Zum Schleigeisspeicher

Hochalpine Bergtour auch über Gletscherausläufer, Abstieg teilweise drahtseilversichert, Trittsicherheit erforderlich; Orientierung bei schlechten Sichtverhältnissen problematisch. (Autor: Eva-Maria Troidl, Stefan Lenz, Ludwig Graßler)
Nach dem Aufbruch vom Tuxer-Joch-Haus wandern wir nun zunächst auf der Zufahrtsstraße zur Hütte bergab in Richtung Sommerbergalm. Der schmale Pfad zum Spannagelhaus (Wegmarkierung 326) zweigt nach nicht ganz zehn Minuten ungefähr auf halber Strecke zur Alm rechts ab. Er ist sehr leicht zu übersehen, also aufgepasst! Nun wandern wir gemächlich auf den Tuxer Ferner zu. Die imposanten Wände der Lärmstange und des Kaserers begrenzen im Westen das Gletscherbecken. Das Gefrorene-Wand-Kees und das Große Riepenkees bilden zusammen die über sechs Quadratkilometer umfassende Fläche des Hintertuxer Gletschers. 110 Meter stark an der tiefsten Stelle und bis zu 1000 Jahre alt ist das Eis, dem wir jetzt entgegenstreben. Zahllose Liftanlagen transportieren die Skibegeisterten zu jeder Jahreszeit in die Eisregion. Kurz nachdem wir vom Fahrweg abgebogen sind, unterqueren wir als erstes die Tuxer-Joch-Lifte. Etwa 15 Minuten später treffen wir auf die Zufahrtsstraße zum Spannagel- und Tuxer-Ferner-Haus, in die wir rechts einschwenken.
Vorbei an gerade erst dem Gletscher entsprungenen Bächen und unter den Anlagen der Kaserer-Lifte und des »Gletscherbus II« hindurch ist der Anstieg zum Spannagel-Haus in einer Stunde geschafft. Müheloser gelangt man hierher unter Benutzung der letztgenannten Kabinenseilbahn, des Gletscherbusses. Hierzu verlassen wir die Fahrstraße zum Tuxer-Joch-Haus nicht, sondern folgen ihr bis zur Sommerbergalm, wo wir uns unter die Skifahrer mischen und mit der Bahn zum Tuxer-Ferner-Haus schweben (Betriebszeiten täglich 8:15–16:30 Uhr). Von dort sind es nur wenige Schritte bergab zum Spannagelhaus. Die Zeitersparnis bei Bahnbenutzung beträgt allerdings höchstens eine Stunde, da sowohl unten beim Einstieg in die Bahn als auch an der Endstation zusätzliche Wegstrecken zu gehen sind (mit Seilbahnbenutzung 5 Std.).
Vom Spannagelhaus aus führt ein zumindest anfangs mit der Markierung 526 gut bezeichneter Weg zur Friesenbergscharte. Auf einer kleinen, abenteuerlichen Hängebrücke aus Holz queren wir bald nach dem Schutzhaus einen Gletscherbach. Im ersten Wegteil geht's über Blockwerk eher gemütlich bergan, später stapfen wir über Firnschnee und Geröll, das den östlichen Ausläufer des Gefrorenen-Wand-Keeses teilweise bedeckt, steiler hinauf. Wegmarken sind im letzten Teil des Aufstiegs kaum noch auszumachen, deswegen halten wir bei guter Sicht nach dem Markierungspfosten im Schartendurchgang Ausschau, auf den wir direkt zusteuern. Bei schlechter Sicht allerdings ist der mannsbreite Übergang zwischen den steilen Felszacken nicht ganz so einfach zu finden. Am Scheitelpunkt der Friesenbergscharte öffnet sich ein neuer, entzückender Ausblick. Wie ein Auge in der Landschaft schaut der Friesenbergsee neben der kleinen Berghütte herauf. Dahinter erstrecken sich zu beiden Seiten des Greinerkammes die tiefen Furchen des Zemmgrundes und Schlegeisgrundes. Der Abstieg auf der anderen Seite beginnt steil und ist mit Klammern und Drahtseilen versehen, doch haben wir dieses Teilstück bereits nach wenigen Minuten hinter uns gebracht. Bei der Weggabelung, auf die wir hier gleich unweit der Scharte treffen, halten wir uns links Richtung Friesenberghaus (nach rechts Abzweigung