Durch die Saugasse zum Funtensee

Bestens ausgebauter, breiter und markierter Wanderweg. Er weist im unteren Bereich des Schrainbachs und in der Saugasse einige beschwerliche und steile Passagen auf, ist aber ohne Schwierigkeiten zu begehen. (Autor: Joachim Burghardt)
19 km
1080 m
4.00 h
Der klassische Aufstieg zum Funtensee und zum Steinernen Meer führt von St. Bartholomä durch die Saugasse. Es ist ein vielbegangener und oft beschriebener Weg, den auch ich als günstigen Zugang zur Hochfläche empfehlen möchte. Dass es auf dieser Route oft recht lebhaft zugeht, schmälert das landschaftliche Erlebnis kaum – auch wenn man den Weg schon zu kennen glaubt, sorgt er immer wieder für Spannung. Denn aufgrund seiner Bedeutung und der langen Geschichte gibt es eine Menge an Details am Wegrand zu entdecken.
Los geht’s in St. Bartholomä mit einem Uferspaziergang. In südwestlicher Richtung wandern wir auf die Burgstallwand zu und überqueren den Eisbach.

Der Blick geradeaus hinauf zu den Ausläufern der Hachelköpfe lässt nicht erahnen, dass diese Steilflanken früher regelmäßig begangen wurden. Durch den äußerst steilen, walderfüllten Burgstallgraben, der rechts vom Burgstallkopf herunterzieht, führte einmal ein Weg! Heute, da Burgstallalm und Mausalm nur noch als fossile Namen in der Karte existieren, sind derartige Pfade natürlich längst dem Verfall anheim gegeben und nur stellenweise noch als verwachsene Spur auffindbar. Nach der Eisbachmündung führt der Weg reizvoll unmittelbar über dem Königssee an der Steilwand entlang, und wieder ahnt man nicht, was sich hier noch bis vor einigen Jahrzehnten ereignete. Exakt hier, in der kleinen Bucht zwischen »Strand« und Steilwand, fanden vor allem im 19. Jahrhundert mindestens alle vier Jahre sogenannte trockene Holzstürze statt. Mitunter mehrere hundert Kubikmeter Holz wurden dabei über die Burgstallwand in den See gestürzt und später nach Berchtesgaden getriftet.

Ins Schrainbachtal

Bevor der nun folgende, heute so breite und unschwierige Weg direkt über dem See mittels Sprengung der Felswand abgetrotzt wurde, führte lange Zeit nur ein ausgesetzter und heikler Pfad, das sogenannte Schmalzsteigl, an der Felswand entlang. Er war so unangenehm zu begehen, ja gefürchtet, dass Bergsteiger, die vom Funtensee kommend nach St. Bartholomä wollten, oftmals lieber über die Sagereckwand (Tour 19) abstiegen, den alten Ostufersteig am Königssee bis zum Reitl verfolgten und dann nach Bartholomä hinüberriefen, bis sie jemand mit dem Boot abholte.

Heute dagegen gleicht der Weg stellenweise einer Asphaltstraße – so ändern sich die Zeiten! Fast gänzlich in Vergessenheit geraten ist heutzutage übrigens die Tatsache, dass die Königsseeboote vor vielen Jahrzehnten auch hier am Schrainbachfall Halt machten und Fahrgäste aussteigen ließen. Der Schrainbachfall mit seinen Kaskaden und dem natürlichen Felstor ist beim Aufstieg ein Blickfang, ebenso die malerischen See-Szenarien, die der aufmerksame Wanderer beim Blick zurück gewahrt. Nach 250 Höhenmetern wird der Weg flach und führt parallel zum wild gurgelnden Schrainbach (früher auch »Schreibach«) in das Tal hinein.

Bäche und Wälder

Nur wer genau hinschaut, entdeckt links den unscheinbaren Pfad, der in den Wald hinauf verschwindet, sich bald teilt und zur Salzgrabenhöhle oder alternativ nach Salet hinunterführt! Wir bleiben jedoch auf der bequemen Hauptroute und erreichen bald die Schrainbach-Holzstube, eine idyllische kleine Wiesenfläche mit dem hier noch sanft dahinfließenden Schrainbach. Er erscheint an heißen Sommertagen wie eine Oase, wie der Inbegriff nordländischen Wasserreichtums und erquicklichen Rastens. Dieser herrliche Ort ist wie so viele andere dieser Art das Überbleibsel einer heute nicht mehr bewirtschafteten Alm.

Anschließend geht es durch die Hachelklause und die ebenfalls längst untergegangene Unterlahneralm durch einen kleinen Zauberwald zur Saugasse. Rechts (westlich) von ihr, in der AV-Karte gut zu erkennen, befindet sich der sogenannte »Gamssack«, ein kleines sackgassenartiges Hochtal, von senkrechten Felswänden umgeben. Bei einer Jagd fiel es sicher nicht schwer, Gämsen hier hinaufzutreiben und ihnen damit jede Fluchtmöglichkeit zu versperren – daher wohl der Name.

