Zwischen Einser und Zwölferkofel

Fischleinboden – Talschlußhütte – Zsigmondyhütte – Sandbüheljoch – Kriegssteig – Büllelejochhütte – Oberbachernspitze – Büllelejochhütte – Zsigmondyhütte – Bacherntal – Talschlußhütte – Fischleinboden (Autor: Eugen E. Hüsler)
Dolomitenwunder.
Natürlich wird man auf dieser Runde nicht bloß nach der Hinterlassenschaft des Krieges schauen, dazu ist die Kulisse einfach zu schön. Was ist über jenes kariöse Riesengebiss, das südlich der Langen Alm so hoch in den Himmel sticht, als müsse es an den Wolken kratzen, nicht schon alles geschrieben und erdichtet worden, Gereimtes und weniger Gelungenes!
Dabei sind die Drei Zinnen (2999 m) bloß das berühmteste, jedoch keineswegs das einzige steinerne Wunder dieser Dolomitenregion. Da ist auch noch die Sextener Sonnenuhr, fantastische Kulisse des Fischleintals - Neuner (2582 m), Zehner (Rotwand, 2965 m), Elfer (3092 m), Zwölfer (3094 m), Einser (2698 m). All das und noch einiges mehr gibt es zu sehen, zu bestaunen auf dieser Runde.
Zur Zsigmondyhütte.
Die Wanderung startet flach, führt auf einer Sandpiste hinein in die große Felskulisse. Rechts ragt das zerklüftete Riesenmassiv der Dreischusterspitze (3145 m) in den Morgenhimmel, halblinks steht über grünen Hängen die Rotwand (2965 m), und ganz hinten über dem innersten Bacherntal ist es das Felsdreieck des Hochleist (2413 m), das die Blicke auf sich zieht. Für Spaziergänger und Ausflügler ist an der Talschlußhütte (1526 m) in der Regel Ein- und Umkehrpunkt, für Wanderer mit dem Zwischenziel Zsigmondyhütte heißt es nun: bergauf! Der breite schotterige Weg steigt zunächst an gegen die Mündung des Altensteiner Tals, wo er sich gabelt (Tafeln). Sein linker Ast führt über den Bach und zieht schräg aufwärts zu einer Geländeschulter. Es folgen ein paar Kehren, dann geht’s weniger steil unter den Felsen des Einsers taleinwärts. Links kommt das gewaltige Massiv des Elfers (3092 m) ins Blickfeld; im Talhintergrund dominiert immer noch der Hochleist, der sich später als ein echter »Hochstapler« entpuppen wird. Nach einem kleinen, recht steinigen Zwischenanstieg geht dann endlich »der Vorhang auf«, steht er da, der Zwölfer (3094 m), einer der ganz großen Dolomitengipfel, unverkennbar mit seinem Dreiecksprofil und dem kantigen Zacken des Kleinen Zwölfers an seiner linken Flanke. Im Vergleich wirkt der Hochleist nun doch ziemlich mickrig, und dieser Eindruck verstärkt sich noch beim Anstieg über die letzten Kehren unterhalb der Zsigmondyhütte (2224 m; 2.30 Std.).
Emil und Emilio.
Offiziell heißt das Haus, das auf einer aussichtsreichen Kuppe über dem innersten Bacherntal steht, Rifugio Zsigmondy-Comici. Ein Vorgängerbau, 1886 vom Österreichischen Alpenklub errichtet, wurde zu Beginn des Ersten Weltkrieges in Brand geschossen. Die CAI-Sektion Padua baute das Haus 1926 wieder auf und benannte es – dem Zeitgeist folgend – nach Benito Mussolini. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Hütte geplündert und stark beschädigt, nach Kriegsende aber umgehend wieder aufgebaut.
