Touren rund ums Ingolstädter Haus

Der wilde Nordwestteil des Steinernen Meers und der Dießbachsteig (Autor: Joachim Burghardt)
Das Ingolstädter Haus ist die einzige bewirtschaftete Hütte, die eine ungehinderte Übersicht über die Hochfläche des Steinernen Meeres gewährt. Doch nicht nur diese Eigenschaft macht es zu einem attraktiven Übernachtungsziel. Gleich drei Hüttenberge unterschiedlichen Charakters laden zu einer Gipfelbesteigung ein - der Große Hundstod als dominierender Koloss, der zahme Kleine Hundstod als leichter Wanderhügel und die Schindlköpfe als eher wenig bekannter Doppelgipfel. Alle drei sind über markierte Steige erreichbar und von hohem landschaftlichen Reiz. Abrunden lässt sich dieser ohnehin schon schmackhafte Gipfelreigen durch einen Hüttenzustieg, der zu den anspruchsvollsten und auch längsten in den Berchtesgadener Alpen zählt: Über den Dießbachsteig und vorbei am Dießbachstausee geht es hinauf in die Dießbachscharte, wo das Ingolstädter Haus und die umliegenden Gipfel warten.
Der Dießbachsteig.
Die Tour beginnt bei der unscheinbaren Ansiedlung Diesbach im Saalachtal zwischen Weißbach und Saalfelden, der vierten Häusergruppe nach dem Hauptort von Weißbach. Diesbach wird übrigens in amtlichen Karten mit einfachem »s« geschrieben, während alle davon abhängenden Bezeichnungen wie z. B. »Dießbachstausee« meist mit »ß« erscheinen. Vom Parkplatz direkt links an der Bundesstraße geht es an einem Zaun entlang nördlich zum Waldrand und auf dem Radweg kurz in Richtung Saalfelden, bis links ein Weg in den Wald abzweigt. Das Wanderschild kündigt unmissverständlich an, dass es dieser Hüttenzustieg in sich hat: sechs Stunden, Kategorie schwarz! Weitgehend im Wald, teils auch durch lichtere Steilflanken zieht der Steig nach oben, bleibt dabei immer auf der orographisch rechten Uferseite des Dießbachs und überwindet in seinem Mittelteil einige felsige Steilstufen, wobei auch eine kurze Leiter und Trittstifte helfen. Anschließend wandert man direkt unterhalb der gewaltigen Südostwände des Kopfsteins vorbei, an denen an Schönwetterwochenenden Dutzende Kletterer wie die Fliegen kleben. Diese Kletterrouten haben rein sportklettertechnische Bedeutung und führen auf keinen Gipfel. Schließlich wird der Steig flacher, steile Tiefblicke ins Saalachtal sind nun nicht mehr möglich. Aber man sollte sich nicht täuschen: Erst jetzt wird der Dießbachsteig so richtig unangenehm, verliert wieder einige mühsam erarbeitete Höhenmeter und stellt sich als ein teils verwachsener, auf und ab führender Waldpfad dar. Wer hier zäh bleibt, wird bald entlohnt – denn nun ist es wirklich nicht mehr weit bis zur Einmündung in die breite Fahrstraße, auf der es dann eben zum See geht.
Vom Stausee zur Dießbachscharte.
Auf der Staumauer wechseln wir auf die Südseite des im Jahre 1961 aufgestauten Sees, der die Dießbachalm aus den Landkarten tilgte. Hier erwartet uns die letzte Gemeinheit der Wegführung: Etwa hundert Höhenmeter steigt die Fahrstraße steil über dem See an, um kurz darauf wieder bis zum Ufer abzufallen. Nach diesem Höhenmeterverlust folgt allerdings nur noch Aufstieg, versprochen! Recht gemächlich geht es nun das Dießbachtal hinauf, und einmal noch, auf 1555 Meter Höhe, tangiert die Straße an einer idyllischen Stelle direkt den Dießbach, der mit seinem kühlen Wasser lockt. Bald darauf endet die Straße an der Talstation der Materialseilbahn, und endlich bekommt der Wanderer wieder einen richtigen Bergweg unter die Füße. Auf 1720 Meter Höhe geht es bei der Wegverzweigung rechts ab und hinauf ins einzige schmale Nadelöhr, durch das sich der breite Gürtel der Mitterkaserwand umgehen lässt. Das Gelände wird noch beeindruckender: Direkt unterhalb der Steilabbrüche von Dießbacheck und Kleinem Hundstod führt der schmale, aber unschwierige Pfad hinauf, während rechterhand bizarre Karrenlandschaften einen ersten Vorgeschmack auf das Steinerne Meer bieten. Kurz darauf ist auch schon die Dießbachscharte erreicht, und mit ihr das Ingolstädter Haus, von dem aus der Blick über die Hochfläche des Steinernen Meeres frei wird.
Rund ums Ingolstädter Haus.
Nur wer aus dem Saalachtal heraufgestiegen ist, ermisst jetzt so richtig, dass diese Unterkunftshütte vom Tal aus betrachtet die vielleicht entlegenste in den gesamten Berchtesgadener Alpen ist, vom Matrashaus auf dem Hochkönig einmal abgesehen. Besonders schön ist das Erlebnis der Abendstimmung auf der Hüttenterrasse: Allmählich versinken die Wellen des Steinernen Meeres im abendlichen Grau, während zuletzt noch der mächtige Funtenseetauernstock und die Schönfeldspitze rötlich schimmern.Je nachdem, wie viel Zeit zur Verfügung steht, eröffnen sich vom Ingolstädter Haus aus mehrere lohnende Gipfelmöglichkeiten. Der Kleine Hundstod ist der harmloseste der umliegenden Berge: Der markierte Aufstieg führt in den Sattel zwischen ihm und dem Großen Hundstod, von wo aus sein höchster Punkt in Kürze erreicht wird. Als nahegelegener Aussichtspunkt bietet er sich für einen kurzen Abstecher an.
Der Große Hundstod hingegen ist ein anderes Kaliber. Mit seinen 2594 Metern Höhe dominiert er das gesamte nordwestliche Steinerne Meer und bietet freie Aussichten wie nur wenige Berge ringsum. Der merkwürdige Name rührt wohl von einer alten Sage her: Die blutrünstige Hundemeute des grausamen Herrschers Watzmann, der wegen seiner Lust am Leid anderer in Stein verwandelt wurde, liegt unter den Steinmassen des Berges begraben und gibt manchmal noch Winsellaute von sich. Der Normalweg führt steil und felsig, jedoch ohne wirkliche Kletterei aus dem Sattel zwischen Kleinem und Großem Hundstod direkt über die Südflanke zum Gipfelgrat hinauf. In der Ausgabe 2006 der AV-Karte sind noch zwei weitere Routen rot punktiert verzeichnet, bei denen es sich allerdings um richtiggehende Klettereien II. bis III. Grades handelt. Besonders bemerkenswert am Großen Hundstod ist seine Vielgestaltigkeit: Während er sich von Süden und Norden als breiter Buckel zeigt, erscheint er von Westen als pyramidenförmiger Gipfel mit annähernd senkrechter Westwand, eine der wenigen bedeutenden Felswände im Steinernen Meer. Von Südosten dagegen, etwa vom Weg zwischen Kärlinger und Ingolstädter Haus (vgl. Tour 27), fällt neben dem Hauptgipfel vor allem die namenlose östliche Vorerhebung (2402 m) als steiler Zahn auf.
Abstecher zum Schindlkopf.
Schließlich ist auch eine Besteigung der Schindlköpfe eine lohnenswerte Unternehmung. Vom Ingolstädter Haus verfolgt man kurz den Eichstätter Weg nach Süden und zweigt dann rechts ab. Die Markierungen führen direkt in die Scharte zwischen den beiden Schindlköpfen und enden auf dem höheren, dem Westgipfel. Geübte Bergsteiger gehen manchmal von hier aus südöstlich unterhalb des Grats weiter, um dann mit Hollermaißhorn, Schartenkopf (Tour 25) und den sich daran anschließenden Gipfeln (Tour 24) gleich ein halbes Dutzend Erhebungen zu überschreiten. Die Überschreitung der ersten Felstürme des Grates, der Eggstättenköpfe und des Grünsteins, ist jedoch Kletterern vorbehalten. Ob mit Gipfel oder ohne – das Unterwegssein rund ums Ingolstädter Haus ist ein Erlebnis, wie es sicher nicht jedes Gebirge bieten kann.

