Von Ausserberg ins Baltschiedertal

Entlang von Suonen, hoch über dem Rhonetal (Autor: Rose Marie und Gerhard Bleyer)
11 km
300 m
2.00 h
Über viele Jahrhunderte lebten die Menschen in den Tälern des Wallis fast ausschließlich von der Landwirtschaft. Das im Rhonetal vorherrschende trockene Klima, die vom Himmel brennende Sonne und die geringen Niederschlagsmengen waren für seine Bewohner ein großes Problem. Wasser ist der Quell des Lebens. Die vielen, von Gletschern gespeisten Gebirgsbäche strömen in tiefen Tobeln der Rhone entgegen, ohne die weiten Talhänge zu erreichen. Dennoch besiedelten Bergbauern diese Hänge. Sie rangen der Natur das heute fruchtbare Land in jahrhundertelanger harter Arbeit ab, indem sie ein künstliches Bewässerungssystem entwickelten und ausbauten. Sie leiteten das kostbare Nass von Quellen und Gebirgsbächen über die in unvorstellbarer Mühe und Qual gebauten kilometerlangen Suonen (im Unterwallis auch Bisses genannt: Gräben, Steinrinnen, Chännel = ausgehöhlte Baumstämme) auf das urbar gemachte Land, zu den Wiesen und Äckern, den kleinen teils stufenförmig angelegten Parzellen. Aber einzelne Menschen wären zu einer derartigen Leistung nicht in der Lage gewesen. Die Suonen konnten nur über ein intaktes Gemeinwesen geschaffen, gepflegt und zu einem weit verzweigten künstlichen Bewässerungsnetz entwickelt werden. Eine bäuerliche Organisation war notwen-dig, um auch in schwierigstem Gelände, an nahezu unzugänglichen Felswänden, Wasserfuhren (Chännel) zu verlegen, zu befestigen und so dieses ausgedehnte Leitungssystem zu schaffen. Oft mussten die Leitungen nach einem Unwetter oder Steinschlag abgegangen, nachgesehen und neu verlegt werden. Nicht selten forderte die Arbeit den Einsatz des eigenen Lebens für die dörfliche Gemeinschaft. Todesopfer waren zu beklagen, wenn Menschen in die Tiefe stürzten. Jedes Frühjahr musste das anfällige Bewässerungsnetz durchgesehen und, wo nötig, instand gesetzt werden. Männer und Frauen beteiligten sich an der Arbeit.
Das System der Suonen verbreitete sich mit der von Jahrhundert zu Jahrhundert fortschreitenden Besiedlung über die von größter Niederschlagsarmut heimgesuchten Regionen des Wallis. Mit dem Bau der Suonen entstand zugleich die Organisation der Beteiligten, die die Bedürfnisse aller, das heißt, die Rechte, gleichmäßig verteilte und verteidigte. So wurde eine Wasserkehrordnung geschaffen. Sie regelte unter anderem den Wassergebrauch in einem Abschnitt eines Gebietes. Die Suonen, verbunden mit der Wasserzuteilung, waren Mittelpunkt einer Wirtschafts- und Lebensgemeinschaft, deren Mitglieder, »Geteile«, gleiche Rechte und Pflichten hatten. Die Leitung hatte der Wasservogt, der nach dem Willen aller Geteile gewählt wurde. Es gab natürlich auch Streitigkeiten und Wasserdiebe, die die Schieber für die Bewässerung ihrer Parzellen zu Zeiten öffneten, die ihnen nicht mehr zustanden. Die Menschen jener Zeit waren sehr religiös – so mussten diejenigen, die der Versuchung des Wasserdiebstahls erlagen, dies im Beichtstuhl bekennen, sonst konnte nur das Fegefeuer diese Verfehlung auslöschen. Generationen von Menschen konnten während Jahrhunderten in harter Arbeit nur mit Hilfe der heiligen Wasser aus den Suonen, die das Überleben erst ermöglichten, ernten. Heute ist die Bedeutung der Landwirtschaft (Heu und Getreide), abgesehen vom Obst-, Gemüse- und Weinanbau, im Wallis stark zurückgegangen und man trifft auf Wiesen und Weiden, die weder gemäht noch genutzt werden. So läuft das einzigartige Bewässerungssystem (auch durch Nutzen der technischen Möglichkeiten) Gefahr, mehr und mehr zu verfallen. Suonen füllen sich mit Schutt und Steinen, Chännel an den steilen Felswänden verfaulen. Nur die Weinbauern nutzen teilweise noch die alten Wasserfuhren zur Bewässerung ihrer Weinberge.
Im Wallis existieren auch heute noch über 190 Suonen (mit einer Gesamtlänge von etwa 760 Kilometern), 160 davon führen immer noch Wasser. Die meisten Suonen, unwiderlegbare Zeugen aus einer Zeit, als die Walliser um jeden Tropfen Wasser kämpfen mussten, gibt es in den Regionen um Visp (s.a. Tour 37), Raron und Sion. Mit 39 Kilometern ist die Bisse de Saxon die längste von ihnen. Es bleibt zu hoffen, dass ein Teil dieses alten bäuerlichen Kulturgutes wenigstens in zugänglichen Bereichen vor dem unheilbaren, langsam aber sicher fortschreitenden Verfall gerettet wird. Für den Wanderer ist es reizvoll, auf mühelos zu bewältigenden Strecken ohne große Steigungen diese alten Wasserleitungen zu entdecken und sie ein Stück weit zu begleiten – und sei es nur auf einer Kurztour wie der ins Baltschiedertal, bei der wir uns im Herzen der Region Jungfrau-Aletsch-Bietschhorn befinden, die seit 2001 zum Weltnaturerbe zählt (siehe hierzu auch Vorspann Tour 35) und seit Juli 2008 den Namen »UNESCO Welterbe Schweizer Alpen Jungfrau-Aletsch« trägt.
Schmerzvoll betroffen wurde das Dorf Baltschieder bei der Unwetterkatastrophe, die das Wallis am »Schwarzen Sonntag« Mitte Oktober 2000 heimsuchte. Das Hochwasser (über 1 m) des gleichnamigen Baches richtete im »Inneren Dorf« eine schlimme Verwüstung an und hinterließ eine Schlammschicht von 60 cm Höhe. Die Bewohner konnten in letzter Minute evakuiert werden – Gott sei Dank kam niemand zu Schaden.
Der Wegverlauf.
Entlang der Suone Undra ins Baltschiedertal.
Von Ausserberg-Station beim Hotel-Restaurant Bahnhof die Abkürzung zur Straße hoch und weiter ins Dorf Ausserberg-Trogdorf mit seinen vielen dunkelbraunen Holzstadeln auf Mäuseplatten. Beim Hotel-Restaurant Sonnenhalde wählen wir die nach Osten abbiegende eben dahinziehende Straße. Vorbei geht es an blumengeschmückten Holzhäusern. Schöner Rückblick auf Trogdorf und seine ansehnliche Kirche. Links der Straße die in Beton gefasste Suone Undra. Erst seit 1975 wird Trogdorf durch einen Stollen mit Wasser versorgt. In der Peischchumma, wenige Meter oberhalb der Straße, die weithin sichtbare Theresienkapelle. Danach endet der Steinbelag, und es geht auf geschottertem Weg weiter. Zeitweilig ist von der Suone nichts zu sehen, aber man hört das unter dem Weg fließende Wasser. Plötzlich ist sie wieder neben uns – nicht mehr in Beton gefasst, sondern in einem felsigen Naturbett.
Kurz hinter der Häusergruppe Milli (Mühle) verlässt man den breiten Weg, der zu einem einzelnen Gehöft führt, nach rechts und wandert nun auf kleinem Steig fast horizontal dahin – links die Suone, rechts der Abgrund, über den der Blick ins Rhonetal gleitet. Es ist eine recht romantische Strecke. Bei einer Weggabelung senkt sich der Südrampeweg zur BLS-Bahntrasse ab. Wir bleiben auf dem Suonenweg und wandern hoch über dem Baltschiedertal nach Norden. Der Pfad ist so schmal wie die Suone, die sich ganz unterschiedlich zeigt – mal als sanft dahinfließendes, mal als temperamentvoll springendes Wasser. Bisweilen führt die Route unter Felsvorsprüngen hindurch und man muss den Kopf einziehen. Aufmerksamkeit ist nötig. Im Buschwald geht es sanft weiter hoch ins Tal hinein – am östlichen Talhang sind die Weiler Erl und Honalpa zu sehen, und aus der Tiefe dringt das Rauschen des Bergbaches herauf.
Abstieg nach Eggerberg.
Unter dem Älum nehmen wir den nach rechts abzweigenden Pfad zum Baltschiederbach (1216 m), der über ein Holzbrücklein zu queren ist. Das Gletscherwasser des Baltschiederbaches speist mehrere sehr alte Suonen, von denen das Niwärch (von 1381; das Wasser wird durch einen Stollen herangeführt) und die Undra (von 1377) die Wiesen um Ausserberg bewässern. Die Laldneri (von 1312) und die Gorperi (von 1640) versorgen die Matten von Eggerberg und Lalden. Bei der Gorperi und dem Niwärch handelt es sich um besonders interessante Suonen, denen zu folgen es sich lohnt.
Bald ist die Fassung der Suone Gorperi erreicht. Etwas später erfrischt der feine Staub eines kleinen Wasserfalls unter steiler Felswand angenehm. Tief unter uns entdecken wir die Gleisführung der Lötschbergbahn mit der Brücke über den bewachsenen Tobel des Baltschiedertales. Vor dem Teiffebach senkt sich die Route nach rechts ab und leitet durch ein Stück buschigen Wald zum Weiler Eggen (Bushalt). Wir queren die Straße, die Visp mit Eggerberg, Eggen und Finnu verbindet und gelangen in aussichtsreichem Abstieg hinab nach Eggerberg (Station der BLS-Bahn und Bushalt).

