Über den Monte Pasubio, 2232 m

Passo Pian delle Fugazze – Malga Val di Fieno – »Sentiero Baglioni« – Cosmagnon – Palòn – Sette Croci – Rifugio Papa – »Strada degli Eroi« – Passo Pian delle Fugazze (Autor: Eugen E. Hüsler)
Tausendfacher Tod.
Sie hat traurigen Ruhm erlangt, die »Hölle der Kaiserjäger«, wie sie auf österreichischer Seite genannt wurde. Am Pasubio konzentrierte sich der Gebirgskrieg – hier wollten die Italiener ins Etschtal durchbrechen, nachdem die österreichische Mai-offensive von 1916 zum Stehen gekommen war. Der Pasubio ist ein weitläufiges Karstplateau, weist also eine Topografie auf, die zu Großangriffen einlud. Zunächst konzentrierten sich die Kämpfe auf den Bereich der Alpe Cosmagnon, dann auf die beiden Gipfelstellungen - den Dente Italiano (Italienische Platte; 2220 m) und den Dente Austriaco (2203 m; Österreichische Platte). Bei diesen Kämpfen fielen allein zwischen dem 9. und dem 20. Oktober 1916 rund 8000 Soldaten und Offiziere. Dann trat der Winter mit einem heftigen Schneesturm sein Regime an; die Kampfhandlungen kamen zum Erliegen, dafür hatten beide Seiten jetzt mit Kälte und Lawinen zu kämpfen. Der weiße Tod hielt reiche Ernte unter den unzureichend ausgerüsteten Frontkämpfern; Nachschub und Brennholz musste oft unter Lebensgefahr herangeschafft werden. Brigadier Ellison notierte später: Als charakteristisch für die damalige Situation möchte ich anführen, dass die Geländeformen durch die Schneeverwehungen derart verändert waren, dass wir unsere neue Bretterbude auf Lawinenschnee gerade über der verschütteten Brückenkompanie aufgestellt hatten. Bei der Schneeschmelze fanden wir unter der Hütte 70 Tote dieser unglücklichen Kompanie.
Minenkrieg.
Im Winter, dem schwersten seit Menschengedenken, verlagerte sich der Krieg in den Berg. Die Italiener bauten ihre Platte (Dente Italiano) zu einer Felsenfestung aus; auch die Österreicher verstärkten ihre Stellungen, um gegen weitere Attacken gewappnet zu sein. Gleichzeitig begannen sie unter dem Eselrücken hindurch einen Minenstollen bis unter die feindlichen Stellungen zu treiben. Gleiches unternahmen die Italiener. Mehrfach wurden Sprengladungen gezündet, allerdings mit bescheidener Wirkung. Von ganz anderem Kaliber war dann jene Ladung, welche die Österreicher am 13. März 1918 um 4.30 Uhr zündeten: Rund 50 Tonnen Sprengstoff verwandelten die Front des Dente Italiano in einen Trümmerhaufen, eine gut 30 Meter hohe Stichflamme schoss aus den Felsen, noch fünf Stunden später kam es zu Explosionen. Mehr als 500 Italiener fanden den Tod.
Zustieg.
Straßen gibt es am Pasubio gleich mehrere, glücklicherweise sind sie alle für den motorisierten Verkehr gesperrt. Es reicht ja schon, wenn man bei Touren rund um die Vallarsa an den Wochenenden jeweils das Heulen der PS-starken Zweiräder im Ohr hat. Dafür sind die ehemaligen Kriegsstraßen bei Jungs und Mädls mit großer Lunge und kräftigen Wadln sehr beliebt: 750 Höhenmeter vom Passo Pian delle Fugazze (1162 m) über die »Straße der Helden« (Strada degli Eroi) hinauf zur Porte del Pasubio. Wanderer nehmen den Fußweg, der die weiten Schleifen abkürzt. Oberhalb der Malga Val di Fieno kreuzt man ein letztes Mal die Militärstraße; 20 Minuten höher zweigt links der »Sentiero Baglioni« ab (1.15 Std.). Er quert, sanft ansteigend, dann wieder etwas an Höhe verlierend, hoch über dem Urweltgraben des Val delle Prigioni die Westabstürze des Pasubiostocks. Drei kurze, etwas ausgesetzte Passagen sind mit Drahtseilen entschärft. Schließlich betritt man einen mächtigen Geröllkessel, über dem der senkrechte Westabsturz des Soglio dell’Incudine (2114 m) in den Himmel ragt. Dahinter quert die Route in origineller Trassenführung eine enge, felsummauerte Schlucht an ihrer Mündung (Drahtseile, Eisenstifte). Wenig tiefer ragt ein mächtiger Monolith aus dem Geröllstrom. Nach kurzem Abstieg passiert man eine weitere, harmlose Rinne. Anschließend steigt der Weg über einen teilweise mit Latschen bewachsenen Hang sehr steil an gegen die südseitigen Abstürze der Roccioni di Lora (2032 m), wo eine Mulattiera von Ráossi einmündet. Mit ihr sanft ansteigend bis in das Almgelände knapp unter der Sella di Cosmagnon (1960 m; 3.15 Std.).
