Zermatter Spaziergang

Ausgedehnter Spaziergang in und um Zermatt, der interessante Eindrücke vermittelt, alpine und andere. Bergausrüstung nicht notwendig, aber wenigstens ordentliche Schuhe. Wem leicht schwindelig wird, der lässt die Gornerschlucht aus. (Autor: Eugen E. Hüsler)
7 km
240 m
3.00 h
So ist es nur logisch, dass Besucher zuerst einmal die Bauhöfe am Ortseingang zu Gesicht bekommen – noch vor dem weltberühmten Gipfel. Ganz stilgerecht ist dafür die Anreise vom Autoterminal in Täsch mit dem komfortablen, blitzsauberen Shuttle. Die Passagiere werden in gleich drei Sprachen begrüßt, und die nette Frauenstimme wünscht einem vor der Einfahrt in den Bahnhof Zermatt (der übrigens nächstens um- bzw. ausgebaut werden soll) noch: »A nice day!« Draußen wuselt es gewaltig, surren die Elektromobile, wartet eine Kutsche des Vier-Sterne-Etablissements auf Gäste aus Fernost. Dazwischen ein paar ungewaschene Gestalten mit großen Rucksäcken, brauner Haut und sonnenverbrannten Nasen: Alpinisten, zurück von einem jener Gipfel, die für die meisten Besucher unerreichbar bleiben. Macht nichts, man ist nicht hier, um sich im Stil Whympers in Lebensgefahr zu begeben: Schauen, natürlich fotografieren und ein Souvenir darf’s auch noch sein. Manche heben einfach die Hotelrechnung auf, das macht sich immer gut; das Loch im Portemonnaie ist möglicherweise fast so groß wie die 4000 und mehr Das ist möglicherweise der Grund, weshalb die Zermatter möglichst hoch hinaus wollen. All die Viertausender rundum sind offensichtlich immer noch einer zu wenig. Wie sonst sollte man sich die hirnrissige Idee erklären, einen über 100 Meter hohen Stahl- und Glasturm auf das Kleine Matterhorn zu setzen, um so einen weiteren Viertausender zu erschaffen? Die Idee dafür stammt übrigens von einem Zermatter, der vor zehn Jahren bereits einmal ganz oben ankommen wollte, mit einem utopischen Hotelprojekt. Das »Into-the-Hotel«, als bewohnbare Skulptur geplant, wurde anderthalb Jahre nach der prunkvollen Eröffnung teilweise abgerissen, wegen gravierender Baumängel. Auch Zermatter Bäume wachsen halt nicht immer in den Himmel ... Matterhorn-Blicke Den halten die Viertausender besetzt, allen voran natürlich das Horu, 4477,5 Meter hoch, Sehnsuchtsberg ganzer Generationen von Bergsteigern und vielleicht der meistfotografierte Berg unseres Planeten. Wer ihn (natürlich mit Führer) erklimmen möchte, muss stolze 1369 Schweizer Fränkli hinblättern. Anschauen dagegen ist umsonst und geht in Zermatt fast leichter als wegschauen. Im »Into-the-Hotel« konnte man das sogar von der Badewanne aus tun, ganz relaxt und vielleicht mit der Alpensymphonie von Richard Strauss im Ohr. Alpinhistorie So eine Suite muss man sich erst einmal leisten können. Wir begnügen uns mit einem Spaziergang durch den Ort, steigen hoch gegen die Schweifine-Wand und machen einen Abstecher in die Gornerschlucht. Abschließend tauchen wir dann (buchstäblich) ab in die Geschichte des Ortes: in das unter den Boden verlegte Museum neben der Pfarrkirche. Hier wird – als alpinhistorische Reliquie – in einem Glasschrein jenes Seil aufbewahrt, das am 14. Juli 1865 riss und vier der sieben Matterhorn-Erstbesteiger das Leben kostete. Hörner in allen Variationen Dem weltberühmten Felsprofil entkommt man in Zermatt auch bei wolkenverhangenem Himmel nicht. Es prangt an Hauswänden, schmückt Firmenlogos, das Matterhorn gibt es als Gemälde, gehäkelt und als Schokoladengipfel, es prangt auf Shirts; die Musikgesellschaft Zermatt schmückt sich damit, und im Museum wird eine hübsche Videoschau mit einem aufklappbaren Horu gezeigt. Durchs Dorf Die Sightseeing-Tour beginnt am Bahnhof, wo auch der legendäre Glacier-Express ankommt bzw. abfährt, und führt durch die Bahnhofstraße erst einmal zur Pfarrkirche. Sehenswertes links wie rechts, wenn auch nicht unbedingt Alpinrelevantes: Bars, Hotelentrees, Nobelgeschäfte. Und vieles, was elegant und teuer in den Auslagen auf Käuferinnen wartet, wird auf dem Zermatter Laufsteg der Eitelkeit auch gleich spazieren geführt. Ein paar Schritte hinter dem Kirchplatz beginnt der Weg zum Gasthaus Alterhaupt (1961 m), das wie ein Adlerhorst auf einer Felskanzel über dem Ort thront. Es lohnt sich, zumindest ein Stück weit hochzusteigen. Hat man die letzten Häuser einmal hinter sich gelassen, wird der Blick auf die Alpenstadt frei, die als Konglomerat