Einsame Hüttenwanderungen im Steinernen Meer

Unterwegs zwischen Wasseralm, Wildalmkirchl und Riemannhaus (Autor: Joachim Burghardt)
41 km
2700 m
10.00 h
Während der westliche Teil des Steinernen Meers mit Wegen und Hütten gut erschlossen ist, zeigt sich der Ostteil der Hochfläche von einer raueren Seite - Nur die einfach bewartete Wasseralm und eine Biwakschachtel stehen hier als Unterkünfte zur Verfügung. Die Landschaft ist noch einsamer und liegt höher: Bis auf über 2400 Meter reicht die Felswüste hinauf, um dann in den Randgipfeln zu kulminieren. Vor allem Bergsteiger, die es stiller mögen und sich gern selbst versorgen, fühlen sich in dieser wilden Hochgebirgsumgebung wohl. Unter Einbeziehung des Riemannhauses ergibt sich die Möglichkeit zu einer Gebirgsdurchquerung von drei bis fünf Tagen.
Der Aufstieg zur Wasseralm beginnt an der Anlegestelle Salet. Ein Spazierweg führt uns zum stillen Obersee, den wir auf seiner Südseite umwandern. Von der Fischunkelalm verfolgen wir den Weg bis in den letzten Winkel des Tals und weiter über den unteren Teil der Röthwand. Bei einer Wegverzweigung auf 940 Meter Höhe geht es nun rechts zum Röthsteig weiter, der die Steilwand auf kühne Art überwindet. Nach den ausgesetzten und mit Drahtseilen gesicherten Passagen folgen schon bald flachere Waldhänge, die heutzutage in tiefer Ruhe liegen, früher jedoch intensiv genutzt wurden. Die verfallene Sonntagalm auf 1320 m beispielsweise ist nur eine von vielen ehemaligen Almen der Umgebung, und auch die Forstwirtschaft spielte mit Holzstürzen über die Seilstattwand in dieser Gegend eine wichtige Rolle. Als 1936 auf Betreiben von Hermann Göring Steinböcke im Gebiet der Röth angesiedelt wurden, baute man sogar eine Materialseilbahn von der Fischunkel bis in die obere Röth, von der noch heute vereinzelte Überreste erhalten sind. Schließlich erreichen wir die idyllisch gelegene Wasseralm (1416 m), die nicht nur als Bergsteigerunterkunft und Enzian-Brennhütte, sondern auch als Versammlungsplatz von Hirschen bekannt ist. Das wehmütige Schreien der Tiere zur Brunftzeit ist legendär!
Auf die Hochfläche.
Der Weg ins Steinerne Meer führt von der Wasseralm westlich über die Wiesen und gleich nach der Diensthütte links hinauf. Steil geht es im Wald aufwärts, am Fuß des Hochecks links vorbei und in eine wilde Karren- und Latschenlandschaft hinein, in der wir ohne Pfad und Markierung hoffnungslos verloren wären. Dann folgt die türkisfarbene Perle des östlichen Steinernen Meeres: die Blaue Lache (oder Lacke), ein kleines, idyllisches Seelein. Über glatte und höchst eindrucksvolle Felsflächen erreichen wir schließlich das Schäferhüttchen, das als Gewitter-Unterstand immer wieder wertvolle Dienste leistet. Nun treten wir in Richtung Hochbrunnsulzen ins Rosental ein, dessen Name nicht wörtlich zu nehmen ist – keine duftenden Blüten, sondern einsame Felslandschaften säumen unseren Weg durch diesen allerletzten Zipfel Bayerns. Links unterhalb befindet sich in einer großen Mulde die Wildalm, eine der tatsächlich wildesten und abgelegensten ehemaligen Almen weit und breit. Früher wurde die Wildalm von Maria Alm im Pinzgau aus bewirtschaftet – welch weiter, beschwerlicher Weg!