Nun zur Saugasse

Dieser berüchtigte Taleinschnitt konnte früher nur auf einem steilen Steig mit 72 – nach einer anderen Quelle 77 – Serpentinen überwunden werden. Heute sind es je nach Anfangs- und Endpunkt der Zählung nur noch gut dreißig Kurven, die durch das Nadelöhr zwischen Gjaidkopf und Simetsberg führen. Beim Gang durch die Saugasse kommen wir an weiteren charakteristischen Orten der Volkstradition vorbei - Der »Heiratsstein« ist ein markanter Felsen mit einer Öffnung, von dem es heißt, dass jede junge Frau, die dreimal einen Stein hineinwirft, binnen eines Jahres vor dem Traualtar steht. An einer anderen Stelle befindet sich neben dem Weg ein Kruzifix mit einer etwas dicklich ausgefallenen Christusfigur namens »foaster [feister] Herrgott«. Oberhalb der Saugasse, an der ehemaligen Oberlahneralm, mündet von rechts der von der Sigeretalm herabführende Steig ein, und endlich wird das Gelände flacher. Bis zum Kärlinger Haus haben wir keine größere Anstrengung mehr zu befürchten und können wieder mehr auf die Umgebung achten.

Der Blick schweift über eine urtümliche, wilde Gebirgslandschaft, ein scheinbar unzugängliches und unberührtes Chaos aus Felsen und Pflanzen, in das wir als Gäste auf gebahntem Weg vorübergehend eintreten dürfen. In Wirklichkeit sind die umliegenden Gegenden jedoch alles andere als vom Menschen unberührt: Auf dem Simetsberg bewirtschafteten Senner früher die gleichnamige Alm, der fürchterlich steile Bärengraben zwischen Hirsch und Schneiber ist in alten Führern noch als Abstiegsroute beschrieben, und durch den weltfernen Gjaidgraben fahren noch heute im Frühjahr Skitouristen ab! Wir steigen nun am »Betstein« und am »Kratzer«, einer auffälligen Doppelkurve, vorbei bis zum Sattel auf, der dafür verantwortlich ist, dass in kalten Nächten die eisige Luft aus dem Funtenseekessel nicht abfließen kann und arktische Temperaturen erreicht werden. Vierzig Meter Abstieg runden den Zustieg ab – das Kärlinger Haus ist nun erreicht und damit der zentrale und ideale Stützpunkt für Touren im Steinernen Meer.
 

GEHZEIT: St. Bartholomä – Saugasse – Kärlinger Haus 3:30–4 Std.; Abstieg auf gleichem Weg 3 Std.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour19 km
Höhenunterschied1080 m
Dauer4.00 h
Schwierigkeit
StartortDorf Königssee, 604 m
AusgangspunktSt. Bartholomä, 604 m
EndpunktWie Ausgangspunkt.
TourencharakterDer bekannte Weg und seine verborgenen Hintergründe
Hinweise
BESTE JAHRESZEIT. Mai bis Oktober
KartentippAV-Karte 10/1 »Steinernes Meer« 1 - 25 000; Umgebungskarte »Nationalpark Berchtesgaden« 1:25 000
VerkehrsanbindungMit Bus oder Auto zum Königssee, weiter mit dem Schiff nach St. Bartholomä
GastronomieKärlinger Haus, 1630 m, am Funtensee. AV-Hütte, bew. von Mitte/Ende Mai bis Mitte Oktober. Tel. - 08652/609 10 10, www.kaerlingerhaus.de
Tipps
Die Wilderei: »Diese grobe Unsitte der unberechtigten und diebischen Jagd auf Wild aller Art besteht im Berchtesgadener Land schon seit alters« (A. Helm). Als eine Art alpenländisches Pendant zum Wild-West-Drama ist die Wilderei auch in den Königsseer Bergen mit legendären Persönlichkeiten und schicksalhaften Ereignissen verbunden. Gedenkkreuze wie das Jägerkreuz am Hohen Brett erinnern an erschossene Jäger oder Wilderer. Drei Pinzgauer Wilderer sind mit ihrer Geschichte in den Berchtesgadener Sagenschatz eingegangen - Sie erfroren im Jahr 1886 im östlichen Steinernen Meer im Schneesturm und sind seitdem als die »drei Eismandl« von der Wildalm bekannt. Und einmal, im Jahre 1705, wurde ein gewisser Sebastian Maltan sogar für vier Jahre auf die Galeere geschickt – er hatte wiederholt gewildert. Der letzte Todesfall im Zusammenhang mit Wilderei ereignete sich im Jahr 1947 in der Ramsau (Quelle: H. Schöner 1982), als ein Jäger beim Zusammentreffen mit einem Wilderer von diesem einen Herzschuss erhielt. Siehe zur Jagd auch den Hintergrund bei Tour 28.

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