Die »Strada degli Alpini«

Rotwandwiesen – Sentinellascharte – »Alpinisteig« – Zsigmondyhütte – Talschlußhütte – Bad Moos (Liftstation) (Autor: Eugen E. Hüsler)
Kampf um die Sentinellascharte.
Der Kampf wurde hier besonders erbittert und mit viel Materialaufwand geführt – eigentlich unverständlich, wenn man an das weit offene Gelände rund um den Kreuzbergpass denkt, ideal für einen Vorstoß zahlenmäßig überlegener Truppen ins Pustertal. Doch die Alpini-Einheiten verkrallten sich ins Elfermassiv; sie schafften Ende Juli 1915 zwei 6,5-cm-Gebirgsgeschütze auf die Hochbrunnerschneid (3046 m) und besetzten auch eine Scharte bei den Elfertürmen. Bereits imSeptember setzte dann der erste Schneefall ein, was zu einem Abflauen der Kampfhandlungen führte. Das italienische Kommando gedachte allerdings den Winter (!) zu nutzen, um sich günstige Stellungen für eine Eroberung der Sentinellascharte (2717 m) zu verschaffen. Unter der Führung von Italo Lunelli, einem Trentiner, der sich den Alpini angeschlossen hatte, legten sie unter extrem schwierigen Bedingungen (Kälte, Schnee, Lawinengefahr) eine begehbare Route vom Zsigmondykopf über den Elfer (3092 m) bis an dessen Nordabbrüche vor. Am Palmsonntag, dem 16. April 1916, startete der Angriff auf die zahlenmäßig weit unterlegene österreichische Besatzung, wobei Alpini vom Elfer her durch eine steile Firnrinne, auf ihre Eispickel gestützt, heransausten und Lunelli mit zwei Zügen aus dem obersten Val Popera angriff. Die Sentinellascharte fiel, drei Verteidiger konnten sich durch eine halsbrecherische »Abfahrt« in Richtung Anderteralm im letzten Moment retten.
Die Scharte blieb bis 1917 in italienischer Hand, was aber keinen entscheidenden Vorteil im Kampf um die Rotwand brachte. Die Österreicher forcierten nun den Ausbau der Gipfelbefestigung (siehe Tour 5) und hielten den Berg bis zum Kriegsende.
Ein historischer Klettersteig.
Die »Strada degli Alpini« ist natürlich keine Straße, in der Nordflanke des Elfers mitunter nicht einmal ein Weg, doch sie nutzt geschickt die topographischen Gegebenheiten und läuft über die für den Hauptdolomit typischen Horizontalbänder. Das hat den »Alpinisteig« berühmt gemacht, und ein Bild – die Querung einer tief-düsteren Rinne am Ausgang des Äußeren Lochs – gehört schon längst zu den Top-Fotomotiven aus den Dolomiten.
Günstiger, da hoch gelegener Ausgangspunkt für eine Begehung sind die Rotwandwiesen, von Sexten-Moos aus am dicken Drahtseil bequem erreichbar. Der Zustieg zur hochalpinen Promenade beschert zusätzliches Klettersteig-Feeling, wenn man den oberen Weg – jenen über die Rotwandköpfe und den Rotwand-Klettersteig – nimmt. Sind die Verhältnisse im Nordabbruch des Elfers ungünstig (Schnee, Eis, beschädigte Sicherungen), besteht immer noch die Möglichkeit, über den unteren Weg zur Elferscharte anzusteigen und wenig oberhalb in den »Alpinisteig« einzufädeln. Die Tour wird dadurch etwas kürzer, aber kaum weniger reizvoll.
Der Zustieg.
Von der Liftstation (1914 m) führt ein breiter Weg mit leichtem Höhenverlust zur Wegkreuzung oberhalb der Rotwandwiesen. Hier hält man sich rechts und folgt dem Pfad, der gegen die nördlichen Ausläufer der Rotwandköpfe ansteigt und dann auf deren Westflanke wechselt. Mit schöner Aussicht zur Dreischusterspitze (3145 m) und zum Einser erreicht man eine nächste Verzweigung - Geradeaus geht’s zur Elferscharte (siehe Variante), links weiter am Grat entlang, durch Latschen und über kleine Felsstufen, zuletzt kurz in eine Mulde absteigend.
Der Rotwand-Klettersteig.
Hier quert man hinüber zum Einstieg des »Rotwand-Klettersteigs« (siehe Tour 5). Gut 100 Leiternsprossen helfen hinauf in das Kar unter dem Wurzbachgipfel. Eine Spur führt zwischen Bergsturztrümmern weiter bergan; Drahtseile leiten durch eine Rinne auf einen Schrofenhang und über ihn in eine namenlose Scharte. Umfangreiche Trümmerreste zur Linken erinnern an die ehemalige Wurzbachstellung, eine Barackenstadt, benannt nach dem unbedeutenden Gratrücken knapp darüber (Wurzbach, 2675 m). Wenig höher befand sich der Endpunkt einer Seilbahn, die den gipfelnahen Stützpunkt via Kreuzwiesen mit dem Sextener Ortsteil Bad Moos (1353 m) verband; in der Senke stand ein Gebirgsgeschütz. Per Handaufzug wurden Munition und Verpflegung weiter zur Feldwache an der Rotwand transportiert.
