Lacs de Fenêtre – Fenêtre de Ferret

Über grünen Matten die Grandes Jorasses (Autor: Rose Marie und Gerhard Bleyer)
9 km
1150 m
6.00 h
Etwa 40 Kilometer südöstlich des Lac Léman liegt unmittelbar am Rhoneknie – zugleich an der Mündung der Drance in die Rhone – Martigny, die älteste Stadt des Wallis. Berühmte Männer wie Goethe, Stendhal, Dickens, Cooper und Lord Byron machten hier auf ihren Reisen Zwischenstation und nahmen Quartier in der Auberge de la Grand-Maison. Noch bis in das 19. Jahrhundert wurde Martigny von katastrophalen Überschwemmungen heimgesucht. Deshalb verlegten die Bischöfe schon früh ihre Sommerresidenz auf die Sonnenterrasse über Sion. Allerdings machte der Stadtbrand von Sion im Jahre 1788 die stattliche Burganlage Tourbillon zur Ruine. Sehenswert in Martigny die Place Centrale mit ihren eigentümlichen vier Reihen beschnittener Platanen, durch deren dichtes Laubwerk selbst bei Platzregen kein Tropfen Wasser fällt – eindrucksvoll die große Pfarrkirche (17. Jh.) mit den geschnitzten Flügeltüren in den Eingangsportalen. Zur Weiterfahrt ins Val d'Entremont und Val Ferret am Ortsausgang von Martigny auf das nach Süden weisende Verkehrsschild »Grand St.-Bernard« achten.
Gleich zu Beginn die Orte Les Valettes (von hier nach Westen kehrenreiche Straße zum Lac Champex) und Sembrancher. An beiden Talseiten ragen Felsen aus hellem Gestein auf, und am Osthang wird zum Teil noch Wein angebaut. Nach Osten geht es zum Höhenkurort Verbier hoch und ins Val de Bagnes mit dem Stausee Mauvoisin. Bei Orsières verlassen wir die im weiteren Verlauf zum Grand St.-Bernard und ins Aostatal führende Straße nach rechts ins Val Ferret. Das Tal mit dem trogartigen Profil eines Gletschertales, das seinen Ursprung beim Glacier des Angroniettes am Fuße des Grand Golliat hat, ist noch ein echter Geheimtipp. Die Drance de Ferret mündet südlich von Orsières in die Drance d’Entremont.
Das vorwiegend aus Sedimentgestein gebildete Val Ferret liegt eingebettet zwischen den Granitfelsen der Montblanc- und der Grand-Combin-Gruppe. In Som La Proz, dem ersten Ort des Tales, dominieren Steinhäuser. Eng ist die Dorfstraße von Issert. Überkragende hölzerne Galerien an den Häusern verdecken fast den Himmel über uns. Am orografisch rechten Ufer der Drance der Weiler Les Arlaches – ein Holzhaus reiht sich an das andere, sauber und mit reichem Blumenschmuck. Nur 1½ Kilometer sind es bis Praz de Fort, diesem grauen und doch so harmonisch wirkenden Dorf. Vorbei an den Flecken Branche, Prayon und l’Amône wird La Fouly erreicht, touristisch am stärksten erschlossen. Unter Tour Noir und den gezackten Aiguilles Rouges mit dem weit ins Tal herabfließenden Glacier de l’A Neuve liegen die wenigen Häuser von l’A Neuve und der wildromantische Camping des Glaciers. Letzter Ort im Tal ist Ferret – ein paar Holz- und Steinhäuser sowie die weiße Bergkapelle Notre Dame des Neiges von 1707 schmücken den kleinen Weiler. Eine zauberhafte Wanderung führt von hier zu den Lacs de Fenêtre und zum Fenêtre de Ferret.
Der Wegverlauf.
Aufstieg zum Fenêtre de Ferret.
Hinter der steinplattengedeckten kleinen Kapelle verlassen wir das Dorf und wandern auf schattigem Waldweg zu den Alphütten Les Ars Dessous. Groß ist der Kontrast zwischen den sanften Weideböden im Osten und den harten Granitfelsen des Argentière- und Trient-Massivs im Westen, in denen blauschimmernde Gletscher hängen. Zahlreiche Wildbäche, hier »reuses« genannt, entspringen ihnen und fließen ins Tal. Über den abgerundeten Alphängen von La Peule zeigen sich im Westen erstmals Ausläufer der Mont-Blanc-Gruppe. Nach den Hütten von Plan de la Chaux (2041 m) zieht sich unser Steig steiler in einen Felskessel hinein. Auf gestuftem Plattenweg geht es kräftig höher. Still und verträumt liegt plötzlich der erste Lac de Fenêtre vor uns (2456 m), dann der zweite (2495 m). Ein Windhauch streift das tiefblaue Wasser und lässt winzige Lichtlein darüber tanzen. Die Wellen glätten sich wieder und vor uns breitet sich das Spiegelbild dieser eindrucksvollen Berglandschaft aus. Im Westen erheben sich über grünen Matten die grau-schwarzen Felswände von Grandes Jorasses, Aiguilles Triolet und Mont Dolent.
45 Minuten später stehen wir auf dem Fenêtre de Ferret (2698 m), hier empfängt uns ein rauer Wind. Überraschend ist der Tiefblick zum Col du Grand St.-Bernard (2458 m) mit dem kleinen See und dem Hospiz. Sehr fern der Gran Paradiso über dem Aostatal. Pfadspuren führen auf den nach Südwesten verlaufenden Grat des Mont Fourchon (Grenze zwischen Italien und der Schweiz), dem wir bis Höhe 2823 folgen, einem Aussichtspunkt par excellence: Mont Blanc mit den Grandes Jorasses – Mont Dolent – Tour Noir – Grand Combin – Mont Vélan. Hier kann man sitzen, bis der Abend hereinbricht – Stunden, die einem Gipfelerlebnis gleichkommen…
Wer Lust hat, mag vom Fenêtre de Ferret in ¾ Stunden zum Grand St.-Bernard absteigen und per Bus über Orsières ins Val Ferret zurückkehren. Der Pass ist einen Besuch wert. Als der heilige Bernhard von Menthon, Erzdiakon von Aosta, im 11. Jahrhundert das Hospiz auf dem später nach ihm benannten Pass gründete, hatte dieser bereits eine lange Geschichte hinter sich, möglicherweise mehrere tausend Jahre. Seine Bezwingung war wegen des arktischen Klimas sehr gefährlich. Trotzdem wurde der Verkehr immer stärker, da der Pass der bequemste Übergang über den Alpenhauptkamm war. Händler, Pilger, hohe Herren sowie Könige und Kaiser benutzten den Großen St. Bernhard. Viele machten dem Hospiz Schenkungen zur Erleichterung seiner großen Aufgaben. Das berühmte Hospiz wird von Augustiner-Chorherren bewohnt. Der 1898 angefügte Neubau dient seit 1925 als Hotel.
Rückkehr nach Ferret.
Nach Rückkehr zum Fenêtre de Ferret wan-dern wir wieder hinab zu den Lacs de Fenêtre. In ihrer Lieblichkeit setzen sie der herben Berglandschaft einen farbenfrohen Akzent auf, besonders am späten Nachmittag und Abend. Grandes Jorasses, Aiguilles Triolet und Mont Dolent wirken jetzt unnahbar und fremd. Und alles, was am Morgen im Licht der Sonne mächtig und groß wirkte, versinkt wie der Mont Blanc bald im sanften Dunst des schwindenden Tages. Halb verschleiert wirft die Sonne ihr mildes Abendlicht schräg in die kleinen Tälchen von La Peule und Le Ban Darray. Über die Höhen streicht ein feiner Wind, während wir vorbei an den Hütten von Plan de la Chaux und Les Ars Dessous hinabwan-dern nach Ferret.
Weitere Tourenvorschläge
• Champex – Plan de l’Au – La Forclaz (6 Std.; zurück per Bus) ;
• Ferret – Plan de la Chaux – Col du Bastillon – Grand St.-Bernard (4½ Std.; zurück per Bus) ;• Orsières – Bourg-St.-Pierre – Grand St.-Bernard (7 Std.);
• Fionnay – Lac de Mauvoisin – SAC-Hütte Chanrion (5½ Std.; zurück 4 Std.).

