Unterwegs am Bindelweg

Ebenso aussichtsreiche wie beliebte Höhenwanderung, keine großen Anstiege, Einkehrmöglichkeiten unterwegs. Glanzpunkt der Wanderung sind die herrlichen Ausblicke auf die stark vergletscherte Marmolada; auch sehr schöne Sicht ins Fassatal. (Autor: Eugen E. Hüsler)
6 km
430 m
2.00 h
Ein Berg mit Geschichte.
Traumziel für Bergsteiger aller Couleur, für Gemäßigte wie Extremkletterer, Anlaufstation auch für jene, die sogar im Sommer nicht aufs Skilaufen verzichten können, und natürlich für eine bunte Schar von Touristen aus aller Herren Länder, die halt einmal oben gewesen sein wollen, am Seilbahngipfel wenigstens, der Punta di Rocca (3309m).
Marmolèda, Berg der Ladiner. Erstbesteiger waren aber keine Ein-heimischen, sondern ein Engländer und ein Wiener: John Ball mit Birk-beck und V.Tairraz 1860 an der Punta di Rocca und – wieder einmal er! – Paul Grohmann am 28.September 1864 zusammen mit seinen Cortineser Führern Angelo und Fulgenzio Dimai am »Sommergipfel« (Punta di Penia, 3343m). Das »Dach der Dolomiten« war erobert.
Arme Marmolada. Nach den Pionieren erschienen die Soldaten; sie bauten Unterstände, gruben sich in Fels und Eis. Gefechtslärm übertönte den Lawinendonner – und der Tod hielt reichliche Ernte. Ein paar Jahrzehnte später kamen andere, allerdings friedliche Invasoren. Auch sie sprengten, bauten um, und eine riesige Seilbahn entstand, von Malga Ciapela herauf bis ans flache Firndach der Punta di Rocca. Sie sollte dem Tal Wohlstand und dem Berg viele Besucher bringen. »Sommer-skilauf« hieß ein Zauberwort, »piu alto delle Dolomiti« dazu, und so wedeln sie am Gletscher hinunter; Chemie hilft etwas nach, und störende Spalten wurden auch mal mit Zivilisationsmüll aufgefüllt.
Die Marmolada-Promenade.
Die beste Aussicht auf den so prominenten Berg bietet der über hundert Jahre alte Bindelweg, einer der beliebtesten Höhenwege der Dolomiten. Benannt wurde er nach Dr.Karl Bindel, Vorstand der Alpenvereinssektion Bamberg, der sich sehr um die Erschließung des Sellamassivs verdient gemacht hatte. Deren Südfront begleitet den Wanderer beim kurzen Anstieg vom Pordoijoch zum Padònkamm, wo man sich dann schon auf Promenadenhöhe befindet.
Berühmt oder einsam.
Der breite, etwas steinige Weg hat seinen Ausgangspunkt direkt am Straßenpass (2239 m); er steigt – vorbei an einer kleinen Kapelle – unter den Felswänden des Sas Becè (2534 m) gegen die Grassenke an seinem Südfuß an. Hat man zunächst Aussicht auf die Sella und weit über das Buchenstein bis zum Tofanamassiv, wird hier der Blick aufs Fassatal, den Rosengarten und – besonders schön – das Langkofelmassiv frei. Wenig weiter, beim Rifugio Fredarola (2388 m; 45 Min.), kommt dann auch die Marmolada mit ihrem unbekannten Begleiter, dem düsteren Gran Vernel (3210 m) ins Bild. Er ist ein treffliches Beispiel dafür, wie nahe in den Dolomiten oft Trubel und Einsamkeit sind. Wenn sich an Schönwettertagen hundert Bergsteiger am »Dach« der Dolomiten einfinden, bleibt es am Nachbargipfel ganz ruhig. Das galt früher auch für zwei andere markante Gipfel über dem Val de Contrin, den Colàc (2715 m), der sich vom Bindelweg aus als steiler Felszahn zeigt, und die Cima dell’Uomo (3010 m), ein mächtiger Felsdom über dem Talinnern mit zersplitterten Graten. Beide erhielten um 1980 einen Klettersteig, was der Bergesruh’ schlagartig ein Ende be-reitete. Jener an der Cima dell’Uomo wurde nach Unfällen wieder abgebaut; in seinen Flanken ist es mittlerweile fast so ruhig wie zu Zeiten der Erstbesteigung (1879). Die geht auf das Konto eines Münchners: Gottfried Merzbacher, geboren im bayerischen Baiersdorf bei Erlangen. Er unternahm später mehrere Forschungsreisen in asiatische Gebirge, unter anderem zum Elbrus und ins Tienschan, wo ein periodisch ausbrechender Gletschersee seinen Namen trägt.
Eis und Krieg.
Der breit ausgebaute Bindelweg hält in etwa die Höhe und läuft quer über die Südhänge des Padònkamms. Bald schon kommt der Fedaiasee (2053 m) ins Blickfeld, und über dem gleichnamigen Straßenpass zeigt sich die Civetta mit ihrer Nordwestwand. Vom Südufer des Stausees führt eine Gondelbahn bis ins Gletschervorfeld (Bergstation 2626 m) der Marmolada. In den letzten hundert Jahren hat sich das Eis um fast 300 Meter zurückgezogen; 1915 reichte es noch bis zum Col dei Boush (2494 m). Damals hallten die Berge vom Kanonendonner wider: Krieg in den Dolomiten. Die Front verlief quer über die Marmolada, und selbst in diesem extrem hochalpinen Gelände wurden Stellungen gebaut, wurde gekämpft. Die Österreicher errichteten am Sass da le Doudes im Innern des Marmoladagletschers eine regelrechte »Eisstadt«, eine Unterkunft für immerhin etwa 240 Mann, mit Verbindungsstollen zur Front-linie unterhalb des Serautakamms und unterirdischem Zugang vom Gletscherrand her. Sie war nicht nur vor feindlichem Beschuss bestens geschützt, sondern auch vor Lawinen. Ganz im Gegensatz zum großen Baracken-lager am Col dei Boush, wo sich im Dezem-ber 1916 das schwerste Lawinenunglück der Alpenfront ereignete. Eine Millionen Kubikmeter Schnee löste sich am Gletscher und fegte in Sekunden das gesamte Barackenlager hinweg. Einige der Hütten wurden bis zu einem halben Kilometer weit durch die Luft geschleudert, 300 Soldaten fanden den Tod.
Einkehr.
Etwa auf halbem Weg zum Fedaiasee wartet das Rifugio Vièl dal Pan (2432 m; 1.15 Std.), beliebte Anlaufstelle für Aussichtswanderer. Die Fortsetzung des Bindel-wegs steuert, etwas an Höhe verlierend, die Gratsenke (2437 m) vor dem Sas de Ciapel (2557 m) an, bleibt aber knapp darunter und quert dann in sanftem Auf und Ab die Südflanke des Hutsteins und der Forfesh (2585 m). An der Weggabelung (links zur Porta Vescovo) hält man sich rechts. Der Bindelweg hält noch kurz die Höhe, steigt dann über den grünen Rücken, der die Pèleswiesen vom Val di Fedaia trennt, ab zur Betonsperre (2054 m; 2.30 Std.) des Fedaia-Stausees. Etwas unterhalb steht auf einem Geländesporn das Rifugio Castiglioni (2044 m). Sein Name erinnert an den hervorragenden Kletterer Ettore Castiglioni, der 1944 am Fornogletscher (Bergell) ums Leben kam.

