Auf das Nadelhorn, 4327 m

Höchste Erhebung im Nadelgrat (Autor: Rose Marie und Gerhard Bleyer)
Oft werden in einem Atemzug die Namen Täschhorn, Dom und Lenz-spitze genannt. Der Dom ist der höchste Gipfel der Mischabelgruppe und zugleich höchster Gipfel auf rein schweizerischem Boden, und die Lenzspitze ist berühmt durch die Steilheit ihrer Nordnordost-Eiswand. Nadelhorn und Lenzspitze verbindet ein Teil des Nadelgrates miteinander. Seine Überschreitung gilt als eine der großartigsten Bergfahrten. Dieser Gang über die Gipfel von fünf Viertausendern ist einzigartig und fasziniert jeden Hochalpinisten.
Auf der Normalroute das Nadelhorn zu machen, ist zwar weniger an-spruchsvoll, jedoch absolut lohnend. Unsere Wiener Freunde sind mit von der Partie. Auf der Hüttenterrasse in der Sonne sitzend, lässt es sich gut faulenzen. In kurzen Abständen kommen von Saas-Fee Bergsteiger herauf. Sie schwitzen und schnaufen. Vor wenigen Stunden schleppten wir uns ebenso die letzten Meter hoch.
Plastisch heben sich im Osten Weissmies, Portjengrat und Stellihorn gegen den Himmel ab. Auf dieses Wetter warten wir nun schon seit acht Tagen. Bizarr wirken Allalinhorn und Alphubel im Gegenlicht. Als die Sonne hinter dem Dom versinkt, ziehen Schneefahnen um den Gipfel. Im Gastraum ist es voll und laut. Bei gutem Wetter herrscht hier Hochbetrieb und es kann (zwar selten) auch vorkommen, wie wir es einmal erlebten, dass die Hütte dem Ansturm der Alpinisten kaum gewachsen ist. Da reicht der Platz zum Essen nicht für alle Bergsteiger gleichzeitig, also muss in Etappen gespeist werden. Kurz nach 22 Uhr ist Ruhe. Um 4 Uhr setzt das große Wecken ein – wieder Unruhe und Poltern. Als wir den Gastraum betreten, sind schon alle Plätze besetzt. Eine große Spannung liegt in der Luft. Einige Bergsteiger treiben ihre Kameraden zur Eile an. Wir lassen uns Zeit, schließlich können nicht alle gleichzeitig aufbrechen, geschweige denn auf dem Gipfel stehen.
Ungeduldige essen im Stehen. Einige streichen ihr Brot auf dem Deckel einer Mülltonne, Stirnlampe und Wollmütze auf dem Kopf – grotesk. Eine Bergsteigerin sucht ihren rechten Stiefel, während ihre Kameraden bereits fertig in der Tür stehen. Es ist ein heilloses Durcheinander. Die ersten (schnellsten) Nadelhorn-Aspiranten verlassen die Hütte, bald folgen die nächsten (unruhigen). Tische und Bänke gleichen jetzt einem Schlachtfeld. Plötzlich geht dann alles ganz ruhig zu, fast wie beim Frühstück in der Pension.
Der Wegverlauf.
Aufstieg zum Windjoch: Als wir von der Mischabelhütte aufbrechen, ist es noch dunkel draußen. Einige Sterne stehen am Himmel. Die bereits angelegten Stirnlampen werden eingeschaltet. Hinter dem Hüttenkomplex führt eine schwach erkennbare Spur direkt über die Felsrippe empor. Ab und zu blinkt das Licht einer Lampe zwischen den Felsen hindurch. Nach einer knappen Stunde sind wir am Anseilplatz. Ein klarer Morgen verdrängt die Schatten der Nacht. Unsere Seilschaft, nicht nur durch das Seil verbunden, zieht ihre Spur über den Hohbalmgletscher. Breite Spalten sind über Schneebrücken zu queren, sie sind in der Nacht hart gefroren – werden sie uns am Mittag oder Nachmittag, durch den Einfluss der Sonne weich geworden, auch noch tragen?