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour9 km
Höhenunterschied1150 m
Dauer6.00 h
Schwierigkeit
StartortFerret (1700 m) im Val Ferret; Bergkapelle Notre Dame de Neige am südlichen Ortsende.
AusgangspunktFerret (1700 m) im Val Ferret; Bergkapelle Notre Dame de Neige am südlichen Ortsende.
Endpunktwie Ausgangspunkt
Tourencharakterunschwierige Bergwanderung über Alpgelände und grasige Berghänge.
Beste Jahreszeit
KartentippLandeskarte der Schweiz 1:50 000, Blatt 292 (Courmayeur).
VerkehrsanbindungÖV: von Orsières (Bahn- bzw. Endstation des Grand St.-Bernard-Express) mit dem Bus durch das Schweizer Val Ferret zur Endstation Ferret. Auto: von Martigny/Rhonetal nach Süden in Richtung Grand St.-Bernard, in Orsières vom Val d’Entremont rechts ab ins Val Ferret, nach La Fouly und Ferret. Rückkehr: Bei einem Abstieg zum Grand St.-Bernard ist zu beachten, dass der letzte Bus nach Orsières verhältnismäßig früh am Nachmittag fährt; Erkundigung einholen!
Gastronomieunterwegs keine.
Unterkunft
unterwegs keine.

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