Zum Alpinisteig.
Auf der Scharte wechselt der Klettersteig auf die Westseite, steuert nach kurzem Zwischenabstieg (Sicherungen) eine Felsschulter an (2698 m), wo man erstmals freie Sicht auf das Elfermassiv (3092 m) und den »Alpinisteig« hat. Nicht zu übersehen ist auch die unmarkierte Spur, die durch ein weites Schuttkar zum Felsfuß des Rotwandmassivs herabzieht. Man quert das Geröll- und Eiscouloir unterhalb der Sentinellascharte (2717 m) zu den Drahtseilen, die über dessen rechte Begrenzungsrippe steil nach oben laufen. Eine diagonale, recht luftige Linksquerung verlangt kräftigen Armzug; nach oben hin nimmt die Steilheit dann allmählich ab, bis die Route schließlich in die »Strada degli Alpini« mündet, die von der nahen Sentinellascharte herabkommt (3.15 Std.).
Zustieg über die Elferscharte.
Der Weg zur Elferscharte läuft von der Verzweigung unter den Rotwandköpfen leicht abwärts und quert am Felsfuß in das Anderterkar. Eine gute Spur führt im Geröll bergan gegen die Schuttreiße, die von der Elferscharte (2580 m) herabzieht. An ihrem linken Rand arbeitet man sich mühsam empor, bis die Steinmännchen nach rechts in gestuftes Felsgelände weisen. Erst knapp unterhalb der schmalen Scharte betritt man nochmals kurz das sehr bewegliche Gelände.
An der Elferscharte entdeckt man die Überreste einer österreichischen Stellung. Drahtseile helfen über eine Felsstufe ins Schrofengelände; gut 50 Höhenmeter weiter oben stößt man auf den »Alpinisteig«. Etwas unterhalb ein betonierter Feldposten; höher in den Felsen einige ausgeräumte Kavernen und Stollen.
Der Alpinisteig.
Der Weg quert – die topographischen Gegebenheiten nutzend – auf teilweise schmalen Bändern (Drahtseile) die verschattete, düstere Nordflanke des Elfers und läuft schließlich hinaus auf die Schrofenschulter oberhalb der Elferscharte, wo der alternative Zustieg mündet (siehe oben). Hier wendet sich der »Alpinisteig« nach Süden. Er führt, allmählich etwas an Höhe verlierend, über die riesige Geröllterrasse, steigt unter dem Elferturm (2820 m) etwas ab (rechts unterhalb Reste italienischer Bauten) und biegt dann ein in die kolossale Felsarena des Äußeren Lochs: senkrechte Felsen im Halbrund, die fast den Himmel zu berühren scheinen. Auf bequemen Bändern wandert man mitten hinein in das danteske Szenario, quert den Schluchtgrund und spaziert wieder hinaus ins Licht. Vorher ist allerdings noch das obligate Foto-Shooting mit dem berühmtesten Schattenriss der Dolomiten als Motiv fällig. Sehr luftig geht’s dann über das »Salvezza-Band« weiter in die riesige Geröllwüste des Inneren Lochs. Man quert sie an dessen Mündung ansteigend zu dem Felsrücken, den der Hochleist (2413 m) nach Süden entsendet. Dahinter liegt der im Spätsommer meist ausgetrocknete Eissee (2328 m), links wenig höher die Forcella Giralba (2431 m), von der eine breit ausgetretene Geröllspur herabkommt. Sie führt unter der beeindruckenden Nordwand des Zwölfers (3094 m) abwärts, zuletzt mit einer kleinen Gegensteigung zu der bereits lange sichtbaren Zsigmondyhütte (2224 m; 5.30 Std.).
Der Abstieg.
Auf dem viel begangenen Hüttenweg wandert man durch das Bacherntal hinab und hinaus zur Talschlußhütte (1528 m), beobachtet dabei die Verwandlung des Hochleist von einem unansehnlichen Karstrücken in eine freistehende, schlanke Felspyramide. Alles eine Frage der Perspektive. Wer gut aufpasst, entdeckt links über dem Weg in den Sockelfelsen des Einsers ein ein-sames Stollenloch, wohl ein ehemaliger österreichischer Beobachtungsposten (Zustieg im Rücken einer Felsschuppe, drinnen ist es feucht). Über den Fischleinboden geht’s flach hinaus zum riesigen Parkplatz beim Hotel Dolomitenhof (1454 m), auf einem Sandsträßchen dann abseits des motorisierten Verkehrs zurück zur Talstation der Rotwandwiesen-Gondelbahn, wo sich die Runde schließt (7.45 Std.).

