der letzten Eiszeit. Einige Seen befestigte der ehemalige spanische Diktator Francisco Franco vor der Gründung des Nationalparks 1955 als Stauseen, über dessen gewaltige Mauern heute der Carros de Foc führt.  

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Weitwandern in den Pyrenäen - 9000 Höhenmeter in zehn Stunden

Mitten im See Estany Tort de Peguera auf einer Landzunge liegt die Berghütte Refugi Josep Maria Blanc. Zum Abendessen gibt es spanischen Rotwein, warme Cocido-Suppe, Salat, Kartoffeln und Botifarra, eine würzige, katalanische Bratwurstspezialität. Das Gespräch unter den Wanderern kommt auf die Entstehungsgeschichte des Carros de Foc.

Mutmaßungen zufolge stammt der Name des Feuerwagen-Wanderwegs von den Hüttenwirten, welche die 56 Kilometer und 9000 Höhenmeter, für die durchschnittliche Wanderer sechs Tage benötigen, 1987 in nur 24 Stunden zurücklegten. Aus den gegenseitigen Besuchen auf den Schutzhütten war ein Wettbewerb geworden, wer am schnellsten alle Kollegen besuchen konnte. »Ihre Schuhe müssen geglüht haben wie der Feuerwagen«, witzelt Pedro. 

Die letzte Herausforderung erwartet die Freunde gegen Ende der Tour bei der Colomèrs-Schutzhütte. Der Wind orgelt bedrohlich um die Unterkunft. Am nächsten Morgen hat sich das Wetter nicht sonderlich verbessert. Hin und wieder geben die Wolken einen Blick auf die Gipfel und Pässe frei. Sie sind verschneit. So beschließt die Gruppe abzusteigen zum Parkplatz von Banhs de Tredòs am Parkeingang. Mit dem Taxi geht es zurück nach Arties ins Aran-Tal, von wo aus die Gruppe auf dem »Feuerwagen«-Weg aufgebrochen war.

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