Zum Col di Lana

Mehr Höhen- als Gipfelwanderung und entsprechend aussichtsreich. Am Verbindungsgrat zwischen Sief und Col di Lana einige gesicherte Passagen (Klammern, Drahtseile); für ganz Ungeübte deshalb nicht geeignet (Autor: Eugen E. Hüsler)
Rundum schauen.
Um dieses Panorama zu erleben, steigt man vor allem auf den Berg, und wer bei passendem Wetter – etwa an einem Föhntag im Herbst – oben steht, hat sie alle im Blick, die hundert Dolomitzacken zwischen Rosengarten und Antelao (3264 m), zwischen Peitlerkofel (2875 m) und Agnèr (2872 m). Im Südwesten leuchtet der mächtige Firnschild der Marmolada (3343 m), deren Seilbahn man mit einem Fernglas leicht erkennen kann, ebenso wie den riesigen Reflektor auf dem Piz Boè (3152 m), dem höchsten Gipfel des Sellamassivs. Im Südosten dominieren die beiden »Riesen des Zoldano«, Pelmo (3168 m) und Civetta (3220 m), die Szenerie, im Süden die Palazacken. Näher sind die Fanisspitzen (2989 m), die sich über dem kecken Felshorn des Hexensteins erheben; nach rechts schließen dann – hintereinander stehend – die Tofana (3244 m) und der Cristallo (3221 m) an, zwei Große der Ampezzaner Dolomiten. Viel Grün zeigt der nordwestliche Abschnitt der Rundsicht, darüber und dahinter dann aber wieder Felsgrau: die ausgedehnte Pralongià vor den Puezbergen und den Geislerspitzen. Was für eine Schau!
Krieg.
Der Col di Lana ist nicht bloß ein Berg mit großer Aussicht, sondern auch einer mit (trauriger) Geschichte. Im Ersten Weltkrieg war er als ein Eckpfeiler der Dolomitenfront heftig umkämpft. Über hundertmal stürmten die Alpini, die hier einen Durchbruch ins Puster-tal erzwingen wollten, vergebens gegen die österreichischen Stellungen an. Schließlich sprengten sie im Frühling 1916 mit 5000Kilogramm Nitrogelatine den Gipfel samt seiner Besatzung in die Luft. Noch heute gähnt ein tiefer Trichter in der geschundenen Erde; unmittelbar daneben steht eine Gedenkkapelle. Sie wurde 1935 eingeweiht, zu einer Zeit, als die Faschisten Europas bereits die nächste Weltkatastrophe vorbereiteten ...
Die Ereignisse am Col di Lana liegen übrigens dem Film »Berge in Flammen« zugrunde, den Luis Trenker 1931 drehte.
Unter den »Sieben Steinen« hindurch.
Den Auftakt zur Höhenwanderung macht der viertelstündige Abstieg vom Rifugio Valparola (2168 m) – vorbei am gleichnamigen kleinen See – über teilweise sumpfige Wiesen und durch eine kurze, steile Rinne (Drahtseile) auf ein gesichertes Band, das zum Bosco di Vizza hin ausläuft. Unter den zerklüfteten Südabbrüchen der Setsas (»Sieben Steine«) quert das Weglein erst horizontal, dann ansteigend zu dem grasigen Kamm, der den Pico Setsas mit dem Monte Sief verbindet. Dabei genießt man freie Sicht auf das Tal des Cordévole und seine Kulisse mit der Civetta als Blickfang, die hinter dem breiten Rücken des Monte Porè immer schöner ins Bild kommt. Der Pico Setsas (2429 m), schiffsbugähnlicher Vorbau der »Sieben Steine«, wird auch Richthofenriff genannt, nach dem deutschen Geologen Ferdinand von Richthofen (1833–1905). Es handelt sich um eine Verzahnung von Schlerndolomit und Cassianer Schichten, zwei Gesteinen also, die das Landschaftsbild der westlichen Dolomiten mitprägen: harter, kaum geschichteter Kalk und dunkle, weiche Tuffe. Letztere bilden auch die sanftwellige Hochalmregion der Pralongià; sie haben ihren Namen von der Hochabteier Gemeinde St. Kassian.
Kriegsspuren.
Am flachen Siefsattel (2209 m; 1.30 Std.) stößt man auf diverse Frontspuren: verfallene Unterstände, Stacheldraht, Krater. An der Nordflanke des Monte Sief sind die Schützengräben des Ersten Weltkriegs original rekonstruiert worden, teilweise sogar mit den Holzabdeckungen. Und irgendwo vor den schmalen Schießscharten – stellt sich ein Zivilist des frühen 21.Jahrhunderts vor – lauerte der Feind, Tag und Nacht.
Wir genießen die friedliche Atmosphäre, dazu den herrlichen Blick hinüber zur firngleißenden Marmolada, die sich so wirkungsvoll vom schwarzen Vulkangestein des Padònkamms abhebt, und steigen zwischen den Gräben hinauf zum höchsten Punkt des Monte Sief (2424 m; 2.15 Std.). Er besteht aus vergleichsweise weichem Tuffgestein, das zu eher sanften Formen erodiert. Lediglich am benachbarten Dente del Sief (2424 m) zeigt sich schroffer, blockiger Fels. Das Weglein weicht dem Aufschwung nach rechts aus; eine kurze, aber fast senkrechte Passage meistert man leicht an soliden Eisenbügeln. Drahtseile leiten anschließend am Grat entlang sanft abwärts. Auch hier sind ehemalige Schützengräben wiederhergestellt worden. Neu an-gelegte, mit Drahtseilen verankerte Holz-stufen führen zum Gipfelgrat des Col di Lana, über den man rasch den höchsten Punkt gewinnt (2452 m; 2.45 Std.). Knapp darunter steht die kleine Kapelle, etwas abseits am Ansatzpunkt des Ostgrats – ein Denkmal für die Kriegsopfer.
Teriòl Ladin.
Natürlich kann man auf derselben Route zurückgehen; eine empfehlenswerte Alternative bietet aber auch der Teriòl Ladin, ein Wiesenpfad, der die gesamte Westflanke des Col di Lana quert und am Siefsattel (2209 m) wieder in den Hinweg mündet. Man folgt vom Gipfel hinab einem von der Erosion ziemlich gezeichneten Zickzackweg, wobei die Civetta die ungefähre Richtung vorgibt. Allenthalben stößt man auf Stellungsreste und Stollenlöcher. Hinter dem Ciapel de Napoleon, einer felsigen Gratkuppe, die entfernt an die Kopfbedeckung des berühmten Korsen erinnert, biegt man rechts ab und steigt über einen Geröllhang diagonal zum Plan de la Chicia (2125 m) hinunter, wo man auf den Teriòl Ladin stößt. Nun in leichtem Auf und Ab – zur Linken die mächtige Sellaburg – westseitig um den Col di Lana herum (Murmeltiere!). Oberhalb der Pre del Mone entdeckt man die Überreste einer Seilbahnstation aus Kriegszeiten und wenig weiter alte Stellungen. Am Passo di Sief (2209 m; 4.15 Std.) mündet der Teriòl Ladin in den Anstiegsweg. Auf ihm zurück zum Passo di Valparola (5.45 Std.).