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour30 km
Höhenunterschied950 m
Dauer7.00 h
Schwierigkeit
StartortSexten (1316 m), bekannter Ferienort am Fuß der Sextener Dolomiten
AusgangspunktRotwandwiesen, Bergstation des von Sexten-Moos ausgehenden Gondellifts (1914 m). Anfahrt von Innichen via Sexten (1316 m). Die Anlage ist von Ende Mai bis Anfang Oktober von 8.30–17.30 Uhr in Betrieb, Ende Juli bis Ende August bis 18 Uhr.
EndpunktWie Ausgangspunkt
TourencharakterManchmal führt sogar der Krieg Menschen zusammen – selten natürlich und in diesem Fall mit großer zeitlicher Verzögerung. Denn ans gemeinsame Erbe – die Berge – dachte kaum jemand, als 1915 der Gebirgskrieg begann, die Sextener Dolomiten plötzlich zum hochalpinen Frontgebiet wurden. Die Italiener bemächtigten sich früh der strategisch wichtigsten Höhen; einheimische Standschützen saßen auf der Rotwand und hielten die Sentinella- und die Elferscharte. Bereits vor Kriegsausbruch hatten Landesschützen hier eine Trasse angelegt, die den natürlichen Fels- und Geröllbändern folgte. Sie wurde später von den Alpini zu einem Höhenweg ausgebaut, der längst zum Klassiker geworden ist - der »Strada degli Alpini«.
Hinweise
Zitat. Wir Jäger lassen schallen ein froh gewaltig Lied, hurra! Und gelten soll es allen, zerstreut in Nord und Süd, hurra! Im Osten und im Westen, wo unsere Fahne weht. Wir zählen zu den Besten, so lang die Treu’ besteht. Und sieht man uns, so sagt man, und alles läuft und rennt: Das sind die Kaiserjäger vom ersten Regiment. Wenn vor dem Feind wir stehen mit mutgeschwellter Brust, hurra! Muss alles in Scherben gehen bei unserer Kampfeslust, hurra! Bei uns gibt’s keine Weichen; wir stehen Mann für Mann stark wie die deutschen Eichen, die niemand brechen kann. Und sinkt auch mancher nieder, im Herz die Kugel brennt, wir sind die Kaiserjäger vom ersten Regiment. Erste und dritte Strophe des »Kaiserjägerliedes« von M. Depold und K. Mühlberger Und die schreckliche Wirklichkeit nach drei Kriegsjahren?
KartentippTabacco 1 - 25 000, Blatt 010 »Sextener Dolomiten«
VerkehrsanbindungSexten erreicht man von Innichen über eine gut ausgebaute Straße. Linienbus ab Bahnhof Innichen (Linie Franzensfeste–Lienz)
GastronomieZsigmondyhütte (2224 m), Mitte Juni bis Anfang Oktober; Tel. 0474/71 03 58. Talschlusshütte (1528 m), Ende Mai bis Mitte Oktober; Tel. 0474/71 06 06
Tipps
Haubitzen, Mörser & Co. In dem Maß, wie sich der Kampf in den Alpen zu einem Stellungskrieg entwickelte, gewann die Artillerie an Bedeutung. Aufgrund ihrer Durchschlagskraft war sie in der Lage, auch befestigte feindliche Stellungen sturmreif zu schießen. Besonders gefürchtet waren Mörser, die als Steilfeuergeschütze auch in scheinbar geschützten Positionen »hinter dem Berg« verheerende Wirkungen erzielten. Größter Rüstungskonzern der Monarchie waren die tschechischen Škoda-Werke. Sie belieferten das Heer im Ersten Weltkrieg mit über 12 000 Geschützen verschiedenster Kaliber, unter anderem mit einem Mörser vom Kaliber 30,5 cm. Das schwere Geschütz musste für den Transport zerlegt werden; rund 40 Mann waren einen Tag lang beschäftigt, bis es feuerbereit war. Geschütze kamen auch in extremen Gebirgsstellungen zum Einsatz. So brachte das Deutsche Alpenkorps an der Rotwand eine Kanone in Stellung, und die Italiener hieften sogar zwei Gebirgsgeschütze auf die Hochbrunnerschneid (3046 m). Dabei mussten sie mit Seilzügen über eine Felswand gehoben werden.
Informationen
Gehzeit - Gesamt 7.45 Std. Zustieg 3.15 Std., »Alpinisteig« 2.15 Std., Abstieg 2.15 Std. Wählt man die kürzere Variante über die Elferscharte, ergibt sich eine Gesamtgehzeit von etwa 6.30 Std.
Tourismusbüro
Tourismusverein, I-39030 Sexten, Dolomitenstraße 45; Tel. +39/0474/71 03 10, Fax 71 03 18, info@sexten.it, www.sexten.it

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