Pordoijoch – Rifugio Fredarola 45 Min., Bindelweg – Fedaiasee 1.45 Std. Insgesamt 2.30 Std.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour6 km
Höhenunterschied430 m
Dauer2.00 h
Schwierigkeit
StartortCanazei (1440m), großer Ferienort im innersten Fassatal
AusgangspunktPasso Prodoi (2239m), Straßenübergang vom Fassatal ins Livinallongo
EndpunktWie Ausgangspunkt.
TourencharakterDie Marmolada – der Berg schlechthin zwischen Eisack und Piave, der höchste (3343 m) und der einzige mit einem richtigen Gletscher, immerhin fast fünf Quadratkilometer groß, da hätte der Englische Garten von München bequem Platz. Ein Berg mit unverwechselbarem Profil, sanft abdachend nach Norden, eine senkrechte Mauer im Süden. Der Berg mit der längsten und höchsten Seilbahn – und dem ältesten Klettersteig der Dolomiten, Jahrgang 1903.
Hinweise
Pordoijoch – Rifugio Fredarola 45 Min., Bindelweg – Fedaiasee 1.45 Std. Insgesamt 2.30 Std.
KartentippTabacco 1:25000, Blatt 06 »Val di Fassa e Dolomiti Fassane«
VerkehrsanbindungZum Pordoijoch kommt man von Canazei bzw. Arabba über die Große Dolomitenstraße, 12 bzw. 9 km. Gute Busverbindungen über das Pordoijoch (nach Verkehrszeiten der Buslinie Canazei–Fedaiasee vorab beim Tourismusbüro erkundigen!)
GastronomieRifugio Fredarola, Mitte Juni bis Ende September, Tel. 0462/601167. Rifugio Vièl dal Pan, 20.6.–20.9., Tel. 0462/601720. Rifugio Castiglioni, ganzjährig bewirtschaftet, Tel. 0462/601117
Informationen
Polenta. Überall in den Dolomiten, vor allem aber in den ladinischen Tälern, steht die Polenta (bei den Südtirolern heißt sie Plenten) auf der Speisekarte, oft zusammen mit Pilzen. Der Maisbrei galt früher als Arme-Leute-Essen, wird heute aber gerne als Beilage zu Gulasch, Würsten oder Wild serviert. Besonders gut schmeckt sie auf einer Hüttenterrasse mit Blick ins schöne Dolomitenpanorama. Buon appetito!
Tourismusbüro
Ufficio Turistico, Piaz Marconi 5, I-38032 Canazei, Tel. +39/0462/60 96 00, Fax 60 25 02, infocanazei@fassa.com, www.fassa.com

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