Wer die roten Markierungen nicht missen möchte, wandert bis zur Hochbrunnsulzen hinauf und wirft einen Blick auf die jenseitigen Gefilde, um dann gleich wieder südöstlich den Markierungen in Richtung Hochkönig zu folgen. Es lohnt sich aber auch, gleich nach der Hohen Salzstatt nicht westlich zur Hochbrunnsulzen weiterzugehen, sondern südlich oder südwestlich die Hochfläche weglos zu überqueren und auf einen Punkt etwas rechts (westlich) des Mitterhörnls zuzuhalten. Das markante Mitterhörnl selbst wird dann auf markierter Route umrundet, und nach wenigen Metern Abstieg folgt der Schlussaufstieg zur Biwakschachtel (2457 m).
Rund um die Biwakschachtel.
Erlebt man diesen Ort bei schlechtem Wetter oder abends, wird die ganze Strenge des einsamen Hochgebirges spürbar – die nächste bewirtschaftete Hütte und der nächste Talabstieg sind weit entfernt. Die Hochfläche ist hier am höchsten, ödes Grau beherrscht die Szenerie. Eine Übernachtung in der gemütlichen Biwakschachtel muss gut geplant werden, denn es gibt im weiteren Umkreis keine gute Quelle, höchstens Altschnee! Drei Gipfel bieten sich von hier aus an: Das Brandhorn, der dritthöchste Gipfel des Steinernen Meeres, ist über den markierten Hochkönig-Weg zu erreichen. Das Wildalmkirchl mit seiner einzigartigen Form, die »Kirche der Wildalm«, kann nur in Kletterei bestiegen werden, wobei die einfachste Route zum östlichen Eckpunkt des »Kirchdachs« und dann ausgesetzt über den Dachfirst und den Turm führt (II). Nur für absolut schwindelfreie, geübte Bergsteiger! Viel einfacher ist das Schareck, das über Pfadspuren und teilweise weglos zugänglich ist.
Die dritte Etappe der Gebirgsdurchquerung führt uns von der Biwakschachtel zum Riemannhaus. Der Weg ist weit, aber arm an Höhenmetern und damit bestens geeignet, die eindrucksvollen steinernen Weiten so richtig auf sich wirken zu lassen. Je nach Lust und alpiner Erfahrung können wir den Wegverlauf nun variieren: Die einfachste und schnellste Route ist der AV-Weg 401, der uns von der Biwakschachtel zurück zur Hochbrunnsulzen bringt, von dort meist in westlicher Richtung die Hochfläche überquert, am Nordfuß der Schönfeldspitze vorbeiführt und schließlich das Riemannhaus erreicht. Aber auch einzelne anspruchsvolle Abstecher zum Selbhorn (2655 m) und zur Schönfeldspitze (2653 m) oder sogar die komplette Überschreitung vom Schareck über Poneck, Selbhorn, Schönfeldspitze, Wurmkopf und Schöneck ist für geübte, ausdauernde Bergsteiger denkbar.
Der letzte »Weitwandertag« über die Hochfläche beginnt am Riemannhaus, wo unzählige Tourenmöglichkeiten offen stehen. Zu den meistaufgesuchten Zielen rund um das Haus zählen sicherlich das Breithorn (Tour 24), der Eichstätter Weg zum Ingolstädter Haus, einer der Wege zum Kärlinger Haus (Tour 22), die Höhenwanderung über Schöneck und Wurmkopf (Tour 23) und die Schönfeldspitze.
Eine eher selten gewählte und dennoch sehr schöne Alternative besteht darin, noch einmal in den stillen östlichen Teil des Steinernen Meeres zurückzukehren. Diese Unternehmung führt uns vom Riemannhaus zunächst wieder zurück zur Hochbrunnsulzen, was der Tour vor allem im ersten Morgenlicht einen sehr genussreichen und wenig anstrengenden Auftakt beschert. Der Sattel der Hochbrunnsulzen scheidet zwei längere Gratrücken voneinander: den langen Selbhorngrat rechts (südlich), dessen nördlicher Eckpfeiler (2537 m) in einer einzigen mir bekannten Karte »Silbhorn« genannt wird und in allen anderen namenlos bleibt, vom Brunnsulzengrat links.
