Zum Col Rean

Col dei Baldi – Forcella d’Álleghe (1816m) – Rifugio Coldai (2132m) – Forcella Coldai (2191m) – Forcella di Col Rean (2101m) – Col Rean (2281m) – Forcella di Casamatta (2009m) – Masarè (971m) – Álleghe (Autor: Eugen E. Hüsler)
13 km
650 m
5.00 h
Der VI.Grad.
Die beiden Münchner Emil Solleder und Gustav Lettenbauer schafften 1925 hier erstmals den Durchstieg; diese alpinistische Großtat gilt heute als Geburtsstunde des VI.Kletter-Schwierigkeitsgrads in den Dolo-miten. Sie verwendeten lediglich zwölf Haken und kamen ohne Biwak bis zum Gipfel. Solleder galt als einer der besten Kletterer seiner Zeit; ihm glückten aufsehenerregende Erstbegehungen, unter anderem an der Furchetta-Nordwand (Geislerspitzen) und an der Ostwand des Sass Maor (Pala).
Natürlich ist die »Wand der Wände« die Sensation bei der Wanderung zum Col Rean. Doch tut man gut daran, den Fokus nicht nur auf die Civetta zu richten, denn es gibt zwischen dem Wiesenhügel des Col dei Baldi und der Forcella di Casamatta mehr zu entdecken: bunt-blumige Sehenswürdigkeiten entlang dem Weg, einen historischen Bergsturz, einen stimmungsvollen See und Murmeltiere im Val Civetta. Und immer wieder bieten sich Fernblicke in die Ampezzaner Dolomiten, zum Pelmo, in die Pala, zur Marmolada und zur Sella. Die viel begangenen Wege sind ordentlich markiert, und nur in der Steilrinne unterhalb der Forcella di Casamatta muss man aufpassen, um nicht ins Stolpern zu geraten. Das gilt besonders für jene, die auf der Tissihütte dem »Käutzchen« etwas zu oft zugeprostet haben ...
Zum Rifugio Coldai.
Die Höhenwanderung startet bei der Liftstation am Col dei Baldi (1922m) mit einem Prachtblick auf den Monte Pelmo. Der mächtige Nachbar der Civetta bleibt auch beim sanften Abstieg zur Forcella d’Álleghe (1816m) zeitweise im Bild; kaum weniger markant ist das Profil, das im Westen über dem grünen Val Pettorina in den Himmel sticht: jenes der Marmolada.
Am Wiesensattel beginnt der Anstieg zur Coldaihütte (2132m; 1.15Std.); die Mulattiera überwindet in bequemen Schleifen die rund 300Höhenmeter zum Haus. So kommt keine/r außer Atem, und die schöne Aussicht übers Zoldano lässt sich herrlich genießen. Über bewaldeten Hügeln stehen da formschöne, hierzulande aber wohl weitgehend unbekannte Gipfel: Sfornioi, Bosconero, Mezzodì, San Sebastiano.Hinter dem Rifugio steigt der Weg noch kurz an zur Forcella Coldai (2191m), wo man von der Ost- auf die Westseite des Massivs wechselt.
Die Wand.
Jenseits der Scharte liegt in einer Karmulde der kleine Lago Coldai (2143m), in dessen Wassern sich der Nordwestabsturz der Civetta spiegelt. Das monumentale Bild der Wand begleitet den Wanderer auch am Weiterweg, der hinab in das von Bergsturztrümmern übersäte Val Civetta (eigentlich bloß eine weite Karmulde) führt und weiter sanft ansteigend in die Forcella di Col Rean (2107m). Zur Linken hat man die Riesenmauer der Civetta, die sich immer eindrucksvoller ins Bild schiebt, und vor sich die grüne, steil ins Cordévoletal abbrechende Kuppe des Col Rean (2281m) – ein echter Logenplatz vor spektakulärer Szenerie. Knapp unterhalb des Gipfelchens steht das Rifugio Tissi (2262m; 3.15Std.)
Bergsteiger und Volksvertreter.
Die Hütte ist natürlich nicht zufällig nach Attilio Tissi (1900–1959) benannt. Der aus Vallada Agordina stammende Tissi gilt als einer der bedeutendsten Erschließer der Civettagruppe; ihm gelang 1931 zusammen mit seinem Seilgefährten Giovanni Andrich die erste italienische Begehung der Nordwestwandroute von Solleder/Lettenbauer (VI), was damals viel nationalistische Begeisterung für den »sesto grado« entfachte. Die beiden verbuchten zahlreiche Erstbegehungen, unter anderem 1932 an der Nordostwand der Pan de Zucchero. Bei seiner Erstbesteigung des Campanile di Brabante (2252m), eines Felsturms im Civetta-Pelsa-Kamm, befand sich Attilio Tissi in sehr illustrer Gesellschaft; er hatte den belgischen König Leopold am Seil.
Tissi machte auch abseits der Berge Karriere; als überzeugter Antifaschist (den die SS deshalb verhaftete und folterte) gehörte er von 1948–1953 dem italienischen Senat an.
Bergsturz.
Von der Kuppe des Col Rean, keine fünf Gehminuten über der Hütte, hat man freie Sicht auch nach Westen, auf Pala, Marmolada und Sella. In der Tiefe schimmert grün der Lago d’Álleghe (966m). Mit der Civetta als Kulisse galt der See schon während der Pionierzeit des Alpinismus als »eine Idylle in den Dolomiten, wie man sie in dieser Verbindung von Lieblichkeit und Großartigkeit in der ganzen Ausdehnung dieser Gebirgsgruppe nicht wiederfindet«. Die Idylle, von der Paul Grohmann vor 150 Jahren schrieb, entstand allerdings erst durch ein verheerendes Unglück. 1771 ging am Monte Forca ein Bergsturz ab, der mehrere Weiler im Tal zerstörte und den Cordévole aufstaute. Schwere Regenfälle hatten zuvor die zum Tal hin geneigten Werfener Schichten aufgeweicht. Die Abrutschfläche am Osthang des Berges ist vom Col Rean aus noch gut zu erkennen.
Abstieg.
Viel Aussicht bietet auch noch der Weg, der am breiten Südwestgrat hinunter in die Forcella di Casamatta (2009m) führt. Hier wird aus dem guten Weg (vorübergehend) eine steil-steinige Spur, die durch einen felsumstandenen Graben hinabzieht. An seiner Mündung taucht der Pfad in den Wald ein; mit gelegentlichen Ausblicken steigt man über die Scala di Casamatta weiter ab. Hinter dem Graben des Ru Col Alto tauchen die ersten Häuser von Masarè (971m) auf, und auf einer Straße geht’s zuletzt hinunter zum See und auf der Uferpromenade zurück zur Talstation der Civetta-Lifte in Álleghe (5.15Std.).