Der Wiener Emil Zsigmondy (1861–85) gehört zu den großen Pionieren des führerlosen Bergsteigens; er war unter anderem Erstbesteiger der Croda da Lago in den Ampezzaner Dolomiten und schrieb mit 20 Jahren ein Standardwerk seiner Zeit: »Gefahren in den Alpen«. Doppelt tragisch, dass gerade er viel zu früh in den Bergen verunglückte – nach einem Seilriss in der Südwand der Meije. Nach ihm ist eine Erhebung im Elfermassiv, der Zsigmondykopf (2998 m), benannt. Ein ähnliches Schicksal traf Emilio Comici (1901–40), einen Kletterpionier des VI. Grades und Erstbezwinger der Große-Zinne-Nordwand. Er stürzte beim Riss einer Reepschnur in den Felsen oberhalb von Wolkenstein zu Tode.
Der Alpiniweg zwischen Sandbühel- und Oberbachernjoch.
Von der Zsigmondyhütte folgt man zunächst der Mulattiera, die über das nur mehr spärlich begrünte Karstgelände gegen das Oberbachernjoch ansteigt. In der Karmulde unterhalb der Scharte weist eine Tafel nach links. Eine Geröllspur leitet in einem weiten Bogen, zuletzt auf recht beweglicher Unterlage, hinauf ins Sandbüheljoch (2530 m) mit Prachtblick auf den Zwölfer. Was für ein Kontrast zwischen dem Sandhaufen (Sandbühel, 2607 m) und der herrlichen Felsgestalt!
An der Senke weist ein Holzschild auf den von italienischen Truppen angelegten Weg. Er folgt, die natürliche Deckung des Grates nutzend, dem in den Kriegsjahren stark befestigten Kamm bis hinüber ins Oberbachernjoch (2519 m). Die exponierten Passagen sind mit neuen Drahtseilsicherungen versehen. Immer wieder bieten sich faszinierende Aus- und Tiefblicke: zu den Drei Zinnen, die aus dieser Perspektive wie ein einzelner, schlanker Turm erscheinen, auf den Zackenwald der Cadini und die gesamte, einmalige Kulisse des Bacherntals. Dunkle Stollenlöcher führen durch den Fels zu MG-Nestern und Beobachtungslöchern; Kavernen dienten als beschusssichere Unterkünfte.
Oberbachernspitze.
Gleich hinter der gemütlichen Büllelejochhütte (2518m; 4.15 Std.), gut fünf Minuten vom Oberbachernjoch, beginnt der Anstieg zur Östlichen Oberbachernspitze (2677 m). Rote Punkte und Steinmännchen leiten über das wellige Karrengelände sanft bergan, dann rechts an dem Buckel des Panettone vorbei zum Gratabbruch. Steigspuren führen im Bereich des Westgipfels (2635 m) zu den vordersten italienischen Feldwachen.
Der Gipfelweg schneidet einen Gratzacken (Schützengraben), tangiert die ostseitige Scharte und führt dann durch einen Stollen (kann umgangen werden) in die schrofigen Südhänge der Mittleren (2675 m) und Öst-lichen Oberbachernspitze (2677 m). Beide Kuppen lassen sich auf Steigspuren leicht besteigen (5Std.). Ein schwindelnd tiefer Grateinschnitt trennt letzteren vom Einser (2698 m). Der machte 2007 Schlagzeilen: Aus seiner Gipfelflanke lösten sich rund 60 000 Kubikmeter Fels und donnerten ins Tal. Zu Schaden kam glücklicherweise niemand; das Gestein riss aber eine mächtige Schneise in die Latschen.
Abstieg ins Fischleintal.
Er führt zurück zur Büllelejochhütte und vom Oberbachernjoch (2519 m) auf dem viel begangenen, etwas rauen Weg hinunter zur Zsigmondyhütte. Für den weiteren Abstieg bietet sich eine reizvolle, allerdings nicht bezeichnete Variante an. Sie zweigt etwa eine Viertelstunde unterhalb des Schutzhauses (bei ca. 2050 m) rechts ab und führt in ein paar Schleifen über den steinigen Hang hinunter in den Grund des Bacherntals. Nun links des Bachs auf einem deutlichen Steig talauswärts, im Mündungsbereich zweimal übers Wasser und dannauf einer Schotterpiste zur Talschlußhütte (1526 m). Während des Abstiegs wächst ein »alter Bekannter« immer höher in den Himmel: der Hochleist – doch ein Großer der Sextener Dolomiten?
