Vorderschlumsee und Angeralm

Stille Orte in einem fast vergessenen Gebirge (Autor: Joachim Burghardt)
17 km
1270 m
8.00 h
Das Hagengebirge, jene einsame und wenig bekannte Hochfläche der östlichen Berchtesgadener Alpen, ist eine kleine Welt für sich. Denn hier stellt sich vieles ein wenig stiller, urtümlicher, wilder dar als in den »harmlosen«, gut erschlossenen Gotzenbergen direkt überm Königssee. Das gilt auch für die markierten Wege, die zwar hin und wieder instandgehalten werden, aber eben doch durch ein sehr entlegenes und schroffes Gebirge führen, in das sich eher einzelne Liebhaber als die Horden des Wochenendtourismus verirren. Eine beispielhafte Rundtour, die sich gut eignet, um den Charakter des Hagengebirges kennenzulernen, führt den Wanderer aus dem Bluntautal über den Schlumsteig ins Gebirge hinauf.
Zum geheimnisvollen Vorderschlumsee.
Das erste Wegstück durchs Bluntautal und über den Schlumsteig ist identisch mit Tour 12. Noch unterhalb der Quelle »beim kalten Wasser« befindet sich etwas abseits des Steigs der Eingang in die Bärenhöhle, wo man die Skelette von neunzig Höhlenbären fand – und das ist nur eine von mehreren hundert Höhlen des Hagengebirges! Wo sich der Weg oberhalb des Schlumhiefls verzweigt (ca. 1130 m), halten wir uns links und passieren auf einem schmalen und oft schlammigen Pfad das Gebiet der alten Hieflalm. Dann geht es steil in den Kessel des Vorderschlumsees hinunter, der im stark verkarsteten und gewässerarmen Hagengebirge besonders auffällt. Doch auch er ist vergänglich - Wenn für längere Zeit Niederschläge ausbleiben, trocknet der See allmählich aus. Ein geheimnisvoller Ort, dieser Vorderschlumsee – ein Ort der Stille, und bei genügend Wasser eine Oase für den, der von der heißen, trockenen Hochfläche kommt. Seealmsee wird er auch genannt, oder sogar – in J. Schätz’ Führer von 1930 – einfach nur »See« in expliziten Anführungsstrichen, so als ob er die Urform schlechthin, ja den Archetypus des paradiesischen Teiches verkörperte! Eine Ode an den Vorderschlumsee und das gesamte Hagengebirge hat Helmut Probst im Alpenvereinsjahrbuch 1972 geschrieben.
Aufstieg zur Verbundhütte.
Von der Wegverzweigung nordöstlich des Sees führt nun ein anspruchsvoller, da steiler und rutschiger Aufstieg über den Grüblboden und die alte Krinnalm zur Verbundhütte, wo erstmals wieder die »Zivilisation« näherrückt. Die 1959–61 errichtete Hochspannungsleitung, die schräg über das gesamte Gebirge führt, ist nämlich nicht zu übersehen, stört aber letztlich weniger, als von vielen vermutet. Die Verbundhütte selbst ist eine Diensthütte und bietet keine Unterkunft, jedoch Wasser. In nordöstlicher Richtung geht es schließlich entlang der Strommasten zum weiten Plateau der Angeralm, einem der letzten Refugien der Almwirtschaft im Hagengebirge. In einer sehr schönen und oft aussichtsreichen Wanderung gelangen wir schließlich über den Kettensteig und die Grazalm zurück ins Tal. Es bleibt die Erkenntnis: Das Hagengebirge ist nichts für den schnellen Genuss, kein Gebirge der Sensationen. Die tiefgründige Faszination aber, die von ihm ausgeht, lässt einen so schnell nicht wieder los.

ETAPPEN.
Golling, 476 m – Gasthaus Bärenhütte, 507 m – Schlumsteig – Schlumhiefl – Vorderschlumsee, 1102 m – Verbundhütte, 1514m – Angeralm, 1590 m – Kettensteig – Grazalm, 1233 m – Golling.
GEHZEITEN.
Parkplatz Torren – Gasthaus Bärenhütte 0:45 Std. – Vorderschlumsee 2:30 Std. – Verbundhütte 1–1:30 Std. – Angeralm 0:45 Std. – Grazalm 1 Std. – Parkplatz Torren 2 Std.; insgesamt etwa 8–9 Std.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour17 km
Höhenunterschied1270 m
Dauer8.00 h
Schwierigkeit
StartortGolling, 476 m
AusgangspunktParkplatz in Torren
EndpunktWie Ausgangspunkt.
TourencharakterLange Wandertour, die durch einsame Gegenden führt. Die Route verläuft ausschließlich auf markierten, jedoch teils steilen und rutschigen Wegen. Die anspruchsvollsten Wegabschnitte liegen vor und nach dem Vorderschlumsee. Bergerfahrung und Trittsicherheit erforderlich, genügend Verpflegung mitnehmen! Nach Regenfällen bleiben die Wege oft tagelang matschig.
Hinweise
BESTE JAHRESZEIT. Juni bis Oktober
KartentippAV-Karte 10/2 »Hochkönig/Hagengebirge« 1 - 25 000; für den auf der AV-Karte nicht abgebildeten nordöstlichsten Teil der Route zusätzlich: Topographische Karte »Berchtesgadener Alpen« 1:50 000
VerkehrsanbindungMit dem Auto wie in der Einleitung beschrieben nach Golling, Ortsteil Torren; mit der Bahn nach Golling-Abtenau und zu Fuß zum Ausgangspunkt
GastronomieAbgesehen vom Gasthaus Bärenhütte im Bluntautal gibt es unterwegs keine Einkehrmöglichkeit. Anger- und Grazalm sind auch im Sommer nicht immer bewartet!
Tipps
Früher existierten über 25 Almen im Hagengebirge. Die einstmals so intensiv betriebene Viehwirtschaft erreichte in den Berchtesgadener Alpen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ihren Tiefststand. Schon 1971 waren im Hagengebirge nur noch zwei Almen – die Anger- und die Grazalm – bewirtschaftet, jedoch auch diese ohne ständige Beaufsichtigung. Zahlreiche Almen mussten aufgrund mangelnder Rentabilität aufgelassen werden, andere wurden von Jagdherren aufgekauft und lagen zum Zweck des ungestörten Jagens brach, wieder andere waren vom Versiegen wichtiger Quellen oder von allgemeiner Verkarstung des Bodens betroffen. Neben zahlreichen noch offenen Wiesenflächen mit verfallenen Kasern gibt es auch ehemalige Almen, die schon fast vollständig von Wald oder Dickicht überwachsen sind – kleine, untergegangene Welten, die nur noch als Namen in der Karte weiterleben.

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