Valparolajoch – Siefsattel 1.30 Std., Siefsattel – Monte Sief 45 Min., Monte Sief – Col di Lana 30 Min., Col di Lana – Siefsattel 1.30Std., zum Valparolajoch 1.30 Std. Insgesamt 5.45 Std.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour16 km
Höhenunterschied750 m
Dauer5.00 h
Schwierigkeit
StartortSt.Kassian (1563m), Ferienort im Hochabtei
AusgangspunktValparolajoch (2168m), Straßenpass zwischen dem Hochabtei und dem Ampezzano
EndpunktWie Ausgangspunkt
TourencharakterAuf der Fahrt über die Große Dolomitenstraße dürften ihn die meisten übersehen, gibt es doch links und rechts der berühmten Passstraße entschieden Attraktiveres zu bestaunen als den breit-behäbigen, bis unter den Gipfel grünen Rücken, der sich im Winkel über den Talgräben des Cordévole und des Andrazbachs erhebt. Kein markantes Profil und auch kein Dolomitfels, der Klettermöglichkeiten signalisiert. Aber der größte Vorzug des Col di Lana ist von der Straße aus überhaupt nicht zu erkennen, dazu braucht’s eine Landkarte: seine freie Lage im Zentrum der Dolomiten – und die entsprechend großartige Aussicht.
Hinweise
Valparolajoch – Siefsattel 1.30 Std., Siefsattel – Monte Sief 45 Min., Monte Sief – Col di Lana 30 Min., Col di Lana – Siefsattel 1.30Std., zum Valparolajoch 1.30 Std. Insgesamt 5.45 Std.
KartentippTabacco 1:25000, Blatt 07 »Alta Badia–Arabba–Marmolada«
VerkehrsanbindungVon Stern via St. Kassian hinauf zum Valparolajoch, 14 km. Busverbindung
GastronomieKeine Einkehrmöglichkeit unterwegs. Am Valparolajoch das Rifugio Valparola, Juni bis Oktober, Tel. 0436/866556
Tourismusbüro
Tourismusverband Alta Badia, Col-Alt-Str. 36, I-39033 Corvara, Tel. +39/0471/83 61 76, Fax 83 65 40, info@altabadia.org, www.altabadia.org

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