VIA FERRATA ATTILIO TISSI

Anspruchsvolle Runde, die Kondition und Bergerfahrung voraussetzt. Auch der lange Abstieg mit gesicherten Passagen darf nicht unterschätzt werden. An der »Ferrata Tissi« einige stark fordernde Passagen; insgesamt sehr alpine Unternehmung, die man nur bei sicherem Wetter durchführen wird. Im Zweifelsfall gibt der Wirt der Torrani-Hütte Auskunft über den aktuellen Wegzustand. Bitte beachten: Der GPS-Track umfasst die beiden Vie Ferrate Degli Alleghesi und Attilio Tissi. (Autor: Eugen E. Hüsler und Manfred Kostner)
Die neue »Tissi«.
Später wurde die »Tissi« behördlich gesperrt, was eine Neutrassierung notwendig machte. Die Ferrata verläuft jetzt durch die Westflanke der Cima di Tomè (3004 m), ist nicht mehr ganz so spek-takulär, aber steil und teilweise sehr ausgesetzt. Dafür genießt man – aus beruhigendem Abstand – den Blick in den Höllenwinkel über dem innersten Van delle Sasse. Nicht zu übersehen ist aus dieser Perspektive auch jener mächtige Gerölltrichter unterhalb der Piccola Civetta, der genau auf alte »Tissi« zuläuft.
Ein Kletterpionier.
Die Ferrata ist natürlich nicht zufällig nach Attilio Tissi (1900–59) benannt. Der in Vallada Agordina geborene Tissi gilt als einer der bedeutendsten Er-schließer der Civettagruppe; ihm gelang 1931 zusammen mit seinem Seilgefährten Giovanni Andrich die erste italienische Begehung der legendären Nordwestwandroute von Solleder-Lettenbauer (VI), was damals viel nationalistische Begeisterung für den »sesto grado« entfachte.
Über den Gipfel.
Die »Via ferrata Tissi« wird meistens im Zusammenhang mit einer Überschreitung der Civetta begangen. Beliebt ist die Runde mit Ausgangspunkt Malga della Grava (1627 m): Aufstieg über die »Via ferrata degli Alleghesi« (siehe Tour 43), Abstieg über die »Tissi« ins Van delle Sasse und zurück über die Forcella delle Sasse (2476 m) zum Ausgangspunkt. Einige recht Kraft raubende Passagen der Tissi sind absteigend leichter zu meistern, zudem erspart man sich so den sehr mühsamen ostseitigen Anstieg zur »Steinscharte«.
Zustiege.
Ab Malga della Grava: Von der Alm führt ein Sandsträßchen in sanftem Anstieg über ein paar Schleifen in die Forcella della Grava (1784 m) und weiter zur Materialseilbahn (1808 m) der Torrani-Hütte. Hier gabelt sich der Weg, beginnt der Aufstieg zur Forcella delle Sasse (2476 m). Auf zunächst noch ordentlichem Weg steigt man zwischen den Ausläufern der Civetta Bassa und der Cima della Moiazzetta della Grava (2727 m) bergan. Nach etwa 1 Stunde kreuzt er den »Sentiero Angelini«. Der Untergrund wird nun zunehmend beweglicher, in Geröll arbeitet man sich bergwärts – ein ziemlicher Schinder. Aus der Scharte leitet eine Spur rechts unter den Felsen erst flach, dann nochmals ansteigend, zum Beginn der Ferrata (2620 m; rotes Viereck).
Ab Val Corpassa: Auf der Schotterpiste wandert man von der Capanna Trieste (1135 m) hinauf zum Pian delle Taie. Eine Viertel-stunde vor der Vazzoler-Hütte (1714 m) zweigt rechts der Weg ins Van delle Sasse ab: rund 1000 Höhenmeter, erst unter dem Torre Trieste (2458 m) hindurch, dann in vielen Kehren über einen felsdurchsetzten Hang in das riesige Hochkar. Eine Geröllspur leitet in den innersten Winkel und rechts hinauf zum Einstieg (2620 m).
Via ferrata Tissi.
