Zu den Viles im ladinischen Dolomitental

Mittelschwere Wanderung auf breiten, asphaltierten Wirtschaftswegen (kaum

Verkehr) und Wiesenpfaden mit ca. 260 Hm Differenz. (Autor: Peter Mertz)
7 km
260 m
3.00 h
Historische Bauformen Bevor wir die Wanderung beginnen, ist es notwendig, einiges über die Bauformen zu wissen, denen wir an den Gebäuden entlang der Wanderrunde begegnen. Denn die Hofformen, die sich über Jahrhunderte hinweg im Zuge der Besiedelung der Gebirgstäler entwickelt haben, stellen heute ein wichtiges Kulturgut dar, das bewahrt und restauriert wird. Die Siedlungsstruktur ist im Wesentlichen von geschlossenen Siedlungsformen gekennzeichnet, die über die Sonnenhänge verteilt sind. Sie umfassen meist maximal zehn Häuser oder Paarhöfe, die oft wie Festungen oder Nester an den Steilhängen kleben. Es gibt nur sehr enge Durchgänge, die zu den Feldern führen, während das Zentrum ein Platz mit Brunnen, Backofen und Brennholzlagerstelle für den Winter ist. Der einzelne landwirtschaftliche Betrieb bildet die kleinste Einheit und besteht zumeist aus zwei voneinander getrennten Gebäuden, nämlich Wohnhaus und Stall oder Stadel, die eng beisammenstehen und eine funktionale Einheit ergeben. Die Anlageform der Weiler richtet sich meist nach den topografischen Gegebenheiten des Hanges und kann streng konzentrisch bis asymmetrisch um den zentralen Platz angeordnet sein. Die Höfe wurden fast zur Gänze aus Holz errichtet, Ausnahmen bilden nur die »Mairhöfe«, die mit der mittelalterlichen Feudalherrschaft in Zusammenhang stehen, und Gebäude mit öffent-licher Funktion, wie zum Beispiel Gerichts-gebäude. Diese Gebäude sind größer und heben sich durch die gemauerten Fronten von den übrigen ab. Typisch für sämtliche Häuser ist die sonnige Lage, ihr stufenförmiger Bau, die nach Südost ausgerichtete Stube (stüa, stea) und der »mogun« (gemauerter Ofen). Die Häuser des Gadertals gehen nicht weiter als bis ins 16. Jahrhundert zurück. Als charakteristische Form gilt die Pilzform mit zwei Geschossen. Über einem Untergeschoss aus Steinquadern kragt ein Holzaufbau weit vor. Den Eingang zum Keller bildet eine romanische Rundbogentür, darauf folgt der rätische Gewölbegang. Die Kellerdecke wird von einem einzigen, kunstvoll geschmückten Lärchenstamm gestützt. Im Obergeschoss befinden sich Küche, Stube, Labe und die Kammern. Das nicht ausgebaute Dachgeschoss wird von einem 18–20° geneigten Satteldach mit Lärchenschindelbedeckung abgeschlossen. Rundherum läuft die »sorá«, eine balkonartige Umkragung zum Nachreifen der Feldfrüchte. Diese Charakteristika haben sich fast ein Jahrtausend lang erhalten und die Bauweise der Höfe im Gadertal maßgeblich bis in die heutige Zeit geprägt.Zu den Viles bei Enneberg Die etwa zehn Kilometer lange Rundwanderung beginnt in Enneberg Pfarre (1284 m), einer größeren Siedlung, die vier Kilometer oberhalb von Enneberg auf dem Sonnenhang liegt und bereits zu Beginn des 12. Jahrhundert bestand. Hier stoßen wir auf das im gotischen Stil errichtete Herrschaftsgebäude der Herren von Moreck, in dem das Gasthaus »Trebo« untergebracht ist. Vorbei an der Kirche biegen wir nach links in die Richtung Pliscia führende Straße und wandern nach Brach (1304 m), dem ersten Weiler auf unserer Höfewanderung. Fast eben und von Eschen gesäumt queren wir an den steilen Hängen entlang, die von abgezäunten Feldern geprägt sind. In Brach fällt der Steinbau rechts der Straße auf, der in der Geschichte des Gadertals eine besondere Rolle gespielt und den Herren von Brach gehört hatte. Der Ansitz brannte 1958 ab und wurde restauriert. Wir folgen der Straße links abwärts und laufen in einen bewaldeten Hangeinschnitt hinein, in dem wir auf eine alte, besonders schöne Mühle treffen, die heute noch in Betrieb ist. Danach verlassen wir die Straße nach Pliscia und wandern aufwärts dem Weiler Ciaseles entgegen. Dies ist nun der erste typische Weiler auf der Rundwanderung, der nach wie vor einen außerordentlichen Eindruck der Geschlossenheit vermittelt. Ciaseles ist vor mehr als 100 Jahren vollständig niedergebrannt und an derselben Stelle in gleicher Bauart unter Verwendung der ursprünglichen Baustoffe wieder errichtet worden. Wir benutzen die engen Durchgänge, um ans Westende zu gelangen, wo oberhalb des Hauptplatzes der Weg in die Wiesenhänge hinausführt.Hinauf nach Frontü Am Weg nach Val und Corterëi genießen wir herrliche Ausblicke über die steilen Wiesenhänge hinab auf die Weiler Alnëi und Pliscia mit seinem Kirchlein, während über dem Gadertal der mächtige Peitlerkofel die Kulisse bestimmt. Während wir auf dem von einem Zaun gesäumten Wiesenweg entlangwandern, taucht vor uns ganz oben an den Hängen der Weiler Frontü auf (1544 m). Wir folgen den Wirtschaftswegen vorbei an Corterëi und können einen Abstecher in diese kleine, bestens erhaltene Siedlung unternehmen, wobei wir etwa 180 Höhenmeter ab Ciaseles überwinden müssen. Frontü besticht durch die Stadelbrücken an der Bergseite sowie durch die Schindeldächer und die lineare Anordnung der Höfe am Steilhang. Am Ortseingang steht der Backofen. Wir gehen bis zur Haarnadelkurve zurück, um geradeaus in das Tal des Brachbachs zu wandern, wo wieder eine Mühle erhalten blieb. Dann folgen wir der Straße nach links hinauf in Richtung Biëi Defora (1449 m). Dies ist ein typisches Einzelgehöft in gotischem Baustil. Wir durchqueren den Hof und wandern nun auf einem terrassierten Wiesenweg durch das steile Kulturgelände zum Weiler Biëi Daéte (1485 m). Dabei genießen wir herrliche Blicke hinab auf Pfarre, unseren Ausgangspunkt, St. Vigil und das Rautal samt den Ausläufern der Fanes-Dolomiten. Biëi Daéte gilt als Kleinod unter den Viles und weist eine besonders beeindruckende Homogenität auf. Der alte Siedlungskern besteht aus drei Häusern und wurde im 19. Jahrhundert um zwei Gebäude erweitert. Ein Fahrweg bringt uns fast eben ins benachbarte Fordora (1488 m) hinüber, das über einige der prachtvollsten Holzbauten des gesamten Gebiets und sogar über ein spätromanisches Haus verfügt. Bei einer Weggabelung können wir noch geradeaus taleinwärts in 30 Minuten bis Frena gelangen, das durch seine lineare Struktur besonders interessant ist, oder nach rechts über einen teils befestigten Wiesenweg in Richtung Pfarre absteigen. Dabei kommen wir bald nach La Costa und später Cianorè, zwei weitere kleinere Siedlungen am Enneberger Sonnenhang. Schließlich endet unsere kurzweilige Höfetour in Enneberg Pfarre unmittelbar bei der Kirche.