Auf der Sandstraße wandert man über den Fischleinboden zurück zum Wanderparkplatz beim Hotel Dolomitenhof (1454 m; 7.45 Std.).

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour18 km
Höhenunterschied1300 m
Dauer7.00 h
Schwierigkeit
StartortSexten (1316 m), Ferienort im gleichnamigen Dolomitental
AusgangspunktWanderparkplatz Fischleinboden (1454 m)
EndpunktWie Ausgangspunkt.
TourencharakterBereits ein kurzer Blick auf die Landkarte macht deutlich, dass die strategischen Vorteile im Bereich des Bachern- und Altensteintals ganz auf Seiten der Italiener lagen. Sie hielten die wichtigsten Höhen besetzt, so neben dem Elfer den Verbindungsgrat vom Zwölfer zum Büllelejoch, die Ober-bachernspitzen, den Paternkofel und den Sextener Stein. Lediglich am Toblinger Knoten saßen k. u. k. Truppen, die vom Innerfeldtal aus versorgt wurden. Ein Netz von Straßen, Seilbahnen und Maultierwegen sicherte den Nachschub der Italiener. Auch bei der mittlerweile modern ausgebauten »Drei-Zinnen-Straße« von Misurina herauf handelt es sich um eine ehemalige Kriegsstraße. Der gesamte Kamm von der Zwölferscharte bis hinüber zum Paternkofel war stark befestigt. Ein gesicherter Steig führte von der Gamsscharte am Grat der Bödenknoten bis zum Büllelejoch; erst jüngst rekonstruiert wurde auch der kunstvoll angelegte Steig, der – teilweise natürliche Felsbänder nutzend – vom Oberbachernjoch ins Sand-büheljoch führt. Den besten Überblick über das gesamte Frontgebiet zwischen Rotwand und Drei Zinnen bietet dann die Östliche Oberbachernspitze (2677 m) mit vielen Stellungsresten am Weg. Sehr gut auszumachen ist in der Westflanke des Elfermassivs der Verlauf eines berühmten Klettersteigs, der ebenfalls in den Kriegsjahren entstand - der »Strada degliAlpini«.
Beste Jahreszeit
KartentippTabacco 1 - 25 000, Blatt 010 »Sextener Dolomiten«
VerkehrsanbindungNach Sexten kommt man von Innichen im Pustertal; im Ortsteil Moos zweigt rechts die Zufahrt zum Fischleinboden ab. Gute Busverbindungen mit Innichen (Bahnhof)
GastronomieTalschlußhütte, Ende Mai bis Mitte Oktober; Tel. 0474/71 06 06. Zsigmondyhütte, Mitte Juni bis Anfang Oktober; Tel. 0474/71 03 58. Büllelejochhütte, Mitte Juni bis Anfang Oktober; Tel. 0337/45 15 17
Tipps
Zitat. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs war der Stahlhelm als effektiver Kopfschutz noch weitgehend unbekannt. An der Alpenfront kamen Helme erst ab 1916 beim k. u. k. Heer in Gebrauch. Es zeigte sich bald, dass dadurch die hohe Zahl von Kopfverletzungen – vielfach hervorgerufen durch die Splitterwirkung des Artilleriefeuers – erheblich reduziert werden konnte. Die Österreicher übernahmen dabei den von deutschen Ingenieuren entwickelten HelmM1916.
Informationen
Gehzeit - Gesamt 7.45 Std. Fischleinboden – Zsigmondyhütte 2.30 Std., Zsigmondyhütte – Sandbüheljoch 1 Std., Kriegssteig 0.45 Std., Büllelejoch – Ober- bachernspitze – Büllelejoch 1.15 Std., Abstieg 2.15 Std.
Tourismusbüro
Tourismusverein, I-39030 Sexten, Dolomitenstraße 45; Tel. +39/0474/71 03 10, info@sexten.it, www.sexten.it

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