Davos – Chiavenna

Mittelschwer; 12% Höchststeigung an längeren Abschnitten bei der Auffahrt zum Albulapass (Autor: Rudolf Geser)
142 km
2009 m
7.00 h
Heute werden wir die Schweiz schon wieder verlassen, Richtung Italien, und die beiden Pässe, die sich uns dabei in den Weg stellen, der Albula und der Maloja, sind keine ernst zu nehmenden Hindernisse. Der Maloja schon gar nicht, der eines fehlenden Anstiegs auf unserer Anfahrtsseite wegen erst als Pass wahrgenommen wird, wenn er plötzlich abbricht und man gut 32 km lang und fast 1500 Höhenmeter tief durch das Bergell nach Chiavenna abfährt.Auf unserer Tour durchqueren wir den flächenmäßig größten Schweizer Kanton Graubünden, und wer von dessen Namen etwa auf die hier vorherrschenden Wetterverhältnisse schließt, liegt zum Glück falsch. Graubünden wirbt für sich sogar als richtiges Sonnenland, dessen Hochtäler vor rauen Winden geschützt und deshalb mild, trocken und staubfrei sind. Die intensive Sonnenbestrahlung in Verbindung mit der Hochlage mancher Orte sorgt für eine trockene, reine Luft, die von den Fremdenverkehrsverbänden als sogenanntes »Champagnerklima« gerühmt wird und neben einer Steigerung der Sauerstoffaufnahme des Körpers zu einer Anregung des Kreislaufs führen soll. Keine schlechten Voraussetzungen also für uns, die wir solche leistungsfördernden Umstände gerne in Kauf nehmen.Kurz noch einmal zurück zur Namensgebung des Kantons, die auf das 14. Jahrhundert zurückgeht. In den damals sehr unruhigen Zeiten war er immer wieder von Angriffen seiner Nachbarn Österreich und Italien bedroht. Also schlossen sich die verschiedenen Talschaften zu so genannten Bünden zusammen, weshalb dieses Tal auch heute noch Bündnerland genannt wird. Es gab den »Gottesbund«, den »Zehnergerichtebund« und den »Grauen Bund« und Letzterer prägte sich offenbar am meisten ein, sodass er dem Kanton später seinen Namen gab.Die Hauptstadt Graubündens ist Chur, aber unser Ausgangspunkt Davos hat im Allgemeinen einen höheren Bekanntheitsgrad. Diesen verdankt er vor allem den schier unerschöpflichen Wintersportmöglichkeiten seiner Umgebung mit fünf großen Skigebieten mit fast 40 Bergbahnen und über 300 km Piste. Der Ort selbst ist mit seinen modernen Betonbauten nicht unbedingt als attraktiv zu bezeichnen. Von der alten Bausubstanz mit den Walserhäusern – Holzhäuser, die im so genannten Strickbau, also mit an den Ecken miteinander verzahnten Holzbalken errichtet wurden – blieb kaum etwas übrig.Einige Bauwerke sind dennoch sehr interessant, wie etwa die Kirche St. Johann in Davos–Platz mit ihrem merkwürdig geformten spitzen Turmhelm oder das Bergkirchlein in Davos–Frauenkirch aus dem 15. Jahrhundert, dessen bergseitige Wand als Lawinenbrecher konstruiert wurde. An ihm kommen wir vorbei, wenn wir den Ort Richtung Albulapass verlassen und in das Landwassertal einbiegen. Hoffen wir dabei, dass wir nicht einen der durchschnittliche 80 Regentage pro Jahr in dieser Region erwischen. Es rollt sich recht gut, die Straße fällt zwischen grünen Wiesen, die sich an sanft geneigten Berghängen entlangziehen, meist leicht ab, bis zum Gasthaus Schmelzboden, wo wir in einen Tunnel einradeln, der kein Ende zu nehmen scheint. Erst nach 2800 m verlassen wir ihn wieder. Wer keine Beleuchtung dabei hat, dem sei angeraten, die Unannehmlichkeiten der Sand- und Schotterpiste, die diesen Tunnel umgeht, in Kauf zu nehmen.Hinter dem Tunnel müssen wir dann eine knapp 3 km lange Steigung bis 10% nach Wiesen bewältigen, bevor es teilweise mit Gefälle bis 10% und auf flacheren Abschnitte bis zum Weiler Alvaneu-Bad, dem Abzweiger zum Albulapass, wieder abwärts geht.Wir könnten noch einige Kilometer weiter bis Tiefencastel radeln und von dort über den Julierpass ins Oberengadin wechseln, aber der Albulapass ist landschaftlich schöner und vor allem viel weniger befahren. In Filisur, der ersten größeren Ortschaft am Passanstieg, die wir auf mäßig ansteigender Trasse erreichen, fallen uns sofort die klotzigen, groß gemauerten Häuser mit Erkern, kleinen Fenstern und Rundbogeneingängen auf, die dicht gedrängt entlang der Hauptstraße stehen. Auffällig sind