Gerade als wir durch eine Mulde des Gletschers Richtung Windjoch aufsteigen, klettert die Sonne im Osten über die Bergkette und wirft einen zartrosa Farbschleier auf die vergletscherte Landschaft. Für die Kletterer in der Eiswand ist jetzt Eile geboten. Bald beginnt sie zu leben, wenn sich mit zunehmender Sonneneinstrahlung Eisbrocken und Steine lösen und herabstürzen. Wir folgen weiter der Spur über den Steilhang gegen das Ulrichshorn zu und stehen nach einer Linkswende bald auf dem Windjoch (3850 m).
Vom Windjoch über den Nordostgrat zum Gipfel: Steil fällt der Ried-gletscher nordwärts ins Mattertal ab. Ein scharfer Wind streicht über das Joch, während wir dem nach Südwesten verlaufenden Gipfelaufbau des Nadelhorns zustreben. Zunächst in mäßiger Steigung über den anfangs breiten, schneebedeckten Grat. Bald wird er schmäler, die Felsen sind von Schnee und Eis durchsetzt. Hier setzt das Gehen mit Eisen absolutes Vertrautsein damit voraus, zumal das Gestein häufig locker und brüchig ist. Griffe und Tritte sind zu prüfen. Einige Gruppen kehren um. Je mehr wir an Höhe gewinnen, desto pittoresker wirkt der Berg, an dessen Normalroute sich Dutzende von Menschen im Auf- und Abstieg bewegen.
Einige Alpinisten provozieren im Abstieg ihre Seilgefährten, sich rücksichtslos den Weg frei zu bahnen: »Wird’s denn bald? Oder wollt ihr hier übernachten?« Hemmungslos drängen sie sich an den Heraufsteigenden, die zum Warten gezwungen sind, vorbei – einerlei, wie exponiert deren Standplatz gerade ist. Das Recht der Rücksichtslosen – da sind Bergkameradschaft und Fairness nur schwer zu finden. So etwas haben wir noch nirgends erlebt. Jetzt wird uns klar, warum sich die Gruppen am Morgen auf der Hütte so antrieben, die Ersten zu sein, denn am Nadelhorn haben die absteigenden Seilschaften Vorfahrt. Wo bleibt bei dieser Hektik für den Einzelnen das Genießen und Erleben? Wir lassen uns von dem Verhalten solcher unkameradschaftlichen Seilschaften nicht anstecken. Umso ruhiger wird es nachher auf dem Gipfel sein. Endlich haben uns die Eiligen, die armen Getriebenen, passiert. Der Grat wird ungefährlicher als zuvor, weil niemand den anderen aus der Spur drängt. Das luftige Steigen am Seil in leichtem Fels vor (oder hinter) guten Kameraden macht jetzt richtig Spaß. Dann ist der höchste Punkt des Nadelhorns, auf dem ein Signal steht (4327 m), erreicht. Uns vieren gehört der Gipfel jetzt ganz allein. Wir genießen das herrliche Panorama bei einer Brotzeit und heißem Tee, die Hektik des Aufstieges bald vergessend. Intensiv glitzert der Hohbärggletscher in der Sonne. Darüber baut sich der doppelgipfelige Dom auf. Den Anblick der zahlreichen imposanten Gipfel möchte man nie vergessen – ohne die vielen Menschen wird man still hier oben.
Abstieg über das Windjoch zur Mischabelhütte: Nach langer Gipfelrast klettern wir wieder ab, jetzt ohne lange Zwangspausen, denn die wilden Gruppen sind längst auf der Mischabelhütte oder beim Abstieg ins Tal. Völlig unerwartet beginnt es sich einzutrüben. Nebelfetzen steigen auf, ballen sich zu Wolkenbündeln zusammen. Schon ist vom Nadelhorn nichts mehr zu sehen. Geplant hatten wir, vom Windjoch noch auf das Ulrichshorn zu steigen, doch bei dem aufkommenden Wetter verzichten wir darauf und eilen den Gletscher hinab. Die Spalten sind jetzt teilweise so breit, dass wir gut gesichert mit großem Sprung hinübersetzen müssen. Das Springen mit Eisen erfordert besondere Vorsicht. Am Anseilplatz werden Eisen und Seilzeug abgelegt. Über die Felsrippe hinab erreichen wir den Hüttenkomplex.
