Ems - Von Warendorf nach Greven

Problemlose Wanderfahrt durch eine abwechslungsreiche Landschaft mit Wiesen, Feldern und Weiden sowie reizvollen, ruhigen, kleinen Städtchen im Münsterland. (Autor: Michael Hennemann)

Kanuwanderung auf der Ems

Freunde des Reitsports mögen bei Erwähnung der Stadt Warendorf leuchtende Augen bekommen, uns als Paddler interessiert zunächst primär die Frage, ob und wie wir in Warendorf zur Einsatzstelle auf den Parkplatz an der Ems gelangen. Die Stadtplaner gönnen den Wohnmobilfahrern diesen Stellplatz scheinbar nicht und haben die Zufahrt zum Parkplatz durch eine Schranke auf eine Höhe von 2,10 Meter begrenzt. Unser Ford Fiesta zwängt sich ob der schweren Dachlast so gerade darunter hindurch, an Paddler mit größerem Auto hat aber offensichtlich niemand gedacht.

Nachdem diese erste Hürde erfolgreich gemeistert ist, packen wir in Ruhe unsere Sachen für eine zweitägige Fahrt und lassen die Kajaks zu Füßen des Wehres in Warendorf in die Ems. Nach einigen Brücken erfordert erst eine kleine, dann eine etwas größere Sohlschwelle erhöhte Aufmerksamkeit und die Ems zeigt gleich auf den ersten Kilometern, dass sie zwar kein spektakulärer Fluss ist, aber dennoch ihre Reize hat. Die Ems, die wir heute antreffen, ist in großen Teilen das Ergebnis der Emsregulierung aus dem vergangenen Jahrhundert. Ursprünglich suchte sich die Ems in weiten Mäanderbögen einen Weg durch das flache Land und bildete eine breite Aue. Um den Wasserabfluss zu beschleunigen, wurden viele der Flussschleifen durchstochen, Altarme verfüllt und die Ems in ein zum Teil fast kanalartiges Bett gezwängt.

Naturschutzgebiet Emsaue

Maß die Ems einst 441 Kilometer von der Quelle bis zur Mündung in den Dollart, so waren es nach der Regulierung noch 371 Kilometer. Viel schlimmer aber für die Natur - Durch den besseren Wasserabfluss konnte die Landwirtschaft auf den ehemaligen Feuchtwiesen entlang der Emsufer intensiviert werden und zahlreiche Tier- und Pflanzenarten verschwanden. Um die Ems wieder in ihren ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen, wurden weite Teile der Emsaue schon 1998 zu einem Naturschutzgebiet erklärt, das mit etwa 4000 Hektar eines der größten in Nordrhein-Westfalen ist. Als Paddler müssen wir durch das Naturschutzgebiet zwar einige Einschränkungen hinnehmen, werden aber mit einem vielstimmigen Vogelgezwitscher und einer ansonsten herrlichen Ruhe mehr als entlohnt. Aber nicht nur Kanuten lieben die renaturierte Ems. Von der hölzernen Hermannsbrücke winken uns einige Radler zu, die auf dem EmsAuenWeg unterwegs sind.

Es folgen zwei kleine Brücken, dann warnt nach einigen Paddelschlägen ein Schild am Ufer vor der nächsten größeren Sohlgleite. Bei normalem Wasserstand stellt sie aber kein Hindernis für Kanuten mit etwas Erfahrung dar. Wir können auf der linken Flusshälfte problemlos paddeln, ansonsten kann diese Stufe ohne großen Aufwand am rechten Ufer umtragen werden. Die nächsten spritzigen Einlagen an kleinen Stufen lassen nicht lange auf sich warten. Etwa 150 Meter hinter der zweiten Straßenbrücke in Einen sowie nach der folgenden kleinen Brücke schließen wir sicherheitshalber die Spritzdecken, um kein unnötiges Wasser ins Boot zu bekommen. Danach heißt es aufpassen, um das Etappenziel des ersten Tages nicht zu verfehlen, denn der Campingplatz Sonnenwiese in Telgte ist vom Wasser aus nicht zu sehen.

Sicheres Orientierungsmerkmal sind die Betontreppen am linken Ufer eines größeren Linksbogens der Ems. Der Campingplatz ist einfach und die Sanitäranlagen sind recht alt – wer keine bösen Überraschungen erleben möchte, tut gut daran, eigenes Toilettenpapier im Gepäck mitzuführen! Aber die absolute Stille und idyllische Lage entschädigen für den fehlenden Komfort.