von protzigen Hotelbauten, Appartements und Geschäftshäusern erscheint. Dazwischen ducken sich da und dort dunkel gebräunte alte Häuser und Stadel; nicht zu übersehen sind die zahlreichen Baukräne, vor allem im Ortsteil Winkelmatten, vor 20 Jahren fast noch eine In die Gornerschlucht Gebaut wurde vor vielen Jahren auch in der Gornerschlucht ganz hinten im Tal, etwa eine halbe Stunde vom Kirchplatz. Ein Steg, dem man zwar sein Alter ansieht, der aber trotzdem gefahrlos zu begehen ist, führt durch die malerische Klamm und über ein paar Stiegen zum Untermoos. Auf einem schönen Weg geht’s anschließend hinab und hinüber zum Ortsteil Winkelmatten, wo man den Findelbach überquert. Rechts der Matter Vispa führt die Schluhmattstraße – vorbei an der Talstation der Seilbahnen zum Klein Matterhorn (3883 m) – zurück in die Ortsmitte, wo man die Matter Vispa nach links zur Pfarrkirche quert. Unterhalb des Gotteshauses liegt der berühmte Bergsteigerfriedhof, für viele Alpinisten letzte Ruhestätte, auch für drei der abgestürzten Erstbesteiger (die Leiche von Lord Francis Douglas wurde nie gefunden). Seit 1865 haben über 400 Alpinisten ihr Leben am Matterhorn verloren. Das Alpine Museum Neben der Pfarrkirche, einem Bau des Historismus (1915), steht der gläserne Pavillon des Matterhorn-Museums. Mit Ausnahme des Eingangsbereiches unterirdisch angelegt, entführt es in eine versunkene Welt (»Zermatlantis«), als Zermatt noch ein Bauerndorf war, das Bergsteigen sein »golden age« erlebte und Alexander Seiler ein Hotelimperium aufbaute. Eine Videoschau ist dem Mythos Matterhorn gewidmet, und der Holzspeicher, der einst als Alpines Museum diente, beherbergt das berühmteste Ausstellungsstück der Alpingeschichte: das gerissene Seil der Erstbesteigung. Geöffnet ist das Museum ab Ostern bis Ende Oktober täglich von 14–18 Uhr, Juli bis September 11–18 Uhr.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour7 km
Höhenunterschied240 m
Dauer3.00 h
Schwierigkeit
StartortZermatt (1616 m)
AusgangspunktBahnhof Zermatt (1605 m)
EndpunktBahnhof Zermatt (1605 m)
TourencharakterZermatt – zur Matte. Dem Namen wohnt – ungewollt – eine gewisse Symbolik inne. Denn der Ort ist gerade dabei, die letzten freien Wiesen im Tal und an den Hängen darüber zu verbauen. Zermatt, Top of Europe, ein Opfer seines Ruhmes? Möglicherweise, denn höher als die Hotelpreise sind hier bloß noch die Baukräne, die von kaum gebremstem Wachstum erzählen.
KartentippSwisstopo 1:50 000, Blatt 284 T
MarkierungenSchwarze und gelbe Wegzeiger
VerkehrsanbindungNach Zermatt kommt man von Visp (Gratisparkplätze) am bequemsten per Bahn. Alternativ ab Täsch (Endpunkt der Talstraße, riesiges Parkhaus) auch mit dem Shuttle- Zug.
Gastronomienatürlich jede Menge Beizen, von einfach bis nobel.
Tipps
Es war einmal »Zermatt, Praborgne (1620mü. M.), ärmliches, in seinen verfallenen Hütten wenig anregendes Dorf m. 480 Einw.« So beginnt der Eintrag im Schweiz-Reiseführer von Berlepsch, dritte Auflage 1878. Besser schneidet dann die Kulisse des Oberwalliser Ortes ab: »Die Lage von Zermatt ist eine der großartigsten, die es überhaupt in den Alpen gibt; sie wird von keiner anderen übertroffen. Obwohl weder der Monte Rosa, noch seine nächsten Trabanten vom Dorfe aus sichtbar sind, so reichen die gigantische Gestalt des Matterhorns und der aus kompaktem Eis bestehende, zerrissene Ausgang des Gorner-Gletschers, der hinter den Holzhäusern wie ein Berg sich aufrichtet, allein aus, eine Umgebungs- Szenerie zu bilden, die beim ersten Anblick überwältigt. Das Dorf selbst bietet nichts als ein typisches Bild gebirgs-walliserischen Lebens.« Der Gletscher hat sich längst weit hinter die Gornerschlucht zurückgezogen, und vom Berglerleben des 19. Jahrhunderts ist nicht mehr viel geblieben. Nur das Matterhorn steht noch, auch wenn ihm Geologen ein (für ihre Begriffe) baldiges Ende prophezeien. Ein stetiger Anstieg der Permafrostgrenze lässt das Gestein bröckeln; im Jahrhundertsommer 2003 musste der Berg nach diversen Bergstürzen sogar für eine Zeit zur Sperrzone erklärt werden. PS: Heute zählt Zermatt gut 5600 Einwohner (ohne Saisonniers), von denen gut ein Drittel Ausländer sind. Rund die Hälfte der Erwerbstätigen ist im Gastgewerbe beschäftigt.
Informationen
Tourist-Info Zermatt Tourismus, CH-3920 Zermatt, Tel. 027/966 81 01, E-Mail: info@zermatt.ch, www.zermatt.ch