Rückkehr nach Saas-Fee: Es beginnt zu regnen. Wir wollen keine zweite Nacht bleiben. Hoffentlich verschlechtert sich das Wetter nicht zu sehr. Die Felsen sind durch die Nässe rutschig, das erfordert achtsames Absteigen. Stellenweise gleiten wir mehr abwärts als dass sicherer Tritt gefasst werden kann. Die wenigen Steigspuren sind kaum zu erkennen. Jedoch verleiht die Kabelversicherung ein gewisses Maß an Sicherheit. Schließlich ist bei Punkt 2800 der Weg erreicht und es geht in unzähligen Kehren talwärts. Die Knie sind weich nach 1000 Höhenmetern Aufstieg zum Gipfel und 2500 Höhenmetern Abstieg bis ins Tal. Der Rucksack drückt. Regen läuft über das Gesicht. Mit großen Schritten eilen wir durch Saas-Fee. Das Nadelhorn ist weit weg …

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour13 km
Höhenunterschied2550 m
Dauer10.00 h
Schwierigkeit
StartortSaas-Fee (1792 m) im Saastal, oder Bergstation Hannig (2350 m).
AusgangspunktSaas-Fee (1792 m) im Saastal, oder Bergstation Hannig (2350 m).
EndpunktWie Ausgangspunkt.
TourencharakterHüttenanstieg siehe Tour 17. Ab Mischabelhütte Gletscher- und Felstour. Unbedingt Berg- und Gletschererfahrung erforderlich (sonst nur mit Bergführer). 2-Tages-Tour.
Beste Jahreszeit
KartentippSAW-Wanderkarte 1:50 000, Blatt 284 T (Mischabel; mit eingezeichneten Routen).
Verkehrsanbindungsiehe Tour 10. Vom Parkplatz in den Ort und dem Hinweis Mischabelhütte folgen, oder Richtung Wildi in gut 10 Min. zur Talstation der Seilbahn und Bergfahrt zum Hannig.
Gastronomiesiehe Tour 17.
Tipps
Abenteuerwald Im Abenteuerwald Saas-Fee kann man auf verschieden schwierigen Parcours die Natur auf eine ganz besondere, nervenkitzelnde Weise erleben. Sie hangeln sich von Baum zu Baum, wobei Hindernisse unterschiedlicher Art zu überwinden sind: Hängebrücken, Tyrolienne, Lianen usw. Einführungsparcours: Er beinhaltet 9 Hindernisse - die Teilnahme ist für jeden Besucher obligatorisch zwecks Kennenlernens der Sicherheitsregeln u. a.m. (15 Min.). Entdeckungsparcours: Kinder (ab 1,10 m Körpergröße) haben die Möglichkeit, zusammen mit erwachsenen Begleitpersonen Hindernisse zu bewältigen (1 Std.). Großer Parcours: Erwachsene und Kinder (ab 1,40 m Körpergröße) können an 3 verschiedenen Schwierigkeitsgraden ihre Fähigkeiten erproben (2 Std.). Herzstück des Abenteuerwaldes: Hier geht es nun echt zur Sache und Mut ist gefragt. Die 2 über die gähnende Feeschlucht leitenden Tyroliennes sind die längsten in Europa. Die längere misst 280 Meter über Schwindel erregender Höhe, die kürzere (für den Rückweg) immerhin auch noch 210 Meter. Information und Anmeldung im Tourismusbüro Saas-Fee.
Unterkunft
siehe Tour 17.
Tourismusbüro
Saas-Fee, siehe Tour 15.

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