Toblinger Knoten und Paternkofel, 2744 m

Parkplatz Höhlensteintal – Großes Wildgrabenjoch – Gwengalpenjoch – »Leiternsteig« – Toblinger Knoten – »Feldkurat-Hosp-Steig« – Drei-Zinnen-Hütte – »De Luca-Innerkofler-Steig« – Paternkofel – Paternsattel – Rienztal – Parkplatz (Autor: Eugen E. Hüsler)
Eine große Tour.
Und wer die Tour »by fair means« unternimmt, drunten beim Dürrensee startet und nicht den Halsabschneidertarif für die Drei-Zinnen-Straße bezahlt, erlebt einen Bergtag mit hohem Erinnerungswert - Schön war’s, wirklich! Die große Runde ist eine einzige Verneigung vor den Drei Zinnen (2999 m); man startet beim berühmten Gipfelblick an der »Strada d’Alemagna«, wo kein Bus vergisst anzuhalten, erlebt mit etwas Glück frühmorgens, wenn’s noch ruhig ist, wie erste Sonnenstrahlen die Gipfelfelsen umspielen, während Nebelfetzen aus dem Rienztal aufsteigen. Und abends, wenn du zurückkommst, müde, aber glücklich, haucht das letzte Licht der untergehenden Sonne den Nordwänden nochmals Leben ein, leuchtend rotes, ehe Nachtschwärze sich über die Felsen legt. Sind Bergsteiger vielleicht Romantiker?
La Grande Guerra.
Ganz und gar unromantisch ist die Geschichte, mit der man in den Sextener Dolomiten fast auf Schritt und Tritt konfrontiert wird. Die Alpenfront verlief in Sichtweite der Drei Zinnen, und sowohl der Toblinger Knoten als auch der Paternkofel waren heftig umkämpft. An letzterem fand der legendäre Bergführer Sepp Innerkofler den Tod – neben vielen namenlos gebliebenen Soldaten auf beiden Seiten. Bei den gesicherten Routen handelt es sich um ehemalige Kriegssteige; einigermaßen spektakulär ist vor allem jener an der Nordflanke des Toblinger Knotens, der seinen Namen absolut zu Recht trägt: Leiternsteig. Von der Drei-Zinnen-Hütte führt die vor ein paar Jahren verschüttete »Galleria Paterna« bis unter die Gamsscharte; über weitere ehemalige Kriegswege steigt man dann ab zum Paternsattel.
Über die Schwabenalm.
Vom Parkplatz an der Staatsstraße (1406 m) wandert man auf dem Fahrweg ins Tal der Rienz, das sich bald als echte Dolomitenidylle entpuppt: schroffe Felsen links wie rechts, ein rauschender Bergbach und gelegentlich sogar Zinnen-Aussicht. Rechts mündet das Val del Rinbianco, links eine Viertelstunde weiter der Große Wildgraben (Tafel). Er macht seinem Namen alle Ehre, wird aus dem gewundenen, steil ansteigenden Waldweg doch schon bald eine Geröllspur. Sie führt über das riesige um-mauerte Schotterfeld im Talinnern bergan (Gämsen!), zuletzt über ein paar Serpentinen hinauf in das Große Wildgrabenjoch (2289 m; 3 Std.). Am Joch weisen rot-weiße Markierungen rechts in eine tiefe felsige Rinne (Seilsicherungen). Sie mündet gut 50 Meter höher auf die Schwabenalm. Mit freier Sicht auf die Drei Zinnen wandert man hinüber und hinauf zu jenem markanten Rücken (2519 m), der von der Felsbastion des Schwabenalpenkopfs zur weiten Senke des Gwengalpenjochs abfällt. Der Rücken war im Krieg befestigt (Stollen, Unterstände); zu einer echten Felsenfestung hatten die k. u. k. Truppen den darüber aufragenden Schwabenalpenkopf (2687 m) ausgebaut.
Vom Rücken der Schwabenalm (2519 m) hat man Sichtverbindung mit dem ersten Gipfelziel, dem bizarren Felszacken des Toblinger Knotens (2617 m). Man erreicht seinen Fuß erst ab-, dann über ausgedehnte Karrenböden wieder ansteigend. Das Karstplateau zwischen dem Gwengalpenjoch – das rechts abseits bleibt – und dem »Knoten« ist übersät mit Stellungsresten, Laufgräben und Kavernen.
Der Leiternsteig.
Verblasste Schriftzeichen an einem Felsblock weisen zum »Leiternsteig«. Über Geröll steigt man auf gegen den Sattel im Rücken des Sextener Steins. Eine Wegspur führt am Felsfuß nach links (rechts ausgeräumte ehemalige Stellungen), dann um ein Eck herum auf ein Horizontalband (2530 m). Die steile Einstiegswand ist nur mit einem Drahtseil gesichert, der Fels liefert aber gute Tritte und Griffe. Die Sicherungen leiten links in den tiefen, senkrechten Nordkamin des Toblinger Knotens, wo die äußerst spek-takuläre Leiternserie startet. Stufe um Stufe geht’s höher, wobei man sich zwei-, dreimal ordentlich verrenken muss, um die nächste Sprossenfolge zu gewinnen. Unter der Scharte zwischen den beiden Kuppen des »Knotens« leiten Drahtseile links hinaus zur zweiten, kürzeren Leiternserie, der man auf den Gipfel entsteigt (5.15 Std.).
