Tannheimer Hütte

In den Schuttrinnen zwischen Roter Flüh und Köllenspitze lassen sich die Gämsen beim Fressen kaum aus der Ruhe bringen und von Wanderern und Kletterern wunderbar beobachten. (Autor: Wolfgang Taschner, Michael Reimer)
12 km
600 m
2.00 h
Die Tannheimer Hütte ist der ideale Ausgangspunkt für die südseitigen Klettereien am Tannheimer Hauptkamm, über 100 Routen sind in der näheren Umgebung ausgewiesen. Neben den klassischen Kletterrouten wurden in den vergangenen Jahren die »Base Climbs« an der Roten Flüh, ein Klettergarten am Hochwiesler und neue Sportkletterrouten ins Leben gerufen. Bestes Terrain also auch für den Alpenverein, der hier immer wieder Kletterkurse abhält. Ein guter Teil der Übernachtungsgäste ist Stammpublikum, das sich von dieser grandiosen Kletterkulisse Jahr für Jahr anziehen lässt. Auch die Hüttenwirtin Maria Scheiber trägt zusammen mit ihrer Schäferhündin Lea seit nunmehr gut zehn Jahren zum Wohlbefinden auf der Hütte bei. Auf Anfrage hat sie Tipps und Geschichten zu den Kletter- und Wanderrouten parat. Wenn dann auch noch das bodenständige, auf dem Holzherd zubereitete Essen passt, ist die gute Laune garantiert.

Lohnende Wanderziele

Doch auch trittsichere und schwindelfreie Wanderer können die felsigen Gipfelregionen für sich erschließen. Vor allem die Rote Flüh ist, von einer Schlüsselstelle abgesehen, einfach zu begehen. Hierfür wandert man von der Hütte in nordwestlicher Richtung das steile Schuttkar zur Judenscharte hinauf. Direkt über der Scharte wird eine plattige Felsstufe erklommen. Drahtseile bieten Halt, doch mangels natürlicher Griffe muss man hier vor allem bei feuchten Verhältnissen auf der Hut sein. Weiter oben wird das Gelände flacher, eindrucksvoll ist der Blick auf den gegenüberliegenden Gimpel sowie die Lechtaler und Allgäuer Alpen. Am Gipfel imponiert zudem der gähnende Tiefblick über die senkrechte Südwand in das Tannheimer Tal.
Anspruchsvolle Kellenspitze.
Noch über 100 Meter höher ist die Kellenspitze östlich davon. Auch dieser Berg lässt sich von geübten Bergsteigern problemlos bewältigen. Der Schlussanstieg verläuft jedoch in der schattigen Nordflanke, was uns im Spätherbst vor Jahren fast den Gipfelsieg kostete: Wir mussten ein vereistes, bedrohlich in die Tiefe leitendes Schneefeld unwegsam auf Felsen umklettern. Ansonsten war nur noch in einem kleinen Kamin die Muskelkraft gefordert. Atemberaubend schön waren die letzten Meter des Anstiegs, als wir aus der Schattenseite des Berges unvermittelt den stolzen Gipfel betraten.

Rekord bei 98 vollen Flaschen

Nachdem es über die beiden machbaren Gipfelziele hinaus noch zwei schöne Übergänge zur Otto-Mayr-Hütte und Bad Kissinger Hütte sowie Abstiegsvarianten in das Tannheimer Tal gibt, findet also auch der Wanderer ausreichend Bewegungsfreiheit im Reich der Kletterer. Und sollte er sich nicht ausgelastet fühlen, kann er der Hüttenwirtin noch einen Trägerdienst erweisen. Diese ist nämlich darauf angewiesen, dass ihr immer wieder mal ein paar freundliche Helfer die Verpflegung und vor allem Getränke vom gut eine Viertelstunde entfernten Gimpelhaus zur Hütte tragen; bis dorthin erfolgt der Transport mit der Seilbahn. Der fotografisch dokumentierte Trägerrekord aus dem Jahr 1999 ist bis heute ungebrochen: Der Bergsteiger ließ sich seinerzeit fünf Kästen Bier mit 98 vollen Flaschen auf den Rücken und vor die Brust schnallen. Vor allem Gruppen lassen sich in Vorfreude auf das abendliche Lagerfeuer unter freiem Himmel gelegentlich zu Höchstleistungen animieren; schließlich werden dann auch immer einige Bier »vernichtet«. Alternativ sitzt man in der gemütlichen Stube und rückt schon mal enger zusammen, wenn die Hütte voll ist. Dabei ergeben sich immer wieder aufschlussreiche Gespräche, ein Einsiedlerdasein muss jedenfalls niemand fristen.

