Über das Pala-Hochplateau

Gares – Pian delle Comelle – Pian dei Cantoni (2313m) – Rifugio Rosetta (2581m) – Altipiano delle Pale di San Martino – Antermarucol (2334m) – Forcella di Cesurette (1801m) – Capanna Cima Comelle (1333m) – Gares (Autor: Eugen E. Hüsler)
Wasserspiele.
Der Anstieg durchs Val delle Comelle hat Treppenprofil, und auf Steilpassagen folgen jeweils flachere Abschnitte, was recht an-genehm ist, die Gehzeit aber erheblich verlängert. Fast die Hälfte der rund 1200Höhenmeter zur Rosettahütte wird gleich zu Beginn fällig, doch der Weg von Gares (1381m) zum Pian delle Comelle ist sehr abwechslungsreich, sodass hier (noch) keine Müdigkeit aufkommt, und Langeweile schon gar nicht. Zunächst geht’s überwiegend schattig gegen die Cascata di Gares bergan, die über eine senkrechte Felsstufe herabstiebt und vor allem im Sommer ein beeindruckendes Schauspiel abgibt.Der Weiterweg überwindet die beachtliche Fallhöhe in einem weiten Bogen. Am Ansatzpunkt des Wasserfalls betritt man den Orrido delle Comelle, eine schmale Klamm, vom Wasser in Jahrtausenden aus dem Schlern-dolomit gewaschen. Eine solide Brücke leitet über den Bach; im Rückblick zeigt sich sehr schön der grüne Zackengrat der Cima di Pape (2503m). Über Bergsturztrümmer und Geröll geht’s in der Klamm aufwärts, teilweise mit Hilfe von kurzen Leitern und Drahtseilsicherungen. Im Frühsommer liegen hier meist noch Lawinenreste. Bald einmal verstummt das Gurgeln und Rauschen des Wassers: die Karstquelle der Lierna liegt hinter uns.
Pian dei Cantoni.
Nach einem Kilometer öffnet sich die Schlucht zum lang gestreckten Schotterboden des Pian delle Comelle (1.45Std.), den hohe Felswände links und rechts flankieren. Rechts bietet sich kurz ein Blick ins Val Grande, über dem – ganz hinten – die Cima del Focobòn (3054m), ein Dreitausender der Pala-Nordkette, thront.
Drahtseile sichern den Anstieg über die nächste markante Talstufe; nach einem flacheren Intermezzo steigt der Weg nochmals kräftig an zum Pian dei Cantoni (2313m; 4Std.), wo der Sentiero delle Farangole mündet. Wiesengrün ist jetzt weitgehend aus der Kulisse verschwunden; es dominiert Felsgrau, und auf dem Weg liegen kalkweiße Steine: Knochensplitter der Erdkruste.
Das »Matterhorn der Dolomiten«.
Während des letzten Anstiegs zum Plateaurand weitet sich der Horizont ein wenig, kommen die Gipfel der Pala-Nordkette ins Blickfeld. Die Cima della Vezzana (3192m) markiert hier den höchsten Punkt; berühmter und viel schöner ist der Cimòn della Pala (3184m), der gelegentlich als »Matterhorn der Dolomiten« apostrophiert wird. Vor allem von den Wiesen oberhalb des Rollepasses regt der Anblick des eleganten Felshorns durchaus zu einem Vergleich mit dem berühmtesten Berg der Alpen an. Erstbestiegen wurde der Cimòn della Pala im Sommer 1870 von den beiden legendären Führern Santo Siorpaës aus Cortina d’Ampezzo und Christian Lauener aus dem Berner Oberland, die den Engländer E.R.Whitwell am Seil hatten. Sie nahmen – typisch für ihre Zeit – den Weg über das nordseitige Eiscouloir (1870). Dem Trio gelangen übrigens noch zwei Erstbesteigungen in den Dolomiten, am Piz Popena (3152m) und an der Hohen Gaisl (3148m).
Rifugio Rosetta.
Mit der Stille am Anstiegsweg ist es dann vorbei. Im Umfeld der Ro-settahütte (2581m; 5Std.) tummeln sich die Ausflügler, und bei schönem Wetter ist die Terrasse des Hauses stets gut besetzt. Wer noch genügend Schnauf hat, sollte den Abstecher zur Rosetta (2743m) nicht versäumen, bietet der felsige, einem Schiffsbug ähnliche Gipfel, der über dem Cismontal aufragt, doch eine zu Recht viel gerühmte Rundschau.
Altipiano delle Pale di San Martino.
Von hoher Warte aus überschaut man das gesamte Plateau bis hinaus zu den Pale di Balconi, die ihren Namen durchaus zu Recht haben, denn sie markieren den nordöstlichen Rand des Altipiano, das hier über steile Felsflanken in die Täler von Angheraz und Reiane abfällt.
Der Plateau- und Abstiegsweg zweigt wenig unterhalb der Rosettahütte (2581m) vom Sentiero delle Comelle ab (Hinweis). Nach einer leichten Gegensteigung in den wenig ausgeprägten Sattel des Passo delle Comelle führt der steinige Saumpfad, nach und nach an Höhe verlierend, am Nordrand des Altipiano entlang. Dabei bieten sich faszinierende Ausblicke auf die Pala-Nordkette, deren Gipfelzacken über dem Val delle Comelle aufragen. Bei der Weggabelung am Passo Antermarucol (2334m; 6.45Std.) hält man sich rechts und folgt der alten Mulattiera, die erst sanft gegen die Kuppe des Marucol (2362m) ansteigt und sodann, mit freier Sicht auf die Zoldaner und Ampezzaner Dolomiten, zu den Wiesen des Campo Boaro hinabläuft. Hier überquert man unübersehbar eine geologische Grenze, jene vom (hellgrauen) Dolomit zu den dunklen Eruptivgesteinen, aus denen der nahe Sasso Nero (nomen est omen) sowie die Cima di Pape (2503m) aufgebaut sind. Diese hat nicht weniger als drei Namen: Pape, Sanson und Papa. Letzterer erinnert an den aus dem Agordino stammenden unglücklichen Papst Johannes Paul I., der bereits nach 33 Tagen im Amt starb (und um dessen Tod sich bis heute allerlei Gerüchte ranken).
Endlich unten!
Die Fortsetzung des Weges führt in Schleifen bergab in die Forcella Cesurette (1801m), die Wasserscheide zwischen Garestal und Valle di San Lucano. Der weitere Abstieg bietet eine schöne Aussicht auf die Pala-Nordkette; schließlich taucht man ein in den Wald und spaziert hinunter zur Capanna Cima Comelle (1333m). Am gegenüberliegenden Hang liegt, etwas höher, der Weiler Gares (8.30Std.), Ausgangs- und Endpunkt einer zwar anstrengenden, aber sehr genussreichen Tour.

