Zu Fuß auf den Gornergrat

Statt per Bahn zu Fuß auf den schönsten Aussichtsberg des Wallis: entschieden anstrengender, aber auch viel reizvoller. Wem die ganze Tour zu mühsam ist, kann sich auch auf eine Teilbegehung beschränken. Durchwegs gute Wege, unten steiler als oben. (Autor: Eugen E. Hüsler)
11 km
1620 m
5.00 h
Auf den Aussichtsterrassen drängt sich an sommerlichen Schönwettertagen ein bunt gemischtes Publikum aus aller Welt, überwiegend leicht bekleidet und keines schwyzerdütschen Dialekts mächtig. Dafür geht es absolut souverän mit Handys, Camcordern und Digikameras um, auf dass die Schönheit dieses Platzes bis in die hintersten Winkel der Welt getragen werde. Tragen, pardon: befördern lassen sich auch die meisten Besucher hinauf zum Gornergrat, mit der altehrwürdigen Zahnradbahn, die bereits 1898 ihren Betrieb aufnahm. Projektiert wurde sie von dem aus der Innerschweiz stammenden Ingenieur und Topografen Xaver Imfeld, der auch schon am Bau der Bahn nach Zermatt beteiligt gewesen war. Das Unterfangen war zunächst heftig umstritten, fürchteten Führer und Träger aus dem Mattertal doch die Konkurrenz des modernen Transportmittels. Gebaut wurde dann trotzdem, und nach nur drei Sommern konnte die fast zehn Kilometer lange Bergstrecke in Betrieb genommen werden. Zeitweise wurden über 1000 Arbeiter – vor allem Italiener – beschäftigt. Die Gornergratbahn war von Anfang an elektrifiziert, zunächst verkehrte sie allerdings nur im Sommerhalbjahr, ab 1928 dann auch im Winter. Dreißig Jahre später erhielt die Zahnradbahn sogar noch eine Verlängerung, wurden Drahtseile über das Hohtälli bis zum Westgrat des Stockhorns gespannt. 1958 nahm die damals höchste Seilbahn der Schweiz (Bergstation 3413 m) ihren Betrieb auf – um ein halbes Jahrhundert später wieder abgebrochen zu werden. So ist heute am Gornergrat wieder Endstation für alle Bahnfahrer. Eine englische Expedition Gut 1500 Höhenmeter liegen zwischen der Einkaufsmeile von Zermatt und den Sonnenterrassen am Gornergrat. Etwas mehr als eine halbe Stunde dauert die Bergfahrt; Wanderer brauchen da entschieden länger. Und das ist auch gut so, verdient es die grandiose Eis- und Felskulisse von Zermatt doch, dass man sich ihr langsam nähert, Schritt um Schritt. So wird die Wanderung eine lange, aber garantiert nicht langweilige »Bergreis’«, fast im Stile der Vorväter. Man muss sich ja nicht gleich Mark Twain zum Vorbild nehmen, der für seine Besteigung des Riffelberges eine richtige Expedition auf die Beine stellte. Mit von der Partie waren: »Mr. Harris, 1 Tierarzt, 1 Haushofmeister, 17 Bergführer, 4 Wundärzte, 1 Geologe, 1 Botaniker, 3 Feldprediger, 2 Kartenzeichner, 1 Latinist, 12 Kellner, 1 Lakai, 1 Barbier, 1 Küchenmeister, 9 Gehilfen, 4 Konditoren, 1 Zuckerbäcker, 27 Träger, 44 Maultiere und 44 Maultiertreiber, 3 Wäscher und Plätter für Grobwäsche, 1 dto. für Feinwäsche, 7 Kühe und 2 Melker«, insgesamt also 154 Menschen und 51 Tiere. Auch an Proviant und Ausrüstung sparte der Europareisende nicht. Träger und Maultiere schleppten unter anderem »16 Kisten Schinken, 22 Fässer Whisky, 2000 Zigaretten, 1 Tonne Pemmikan, 1 Ballen Verbandszeug, 27 Fäßchen Opiumtinktur, 27 Sprungfedermatratzen, 29 Zelte, 97 Eispickel, 5 Kis ten Dynamit, 7 Büchsen Nitroglyzerin, 22 Leitern je 40 Fuß, 2 Meilen Seil und 154 Regenschirme« auf den Berg. Verluste erlitt das wagemutige Unternehmen keine, mit Ausnahme eines Maultiers, das leichtsinnigerweise versuchte, eine Büchse Nitroglyzerin anzuknabbern und so unfreiwillig der Expedition den Weiterweg frei sprengte. Eine versehentlich ebenfalls zerstörte Alphütte bauten 116 Leute – von Twain angestellt – innert 15 Minuten wieder auf. Gornergrat heute Im Gegensatz zu Twains Expedition von 1879 waren wir 130 Jahre später im echten »Alpinstil« unterwegs. Der Versuchung, im Berghotel Riffelberg eine Pause einzulegen, konnten wir aber nicht widerstehen. Twain wurde, wie er in seinen Aufzeichnungen vermerkt, mit seiner Karawane herzlich willkommen geheißen, »was uns für alle unsere Entbehrungen und Leiden entschädigte. Der Aufstieg war bewältigt, und die Namen und Daten sind jetzt dort auf einem steinernen Denkmal verewigt, um es allen zukünftigen Touristen zu verkünden.