Der Feldkurat-Hosp-Steig.
Drahtseile sichern den ostseitigen Abstieg, der in gestuftem Felsgelände verläuft. Dabei kommt man an der rekonstruierten »Adler-Feldwache«, einer sehr exponierten k. u. k.-Stellung, vorbei. Der »Feldkurat-Hosp-Steig« mündet schließlich auf einen Schrofenhang; auf einem schmalen Pfad wandert man hinunter zur Drei-Zinnen-Hütte (2405 m; 6 Std.). Unmittelbar über dem Haus ragt der Sextener Stein (2539 m) auf, die Frontstellung der Italiener am Drei-Zinnen-Plateau und entsprechend stark befestigt. Ein Versuch der Österreicher, im April 1916 den »Stein« im Handstreich zu nehmen, scheiterte am erbitterten Widerstand der Alpini. Die ehemaligen Stellungen können mit entsprechender Vorsicht besucht werden; einige der Stollen wurden ausgeräumt, Wege und Unterstände wiederhergestellt.
Der De Luca-Innerkofler-Steig.
In Hüttennähe weist ein Schild zur »Galleria Paterna«. Der ehemalige Kriegsweg folgt – zunächst nur sanft ansteigend – dem mit Türmen und Zacken besetzten Nordgrat des Paternkofels. Man wandert an dem legendären »Frankfurter Würstl« vorbei, kurze Tunnels erleichtern den Gang durch das pittoreske Felslabyrinth. Dann öffnet sich das finstere Loch des Paternstollens. Über 125 Holzstufen steigt man im Berg an; zwei Seitentunnels bringen dabei kaum Licht ins Dunkel. Nach oben hin wird der Stollen flacher, über einen Seitenausgang verlässt man ihn nach links (Weiterweg ab-geriegelt). Ein kurzer Felsaufschwung – mit neuen Drahtseilen versehen – leitet auf eine Felsrippe unter der Gipfelwand des Patern-kofels. Nur teilweise gesichert ist dann der Weiterweg, der über Bänder, durch eine Rinne und über zwei kleine Aufschwünge in die Gamsscharte (ca. 2650 m) führt, wo links der »Sentiero delle Forcelle« abgeht (leichter Klettersteig, zum Büllelejoch 1.30 Std.).
Aus der Scharte quert man, kurz etwas absteigend, hinüber zum Weiterweg; er führt über eine Felsrippe schräg aufwärts in eine Rinne, dann links steil auf eine Schulter. Hier, kaum 20 Meter höher, enden die Sicherungen, lediglich Steinmännchen markieren den Weiterweg. Er folgt einem Band nach links, steigt dann über gestufte Felsen und durch einen kurzen Kamin auf zum ausgedehnten Gipfelplateau und zum höchsten Punkt des Paternkofels (2744 m; 7.15 Std.).
Über die Passportenscharte zum Paternsattel.
Der Weiterweg zum Paternsattel führt aus der Gamsscharte durch eine steile Geröllrinne (Spur) hinab ins Passportenkar. Ein kurzer Gegenanstieg leitet auf ein markantes, teilweise überdachtes Band, das in die Pass-portenscharte (2519 m) mündet. Man wechselt an einem künstlichen Felsloch auf die Westflanke des Passportenkofels (2719 m) und spaziert dann – die faszinierende Aussicht auf das berühmteste Dreigestirn der Dolomiten genießend – über nur teilweise gesicherte Horizontalbänder und durch einen ziemlich düsteren Stollen hinüber und zuletzt hinab zum Paternsattel (2454 m; 8.15 Std.). Ursprünglich waren die einsehbaren Passagen der Route mit Betonmauern und Sand-säcken vor Beschuss geschützt.
Der Abstieg.
Am Sattel biegt man auf den unteren der beiden Wege, die das Joch mit der Drei-Zinnen-Hütte verbinden, ein. Etwa auf halber Strecke zweigt vom Wander-Highway links eine deutliche, allerdings unmarkierte Spur ab, die hinunterleitet in den steinigen Rienzboden.
Hier quert man rechts zum Talweg. Er führt zunächst hinaus zu einem markanten Ge-ländeabbruch (schöner Rastplatz), dann über ein paar Kehren und eine weite Schleife hinab in den Zirmboden. Weiter talauswärts wird aus dem schönen Waldweg eine Sandstraße. Auf ihr wandert man zurück zum Parkplatz (10.30 Std.).

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour21 km
Höhenunterschied1730 m
Dauer10.00 h
Schwierigkeit
StartortToblach (1241 m)
AusgangspunktParkplatz (1406 m) an der »Strada d’Alemagna« beim Hotel »Drei-Zinnen-Blick« gegenüber der Mündung des Rienztals, etwa 10 km von Toblach
EndpunktWie Ausgangspunkt.