auch die Sgraffiti-Malereien an den Fassaden, eine ursprünglich aus Italien stammende Technik, bei der die Muster in die noch feuchte, helle Mörtelschicht geritzt werden, sodass die darunter liegende dunkle Schicht zum Vorschein kommt.Die Straße hält sich noch länger im Talboden, bis plötzlich nackter Fels an die Fahrbahn drängt. Der Anstieg nimmt auf 10% zu, immer dichter drängen sich die Felswände zusammen, lassen kaum Platz für die Straße und die weiß schäumende Albula am Grund der Bergüner Klamm, bis sich nach zwei Kehren mit Steigungen bis 12% das Tal wieder weitet.Nun geht die Steigung zurück. Wer hinter Bergün im Wald neben der Straße ein heftiges Schnaufen vernimmt: Es ist die Rhätische Bahn, deren Weg wir auf insgesamt vier kurzen Kehrentunnels kreuzen, während wir bei Steigungen zwischen 10 und 12% ebenfalls ganz schön ins Schnaufen kommen dürften.In Preda verschwindet die Bahn in einem 5865 m langen Tunnel, während wir uns am dunkelgrün schimmernden Bergsee Lai da Palpuogna über Steigungen bis 10% langsam in hochgebirgige Regionen vorarbeiten.Immer trostloser und öder wird die Umgebung und bald sind wir nur noch von riesigen Felsbrocken umgeben. Wir bewältigen diesen Val di Diavel – Teufelstal – genannten Abschnitt auf sich teils einspurig verengender Fahrbahn mit Steigungen zwischen 10 und 12% und sind auf der Passhöhe von den grünen Wiesen um das Restaurant überrascht.Im Verhältnis zur 26 km langen Auffahrt ist die Abfahrt über die Ostseite mit knapp 10 km und neun Kehren kurz, dafür aber gut ausgebaut. Ausdrücklich sei aber auf den Bahnübergang am Ende der Abfahrtsstrecke in La Punt hingewiesen. Die Schienen gleichen eher einer Sprungschanze und jeder, der hier schneller als Schrittgeschwindigkeit fährt, läuft Gefahr abzuheben.Wir sind nun im Oberengadin und radeln auf mäßig ansteigender Straße aufwärts nach St. Moritz, am Westufer des St. Moritzer Sees gelegen. Es ist der erste von drei Seen – den kleinen Champfèrersee, der vom Silvaplanasee durch einen Schwemmlandkegel getrennt ist, einmal nicht mitgerechnet –, die als Oberengadiner Seenlandschaft zu den schönsten Landschaften des Alpenraums zählen. Besonders beeindruckend ist wohl der Silvaplanasee, in dessen Wasser sich die großartige Bergwelt des 3451 m hohen Piz Corvatsch widerspiegelt. Der dritte und letzte, der Silser See, ist dafür mit etwa 5 km der längste. An seiner Südspitze stehen wir plötzlich vor einem Schild mit der Aufschrift »Malojapass«. Auf der knapp 17 km langen Strecke von St. Moritz bis hierher bestand die Passauffahrt aus einem kurzen, kaum nennenswerten Anstieg mit 6% Steigung, dem anschließend gleich wieder eine Abfahrt am Ufer des Silser Sees folgte.Die Westrampe, mit der sich die Passstrecke nun ins Bergell absenkt, verdient jedoch ihren Namen. Über 13 enge Kehren bricht die Trasse steil ins Val Bregaglia, besser bekannt als Bergell, ab. Man meint in einer anderen Welt zu sein. Keine helle freundliche Landschaft mehr, sondern wild wuchernder, von Felsbrocken durchsetzter Wald, über dem sich düster und drohend grauer Granitfels erhebt. Schon typisch italienisch sind auch die Dörfer und Weiler, und gesprochen wird Italienisch, wobei die hiesige Mundart aber sowohl rätoromanische als auch lombardische Elemente aufweist.Gegenanstiege gibt es keine, es rollt teilweise mit Gefälle bis 12% meist abwärts und allenfalls flache Abschnitte erfordern manchmal Mittreten. Also sollte noch Kraft genug für einen kurzen, aber lohnenden Abstecher bleiben: Kurz hinter Promontogno, in der Ortschaft Spino, zweigt eine 3 km lange Straße mit Steigungen bis 12% in die Ortschaft Sóglio ab. Lohn der Anstrengung ist ein hinreißend schöner Ausblick auf die Granitriesen der Sciora- und Albignagruppe mit der messerscharfen Piz-Badile-Nordkante, der den Maler Giovanni Segantina veranlasste, diesen Aussichtspunkt als »La soglia del Paradiso« – die »Schwelle zum Paradies« – zu bezeichnen.Bei Castasegna überqueren wir die Grenze zu Italien. Die verbleibenden 10 km Strecke bis Chiavenna radeln wir im Veltlin, wie sich die Talschaft nun nennt, gemütlich auf ebenfalls abfallender Trasse.

