Sentiero Bonacossa

Spannende Route quer durch den faszinierenden Zackenwald der Cadini di Misurina mit einigen gesicherten Passagen. Bergerfahrung, Schwindelfreiheit und ein sicherer Tritt sind unerlässlich! Bewirtschaftete Hütte auf halbem Weg; markierte Zwischenabstiege aus dem Ciadin de la Neve, vom Rifugio Fonda Savio und aus der Forcella de Rinbianco. (Autor: Eugen E. Hüsler)
Kare und Scharten.
Die Tour beginnt mit dem Anstieg vom Col de Varda (2115 m) zur Forcella di Misurina (ca. 2370 m; 45 Min.). Dabei genießt man Tiefblicke auf den Misurinasee, über dem sich das mächtige und viel-gipflige Cristallomassiv aufbaut. Rechts dahinter ragt die Hohe Gaisl (3146 m) in den Himmel. Drahtseile und Stufen helfen durch eine sandige Rinne hinauf in die winzige Scharte. Dahinter geht’s über Schrofen im Zickzack abwärts, um ein felsiges Eck herum und rechts hinab ins Schneekar (Ciadin de la Neve).
Der ordentlich markierte Sentiero Bonacossa quert das weiträumige Schuttkar nach Osten und steigt dann im Zickzack erneut an. Eisenleitern und Drahtseile helfen über eine Felsbarriere hinweg; zwischen senkrecht in den Himmel ragenden Felsen steigt man hinauf in die Forcella del Diavolo (ca. 2480 m) mit prächtigem Drei-Zinnen-Blick.
Ein Bergfotograf.
Spuren leiten nördlich hinunter in die schattige Geröllmulde unter der Nordwestlichen Cadinspitze (2726 m); hier liegen oft bis in den Sommer hinein Schneereste. Noch etwas absteigend quert man am Felsfuß hinüber zum Ciadin de i Toce. Etwas höher, am Passo de i Toce, steht das Rifugio Fonda Savio (2367 m; 2.30 Std.), überragt vom markanten Torre Wundt (2517 m). Sein Name erinnert an den Bergschriftsteller und Fotografen Theodor Wundt, der ihn zusammen mit dem bekannten Cortineser Bergführer Santo Siorpaës 1893 erstbestieg. Wundt war im gleichen Jahr auch an der Kleinen Zinne unterwegs und hatte da neben zwei Bergführern und seiner Kamera auch die »lie-benswürdige Jeanne Immink, eine der ersten Heroinnen des Alpinismus« als Fotomodell dabei. Sie empfand die Session am Berg als sehr gewöhnungsbedürftig, wie man in ihrem Bericht über die Gipfeltour nachlesen kann: »Dort hoch oben an einem Felsblock hing der Tornister mit den Platten, hier auf dem schmalen Bande stand der Apparat, dahinter Wundt und dort wollte der gute Santo auch noch ein kleines Plätzchen für sich haben. Es war gefährlich. Wie leicht konnte dabei ein Unglück geschehen! Doch Wundt kommandiert: Achtung! Jetzt, bitte, sehen Sie recht freundlich in den Abgrund!«
Kriegsspuren.
Nach unten geht’s auch am Sentiero Bonacossa. Von der schmucken Fonda-Savio-Hütte leitet er über eine Felsrampe in den obersten Boden des Val de le Cianpedele (Drahtseile) hinab. Bald einmal kommt links die markante Senke der Forcella de Rinbianco (2176 m) ins Blickfeld; nicht zu übersehen ist auch die Spur, die quer durch den felsigen Sockelbereich der Cima Ciadin de Rinbianco verläuft: ein alter Kriegspfad. Ihm folgt der Bonacossa-Weg aus der Rinbiancoscharte, wo man auf erste Stellungsreste stößt, zunächst etwas absteigend und nach der recht luftigen Traverse (Drahtseile) in eine steile, felsüberdachte Verschneidung mündend. Hier steigt man auf Leitern und an Drahtseilen etwa 50Meter an und quert anschließend über einen Schrofenhang nach rechts auf ein Geröllband. Es leitet, nur mehr leicht ansteigend, in eine winzige Scharte über dem Ciadin de le Bisse, wo man ganz unvermittelt vor den Drei Zinnen steht – wow!
Ungarisch Blut.
Im Rückblick zeigen sich sehr schön die Cadini di Misurina mit ihrem höchsten Zacken über dem Ciadin del Nevaio, der Cima Ciadin di San Lucano (2839 m). Rechts hinter ihr spitzelt die Cima Eötvös (2825 m) hervor, sozusagen ein ungarischer Gruß an die Dolomiten. Lorand Baron von Eötvös, bekannter Physiker, lebte in Budapest und war ein begeisterter Bergsteiger – eine Leidenschaft, die er an seine temperamentvollen Töchter Rolanda und Ilona weitergab. Den beiden gelangen anfangs des 20. Jahrhunderts einige bemerkenswerte Erstbegehungen (vgl. S. 41, 128).
Die Drei-Zinnen-Straße.
Der letzte Abschnitt des Sentiero Bonacossa folgt ohne nennenswerte Höhenunterschiede dem Cianpedelekamm, mal links, dann wieder rechts des Grats verlaufend (alte Kriegsstollen), bis zur Großparkanlage beim Rifugio Auronzo (2320 m). Den Umweg zu einem der Brennpunkte des motorisierten Dolomiten-Tourismus wird man sich aber sparen und von der seichten Senke der Forcella Longeres (2235 m; 5.15 Std.) über steinige Wiesen gleich zur Drei-Zinnen-Straße absteigen. Der Weg kürzt die Schleifen des Asphaltbands ab und leitet dann mit einer kurzen Gegensteigung zum Felsfuß des Col de le Bisse. Dahinter geht’s in lichtem Lärchenwald weiter bergab in den weiten Boden an der Mündung des Ciadin de Rinbianco. Eine löcherige Sandpiste führt hinaus zur Drei-Zinnen-Straße. Man folgt ihr, vorbei am stimmungsvollen Lago d’Antorno (1866 m), in dessen Wasser sich die Zacken der Cadini spiegeln, bis zum Camping Misurina (1757 m). Hier links und auf dem breiten Spazierweg am Ostufer des Misurinasees (1745 m) entlang zurück zur Talstation des Col-de-Varda-Sessellifts (6.45 Std.).