TourencharakterZitat.
Mitten in dem höllischen Sturm klettert er empor, ruhig und fest, Griff für Griff. So nah jagen von unten herauf die Kugeln gegen den Gipfel, daß der Sepp einmal die Hand ausstreckt und probiert, ob er nicht schon mit den Fingern in den Kugelschwarm greifen kann. Rundum schlagen die Geller auf und der Fels spritzt und staubt. Und er springt hinauf zum Gipfel. Aber mitten im Sprung sieht er gegenüber einen Wälschen auf der Schanzmauer, das Gewehr im Anschlag, ein schmales, dunkles Gesicht. [...] Da wirft der Sepp die Arme in die Luft – Christi! – und fällt hintüber, wälzt sich im Fallen noch seitab, daß er die andern im Riß nicht niederschlägt. Beim Oppelkamin bleibt er liegen.Was für eine Prosa! Auszug aus Karl Springenschmids biographischem Roman »Der Sepp« (Bergverlag Rother). Springenschmid trat 1932 der NSDAP, 1938 der SS bei, wo er es zum Hauptsturmführer brachte. Als Leiter des Schulwesens war er hauptverantwortlich für die Salzburger Bücherverbrennung. Er blieb zeitlebens rechtsextremem Gedankengut verhaftet – ein Unbelehrbarer.
Das Bild hat Ewigkeitswert, schmückt unzählige Kalender und Bergbücher, und als Postkartensujet sind die Drei Zinnen bestimmt schon in alle Welt verreist. Einen Klettersteig hat das steinerne Riesengebiss, dem die Natur eine so unvergleichliche Form verliehen hat, glücklicherweise nie bekommen, aber an zwei schroffe Felszacken, die sich vor seinen legendären Nordwänden aufbauen, sind Drahtseile gespannt, Leitern verankert worden. Als »top« wird man allerdings weder den Leiternsteig am Toblinger Knoten noch die gesicherte Route über den Paternkofel bezeichnen; absolut top ist sicher die Kulisse - Wunderwelt Dolomiten.
Beste Jahreszeit
KartentippTabacco 1 - 25 000, Blatt 010 »Sextener Dolomiten«
VerkehrsanbindungVon Toblach (Bahnhof) auf der »Strada d’Alemagna« durch das Höhlensteintal bis zum großen Parkplatz an der Mündung des Rienztals
GastronomieDrei-Zinnen-Hütte (2405 m), Ende Juni bis Ende September; Tel. 0474/97 20 02
Tipps
Das Alpseehotel Drei Zinnen. Wer heute in der Drei-Zinnen-Hütte einkehrt, wird kaum ahnen, dass unweit des Hauses, auf dem Sepp Innerkofler wirtete, ein Gasthaus stand - das Alpseehotel. Es wurde – gegen den Widerstand des Innerkoflers – 1905 erbaut und ein Jahr später eingeweiht. Die Übernachtung in einem der 14 Zimmer kostete zwei Kronen. Zum Vergleich: Für eine Führung auf die Große Zinne musste man vierzehn Kronen hinblättern. Mit Kriegsbeginn endete die kurze Geschichte des Alpseehotels: Es wurde wie die Drei-Zinnen-Hütte von den Italienern in Brand geschossen. Sepp Innerkofler notierte dazu am 25. Mai: »Inzwischen fing auch bei uns ein Maschinengewehr an, und ich machte auch zwei Schuß, aber es war zu weit. Nun hatten wir die Italiener doch so weit gebracht, daß sie mit den Kanonen vom Paternsattel anfingen die Hütte zu beschießen, was auch mit dem fünften Schuß gelang und dieselbe anfing zu brennen. Während ich dies in der Wand des Paternkofels schreibe, brennt die Hütte gerade nieder und die Feuersbrunst zwischen den Bergen macht einen imposanten Eindruck. Unter uns das Feuer und wir oben zittern vor Kälte. Die Italiener haben Schrappnells mit kleinem Kaliber. Während die Hütte brennt, wird das Seehotel geräumt. Jetzt haben wir Gott sein Dank wieder Sonne. Bis jetzt kommt mir das Ganze mehr interessant als gefährlich und schrecklich vor.«
Informationen
Gehzeit - Gesamt 10.30 Std. Parkplatz – Großes Wildgrabenjoch 3 Std., Großes Wildgrabenjoch – Einstieg Leiternsteig 1.30 Std., Leiternsteig 0.45 Std., Abstieg über den »Feldkurat-Hosp-Steig« 0.45 Std., »De Luca-Innerkofler-Steig« – Paternkofel 1.15 Std., Abstieg in den Paternsattel 1 Std., weiter zum Parkplatz 2.15 Std.
Tourismusbüro
Tourismusverein, I-39030 Sexten, Dolomitenstraße 45; Tel. +39/0474/71 03 10, Fax 71 03 18, info@sexten.it, www.sexten.it

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