Col dei Baldi – Rifugio Coldai 1.15Std., zum Col Rean/Rifugio Tissi 2Std., nach Álleghe 3Std. Insgesamt 5.15Std.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour13 km
Höhenunterschied650 m
Dauer5.00 h
Schwierigkeit
StartortÁlleghe (983m), Ferienort am gleichnamigen See
AusgangspunktCol dei Baldi (1922m), Bergstation der Civetta-Lifte. Die Lifte sind in der Regel von Ende Juni bis Anfang September in Betrieb. Zufahrt bis Pian di Pezze (1452m) möglich, 6km ab Álleghe
Endpunktwie Ausgangspunkt
Tourencharakter»Käutzchen« (civetta) heißt der Berg, und aus gebührender Entfernung kann man sich seine ausladenden Grate als Schwingen eines riesigen Vogels vorstellen. Wer von Norden anfährt, sollte den kurzen Abstecher zum Belvedere an der Straße von Caprile nach Selva di Cadore unternehmen. Da zeigt sich die Civetta buchstäblich von ihrer besten Seite: wunderschön. Wer dagegen von der Tissihütte direkt in die Nordwestwand hineinschaut, ist einfach überwältigt von der riesigen gigantischen Felsmauer, 1000Meter hoch und vier Kilometer breit! Schwer vorstellbar, dass es einen Weg durch diese Riesenflucht geben soll.
Beste Jahreszeit
KartentippTabacco 1:25000, Blatt 015 »Marmolada–Pelmo–Civetta–Moiazza«
VerkehrsanbindungÁlleghe liegt im Tal des Cordévole; Anfahrt von der Großen Dolomitenstraße oder von Belluno via Ágordo. Bushaltestelle
GastronomieRifugio Coldai, 20.6.–20.9., Tel. 0437/789160. Rifugio Tissi, 20.Juni bis Anfang Oktober, Tel. 0437/721644

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