Weinwandern

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour11 km
Höhenunterschied300 m
Dauer2.00 h
Schwierigkeit
StartortAusserberg/Station (931 m) im Rhonetal.
AusgangspunktAusserberg/Station (931 m) im Rhonetal.
EndpunktEggerberg Bahnhof (Station)
TourencharakterGute Wege. Einige unmittelbar neben Suonen verlaufende Passagen (teils schmal und ausgesetzt) erfordern besondere Achtsamkeit und evtl. Schwindelfreiheit.
Beste Jahreszeit
KartentippSAW-Wanderkarte 1:50 000, Blatt 274 T (Visp; mit eingezeichneten Routen).
Verkehrsanbindungvon Visp per Postbus nach Ausserberg (oder von Brig mit der Brig-Lötschberg-Simplon-Bahn). Rückkehr: per Bus nach Visp oder mit der BLS-Bahn nach Brig.
Tipps
23 Wandervorschläge entlang von Suonen als Wegbegleiter in die schönsten Ecken des Suonen-Eldorados Wallis finden Sie in der vom Wallis-Tourismus herausgegebenen A5-Broschüre »Die Suonen im Wallis«. Erhältlich bei: Valrando, rue Pré-Fleuri 6, CH-1951 Sion; Tel. 027/327?35?80, Internet: www.valrando.ch.

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