Zum Rifugio Torre di Pisa

Abwechslungsreiche Wanderrunde, die in felsiges Gelände führt. Trittsicherheit erforderlich, an der Gamsstallscharte kurze gesicherte Passage. Das Latemar bezaubert mit seiner Felsarchitektur; daneben bietet die Tour herrliche Fernblicke. (Autor: Eugen E. Hüsler)
Latemar.
Oben am Zackengrat des Latemar ist es entschieden ruhiger, wie überhaupt diese Berge eher ein Mauerblümchendasein fristen, von Kletterern des brüchigen Gesteins wegen gemieden und auch vom Wandervolk eher wenig beachtet. Zu Unrecht, wie man auf der Runde über die Torre-di-Pisa-Hütte und die Gamsstallscharte sehr schön erleben kann. Die Tour führt mitten hinein in eine bizarre und kontrastreiche Felskulisse. Besonders dekorativ aufgereiht zeigen sich die Türme des Latemar-Nordkamms, der den riesigen Valsordakessel nördlich begrenzt. Wer genauer hinguckt, entdeckt zwischen den Felszähnen dunkle Stellen. Karies? Nein, aber »faules« Eruptivgestein, wesentlich weicher als der Latemarkalk und deshalb stärker verwitternd: das Geheimnis des Sägezahnprofils!
Eine Hütte und ein schiefer Turm.
Die Runde beginnt gemütlich und mit viel Aussicht: Zur Linken hat man die schroffen Felsen des Latemar, nach Westen geht der Blick übers Etschtal hinweg bis zu den fernen Eisriesen der Ortlergruppe. In leichtem Auf und Ab verläuft der Höhenweg südwärts über die weiten Blumenwiesen. Man kreuzt einen Steig, der von der Meierlalm (2037 m) heraufkommt und sich durch das westseitige Kar unter der Cima Valbona (2691 m) fortsetzt (mögliche Alternative – kürzer, aber auch steiler). Das Reiterjoch (1990 m), Übergang vom Eggental ins Val di Fiemme, bleibt rechts unterhalb; der Weg steuert, in etwa die Höhe haltend, die (unsichtbare) Provinzgrenze zum Trentino an. Hier mündet er in den Hüttenzustieg zum kleinen Rifugio Torre di Pisa (2671 m; 2.15 Std.). Mit der rot-weißen Markierung Nr. 516 steigt er, zuletzt recht steinig, am linken Rand eines mächtigen Geröllhangs an zu dem kleinen Haus. Es steht am Hauptkamm des Latemar und bietet eine herrlich freie Sicht nach drei Himmelsrichtungen, von den Eisriesen des Adamello bis in die östlichen Dolomiten. Angesichts eines solchen Panoramas werden sich Genießer leicht zu einer Pause verführen lassen. Die Hütte hat ihren Namen übrigens von einem Felszacken ganz in der Nähe, der mindestens so schief ist wie sein berühmtes Vorbild. Im Gegensatz zu dem weltberühmten Turm in der Toscana denkt hier aber niemand an aufwendige Rettungsmaßnahmen ...
Ein Potemkinsches Dorf?
Von dem felsigen Rücken gleich oberhalb der Hütte ist der Weiterweg gut einzusehen: zunächst kurz abwärts in das Geröllkar unter der Cima Valsorda (2752 m), dann mit einer kleinen Gegensteigung in eine Minischarte an ihrem Ostgrat. Dahinter betritt man den riesigen Valsordakessel, der, verglichen mit der attraktiven Karerseekulisse, fast wie ein Potem-kinsches Dorf wirkt: Geröll, Dolinen, horizontale Bänder und Schrofen – eher wüst als schön, kein senkrechter Fels. Die eleganten Türme, Blickfang auf Zigtausend Fotos, sind auf der Rückseite solide abgestützt – nur sieht das drunten an der Großen Dolomitenstraße keiner.
Ettore Tolomei.
Mitten in dieser Szenerie, die in den westlichen Dolomiten kaum ein Gegenstück hat, erhebt sich ein breiter Felsrücken. Zan de Montagna (2576 m) lese ich auf meiner Karte, Ausgabe 2004. Früher hatte der unscheinbare Buckel einen weniger unverfänglichen Namen: Cima Tolomei, nach Ettore Tolomei (1865–1952) dem fanatisch-uneinsichtigen Kämpfer wider jedes Deutschtum in Süd-tirol. Noch heute begegnet den Urlaubern jenseits des Brenners sein »Lebenswerk«; er war es nämlich, der alle deutschen Orts-, Flur- und Bergnamen (oft ganz willkürlich) ins Italienische übersetzte, um so die Zugehörigkeit des Landes an Etsch und Eisack zur großen Nation Italien zu zementieren. Und dann wird er selbst das Opfer einer Namensänderung ...
Tolomei nahm es auch sonst mit der Wahrheit nicht allzu genau. Im Jahr 1904 bestieg er den Glockenkarkopf (2913 m), bezeichnete sich gleich als Erstbegeher und den Gipfel als nördlichsten Punkt Italiens (Vetta d’Italia), was beides nicht stimmt. In Südtirol ist bis heute die Ansicht verbreitet, der in Details der europäischen Geografie wenig bewanderte amerikanische Präsident Woodrow Wilson hätte sich bei den Friedensverhandlungen von St-Germain durch die Bezeichnung Vetta d’Italia von der Legitimität der italienischen Ansprüche überzeugen lassen.
Ein Gamsstall.
Auf dem Weiterweg, der am Rand des Valsordakessels entlang in die Gamsstallscharte führt, hat man den Hauptkamm des Latemar direkt vor sich. Höchster Zacken ist die Latemarspitze (2842 m); rechts dahinter versteckt sich der Christomannosturm (2800 m). Sein Name erinnert an einen Pionier des Südtiroler Tourismus, Theodor Christomannos (1854–1911). Er war Wiener mit griechischen Vorfahren und kam bald nach Südtirol, wo er das monströse Grand-Hôtel Karersee baute und zu den Initianten der Großen Dolomitenstraße gehörte. Christomannos galt als echter Draufgänger, auch dem weiblichen Geschlecht gegenüber. Aufgrund einer Wette soll er sogar den Ortler in Frack und Lackschuhen bestiegen haben.
Der Wanderer im Latemar ist froh um seine soliden Bergschuhe, die ihm den Überstieg der Gamsstallscharte (2560 m) leichter machen. Denn die ersten Meter leiten durch eine steile Felsrinne (Drahtseil) hinab in den Gamsstall, ein verwirrend-verwinkeltes Felslabyrinth, das seinen Namen nicht ganz zu-fällig trägt (Gämsen). Der gut markierte Weg findet schließlich den Ausstieg in die offene Westflanke des Latemarmassivs. Serpentinenreich steigt man über den erst noch schrofigen, dann grünen Hang ab zur Liftstation Oberholz (2101 m; 4.30 Std.), vor sich weit ausgebreitet das grüne Herz Südtirols bis übers Etschtal hinaus. Und am fernen Horizont blinken die Gletschergipfel von Adamello, Ortler und Ötztaler Alpen.