Der Brunnsulzengrat lässt sich weglos ohne jede Schwierigkeit überschreiten und stellt ein wenig bekanntes, reizvolles Ziel dar. Von Süd nach Nord wandern wir über seine beiden grasbewachsenen Erhebungen, den Hochbrunnsulzenkopf und den Niederbrunnsulzenkopf, der nicht, wie in manchen Karten verzeichnet, mit dem noch weiter nördlichen Grießkogel identisch ist. Die merkwürdigen Brunnsulzen-Namen hängen möglicherweise mit der im Steinernen Meer noch heute üblichen Schafweidehaltung zusammen, denn »Sulzen« sind Salzlecksteine. Es macht Spaß, in den kargen und doch so blumenreichen Bergwiesen unterwegs zu sein, aber spätestens nach dem Abstieg zur Niederbrunnsulzen empfängt uns wieder das nackte Felsgelände. Nun geht es östlich auf dem markierten Pfad in die »Lange Gasse«, und schon wenig später treffen wir wieder auf das Schäferhüttchen und unsere zwei Tage zurückliegende Aufstiegsroute. Der Abstieg zur Wasseralm ist dann wirklich ein Fest für die Augen: Vor allem im heißen Hochsommer wirkt das üppige Grün der Röth nach so vielen öden Felslandschaften wie eine Oase und der klare Bach wie ein Naturwunder! Über den steilen Röthsteig kehren wir schließlich ins Tal zurück.

GEHZEITEN.
Salet – Wasseralm 3–4 Std., Schäferhütte 1:30 Std., Rosental – Hohe Salzstatt – Wildalmkirchl- Biwakschachtel 2–2:30 Std., Hochbrunnsulzen – Riemannhaus 3–3:30 Std., Hochbrunnsulzen – Brunnsulzengrat – Lange Gasse – Schäferhütte 4–5 Std., Wasseralm 1 Std., Salet 3 Std.; pro Gipfelbesteigung zusätzl. 1–3 Std.; insgesamt 3–5 Tage

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour41 km
Höhenunterschied2700 m
Dauer10.00 h
Schwierigkeit
StartortDorf Königssee, 604 m
AusgangspunktAnlegestelle Salet, 604 m
EndpunktWildalmkirchl, 2573 m; Schareck, 2567 m u.a.
TourencharakterHochalpine, teils einsame Bergtour, oft ohne sichtbaren Weg, meist gut markiert. Je nach Route auch weglose Passagen. Besteigung von Brandhorn und Schareck wenig schwierig. Bergerfahrung, Trittsicherheit, gute Kondition und Orientierungsfähigkeit erforderlich, ausreichend Getränke mitführen! Bei der Besteigung des Wildalmkirchls oder der Schönfeldspitze lautet der Schwierigkeitsgrad »schwer«!
Hinweise
BESTE JAHRESZEIT. Ende Juli bis Oktober
KartentippAV-Karte 10/1 »Steinernes Meer« 1 - 25 000
VerkehrsanbindungMit Auto oder Bus zum Königssee, weiter mit dem Schiff bis Salet
GastronomieWasseralm, 1416 m. AV-Selbstversorgerhütte, im Sommer bewartet. Tel. (Sekt. BGD) - 08652/22 07; Wildalmkirchl-Biwakschachtel, 2457 m. ÖTK, ganzj. geöffnet. Keine Heiz- und Kochmöglichkeit, kein Wasser! Riemannhaus, 2177 m. AV-Hütte, bew. Mitte Juni bis Anf. Okt. Tel.: 0043/65 82/733 00, www.riemannhaus.de
Tipps
Das Schareck (Scharegg) taucht in älteren Karten auch als »Scheere« oder »Hochponeck« auf, während das Mitterhörnl auch »Scheereck« hieß. Schareck, Scharegg, Scheere, Scheereck – ein Chaos der Namen als Abbild der monotonen Felswüste? Der höchste Punkt des Grates (P. 2565) zwischen Schareck und Mitterhörnl, durchaus ein eigenständiger Gipfel und vom nur zwei Meter höheren Schareck ganze sechshundert Meter Luftlinie entfernt, ist übrigens namenlos! Mein Vorschlag zur Benennung wäre »Schwarze Schneid« – vielleicht wird dieser Name dem Charakter dieses weltfernen Ortes gerecht …

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