Gares – Pian delle Comelle 1.45Std., zum Pian dei Cantoni 2.15Std., zum Rifugio Rosetta 1Std., zum Antermarucol 1.45Std., zurück nach Gares 1.45Std. Insgesamt 8.30Std.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour19 km
Höhenunterschied1300 m
Dauer8.00 h
Schwierigkeit
StartortCanale d’Agordo (977m), Dorf im Valle dei Biois
AusgangspunktGares (1381m), Weiler im gleichnamigen Tal
Endpunktwie Ausgangspunkt
TourencharakterSommergäste aus San Martino di Castrozza, die am Drahtseil der Funivia zur Rosetta (2743m) hinaufschweben und sich nach dem Gipfelspaziergang im nahen Rifugio Rosetta für die anstehende Talfahrt stärken, treffen da gelegentlich auf ziemlich verschwitzte Gestalten, die mit großem Appetit am Nebentisch ihre Pasta verschlingen: Wanderer, denen der lange Aufstieg durchs Valle delle Comelle in den Knochen steckt. Und vor ihnen liegt ja nicht nur ein Abstieg, sondern erst einmal der weite Weg über das Palaplateau. Immerhin fast 50Quadratkilometer groß ist dieses steinerne Meer, so zerfurcht und knochentrocken, dass man sich (fast) in einer Mondlandschaft wähnt. Aber wollten wir nicht alle irgendwann einmal den Erdtrabanten besuchen, Mann (oder Frau) im Mond sein?
Ein paar Stunden nach dem Ausflug in den alpinen Orbit hat uns dann die Erde wieder, sind wir drunten im Tal, wo es blüht und grünt, die Ackerkrume Essbares hervorbringt. Interessantes Fazit: So dünn ist die Haut unseres Planeten.
Beste Jahreszeit
KartentippTabacco 1:25000, Blatt 022 »Pale di San Martino«
VerkehrsanbindungVon Cencenighe (774m) im Cordévoletal nach Canale d’Agordo und durchs Valle di Gares zum Weiler Gares. Keine Busverbindung!
GastronomieCapanna Cima Comelle, im Sommer bewirtschaftet, Tel. 0437/590896. Rifugio Rosetta, 20.6.–20.9., Tel. 0439/68308

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