Übersetzungsvorschlag 39/28, Streckenverlauf: Davos (km 0,0) – Davos Platz (km 0,1) – Davos Glaris (km 8,0) – Wiesen (km 17,0) – Surava (km 28,0) – Bergün/Bravuogn (km 39,5) – Preda (km 46,5) – Albulapasshöhe (km 53,5) – La-Punt-Chamuesch (km 61,5) – Samedan (km 69,5) – Silvaplana (km 81,0) – Malojapasshöhe (km 92,5) – Castasegna (km 115,0) – Chiavenna (km 124,5), Straßenverhältnisse: Eine Umfahrung des 2,8 km langen Landwassertunnels zwischen Glaris und Wiesen ist nur über eine unbefestigte Sand- und Schotterpiste möglich, die unmittelbar am Tunneleingang abzweigt und am Tunnel-ende wieder auf die Hauptstraße trifft. Bei der Auffahrt zum Albulapass im oberen Bereich Engstellen mit Ausweichen, im Scheitelbereich leichtere Belagschäden. Bei der Abfahrt Vorsicht beim Überqueren der Bahngleise vor La Punt, Passöffnungszeiten: Albulapass 1.6.–31.10.; Malojapass ganzjährig geöffnet

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour142 km
Höhenunterschied2009 m
Dauer7.00 h
Schwierigkeit
AusgangspunktDavos, 1560 m
EndpunktChiavenna, 333 m
Hinweise
Übersetzungsvorschlag: 39/28 Streckenverlauf: Davos (km 0,0) – Davos Platz (km 0,1) – Davos Glaris (km 8,0) – Wiesen (km 17,0) – Surava (km 28,0) – Bergün/Bravuogn (km 39,5) – Preda (km 46,5) – Albulapasshöhe (km 53,5) – La-Punt-Chamuesch (km 61,5) – Samedan (km 69,5) – Silvaplana (km 81,0) – Malojapasshöhe (km 92,5) – Castasegna (km 115,0) – Chiavenna (km 124,5) Straßenverhältnisse: Eine Umfahrung des 2,8 km langen Landwassertunnels zwischen Glaris und Wiesen ist nur über eine unbefestigte Sand- und Schotterpiste möglich, die unmittelbar am Tunneleingang abzweigt und am Tunnel-ende wieder auf die Hauptstraße trifft. Bei der Auffahrt zum Albulapass im oberen Bereich Engstellen mit Ausweichen, im Scheitelbereich leichtere Belagschäden. Bei der Abfahrt Vorsicht beim Überqueren der Bahngleise vor. La Punt Passöffnungszeiten: Albulapass 1.6.–31.10.; Malojapass ganzjährig geöffnet
KartentippGeneralkarte 1:200000 Schweiz, Blatt 2 Östlicher Teil-Zentralschweiz
VerkehrsanbindungAutobahn Bregenz–Chur A13 (Rheintal- autobahn), Ausfahrt Landquart – Schiers – Klosters – Davos
Tipps
Streckenprofil: Höchster Punkt: 2315 mTiefster Punkt: 333 mHöhenmeter Abfahrt: 3255 mMax. Steigung: 12%Max. Gefälle: 12%Durchschn. Steigung Auffahrt: 4,3%Durchschn. Gefälle Abfahrt: 4,1%Passangaben: Albulapass: 2315 m; Auffahrt Surava – Passhöhe 25,5 km mit 12% Höchststeigung, 1415 Hm; Abfahrt Passhöhe – La Punt 9,5 km mit Gefälle bis 12%Malojapass: 1815 m; Auffahrt Silvaplana – Passhöhe 11,5 km mit 6% Höchststeigung an einem kurzen Abschnitt, sonst eben, 10 Hm; Abfahrt Passhöhe – Chiavenna 32,5 km mit Gefälle bis 12%; Sehenswert: Malojapasshöhe: Atelier Segantini, Turm Belvédère und Gletschermühlen; Sóglio: Blick vom »Aussichtsbalkon in die Bergwelt des Bergell« (3 km Auffahrt vom Malojapass bei Spino mit durchgehend 10–12% Steigung, 304 Hm)
Verleih
La Punt: Fahrrad Hüsler
Höchster Punkt
Unterkunft
Silvaplana: Camping Mulets am Silvaplaner See, 15.5.–15.10.; St. Moritz: Camping Olympiaschanze, 19.5.–25.9.; Maloja: Camping Plan Curtinac, 1.6.–31.9.

Lust bekommen? Noch mehr Touren finden Sie in unserem Buchtipp:

Rudolf Geser

Die schönsten Alpenpässe mit dem Rennrad

Die großen Alpenpässe für Rennradfahrer: 40 ausgewählte Routen in Deutschland, Österreich, Italien, Frankreich und der Schweiz

Jetzt bestellen
Tags: 
Mehr zum Thema