Bergstation – Rifugio Torre di Pisa 2.15 Std., über die Gamsstallscharte zur Bergstation 2.15 Std. Insgesamt 4.30 Std.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour8 km
Höhenunterschied800 m
Dauer4.00 h
Schwierigkeit
StartortObereggen (1552m), Hotelsiedlung am Fuß des Latemar
AusgangspunktBergstation (2101m) des Sessellifts Obereggen–Oberholz
EndpunktWie Ausgangspunkt
TourencharakterStehender Verkehr, eine verparkte Straße, Menschentrauben und Souvenirstände, an denen allerhand Kitsch angeboten wird; irgendwo plärrt ein Radio, Abfalleimer quellen über – Sommeralltag am Karersee. Dem Ge-wässer scheint es nichts auszumachen; still liegt es in einer felsigen Mulde, umrahmt von dunklem, hochstämmigem Wald, und darüber stechen die bleichen Felsgerippe des Latemar in den blauen Himmel. Ein wunderbares Bild, das schon Sisi, die unglückliche österreichische Kaiserin, entzückte. Wie auch Sir Winston Churchill, den Zigarren rauchenden Kriegspremier Britanniens, der 1949 im Grand-Hôtel Karersee abstieg. Er malte den See, das ist verbürgt; die Gipfel reizten ihn allerdings überhaupt nicht (»no sports!«).
Hinweise
Bergstation – Rifugio Torre di Pisa 2.15 Std., über die Gamsstallscharte zur Bergstation 2.15 Std. Insgesamt 4.30 Std.
KartentippTabacco 1:25000, Blatt 029 »Schlern–Rosengarten–Latemar«
VerkehrsanbindungNach Obereggen gelangt man von Bozen über die Große Dolomitenstraße. Regelmäßige Busverbindung mit der Landeshauptstadt
GastronomieRifugio Torre di Pisa, Mitte Juni bis Ende September, Tel. 0462/501564
Informationen
Heubäder. Natürlich schmeckt ein gut gekühltes Bier nach so einer Tour. Eine ganz andere Art Entspannung, bietet der Ortnerhof in Obereggen: Heubäder. Sie sollen sehr gesund sein und in ihrer Wirkung der Sauna nicht unähnlich; der Kurgast wird dabei »ins dampfende Heu gesteckt«, bis bloß noch der Kopf herausguckt. Natürlich findet nur frisches Gras von der Alm Verwendung. Baden im Heu kann man im Ortnerhof von Ende Juni bis September jeweils von Montag bis Samstag. Weitere Infos durch Familie Pichler, Hotel & Reiterhof Obereggen, I-39050 Obereggen, Tel. +39/0471/615722, www.ortnerhof.it. Heinrich Noé, Berichterstatter der Wiener Neuen Freien Presse, hat vor mehr als einem Jahrhundert eine recht anschauliche Schilderung über den alten Brauch abgeliefert: »Stundenlang verweilen die Bauern im Bad, und die Maß Wein, die in Reichweite steht, wird fleißig nachgefüllt. Viele rauchen auch, und wenn die Leute durch diese Kur vielleicht nicht gesund werden, so ist es doch offenbar, daß sie schon eine schöne Ausstattung an Gesundheit mitgebracht haben, um eine derartige allgemeine Anfeuchtung wochenlang hindurch auszuhalten ...«
Tourismusbüro
I-39050 Obereggen, Tel. +39/0471/615637, obereggen@latemar.it, www.obereggen.com

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