Rundwanderung; 1. Hälfte bis zur Mühle im Brachtal 1.30 Std., 2. Hälfte mit Rückweg 1.30 Std.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour7 km
Höhenunterschied260 m
Dauer3.00 h
AusgangspunktEnneberg Pfarre (1284 m).
EndpunktEnneberg Pfarre (1284 m).
TourencharakterWanderung im ladinischen Dolomitental Das Gadertal ist eines der

vier ladinischen Dolomitentäler, das bei Corvara beginnt und bis Bruneck ins Pustertal reicht. Beim Durchfahren der abwechslungsreichen Talung erleben wir die charakteristische Bergbauernlandschaft an den sonnseitigen Hängen, auf denen schon in früher Zeit eine Vielzahl an Weilern und Höfen entstanden ist. Diese Weiler, eingebettet in Wiesen und Äcker, aber auch an sehr steilen Hängen gelegen, werden ladinisch »viles« genannt. Die ein-

samen Höfe sind meist durch eschengesäumte Hohlwege verbunden, durch tiefe Bacheinschnitte voneinander getrennt oder von dichten Hochwäldern oder lichten Lärchenwaldungen gekrönt. Die extreme Steilheit und das harmonische Ineinandergehen der Felder, Geländerücken und Plateaus beeindruckt sofort, wenn man sich zu Fuß auf einem der Sonnenhänge bewegt. Diese Wanderung umfasst einen für diese Landschaft exemplarisch geltenden Rundweg, der im nördlichen Gadertal am Sonnenhang von Enneberg beginnt und zu mehreren Viles in der Umgebung von Enneberg Pfarre hinführt.
KartentippFreytag & Berndt, Blatt WKS 3, 1:50 000.
MarkierungenAb und zu Wegweiser für den Themenweg »Roda de Viles«, Wanderwegmarkierung; ab und zu Ortsschilder am Eingang zu den Weilern.
VerkehrsanbindungVon Bruneck oder von Corvara/St. Martin in Thurn kommend bis Zwischenwasser, dort Richtung St. Vigil abzweigen; in St. Vigil auf die Straße Richtung Furkelsattel, von dieser Straße nach Enneberg Pfarre (4 km ab St. Vigil); Achtung: in Pfarre nur wenig Parkmöglichkeiten. Anfahrt mit dem Bus Mit der Bahn von Brixen oder Innichen nach Bruneck; Buslinie 407 von Bruneck-Bahnhof bis Enneberg Pfarre, Buslinie 405 bis St. Vigil in Enneberg.
GastronomieGasthof in Enneberg Pfarre, unterwegs keine Einkehrmöglichkeit.
Informationen
MuseumLadin in St. Martin in Thurn Das MuseumLadin befasst sich mit der Bewahrung des ladinischen Kulturguts innerhalb der Dolomitentäler. Der Gang durch das Museum beleuchtet einschneidende Einflüsse des überregionalen Geschehens und lenkt den Blick auf die Wechselbeziehung zwischen Landschaftsformen und Lebensweisen. MuseumLadin im Ciastel de Tor, Palmsonntag bis 31.10.: Di–Sa 10–18 Uhr, So 14–18 Uhr; 26.12. bis Palmsonntag: Mi–Fr 14–18 Uhr, www.museumladin.it, info@museumladin.it

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