Blumen über Gräbern.
Überall Schützengräben, Bombentrichter, Überreste alter Wege, Granatsplitter, da und dort verrosteter Stacheldraht. Dazwischen: ein Meer von Blumen. Zumindest im Sommer. Besonders eindrucksvoll wirkt diese Farbenpracht, wenn der geschundene Gipfelrücken unter einer dunklen Wolke liegt und die Sonne die bunten Wiesen in ein fast unwirkliches Licht taucht. Auf dem alten Nachschubweg steigt man an der Westflanke des Palòn gegen seine wenig ausgeprägte Südschulter, den Cogolo Alto (2150 m), an. Ganz in der Nähe mündet der »Sentiero delle Creste«, eine interessante Anstiegsvariante. Sie hat ihren Ausgangspunkt an der Galleria d’Havet (1797 m) und folgt dem schmalen, langgestreckten Südgrat. Im Bereich des Soglio dell’Incudine (2114 m) stößt man auf ausgedehnte italienische Befestigungen; ein kurzer Tunnel führt durch den Fels zu einem Ausguck mitten in der senkrechten Westwand des Zackens mit Schwindel erregendem Tiefblick ins Val delle Prigioni. Im Sommer 1918 schufen sich die Alpini hier einen unterirdischen Zugang zur Alpe Cosmagnon, die »Galleria Zamboni«. Sie ist leider verschüttet und nicht mehr begehbar.
Zum Gipfel.
Wenig oberhalb des Cogolo Alto steht das zerbombte Rifugio Militare. Am Kammrücken steigt man in wenigen Minuten hinauf zum höchsten Punkt des Pasubio, zum Palòn (2232 m; 4.15 Std.). Er bietet bei entsprechender Witterung ein immenses Panorama, das von den Adamellogletschern bis zu den Kalkgipfeln der Julischen Alpen reicht. Die Kompassnadel weist exakt auf dasZuckerhütl (3507 m) fern am Alpenhauptkamm in den Stubaier Alpen. Und im Süd-osten liegt die blaue Adria mit ihren Stränden, einst beliebtestes Ferienziel der Deutschen.
Zona sacra.
1922 wurde die gesamte Kampfzone am Pasubio durch ein königliches Dekret zur »Zona Sacra« erklärt, später dann die »Straße der Helden« (Strada degli Eroi) von Südtiroler Genietruppen angelegt. Im Zentrum der Kampfhandlungen lagen die beiden »Platten«, die italienische (2220 m) und die österreichische (2203 m). Immer wieder versuchten Alpini, die Kaiserjäger aus ihren Stellungen zu vertreiben; neunmal drangen sie zum Dente Austriaco vor – und wurden stets abgewiesen. Ein episches Ringen, das einen entsprechenden Blutzoll forderte.
Beide Platten sind von unzähligen Granat-einschlägen gezeichnet. Die Front des Dente Italiano wurde durch die österreichische Mine buchstäblich zerfetzt, in ein danteskes Trümmerfeld verwandelt. Vom Palòn führte ein nach dem Kommandanten Generale Achille Papa benannter, wieder begehbarer Stollen direkt in den Rücken des Dente Italiano, der seinerseits fast so löchrig wie ein Schweizer Käse war: Zahlreiche Stollen durchzogen wie drüben an der österreichischen Platte den Fels kreuz und quer – Krieg mit allen Mitteln, über und unter der Erde ...
Zum Rifugio Papa.
Von der österreichischen Platte leitet eine Wegspur im verwüsteten Gelände leicht bergab zu einer Tiroler Gedenkstätte. Hier hat man bereits Sichtverbindung zu einer unscheinbaren Senke, der Sella Comando (2077 m), von der rechts ein Weghinabzieht zu den Sette Croci – den sieben Kreuzen gegen das Vergessen. Der Weiterweg führt, nun als komfortable Mulattiera, nach kurzem Gegenanstieg zur Erinnerungskapelle (Chiesetta votiva). Hier endet die vom Rifugio Papa und von der Porte del Pasubio heraufkommende breite Militärstraße. Etwas tiefer steht auf einer kleinen Anhöhe der Arco Romano (2035 m) wie ein verirrtes Stück Rom mitten in der Berglandschaft.
