Der Stockalperweg

Alter, in Teilen rekonstruierter Passweg aus der Zeit Stockalpers, mit vielen historischen Reminiszenzen. Faszinierend der Kontrast zwischen den Gräben, durch die der Weg ansteigt, und der weit offenen Passregion am Simplon. Wer’s lieber gemütlicher mag, geht den Weg in umgekehrter Richtung: bergab. (Autor: Eugen E. Hüsler)
12 km
1580 m
5.00 h
Der große Stockalper Bereits im ausgehenden Mittelalter herrschte ein reger Säumerverkehr, doch erst der geniale Kaspar Jodok Stockalper (1609–1691) erkannte die wirtschaftliche und strategische Bedeutung der Route. Dabei kam ihm zugute, dass durch den Dreißigjährigen Krieg in weiten Teilen Europas Anarchie herrschte, so manche Handelsstraßen deswegen nicht zu nutzen waren. Stockalper ließ den Passweg ausbauen, richtete Hospize und Herbergen ein, wie die Taferna und den Alten Spittel südlich unter der Passhöhe – und kassierte dafür tüchtig. In seinem Palast, der das Städtchen Brig buchstäblich in den Schatten stellt, herrschte unschweizerischer Luxus; der »König des Simplons« umgab sich mit einem ganzen Hofstaat von dienstbaren Geistern. Die Großen der Welt überhäuften den gewandten Diplomaten, der fünf Sprachen beherrschte, mit Ehrungen; der Papst verlieh ihm Kette und Schwert der Goldenen Miliz, der Kaiser ernannte ihn zum Ritter des Heiligen Römischen Reichs. Stockalper mehrte zielstrebig Macht und Vermögen; bereits 1647 hatte er das Salzmonopol inne, er vermittelte Söldner nach Frankreich und war auch im Bergbau aktiv. So führte er die Goldminen von Gondo zu einer ersten Blüte, plante sogar einen schiffbaren Kanal im untersten Rhonetal, der den Warentransport zum Genfer See erleichtert hätte. Das Vorhaben wurde aber nach achtjähriger Bauzeit aufgegeben. Stockalper machte politisch rasch Karriere, er wurde 1670 Walliser Landeshauptmann. Eine Intrige des (bei ihm) schwer verschuldeten Landadels brachte ihn schließlich zu Fall: »Le roi du Simplon«, wie er am französischen Hof genannt wurde, wurde unter recht fadenscheinigen Vorwänden angeklagt und musste 1679 über den Pass nach Domodossola fliehen. Sechs Jahre später kehrte er für seine letzten Lebensjahre nach Brig zurück, geachtet, aber weitgehend machtlos. Napoleon und die Straßenbauer der Moderne Eine weitere kurze Blütezeit erlebte der Simplon, nachdem ihn Napoleon zu Beginn des 19. Jahrhunderts aus strategischen Erwägungen zur modernen Fahrstraße hatte ausbauen lassen, der ersten in den Alpen. Nun rollten die Postkutschen über den Pass, bis dann die Eisenbahn ihren Siegeszug antrat. Nach der Eröffnung der großen Transitlinien am Gotthard (1882) und am Simplon (1906) verfiel die Strecke wieder in einen Dornröschenschlaf, aus dem sie erst die Straßenplaner der Moderne erweckten. Heute führt eine winterfeste, großzügig (zu großzügig, sagen mache) angelegte Route mit vielen Kunstbauten über den Pass und durch die Gondoschlucht nach Domodossola. Ihr markantestes Bauwerk ist die 678 Meter lange Ganterbrücke. In den Neunzigerjahren wurde der historische Weg Stockalpers restauriert und Teil des »Ecomuseums Simplon«, das seinen Sitz in Simplon Dorf hat. So führt die Wanderung nicht nur in alpine Regionen, sondern auch zurück in die Geschichte. Hoch über der Saltinaschlucht Logischer Ausgangspunkt für die Passwanderung auf dem historischen »Stockalperweg« ist der Briger Bahnhof (678 m), wo die Züge nach Domodossola (durch den Berg) und die gelben Postbusse (über den Berg) abgehen. Durch die Bahnhofstraße geht’s sanft bergan zum Sebastianplatz, der optisch von der Fassade des Perrighauses dominiert wird. Der Weiterweg führt – vorbei an der modernen Pfarrkirche (1970) zum »in Stein gemeißelten« Sinnbild für den wirtschaftlichen Erfolg Stockalpers, dem Stockalperpalast (siehe Kasten), mit seinen drei Zwiebeltürmen unübersehbares Wahrzeichen von Brig (678 m). Wegzeiger leiten weiter bergan, zuerst mit der alten Passstraße, dann kurz links (Riedbachstraße) und wieder rechts. Oberhalb der Schnellstraße liegen die Weiler Lingwurm und Brei (875 m; 0.45 Std.). Der »Stockalperweg« kürzt eine Straßenschleife ab und steigt dann in lichtem Föhrenwald steil an. Mehrere Jahreszahlen und einige gepflasterte Passagen weisen zurück in die Zeit Stockalpers. Hoch über der wilden Saltinaschlucht quert der Weg zur napoleonischen Trasse. Man folgt ihr bis kurz vor Schallberg (1316 m; 2 Std.), verlässt sie dann nach rechts und steigt, abschnittweise auf einer Waldpiste, ab zur Auenlandschaft um Grund (1071 m), das am Zusammenfluss dreier Bäche liegt und durch das verheerende Hochwasser von 1993 stark in Mitleidenschaft gezogen wurde. Zum Simplonpass Der aufwendig rekonstruierte Saumweg führt im waldigen Tafernatal über mehrere Brücken bergan. Taferna (1597 m), um das sich allerlei Legenden ranken, war – der Name legt es nahe – zu Stockalpers Zeiten eine Gaststätte (= Taverne). Hinter der Alp Egga (1690 m) verläuft der hier gut erhaltene Weg in Kehren durch schöne Lärchenbestände hinauf in die weitläufige Passregion des Simplon (2006 m; 5.15 Std.). Ein bombastischer Adler erinnert an die Grenzbesetzung durch Schweizer Truppen während des Zweiten Weltkrieges. Etwas abseits steht das Napoleon-Hospiz, von Napoleon als Truppenunterkunft geplant und erst 1831 vollendet; es ist heute im Besitz der Augustiner vom Großen St. Bernhard. Aussichten Die vom Gletschereis geprägte, weite Buckellandschaft bietet Aussicht sowohl nach Norden als auch nach Süden. Zur Mittagszeit steht die Sonne genau über dem höchsten Gipfel hier, dem Fletschhorn (3982 m). Im Osten ragt der Monte Leone (3553 m) auf, Kulminationspunkt der Lepontischen Alpen und stark vergletschert. Nach Norden reicht der Blick über den mächtigen Graben des Rhonetals hinweg bis zu den Berner Alpen (Aletschhorn, 4193 m; Grünhorn, 4043 m).

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour12 km
Höhenunterschied1580 m
Dauer5.00 h
Schwierigkeit
StartortBrig (678 m)
AusgangspunktBahnhof Brig
EndpunktBahnhof Brig
TourencharakterPasswege sind alpine Lebensadern, sie spiegeln wirtschaftliche und politische Entwicklungen über Jahrhunderte hinweg wider. Das gilt für den Simplon in ganz besonderem Maß, war er doch seit jeher ein Tor zum Süden, also Transitweg.
KartentippSwisstopo 1:50 000, Blatt 274 T
MarkierungenWeiß-rot-weiße Markierungen, gelbe und braune Wegzeiger
VerkehrsanbindungAusgangs- und Endpunkt liegen an der Simplonpassstraße: der Eisenbahnknotenpunkt Brig und die Scheitelhöhe des Simplon. Postbuslinie über den Pass
GastronomieRestaurant Schallberg an der Simplonstraße. Weitere Einkehrmöglichkeiten in Brig, Ried und am Simplonpass
Tipps
Stockalpers Palast Er gilt als bedeutendster Schweizer Schlossbau der Barockzeit. Die mächtige Anlage wurde in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts erbaut; mit ihren drei Türmen umschließt sie einen schönen, mehrstöckigen Arkadenhof. Eine geschlossene Brücke verbindet sie mit dem benachbarten, wesentlich kleineren Alten Stockalperhaus, das im Kern 1533 errichtet, später erweitert wurde. Stockalpers Devise »Nihil solidum nisi solum« (Nichts ist sicher außer dem Boden) ist im Balustradegitter der Freitreppe verewigt. Im lang gestreckten Rittersaal hängen Porträts der Familie Stockalpers sowie von Walliser und ausländischen Würdenträgern. Heute beherbergt der Stockalperpalast ein Museum mit bedeutender kulturgeschichtlicher Sammlung sowie einer Ausstellung zum Simplonpass und einer Kunstsammlung. Geöffnet Mai bis Oktober Dienstag bis Sonntag 9.30–15.30 Uhr, Juni bis September 9.30–16.30 Uhr (Führungen). Bergseitig neben dem Schloss steht die Jesuitenkirche, 1675–85 nach Plänen des Augsburgers Matthäus Koller erbaut, nach dem Brand von 1787 in klassizistischem Stil renoviert.
Informationen
Tourist-Info Brig Belalp Tourismus, CH-3900 Brig, Tel. 027/921 60 30, E-Mail: info@brig-belalp.ch, www.brig-belalp.ch