« Davon gibt es genug, vielleicht zu viele. Jedenfalls bietet die moderne Variante zur historischen Bergreis’ nicht nur herrliche Landschaftsbilder, sondern auch viel Stoff zum Nachdenken: über Weltreisende und konsumierte Natur, über Erschließung und Zerstörung, Skilandschaften im Sommer, schmelzende Gletscher und bröselnde Gipfel. Mitgeliefert bekommt man gratis einen Querschnitt durch Modetrends der Wohlhabenden aus aller Welt. 1. Etappe: zum Riffelberg Die Wanderung beginnt am Bahnhof Zermatt (1605 m), führt zunächst durch die Shoppingmeile des Ortes, dann weiter nach Winkelmatten. Man überquert den Findelbach und folgt dem Moosweg, der eine weite Straßenschleife abkürzt. Bei der Örtlichkeit mit dem schönen Namen In den Bächen quert man das Asphaltband (Wegzeiger). Im Zickzack geht’s nun im Wald kräftig bergan zur Riffelalp (2222 m; 2 Std.), vorbei an zwei Einkehrversuchungen und mit gelegentlichem Matterhorn blick, kurz die Trasse der Gornergratbahn tangierend. Auf der Alp hat man die Baumgrenze hinter sich gelassen, wird aus der (angenehm schattigen) Wald- eine Aussichtswanderung. Sie führt über die Wiesenmulde von Bodmen und das Riffelbord hinauf zum Riffelberg (2566 m; 3 Std.) mit Bahnstation, dem gleichnamigen Hotel und – natürlich – einer herrlichen Aussicht auf den berühmtesten Berg der Alpen. Ein Gedanke gilt hier dem unerschrockenen Chronisten aus Amerika, der uns so eindrucksvoll die Ernsthaftigkeit alpiner Unternehmungen schilderte (»Bummel durch Europa«, 37.–39. Kapitel; Diogenes Verlag, Zürich). 2. Etappe: zum Gornergrat Hinter der Station Riffelberg läuft der Weiterweg – moderat ansteigend – auf den schroff-dunklen Felsbau des Riffelhorns (2927 m) zu, bevor er nach Osten umbiegt und durch einen lang gestreckten Graben den Riffelsee (2757 m; 4 Std.) anpeilt – mit dem Matterhorn im Hintergrund wohl eines der beliebtesten Zermatter Fotosujets. Wer vom See rechts zur Geländekante aufsteigt (10Min.), wird dafür mit einem Prachtblick auf die Grenzviertausender im Süden, vom Monte Rosa (4634 m) bis zum Breithorn, belohnt. Oberhalb des Riffelsees bzw. der Station Rotenboden (2815 m) nähert sich der Weg wieder der Bahntrasse. Das Gelände wird nun zunehmend unwirtlicher, kaum mehr Grün, dafür viel Geröll begleitet die Wanderer auf dem letzten Teilstück. Der massige Steinbau des Gipfelhotels mit seinen beiden unverwechselbaren Kuppeltürmen (Observatorien) ist schon sehr nahe. Vorbei am Bahnhof steigt man über Treppen und einen breiten Kiesweg hinauf zur großen Plattform (3135 m; 5 Std.) und zum ganz großen Panorama, dem vielleicht schönsten der Alpen.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour11 km
Höhenunterschied1620 m
Dauer5.00 h
Schwierigkeit
StartortZermatt (1616 m)
AusgangspunktBahnhof Zermatt (1605 m)
EndpunktGornergrat (3135 m)
TourencharakterAuf einer Hitliste der schönsten Aussichtspunkte der Alpen stünde der steinige Rücken über Zermatt, der nicht einmal ein richtiger Gipfel ist, bestimmt ganz vorne – und das zu Recht. Ebenso sicher gehört der Gornergrat (3135 m) zu den Top Ten, was die Besucherzahlen angeht.
KartentippSwisstopo 1:50 000, Blatt 284 T
MarkierungenSchwarze Wegzeiger
VerkehrsanbindungNach Zermatt kommt man von Visp (Gratisparkplätze) am bequemsten per Bahn. Alternativ ab Täsch (Endpunkt der Talstraße, riesiges Parkhaus) auch mit dem Shuttle- Zug.
GastronomieWeg von Zermatt zur Riffelalp. Hotel Riffelberg, Tel. 027/966 65 00, www.matterhorn-group.ch. Kulmhotel Gornergrat, Tel. 027/966 64 00, www.matterhorn-group.ch
Tipps
Guet Nacht! Wenn abends das letzte Züglein die Zahnstange unter die Räder genommen hat und talwärts entschwindet, kehrt auch am Gornergrat Ruhe ein. Die Sonne steht schon weit im Westen, im jüngst renovierten Kulmhotel wird bald zum Sunset-Dinner aufgetischt. Und wer frühmorgens rechtzeitig aus den Federn kommt, kann zuschauen, wie die ersten Sonnenstrahlen an der Felspyramide des Matterhorns züngeln und den Grenzgletscher rosa verfärben: Wunder der Berge, Walliser Wunder. Kulmhotel Gornergrat, CH-3900 Zermatt, Tel. 027/966 64 00, www.matterhorn-group.ch
Informationen
Tourist-Info Zermatt Tourismus, CH-3920 Zermatt, Tel. 027/966 81 01, E-Mail: info@zermatt.ch, www.zermatt.ch