zur Olpererhütte, alternative Übernachtungsmöglichkeit, Gehzeit zwei Stunden über Berliner Höhenweg, Markierung 526). Die Einkehr dort nutzen wir diesmal nicht ausschließlich zur Erfrischung, sondern sie sollte uns auch Gelegenheit zu einer kurzen Besinnung sein über die wechselvolle Geschichte dieser Hütte und der Menschen, die sie erbaut haben. In den Jahren 1921 bis 1924 beginnt das dunkelste Kapitel der alpinen Vereine mit der zunehmenden Ausgrenzung der jüdischen Bergfreunde und allen, die zu ihnen hielten. Vor allem norddeutsche Sektionen, insbesondere die Sektion Berlin, wehrten sich bis zuletzt gegen die angestrebte Arisierung des DÖAV. Letztendlich wurden die unerwünschten Bergkameraden jedoch ausgeschlossen und durften vorhandene Schutzhütten nicht mehr betreten. Sie waren daher gezwungen, eigene zu errichten, zu denen das 1931 fertig gestellte Friesenberghaus gehört. Im Jahre 1938 wurde das Haus schließlich enteignet und der Wehrmacht überlassen, die es als Ausbildungsstätte nutzte. Nach dem Krieg erhielten die ehemaligen Besitzer das Friesenberghaus zurück, doch zu wenige hatten die Herrschaft der Nationalsozialisten überlebt. Deshalb wurde das Friesenberghaus 1968 der Sektion Berlin anvertraut, die es bis heute betreibt.
Nach unserer Rast schlendern wir auf dem sehr bequemen und gepflegten Weg 532 in knapp zwei Stunden zu unserem Übernachtungsdomizil, der neuen Dominikushütte am Schlegeisspeicher. Das alte Haus musste den Fluten weichen, als der Stausee 1972 fertig gestellt wurde. Bei einem Abendspaziergang zur Staumauer können wir uns anhand der dort aufgestellten Hinweistafeln über technische Details des künstlichen Sees informieren, der ein bisschen an einen norwegischen Fjord erinnert.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour12 km
Höhenunterschied1340 m
Dauer6.00 h
Schwierigkeit
AusgangspunktTuxer-Joch-Haus.
EndpunktDominikushütte oder Olpererhütte.
TourencharakterAuf unserem Weg von München nach Venedig passieren wir heute das erste und einzige Mal das ewige Eis der Gletscher, wenn wir mit der Friesenbergscharte (2910 m) den höchsten Punkt der gesamten Wegstrecke überschreiten. Besondere technische Schwierigkeiten erwarten uns nicht, daher können wir uns – gutes Wetter vorausgesetzt – auf eine erlebnis- und aussichtsreiche Bergfahrt freuen.
Beste Jahreszeit
KartentippKompasswanderkarte 37 Zillertaler und Tuxer Alpen, 1:50 000.
MarkierungenWegmarkierung 326 und 526.
VerkehrsanbindungBusverbindung an der Dominikushütte (Parkplatz Schlegeisspeicher) mehrmals täglich nach Mayrhofen.
GastronomieSpannagelhaus, Friesenberghaus.
Tipps
Eine abenteuerliche Führung mit interessantem Besichtigungsprogramm kann man in der Spannagelhöhle erleben, deren Eingang direkt beim gleichnamigen Schutzhaus zu finden ist. Als geologische Besonderheit verläuft hier eine im Urgestein des Alpenhauptkammes eingebettete Marmorschicht. Während der einstündigen Höhlentour besichtigt man verschiedene Sinterbildungen, Tropfsteine, Kristalle, farbige Marmore und anderes (ganzjährig geöffnet).
Unterkunft
Dominikushütte, Fam. Eder, A-6296 Ginzling, Tel. im Sommer: 05286/52 16, Tel. im Winter: 05286/ 53 35, geöffnet von Mai bis Oktober (Warmwasser, Duschmöglichkeit); Olpererhütte, DAV Sektion Berlin, Tel. 0664/370 67 09, geöffnet Anfang Juni bis Anfang Oktober.
Tourismusbüro
Tourismusverband Mayrhofen, Dursterstraße 225, A-6290 Mayrhofen, Tel. 05285/6 7 60.

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