Col de Varda Forcella di Misurina 45 Min., zum Rifugio Fonda Savio 1.45 Std., zur Forcella Longeres 2.45 Std., zurück zum Col de Varda 1.30 Std. Insgesamt 6.45 Std.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour12 km
Höhenunterschied700 m
Dauer6.00 h
Schwierigkeit
StartortMisurina (1752m) am gleichnamigen See
AusgangspunktBergstation des Col-de-Varda-Sessellifts (2115 m). Der Lift ist von Ende Juni bis Anfang Oktober von 9–17 Uhr in Betrieb
EndpunktWie Ausgangspunkt.
TourencharakterSogar in den Dolomiten gibt’s einsame Täler, weltabgeschiedene Winkel, stille, nur wenig besuchte Regionen. Und wunderschöne Berge, die ganz im Schatten übermächtiger Nachbarn stehen. Wie beispielsweise die Cadini di Misurina, denen die Drei Zinnen natürlich die Schau stehlen. Doch wenn sich drüben ein bunter Wander-Tatzelwurm aufmacht zum Paternsattel und zur Drei-Zinnen-Hütte, ist es in den Karspitzen (Cadini) vergleichsweise ruhig. Hinauf- oder hinübergeschaut haben schon viele, vom Misurinasee oder von der erwähnten Wander-Autobahn. Dass quer durch den fantastischen Zackenwald ein Höhenweg verläuft, hat sich noch nicht überall herumgesprochen. Dabei verdient der Sentiero Bonacossa locker seine drei Sternchen; fünf Stunden lang ist er, ohne je langweilig zu werden, bizarre Felsen rundum, dazu immer wieder überraschende Fernblicke, zum Cristallo, zum Sorapiš und nördlich bis zu den dunklen Tonalitgipfeln der Rieserfernergruppe. Für das Schlussbild sind dann die Drei Zinnen zuständig – fast so schön wie vom Paternsattel. Und beim Rückweg zum Misurinasee überzieht die Abendsonne den versteinerten Wald mit einem zartrosa Schimmer: Sfúlmini, Flämmchen müssten sie eigentlich heißen, die Türme der Cadini.
Drei Voraussetzungen müssen allerdings erfüllt sein, damit die Tour auch zum Genuss wird: eine ordentliche Kondition, ein sicherer Tritt und Schwindelfreiheit. Mehrere Passagen sind gesichert, da und dort verläuft die Route durch Absturzgelände. Also Vorsicht! Doch wenn dann das Wetter noch mitspielt, wird die Durchquerung der Cadini auf dem Sentiero Bonacossa garantiert zu einem unvergesslichen Erlebnis.
Hinweise
Col de Varda Forcella di Misurina 45 Min., zum Rifugio Fonda Savio 1.45 Std., zur Forcella Longeres 2.45 Std., zurück zum Col de Varda 1.30 Std. Insgesamt 6.45 Std.
KartentippTabacco 1:25000, Blatt 010 »Sextener Dolomiten«
VerkehrsanbindungMisurina erreicht man von Toblach via Schluderbach und von Cortina d’Ampezzo über den Passo Tre Croci (1805 m). Busverbindungen mit Toblach und Cortina d’Ampezzo
GastronomieRifugio Col de Varda, Anfang Juni bis Anfang Oktober, Tel. 0436/39041. Rifugio Fonda Savio, Mitte Juni bis Ende September, Tel. 0436/39036. Rifugio Lago d’Antorno, Mitte Juni bis Ende Oktober, Tel. 0436/39148
Tourismusbüro
Ufficio Turistico Misurina, Via Monte Piana, Tel. 0435/390 16, info@auronzomisurina.it, www.infodolomiti.it

Lust bekommen? Noch mehr Touren finden Sie in unserem Buchtipp:

Eugen E. Hüsler

Wanderführer Dolomiten Ost

Dieser Wanderführer präsentiert einen spannenden Mix zwischen Alt- und Unbekanntem, dazu viele interessante Tipps zur Region, ihren Eigenheiten.

Jetzt bestellen