Tegernseer Hütte

Wie ein Adlerhorst im Fels (Autor: Wolfgang Taschner, Michael Reimer)
Paradies für Kletterer.
Über 65 abgesicherte Routen vom Schwierigkeitsgrad 3+ bis 9+ mit bis zu sechs Seillängen gibt es rund um die Tegernseer Hütte. Vor allem im Frühjahr und Herbst herrscht hier Hochkonjunktur. Und weil unter den Kletterfreaks so eine Art Galgenhumor herrscht, sind die Routen alle mit originellen Namen versehen. An der Roßstein-Südwand etwa heißt Route 10 »Via Campari«, Route 14 »Und tschüss« und Route 15 »Kindergeburtstag«. Der Wanderer kann sich selbst einen Reim darauf machen, was diese Titel zu bedeuten haben. Schwieriger scheint das Terrain am Buchstein zu sein: »Vorsicht Falle« will uns erzählen, dass der kürzeste Weg zum besten Haken nicht unbedingt der beste ist. Und »Ein Griff wird kommen« hat den einen oder anderen schon etliche Schweißtropfen gekostet. Der Laie kann direkt von der Hüttenterrasse Kletterer an der »Nadel« beobachten. Details zu den Kletterrouten hat der Hüttenwirt Michael Ludwig zur Genüge auf Lager; dabei kann der aus dem hessischen Aschaffenburg stammende Hüttenwirt seinen Akzent nach zehnjähriger »Einbürgerung« auf der Hütte heute fast vollständig kaschieren. Außerdem liegen in der gemütlichen Stube zum Nachlesen Kletterbücher bereit.
Durch die Buchsteinrinne.
Während sich die Kletterer in Rinnen und Rissen hochhangeln, kann sich der Wanderer derweil am Normalweg zum Buchstein üben. Dieser zieht im zweiten Schwierigkeitsgrad durch einen Felskamin zum Gipfel empor. Von der Hüttenterrasse bedarf es nur einiger weniger Schritte, um zum Einstieg zu gelangen. Tritte und Griffe sind durch Tausende von Begehern bereits mächtig abgespeckt, sodass ein gutes Schuhprofil nicht schaden kann. Steinschlag ist hier kaum zu befürchten, fast hat man den Eindruck, als hätten all die Gipfelstürmer über die Jahre den Fels blank poliert. Für einige bedeutet diese Route spätestens beim luftigen Abstieg trotzdem den puren Nervenkitzel, denn dann sieht man mit dem Rücken zum Abgrund das Hüttendach direkt zwischen den Füßen hervorlugen. Für die verhältnismäßig steilen Hüttenanstiege von Norden und Süden wird in dieser Lage kein Blick mehr übrig bleiben. Erfreulicherweise wagen sich offensichtlich nur Geübte an diese Tour, Unfälle kommen jedenfalls so gut wie nie vor.
Reizvolle Roßstein-Überschreitung.
Der Zwillingsbruder Roßstein ist dagegen auch für den Ungeübten beinahe ein Kinderspiel, da sein nur um fünf Meter tieferer Gipfel auch ohne Zuhilfenahme der Hände erklommen werden kann. Beim Anstieg zeigt sich im Rückblick die Tegernseer Hütte von ihrer fotogensten Seite, im Hintergrund sieht man die Buchsteinrinne-Bezwinger wie Spinnen im Fels kleben. Vom Gipfel offenbart sich ein famoser Rundblick, angefangen von Kaisergebirge und Großglockner im Osten über Guffert, Blauberge, Achensee, Zillertaler Alpen und Karwendelgebirge bis hin zum Wetterstein mit Zugspitze und den umliegenden Ammergauer Bergen im Westen.
Abstieg über den Südwestgrat.
Für den Abstieg wählt man gewöhnlich denselben Weg. Doch irgendwie wirkte auch die Variante über den Südwestgrat auf uns verlockend, obwohl statt Markierungen nur Pfadspuren zu sehen waren und auch auf unserer Karte keinerlei Route eingezeichnet war. Bei Kaiserwetter kann man derlei Experimente schon einmal wagen, notfalls kehrt man um, dachten wir uns und machten uns auf die Socken. Schließlich erwies sich dieser Abstieg zu unserer Überraschung von einem kleinen Kamin abgesehen als absolut harmlose Grat- und Hangquerung; ohne Probleme erreichten wir die Einsattelung oberhalb der Roßsteinalmen. Wir vermuten, dass diese Route zum Schutz der Kletterer nicht offiziell für Wanderer freigegeben wird; zu viele Begeher würden die Steinschlaggefahr erhöhen und die Kletterer in der Falllinie der Wand gefährden. Aus diesem Grund lassen wir diesen überaus schönen Weg als Geheimtipp für den versierten Bergsteiger stehen, der nach der Überschreitung wahlweise genussvoll in Richtung Schwarzenbachtal oder Bayerwald absteigen kann.
100-jähriges Jubiläum: Bergsteigerqualitäten sind nach Schneefällen auch beim novemberlichen Abstieg über den einfachen Klettersteig nach Süden gefragt. Denn vollkommen unabhängig von der Witterung harrt das Hüttenteam bis zum ersten Novemberwochenende aus, bevor die Hütte verriegelt wird und es zum »Winterschlaf« zurück ins Tal geht. Da kann es schon einmal vorkommen, dass sich das Team durch einen halben Meter Neuschnee wühlen muss. Groß ist die Vorfreude bei Aufklaren nach dem ersten Schneefall, weil dann die Stimmung am »Adlerhorst« am schönsten ist.
Bevor es an den finalen Abstieg geht, wird auf der Hütte am Vorabend noch kräftig gefeiert. Dabei lässt sich das etablierte Stammpublikum aus dem Tegernseer Tal auch von widrigen Bedingungen nicht von diesem Event abhalten und bringt zum Ausklang eines ereignisreichen Jahres einen gewissen Geräuschpegel mit in die warme Stube. Überboten wird diese Festtagsstimmung allenfalls im Sommer 2004, wenn die Tegernseer Hütte am Brotzeitfelsen unter der so genannten »Nadel« ihr 100-jähriges Jubiläum mit der obligatorischen Bergmesse feiert.