Stadtrundgang in Tegte

Am nächsten Tag wartet nach der Brücke der B51 und zwei Fußgängerbrücken das Wehr in Telgte auf den Paddler. Zunächst sieht der Graben, der nach links am Wehr vorbeiführt, recht verlockend aus, um sich die Portage zu ersparen. Doch weit gefehlt: Am Ende versperrt ein zweites Wehr, das praktisch nicht umtragen werden kann, den Weg. Daher unbedingt bereits vor dem ersten Wehr rechts an den Treppen am Parkplatz aussetzen. Vom Parkplatz aus ist es nach links auf der Brücke über die Ems nur ein Katzensprung bis in die Innenstadt und ein kurzer Stadtrundgang ist sehr zu empfehlen. Als Erstes fällt ein Gebäude mit äußerst moderner Fassade auf, dass das Krippenmuseum beherbergt.

Gegenüber liegt das Heimathaus Münsterland, das seinen Ursprung in der ehemaligen Pastoratsscheune von 1934 hat. Wichtigstes und wertvollstes Exponat ist das Telgter Hungertuch von 1623, ein großes Leinentuch mit Bildern, die das Leiden und die Auferstehung Jesu Christi und weitere biblische Motive darstellen. Direkt neben dem Museum liegt die barocke, achteckige Wallfahrtskapelle, die den Hauptanziehungspunkt der Telgter Wallfahrt beherbergt, das Gnadenbild der schmerzhaften Muttergottes.

Hochprozentige Sehenswürdigkeit

Die letzte Sehenswürdigkeit hat weder etwas mit Kirche noch mit Kunst oder Wallfahrt zu tun und ein Besuch lohnt auch für Museumsmuffel. Das Kornbrennerei-Museum Telgte zeigt die Bedeutung der Produktion von Hochprozentigem für die Region, einst einer der bedeutendsten Wirtschaftszweige. In einem ehemaligen Brennereigebäude lässt allerlei altes Zubehör, Werkzeug und Gerät das schweißtreibende Handwerk der Schnapsbrennerei lebendig werden. Mit etwas Fantasie kann man sich gut vorstellen, wie das Getreide in großen Maisbottichen eingekocht wird, um die Stärke der Körner aufzuschließen, und wie anschließend der wässrige Brei mit Hefe und Malz über 72 Stunden lang zu einer zwar alkoholartigen, aber ungenießbaren Maische vergoren und anschließend durch eine doppelte Destillation, bei der man die Maische erhitzte, um den Alkohol zu verdampfen, als Rohbrannt mit einem auf 95Prozent angereicherten Alkoholgehalt gesammelt wurde. Erst nach einer Verdünnung mit viel Wasser erhält man das trinkbare Endprodukt, wovon man sich in der Probierstube im Keller überzeugen kann.

Der Umtrageweg am Telgter Wehr verläuft vom Parkplatz auf der Straße Richtung Innenstadt ein kurzes Stück nach links und gleich hinter der Telefonzelle nach rechts vorbei an den öffentlichen Toiletten. Direkt hinter dem Gebäude führt dann ein Pfad zur Einsatzstelle am Emsufer.
Nach einer Fußgängerbrücke hört man das Rauschen des bereits erwähnten zweiten Wehres und von links kommend vereinigt sich der Graben mit der Ems. Davor lädt links eine große Kiesbank, die auch von Spaziergängern gerne als Liegestrand genutzt wird, zu einer Rast am Fuße des Kirchturms ein.
Im weiteren Verlauf passieren wir erneut eine Straßenbrücke der B51, dann zuerst eine klitzekleine und wenig später eine etwas größere Sohlgleite. War die Ems bislang sehr schön anzuschauen, so verzaubert sie nun mit wilder Romantik. Die Ufer bleiben recht hoch, aber eindrucksvolle Kieshänge wechseln sich mit Abschnitten ab, an denen Weiden weit in den Fluss ragen und die Durchfahrt auf wenige Meter beschränken, und diverse Altarme zweigen zu beiden Seiten ab. Nachdem wir das Pegelhäuschen an einer Holzbrücke passiert haben, mündet von rechts die Bever.