GEHZEITEN.
Diesbach – Dießbachsteig – Dießbachstausee 3 Std.; durch das Dießbachtal zur Mitterkaseralm 1 Std., Ingolstädter Haus 1:30 Std., Großer Hundstod hin und zurück 2–2:30 Std., Kleiner Hundstod zusätzlich 0:30 Std., Abstieg ins Tal 4–5 Std.; insgesamt 12–13 Std. (Schindlköpfe zusätzlich 1:30–2 Std.)

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour23 km
Höhenunterschied2150 m
Dauer10.00 h
Schwierigkeit
StartortDiesbach, 681 m, unweit von Weißbach bei Lofer
AusgangspunktDiesbach, 681 m, unweit von Weißbach bei Lofer
EndpunktGroßer Hundstod, 2594 m; Kleiner Hundstod, 2263 m; Schindlköpfe, 2356 m
TourencharakterDer Dießbachsteig ist steil, schmal, stellenweise ausgesetzt und verlangt vereinzelt die Zuhilfenahme der Hände. Der weitere Zustieg zum Ingolstädter Haus ist unschwierig, aber lang und stellenweise mühsam. Die Gipfelbesteigungen sind markiert, teilweise jedoch steil und etwas rutschig (Großer Hundstod). Bei Nässe oder Vereisung heikel! Trittsicherheit und Schwindelfreiheit erforderlich. Hinweis - Der Schwierigkeitsgrad dieser Tour tendiert gegen »schwer«.
Hinweise
BESTE JAHRESZEIT. Juli bis Oktober
KartentippAV-Karte 10/1 »Steinernes Meer« 1 - 25 000 und Topographische Karte »Berchtesgadener Alpen« 1:50 000
VerkehrsanbindungMit dem Auto von der Deutschen Alpenstraße über Lofer. Die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist sehr zeitaufwendig.
GastronomieIngolstädter Haus, 2119 m. AV-Hütte, bew. von Mitte Juni bis Anfang Oktober. Tel. - 0043/65 82/83 53, www.ingolstaedterhaus.de
Tipps
Weitere sehr lohnenswerte Touren vom Ingolstädter Haus aus sind die bekannten Wanderwege zum Kärlinger Haus und zum Riemannhaus sowie die Übergänge ins Wimbachtal (Tour 27, 28). Wer wieder ins Saalachtal hinabsteigen will, hat mit dem Dießbachsteig einen weiten und beschwerlichen Talweg vor sich, der wirklich nur guten Gehern und nicht bei Nässe empfohlen werden kann. Umgehen lässt er sich vom Dießbachstausee aus über die Kallbrunnalmen nach Weißbach oder Hintertal, was von der Wegstrecke her noch länger, allerdings deutlich einfacher und knieschonender ist.

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