Über den Kehlriedel zum Kehlstein

Der vergessene historische Weg am Touristenberg (Autor: Joachim Burghardt)
13 km
900 m
5.00 h
Zu Tausenden lassen sich die Besucher mit dem Bus auf den Kehlstein karren, um bei Hitlers berühmtem »Teehaus« zwei Reizen ausgesetzt zu sein - Da ist die augenscheinliche Schönheit der Bergwelt ringsum, der begeisternde Blick hinunter ins Tal und hinüber zu Göll und Watzmann. Da ist aber auch ein unsichtbares Faszinosum, das die Leute in einer vagen Mischung aus Nazi-Schauder, Lust am Bombastischen und Hang zum Esoterischen in den Bann zieht. Neben den felsigen Abgründen offenbart der Kehlstein auch menschliche. Denn es gibt sie leider, die lederbewehrten Glatzköpfe, die zum »Adlerhorst« hinaufpilgern und Rudolf-Heß-Aufkleber auf Müll-eimern zurücklassen. Auch auf die befremdliche »Black-Eagle«-Schnaps-werbung, die Murmeltiersalben und all das – mit Verlaub – unsägliche Geraffel, mit dem sich der naive Einwegkamera-Tourist dort oben ködern lässt, könnte man als reiner Naturliebhaber gut verzichten. Aber gottlob hat dieser so belastete Berg auch noch andere Seiten – viel ältere, echtere.
Alte Karten und Führer verraten es: Vor 1937 war dem Berg noch nicht die Fessel der Kehlsteinstraße angelegt, da gab es nur einen stillen Gipfel und einen Pfad, der über den steilen Bergrücken namens Kehlriedel nach oben führte. Wenn ich nicht irre, beschreibt schon ein Reisebericht aus dem Jahre 1791 diese Tour, an der damals sogar der letzte Fürstpropst höchstpersönlich teilnahm! Für geübte Wanderer ist die Route bis heute lohnend: Vom Restaurant Sonneck gehen wir ein kurzes Stück auf der Straße talwärts zurück, bis rechts ein Wanderweg in den Wald hinaufführt. Auf diesem steigen wir hundert Höhenmeter hinauf, bis er in einen Fahrweg einmündet. Hier geht es nun entweder auf einem sehr schmalen unmarkierten Pfad weiter aufwärts (Abzweigung in den Karten zu weit nördlich eingezeichnet, Pfad bald schwer zu finden) oder rechts auf dem Fahrweg flach weiter und westlich ausholend wie beschildert in Richtung Kehlstein (bei 1160 m mündet von links der schmale Pfad wieder ein). Nun kreuzen wir die für Fußgänger gesperrte Kehlsteinstraße und erreichen bald darauf eine große Wendeschleife.
Der Pfad über den Kehlriedel.
Exakt südöstlich der Spitze der von der Wendeschleife eingeschlossenen Insel (Karten auch hier falsch!) zweigt ein anfangs sehr undeutlicher Steig in den Wald ab, der die teils brusthoch zugewucherte Untere Kehlalm quert (links halten!). Von den Almkasern selbst ist nichts mehr zu sehen; einer der beiden wurde bei dem Luftangriff auf den Obersalzberg am 25. April 1945 durch eine Bombe zerstört. Der Pfad hält in südöstlicher Richtung auf den Höhenrücken zu und verläuft ab hier gut sichtbar und meist auf der Scheitellinie des Kehlriedels. Dann queren wir mit der Oberen Kehlalm ein weiteres eindrucksvolles Relikt vergangener Zeiten. Zuletzt schlängelt sich der Weg raffiniert durch felsiges Gelände und mündet genau in das Ende der Kehlsteinstraße – ein abrupter Sprung durch die Geschichte des Berges! Auf dem breiten Fußweg geht es nun in Serpentinen zum Kehlsteinhaus hinauf. Wer Lust hat, schlendert dann noch am großen Gipfelkreuz vorbei ein Stück den Grat entlang, wo sich der höchste Punkt dieses – rein geographisch betrachtet – untergeordneten Bergs befindet. Früher hieß der Kehlstein übrigens auch Göllstein, Göhlstein oder Kahlstein – heute ist das nicht mehr bekannt. Eine Abstiegsalternative besteht vom Busparkplatz aus mit dem asphaltierten Serpentinenweg über den Dalsenwinkel, von wo aus wir nach wenigen Höhenmetern Zwischenaufstieg unterhalb der Unteren Kehlalm wieder die Aufstiegsroute erreichen. Es besteht aber natürlich auch die Möglichkeit, ganz bequem mit dem Bus zu Tal zu fahren.

GEHZEITEN.
Sonneck – Untere Kehlalm 1 Std., über den Kehlriedel zum Parkplatz Kehlsteinhaus 1:30 Std., über das Kehlsteinhaus zum Kehlsteingipfel 30Min., Abstieg über Hochfeld/ Dalsenwinkel und Untere Kehlalm zurück zum Sonneck 2–2:30 Std.; insgesamt 5:30 Std.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour13 km
Höhenunterschied900 m
Dauer5.00 h
Schwierigkeit
StartortBerchtesgaden, 541 m
AusgangspunktRestaurant Sonneck, 985 m
EndpunktKehlstein, 1837 m
TourencharakterEine Tour für Liebhaber versteckter alter Pfade. Der Weg über den Kehlriedel ist schmal, anfangs schwer zu finden, stellenweise zugewachsen und hat alpinen Charakter, stellt jedoch für geübte Bergwanderer keine Schwierigkeit dar. Er ist vor allem bei Nässe nur im Aufstieg zu empfehlen. Alle übrigen Teile der Tour führen über markierte, teils sogar asphaltierte Wanderwege.
Hinweise
BESTE JAHRESZEIT. Ende Mai bis Oktober
KartentippUmgebungskarte »Nationalpark Berchtesgaden« 1 - 25 000 oder AV-Karte Bayerische Alpen BY22 »Berchtesgaden/Untersberg« 1:25 000
VerkehrsanbindungMit Auto oder Bus 838 von Berchtesgaden über den Obersalzberg und die Dürreckstraße bis zum Restaurant Sonneck.
GastronomieRestaurant Sonneck, Scharitzkehlstraße 2, Tel. - 08652/42 57; Berggaststätte Kehlsteinhaus, bewirtschaftet von Anfang/Mitte Mai bis Mitte/Ende Oktober, keine Übernachtungsmöglichkeit! Tel.: 08652/29 69, www.kehlsteinhaus.de
Informationen
Ein völlig vergessener Weg an einem touristischen Brennpunkt

Lust bekommen? Noch mehr Touren finden Sie in unserem Buchtipp:

Tassilo Wengel

Rheinsteig

»Deutschlands schönster Wanderweg 2006« bietet auf 320 km zwischen Bonn und Wiesbaden schönste Naturerlebnisse und spektakuläre Ausblicken auf den Rhein.

Jetzt bestellen
Mehr zum Thema