Hinter der Fußgängerbrücke aus Holz und der Eisenbahnüberführung wartet eine kleine Sohlschwelle, die bei Bedarf auch über die Treppen am linken Ufer umtragen werden kann. Im folgenden Abschnitt haben die Warn- und Hinweisschilder am Ufer nichts mit der Realität gemein. Zunächst folgt etwa 300 Meter hinter der Eisenbahnbrücke – völlig ohne Warnhinweis (!) – die größte Sohlgleite der Tour. Da sie kaum zu umtragen ist, heißt es für Kajakfahrer: Spritzdecke schließen (Canadierfahrer sollten sich auf einen kleinen Wassereinbruch im Boot einstellen) und mittig fahren. Knapp zwei Kilometer dahinter warnt dann hoch oben am rechten Steilufer ein Schild vor einer Gefahrenstelle, die (zumindest im Sommer 2005) auf dem Wasser nicht zu entdecken ist.
Auf dem letzten Abschnitt bis Greven gibt es nun keine weiteren paddeltechnischen Herausforderungen mehr. Nach einem Pegel am linken Ufer und einer landwirtschaftlichen Brücke mündet von links die Werse, zwischen den beiden folgenden Straßenbrücken am rechten Ufer liegt eine gute Aussatzstelle.

Münsters Badewanne

Was knapp einen Paddelkilometer dahinter auf den ersten Blick aussieht wie eine schöne Steinbogenbrücke oder ein Viadukt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als ein wichtiges Monument des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Wir legen am linken Ufer an und kraxeln die steile Uferböschung hinauf, um uns die Alte Fahrt des Dortmund-Ems-Kanals, vom Volksmund »Münsters Badewanne« getauft, genauer anzuschauen. Durch die rasche Entwicklung der Schwerindustrie im Ruhrgebiet brauchte man Alternativen zum Eisenbahnverkehr, der seine Leistungsgrenze erreicht hatte. Für den Transport von Erz und anderem Schüttgut wurde ab 1892 der Dortmund-Ems-Kanal gebaut. Flusstäler, die wie das der Ems quer zum Kanalverlauf lagen, wurden mit einer Kanalüberführung überbrückt.

Mit stetig größer werdenden Schiffen mussten 1939 auch größere Überführungen her. Die Neue Fahrt wurde wenige Kilometer weiter westlich als stählerner Trog konstruiert. Zunächst waren noch beide Bauwerke nebeneinander in Betrieb, doch nachdem die Alte Fahrt bei einem Bombenangrifff beschädigt wurde, wurde sie zwar repariert, aber nicht mehr in Betrieb genommen. Sie wurde mit einem Damm von der Neuen Fahrt getrennt, und der am nördlichen Ende entstandene Yachthafen ist eine beliebte Anlaufstelle für Skipper, Radler und Wohnmobilisten.

Es folgen zwei weitere kleine Brücken, von rechts gluckert ein Entwässerungsgraben, dann tauchen am linken Ufer die ersten Wochenendhäuser auf und für einen kurzen Moment ist der Kirchturm von Gimbte sichtbar. Nach einigen Kilometern durch eine idyllische Park-, Auen- und Waldlandschaft erreichen wir die Ein- und Ausstiegstelle an der Straßenbrücke in Gimbte. Der urige Dorfkern lockt mit gutbürgerlicher Gastronomie und der Museumshof Gimbte, der eine Vielzahl historischer landwirtschaftlicher Geräte präsentiert, lohnt sich für einen kurzen Abstecher. Die letzten Kilometer der Tour ziehen sich etwas hin und es folgt ein langes, gerades Stück. Die Ufer sind hoch und mit Brennnesseln bewachsen und nach einem landwirtschaftlichen Steg kündigt der steigende Lärmpegel die Brücke der A1 an. Greven ist nun nicht mehr weit, und das Gelände des Freibades zieht am rechten Ufer an uns vorüber. Rechts dahinter setzen wir an der Treppe am Parkplatz des Schwimmbades noch vor dem verfallenen Wehr vor der ersten Straßenbrücke in Greven aus.

Das Vereinsgelände der Emshaie Greven liegt nicht direkt am Anleger. Wir laufen am Schwimmbad vorbei auf den Deich und dort am Freibadzaun für etwa 100 Meter zurück. Da wir es versäumt haben, uns anzumelden und leider kein Vereinsmitglied anwesend ist, ändern wir den ursprünglichen Plan und statt hier zu übernachten holen wir das Auto sofort nach.
Dazu laufe ich den Rad- und Fußweg auf dem Deich, vom Anleger aus gesehen nach links, in Richtung Stadtmitte. Die nächste Brücke bringt mich über die Ems und führt direkt zum Bahnhof.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour42 km
Dauer10.00 h
Schwierigkeit
AusgangspunktAm gebührenfreien Großparkplatz Lohwall direkt am Emsufer. Achtung mit Booten auf dem Autodach - Die maximale Einfahrtshöhe wird durch eine Schranke auf 2,10 m begrenzt.
EndpunktParkplatz am Freibad vor der Straßenbrücke in Greven.
TourencharakterDie Ems zählt bei Kanuten zu den klassischen Flachlandwanderflüssen und weiß auch in NRW mit einer urwüchsigen Flusslandschaft in der Ebene des Münsterlandes zu begeistern. Der beschriebene Abschnitt gehört zum Naturschutzgebiet Emsaue. Neben idyllischen Wiesen, Feldern und Wäldern locken vor allem kleinen Städte wie Warendorf, das Zentrum des westfälischen Pferdesports, oder Telgte, ein Marienwallfahrtsort.