Länge.
Von Bayerwald über die Sonnbergalm und den leichten, südlich ausgerichteten Klettersteig (2 Std.); vom Parkplatz Klamm zwischen Kreuth und Achenpass über die Buchsteinhütte (2 1/2 Std); weiter ist der Anstieg von Bad Wiessee am Tegernsee über Söllbachtal, Schwarzentennalm und Buchsteinhütte (4 1/2 Std.).

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour9 km
Höhenunterschied800 m
Dauer4.00 h
Schwierigkeit
AusgangspunktWinterstube bei Wildbad Kreuth, Bayerwald, Bad Wiessee
EndpunktBayerwald
TourencharakterHütten gibt es viele in den bayerischen Vorbergen, doch keine liegt so spektakulär zwischen zwei Gipfeln im Fels wie die Tegernseer Hütte. Wie ein Adlerhorst schmiegt sie sich an Roßstein und Buchstein. Zwischen enger Terrasse und gähnendem Abgrund hat gerade noch eine Zaunlatte Platz, und wenn dort Raucher ihrer Sucht nachgehen, fliegt dem Kletterer in der Südwand schon einmal feine Asche in die Augen. Genau aus diesem Grund ist die Direttissima unterhalb der Hüttenterrasse im Kletterjargon als »Aschenbecher« verschrien.
Beste Jahreszeit
KartentippKompass Wanderkarte Nr. 8, Tegernsee – Schliersee – Wendelstein, 1:50.000
VerkehrsanbindungMit der Bayerischen Oberlandbahn (BOB) von München zum Bahnhof Tegernsee und dort in den RVO-Bus umsteigen (Haltestelle Klamm bzw. Bayerwald). Mit dem Auto über Tegernsee auf der B 307 nach Wildbad Kreuth und zum Wanderparkplatz Klamm bzw. Bayerwald.
GastronomieDas beliebte Ausflugslokal am Ausgang des engen Söllbachtals bietet eine sehr leckere Küche. Herzhaft schmeckt etwa das Kartoffelrösti mit Schinken, Pilzen, Tomaten und überbackenem Käse, als Nachtisch bietet sich eine Blaubeer-Joghurt-Torte oder Apfelstrudel mit Zimteis an. Die Einkehr liegt in der Söllbachstraße 71, Tel.: 08022/89 30.
Informationen
Hüttenporträt. Höhe: 1650 m. ERBAUT: 1904; 1966/67 Wiederaufbau nach Blitzschlag (DAV-Sektion Tegernsee). Bewirtschaftet: Zweiter Samstag im Mai bis erster Sonntag im November. Kulinarischer Tipp: Maultaschen, Kasspatzn, Kaiserschmarrn (nur unter der Woche). Hüttenwirt: Michael Ludwig. Telefon: 0175/4 11 58 13 (Tal: 08042/91 73 78); Übernachtung an Wochenenden nur nach Voranmeldung. Lager: 30. Materialbeschaffung: Materialseilbahn von der Buchsteinhütte. Besonderheit: Über 70 Kletterrouten rund um die Hütte.
Tourismusbüro
Kuramt Bad Wiessee, Adrian-Stoop-Str. 20, 83704 Bad Wiessee, Tel.: 08022 / 860 30, Fax: 08022/86 03 30, E-Mail: info@bad-wiessee.de, Internet: www.bad-wiessee.de

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