Val Codera und »Tracciolino«

Ziemlich lange, aber nicht sehr anstrengende Wanderung. Schwindelfreiheit unerlässlich; in den längeren Tunnels am »Tracciolino« ist eine Lampe angenehm. Auch mit größeren Kindern möglich, sofern sie über etwas alpine Erfahrung verfügen. (Autor: Eugen E. Hüsler)
13 km
1190 m
6.00 h
Der Talweg, eine kunstvoll angelegte Mulattiera, beginnt am oberen Ortsrand von Novate Mezzola (212 m); in kurzen Serpentinen gewinnt er rasch an Höhe und quert dann hoch über der Mündungsschlucht der Val Codera eine abschüssige Felsflanke. Überall sind Spuren alter Granitbrüche zu sehen; bei Avedee (791 m) kommt dann erstmals Codera (825 m) ins Blickfeld. Der Weg senkt sich durch einen schönen Kastanienhain zu einer längeren Lawinen- und Steinschlaggalerie; dahinter steigt man, vorbei an dem etwas außerhalb stehenden Kirchlein, hinauf zu dem malerischen Flecken (2 Std.). Vorbei am Rifugio Locanda mit dem kleinen Museo della Valle zu einer beschilderten Verzweigung. Hier rechts über ein paar Wegschleifen hinab zu der schönen Bogenbrücke (769m), die den Talbach überspannt. Kurz in ein wildes, felsiges Eck und auf einer zweiten Brücke über die Mündung der Valle Ladrongo. Wenig oberhalb teilt sich der Weg erneut: hier nicht links (zum Bivacco Sempione), sondern geradeaus und an dem licht bewaldeten Hang aufwärts zu den Monti von Cii (851 m). Über der Mündung der Val Grande, einem ganz kurzen Seitental, stößt man auf den horizontal verlaufenden Tracciolino. Er führt durch eine felsige Flanke in den Graben, anschließend um einen Bergrücken herum. Hier kreuzt man den alten Verbindungsweg zwischen San Giorgio und dem Maiensäß von Cola (1018 m), ehe der »Tracciolino« ins nächste Seitental, die Val Revelaso, einbiegt. Am gegenüber- liegenden Steilhang geht's dann hinaus zu einer weiteren Verzweigung: rechts schräg abwärts nach San Giorgio, geradeaus in die Valle dei Ratti (4 Std.).
Ein Stück weit sollte man dem »Tracciolino« auf jeden Fall noch folgen, denn nun wird's immer spannender: exponierte Passagen, aus dem Steilfels gesprengt, mehrere, teilweise längere Tunnels und düstere Winkel wechseln ab, bis man schließlich vor dem Eingang zum letzten, rund 400 Meter langen Loch (mit Bahntrasse) steht (Lichtschalter links an der Wand!). Am anderen Ende des Stollens (4:45 Std.) öffnet sich ganz unvermittelt ein reizvoller Ausblick auf den Lago di Mezzola und den obersten Comer See. Zurück zur Weggabelung und hinab nach San Giorgio (748 m; 5:30 Std.), das sich einer hübschen Aussichtslage über dem Eingang ins Coderatal erfreut. Dahinter auf teilweise etwas rauem Steig in vielen Kehren hinunter ins Flache, rechts über den Bach und auf dem Asphaltsträßchen kurz bergan zum Ausgangspunkt der tollen Runde.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour13 km
Höhenunterschied1190 m
Dauer6.00 h
Schwierigkeit
AusgangspunktNovate Mezzola (212 m). Durch den Ort aufwärts, dem Hinweis »Val Codera« folgend, zu einem größeren Parkplatz (316 m) am Taleingang
EndpunktWie Ausgangspunkt
TourencharakterWer kennt sie nicht, die »letzten Paradiese« dieser Welt? Hochglanzmagazine sind darauf abonniert, bereiten das Terrain vor für die Massen, die dann »pauschal« oder »last minute« anreisen. Das kann der Val Codera nicht passieren, passt das Südalpental doch kaum in gängige Tourismusklischees. Und seine Bewohner haben einem zweifelhaften »Fortschritt« ohnehin eine Absage erteilt: Sie wollen nicht einmal eine Zufahrtsstraße, keine Autos im Dorf; bloß ihre Seilbahn, die bereits Antiquitätenwert besitzt, sollte halt durch eine moderne Anlage ersetzt werden. Denn mit ihr kommt das meiste, was man nicht auf dem Buckel herauftragen kann, ins Tal.
Und das gehört ohne Zweifel zu den schönsten Landstrichen weitum. Im Mündungsbereich schluchtartig verengt, öffnet es sich hinter Codera zu einem weiten Hochtal alpiner Prägung, wird der Blick auf eine grandiose Granitkulisse frei, vor allem spät im Jahr – die Lärchen haben sich bereits verfärbt, auf den Gipfelzacken liegt der erste Schnee – ein überwältigendes Bild. Entsprechend beliebt ist das Coderatal bei den Wanderern, doch da man ganz unten, in Novate Mezzola (212m), starten muss, hält sich der Andrang in Grenzen: zu anstrengend für die meisten Ausflügler aus Mailand. Dafür begegnet man am Weg ins Tal öfter schwer bepackten Weitwanderern; ihr Ziel ist der hochalpine »Sentiero Roma«, der südlich des Bergeller Hauptkamms verläuft.
Wer den Tracciolino begehen will, sollte nicht allzu viel Zeit in dem malerischen Flecken vertrödeln – der »Waalweg« quer durch die zerklüfteten Felsen an der linken Talflanke ist lang und so reich an Überraschungen, dass man ihn keinesfalls unter Zeitdruck begehen sollte. Erbaut wurde er im Zusammenhang mit den Kraftwerksanlagen in der Valle dei Ratti und in Campo; die Wasserfassung und damit der Beginn des »Tracciolino« befindet sich etwa eine halbe Gehstunde weiter taleinwärts. Leider hat ein gewaltiger Bergsturz die kunstvoll angelegte Trasse im Bereich der Valle Ladrongo total zerstört, weshalb man gezwungen ist, direkt von Codera aus einzusteigen. Das verkürzt die Tour etwas, schmälert das Vegnügen aber nur unwesentlich, befindet sich der kühnste Wegabschnitt doch erst hinter der Abzweigung nach San Giorgio. Da kommt man dann aus dem Staunen kaum mehr heraus: Der durchwegs halbmeterbreite »Waalweg« läuft quer über steile Felsabbrüche, bohrt sich mehrfach durch den Berg, schneidet abschüssige Hänge, bekommt zuletzt sogar eine richtige Bahntrasse, ehe er bei den Häusern von Crsten (975 m) in der ausläuft!
Beste Jahreszeit
KartentippKompass 1:50000, Blatt 92 »Chiavenna – Val Bregaglia«
VerkehrsanbindungNovate Mezzola (212 m) ist Station an der Bahnlinie Lecco – Chiavenna. Straßendistanzen ab Cólico 14 km, ab Chiavenna 12 km.
GastronomieIn Codera gibt es zwei urige Gasthäuser, die »Locanda« und die »Osteria Alpina«.
Unterkunft
In der »Locanda« kann man auch übernachten; Tel. 338/5377579.
Tourismusbüro
APT Valtellina, Via Cesare Battisti 12, I-23100 Sondrio; Tel. +39/0342/512500, www.valtellina.it

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