Befahrbarkeit: Ganzjährig.
Befahrungsregeln: Der Emsabschnitt zwischen Warendorf und Rheine gehört zum Naturschutzgebiet Emsaue, in dem mit der Renaturierung des Flusses begonnen wurde. Es darf nur an den gekennzeichneten Stellen aus- und eingesetzt werden und es ist nur eine maximale Anzahl von Kanus erlaubt. Vom 1. Mai bis 31. Oktober besteht daher an Sonn- und Feiertagen eine Anmeldepflicht. Diese kann man entweder auf der Website des Landeskanuverbandes NRW (www.kanuverband-nrw.de) oder beim Verkehrsverein Warendorf, Tel. 02581/19433, erledigen.
Hindernisse: Das Wehr in Telgte muss kurz für knapp 200 m umtragen werden. Die übrigen kleinen Sohlschwellen und Stufen sind für Kanuten mit etwas Paddelerfahrung problem- und gefahrlos zu befahren, können aber bei Bedarf auch leicht umtragen werden.
Hinweise
Auen - Wirkungsraum von Bächen und Flüssen. Auenlandschaften sind vielfältige, einzigartige und sehr dynamische Lebensräume, die von stark schwankenden Wasserstand geprägt sind und sich ständig verändern. Tritt ein Flachlandfluss bei Hochwasser über die Ufer, so überflutet er die angrenzenden Flächen. Dort wird das Wasser gebremst und durch die deutlich langsamere Fließgeschwindigkeit entsteht ein Rückhalteeffekt, die so genannte Retention. Durch die verlangsamte Fließgeschwindigkeit können sich auch fruchtbare Schwebstoffe absetzen. Durch Flussbegradigungen und andere wasserbauliche Eingriffe des Menschen lässt sich in ganz Europa keine einzige völlig intakte Aue mehr finden. es existieren nur noch hier und da mehr oder weniger gut erhaltene Fragmente.
VerkehrsanbindungAuf der A1 bis zur Ausfahrt 76 Greven, weiter Richtung Telgte und schließlich auf der B64 nach Warendorf; im Ort der Beschilderung Richtung Stadtmitte/Parkplatz Lohwall folgen.
GastronomieJegliche Art von Gastronomie in den Städten Telgte und Greven, aber keine Gaststätten direkt am Emsufer.
Tipps
Warendorfer Hengstparade Jedes Jahr im Herbst finden auf dem Gelände des nordrhein-westfälischen Landgestüts in Warendorf die traditionellen Warendorfer Hengstparaden statt. Dabei stellen Mitarbeiter in historischen Paradeuniformen in verschiedenen Dressurvorstellungen über 100 Zuchtpferde, darunter Vollblut-, Warmblut- und Kaltbluthengste, vor. Den genauen Termin und weitere Infos finden Sie unter www.landgestuet.nrw.de
Verleih
Rucksack Reisen Münster GmbH, Hammer Straße 418, 48153 Münster, Tel. 0251/ 871880, www.rucksack- reisen.de
Informationen
Transfer - Es besteht eine regelmäßige Zugverbindung von Greven über Münster nach Warendorf. Die Fahrtzeit beträgt gut 1 Std., Fußweg zum Bahnhof in Greven ca. 20 Min., in Warendorf ca. 10 Min.
Unterkunft
Campingplatz Sonnenwiese in Telgte, Raestrup 4, 48291 Telgte, Tel. 02504/ 1763; DKV-Kanustation bei den Kanufreunden Emshaie Greven, Ansprechpartner - Rudolf Zimmermann, Tel. 02571/4365.
Tourismusbüro
Verkehrsverein Warendorf e.V., Emsstraße 4, 48231 Warendorf, Tel. 02581/787700, www.warendorf.de; Stadttouristik Telgte, Kapellenstr. 2, 48291 Telgte, Tel. 02504/690100, www.telgte.de; Verkehrsverein Greven e.V., Alte Münsterstraße 23, 48268 Greven, Tel. 02571/ 1300, www.greven.net