Der Klettersteig beginnt mit einer seilgesicherten, kurzen Wandstufe; dann leitet eine Spur über Geröll zum Beginn einer markanten, extrem steilen Felsrampe. Am straff gespannten Drahtseil (einige künst-liche Tritte) arbeitet man sich aufwärts zu einem kleinen Überhang. Anschließend wird’s vorübergehend leichter; das Gelände zeigt sich hier angenehm gestuft. Zwei Steilaufschwünge höher in der Wand verlangen nochmals vollen Einsatz, dann steht man unter einer schwarzen, oft feuchten Mauer – Ende der Hauptschwierigkeiten. Die Fortsetzung der »Tissi« folgt einem Bändersystem, teilweise noch mit Drahtseilsicherungen, bis in den Geröllkessel unterhalb des Pian di Tenda (Ausstieg 2880 m). Über Schnee oder links davon (Spur) steigt man hinauf zu dem Sattel und links weiter zum Rifugio Torrani (2984 m).
Gipfelanstieg.
Rechts neben der Hütte leiten Drahtseile über gestufte Felsen auf den Trümmerhang. Spuren, Farbkleckse und Steinmännchen weisen den Weg durch die mit reichlich Steinschlagmaterial garnierte Geröllflanke. Ein paar kleine Felsstufen sind zu überklettern (I), dann steht man am Gipfel der Civetta (3220 m) vor einer traumhaft schönen Dolomitenkulisse.
Abstieg.
Er führt zunächst zurück zum Rifugio Torrani (2984 m), dann links weiter hinunter in ein Hochkar. Über eine schier endlose Abfolge von Felsstufen, zwischen denen bis in den Hochsommer Schneeflecken liegen, steigt die Route, ordentlich markiert und teilweise gesichert, durch das steinerne Labyrinth ab. Ein steiler, mit einem Drahtseil gesicherter Kamin erweist sich als etwas knifflig. Am Ausgang des Kars leiten Markierungen nach rechts auf ein abschüssiges, aber gesichertes Band (»Passo Grünwald«). Plattige Felsen und eine steile Rinne verlangen weiter konzentriertes Gehen; dann entlässt einen der große Berg auf einen mächtigen Geröllhang. Man rutscht (steigt?) weiter ab, bis der Untergrund stabiler und die Andeutung eines Weges sichtbar wird. Oberhalb der Forcella della Grava (1784 m) taucht man ein in den Wald; an der gleichnamigen Alm endet die Tour.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour22 km
Höhenunterschied1600 m
Dauer8.00 h
Schwierigkeit
AusgangspunktMalga della Grava (1627 m); Anfahrt aus dem Zoldano über die Passo-Duran-Straße, Abzweigung der Almstraße hinter Chiesa. Kleiner Parkplatz oberhalb der Almhütte. Capanna Trieste (1135 m); Anfahrt von Listolade (701 m) im Val Cordèvole
EndpunktWie Ausgangspunkt.
TourencharakterDie »Via ferrata Tissi« ist mit Baujahr 1938 ein echter Klassiker, sie wurde früh als einer der schwierigsten Klettersteige der Dolomiten geadelt, ihr verwegener Verlauf gerühmt. Toni Hiebeler schrieb in seinem AV-Kletterführer etwas sybillinisch »darf in keiner Weise unterschätzt werden; nicht schwierig«. Andreas Kubin war zwei Jahrzehnte später in seiner AV-Neuausgabe konkreter (»Er zählt zu den eindrucksvollsten Steigen der Dolomiten, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit sind absolute Voraussetzung«), warnte auch vor der erheblichen Steinschlaggefahr. Ich kann’s bestätigen; bei meiner zweiten Civetta-Überschreitung gerieten Berg-steiger aus Vorarlberg (die glücklicherweise alle ihren Helm aufhatten) in Steinschlag. Trotzdem: Platzwunde, Gehirnerschütterung und schließlich Abtransport vom Rifugio Torrani ins Krankenhaus.
Beste Jahreszeit
KartentippTabacco 1:25000, Blatt 025 »Dolomiti di Zoldo, Cadorine e Agordine«
MarkierungenInsgesamt ordentlich markierte Wege
GastronomieRifugio Vazzoler (1714 m), Mitte Juni bis 20.9., Tel. 0437/660008. Rifugio Torrani (2984 m), Anfang Juli bis Mitte September, Tel. 0437/ 789150
Tipps
Erläuterung zum Schwierigkeits-Grad: Von K1 - steht für: "Leicht" bis K6 - steht für: "Extrem schwierig"
Informationen
Schwierigkeit: K 4–5 (schwierig-sehr schwierig)
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