Klein-Mailand.
Die Porte del Pasubio (1928 m; 5.15 Std.), zu der man nun absteigt, befindet sich im Schnittpunkt zahlreicher Wege, die in alle Richtungen abgehen. Hier endet auch die einzigartige »Strada delle Gallerie« (siehe Tour 29). Im Bereich des Rifugio Papa befand sich während des Krieges eine Barackenstadt beachtlichen Ausmaßes, »el Milanin« (Klein-Mailand) genannt. Neben dem Abschnittskommando, Truppenunterkünften, Munitionslagern und einer Sanitätsstation gab es hier sogar kleine Läden. Den Nachschub besorgten teilweise kühn angelegte Seilbahnen; vier solcher Anlagen führten aus dem Val Canale zur Porte del Pasubio und zum Soglio dell’Incudine. Ein vierzig Kilometer langes Rohrsystem gewährleistete die Wasserversorgung der Truppe auf dem Karstplateau; eine leistungsstarke Energiezentrale sorgte für elektrischen Strom, ein engmaschiges Netz von Telefon- und Telegrafenleitungen für Kommunikation auch mit den vordersten Frontstellungen.
Abstieg.
Beim Rifugio Papa endet auch die »Strada degli Eroi«, die den Abstiegsweg vorgibt. In kühner Trassierung (Tunnels) führt sie über dem innersten Val Canale sanft bergab zur Galleria D’Havet, wo man auf die Westseite des lang gestreckten Grates wechselt, der die Punta Favella (1834 m) mit dem Soglio dell’Incudine verbindet. Kurz darauf (Tafel) verlässt man die breite Sandpiste und folgt dem Fußweg, der, deren Serpentinen abkürzend, hinabzieht zum Passo Pian delle Fugazze (7 Std.).

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour18 km
Höhenunterschied1220 m
Dauer7.00 h
Schwierigkeit
StartortRovereto (204 m), Stadt im Etschtal (Val Lagarina)
AusgangspunktPasso Pian delle Fugazze (1162 m)
EndpunktWie Ausgangspunkt.
TourencharakterAm Pasubio ist er noch überall gegenwärtig, der Gebirgskrieg, obwohl es bald ein Jahrhundert her ist, dass hier der erste Schuss fiel. So wirkt der Bergstock mit den toten Augen der Stollenlöcher, den Bombentrichtern und dem Wegnetz, das alle Hänge durchzieht bis hinauf zu den Gipfelhöhen, wie ein versteinertes Mahnmal - nie wieder!
Beste Jahreszeit
KartentippSezione Vicentine del CAI 1 - 20 000 »Pasubio – Carega«; Kompass 1:50 000, Blatt 101 »Rovereto – Monte Pasubio«
VerkehrsanbindungVon Rovereto durch das Vallarsa zum Pass. Busverbindung, große Parkplätze
GastronomieRifugio Achille Papa (1928 m), Juni bis September durchgehend, Mitte Mai und bis Ende November an den Wochenenden; Tel. 0445/63 02 33
Tipps
Zitat. Inzwischen hatte bereits am 3.3. die Ladung der beiden österreichischen Minenkammern begonnen. Alle verfügbaren Truppen waren zu Trägerdiensten kommandiert, um den Sprengstoff auf den Pasubio zu schaffen, da starke Schneefälle und Lawinen die Straßen verschüttet und die Seilbahn unterbrochen hatten. Mit 40 Kilogramm Sprengstoff am Rücken musste der Weg, teilweise auch kriechend, zurückgelegt werden. In 26 Stunden waren die Minenkammern geladen, 200 Zündpunkte waren in diesen verteilt, um die Explosionsgeschwindigkeit zu vergrößern. [...] Um 4.30 Uhr zündet der Offizier der Sprengpatrouille die Mine. Gleich nach der Detonation brechen aus der italienischen Platte bis zu 30 Meter hohe Stichflammen. Aus den Stollenausgängen »Belluno«, »Zero« und »Parma« lodern bis zu 30Minuten die Flammen. Walther Schaumann, »Schauplätze des Gebirgskrieges«
Informationen
Gehzeit - Gesamt 7 Std. Passo Pian delle Fugazze – Abzweigung »Sentiero Baglioni« 1.15 Std., »Sentiero Baglioni« 2 Std., Cosmagnon – Palòn 1 Std., Palòn – Rifugio Papa 1 Std., Rifugio Papa – Passo Pian delle Fugazze 1.45 Std.
Tourismusbüro
APT Rovereto, Corso Rosmini 6, I-38068 Rovereto; Tel. +39/0464/43 03 63, Fax 43 55 28, info@aptrovereto.it, www.aptrovereto.it

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