111 Jahre Tannheimer Hütte

Der alte Teil der Hütte zählt im Jahr 2004 bereits 111 Jahre und geht somit auf das Gründungsjahr zurück. Am 25. Juni 1893 wurde die ursprüngliche Jägerhütte für 800 Mark erworben und etwa für den gleichen Betrag ausgebaut. Zum hundertjährigen Jubiläum beschloss man, die Hütte teilweise zu sanieren, vor allem für Abwasser, Trinkwasser und Stromversorgung wurde investiert. Streng genommen rechnen sich selbst bei voller Auslastung derlei Investitionen bei einer Kapazität von insgesamt 22 Lagern kaum. Doch irgendwann muss man ja auch einer kleineren Hütte einen modernen Anstrich verpassen.

Länge: Von Nesselwängle direkter Anstieg zum Gimpelhaus; der steile Weg ist großzügig in Stufen angelegt (1 1/2 Std.). Etwa gleich weit ist der Anstieg von der Reuttener Hahnenkammbahn-Bergstation.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour12 km
Höhenunterschied600 m
Dauer2.00 h
Schwierigkeit
AusgangspunktNesselwängle
EndpunktWie Ausgangspunkt.
TourencharakterGämsen sind in der Regel scheue Tiere, die der Wanderer allenfalls aus der Ferne zu Gesicht bekommt. Nähert man sich ihnen, ertönt ähnlich wie bei den Murmeltieren ein schrilles Warnsignal und das Rudel macht sich auf zum Rückzug. Doch in den Schuttrinnen zwischen Roter Flüh und Köllenspitze scheint dieses instinktive Verhalten wie aufgehoben, jedenfalls lassen sich hier die Gämsen beim Fressen kaum aus der Ruhe bringen. Dieses Phänomen war uns schon vor etlichen Jahren bei einer Wanderung aufgefallen und auch im Sommer 2003 waren die Tiere sehr zutraulich. Mit entsprechenden Objektiven bekommt man sie daher formatfüllend ins Bild. Vielleicht liegt diese Zutraulichkeit ja daran, dass das Gebiet rund um die Tannheimer Hütte vornehmlich von Kletterern aufgesucht wird. Durch die Querfeldein-Kraxelei sind die Gämsen auch in unwegsamem Gelände an den Menschen gewöhnt. Und nachdem sie mit den Kletterern vermutlich keine schlechten Erfahrungen gemacht haben, ersparen sie sich beim Anblick eines Menschen die stressige Flucht.
Beste Jahreszeit
KartentippKompass Wanderkarte Nr. 04, Tannheimer Tal, 1:35.000
VerkehrsanbindungMit der Bahn nach Reutte in Tirol, weiter mit dem Bus nach Nesselwängle. Autofahrer gelangen wahlweise über Garmisch-Partenkirchen und Lermoos oder Füssen nach Reutte; in Weißenbach am Lech zweigt die Straße über den Gaichtpass in das Tannheimer Tal ab.
Informationen
Hüttenporträt:
Höhe: 1713 m.
Erbaut: 1893 (DAV-Sektion Allgäu-Kempten)
Bewirtschaftet: Mitte Mai bis Ende Oktober
Kulinarischer Tipp: Gerichte vom Holzherd, Grillmöglichkeit im Freien, Käse- und Krautspatzen, gesottene Erdäpfel, Hüttenmarende (Brotzeit mit Tiroler Speck und Käse) sowie täglich frische Kuchen
Hüttenwirtin: Maria Scheiber
Telefon: 0043/676/342 32 39
Lager: 22
Materialbeschaffung: Materialseilbahn bis zum Gimpelhaus, von dort müssen Träger Essen und Getränke zur Hütte transportieren.
Besonderheit: Als eine der ersten Hütten wurde die Tannheimer Hütte 1996 mit dem Umweltgütesiegel des Alpenvereins ausgezeichnet.

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