Sensationell: die kühnste Hängebrücke im Berner Oberland

Das Gadmer Tal hat eine neue Sensation: die Hängebrücke über den Gletschersee vor dem Triftgletscher. Allerdings eine, die recht zwiespältige Eindrücke hinterlässt. Denn notwendig wurde ihr Bau durch ein eher trauriges Phänomen: das Gletschersterben. Das Alpeneis schmilzt, eine Folge der globalen Klimaänderung, und besonders hart traf es den Triftgletscher. Allein im Hitzesommer 2003 zog sich seine Zunge um 152 Meter (!) zurück. Das Schmelzwasser bildete in seinem Vorfeld einen mehr und mehr anwachsenden See. Wo man früher übers Eis auf die Nordseite des Tales wechselte, um zur Trifthütte zu kommen, war nun tiefes Wasser, der Zugang zur Trifthütte dadurch erheblich erschwert, auch gefährlich. (Autor: Eugen E. Hüsler)
5 km
540 m
3.00 h
​Im Spätsommer 2004 wurde mit dem Bau einer Hängebrücke begonnen, die eine Spannweite von 101,6 Meter aufweist und damals die längste Europas war. Sie überspannt den Felsriegel unterhalb der Windegghütte, 70 Meter über dem kalten Wasser – ein luftiges Vergnügen und mittlerweile ein echter Anziehungspunkt für Jung und Alt. Und da seit ein paar Jahren die ehemalige Werkseilbahn zur Unteren Trift dem Tourismus dient, ist der Ausflug in die wilde Welt der Trift um einiges bequemer geworden. Und luftig ist nicht nur der Gang über die Brücke, sondern auch die Fahrt mit der Seilbahn in schwindelnder Höhe über der tief eingerissenen Triftschlucht: nichts für Leute mit Tiefenangst!

Schluchten und Gletscherschliffe

Die Wanderung beginnt bei der Seilbahnstation (1357 m), führt erst über Stufen, dann an dem steinigen Hang schräg hinab zum Triftwasser, das hier zwischen den Steinen stiebt und gischtet, wenig tiefer gefasst und im Berg dem Kraftwerk Hop?auenen zugeleitet wird: Strom für die Städte des Schweizer Mittellands.Eine solide Brücke leitet über den Bach, dann geht’s rot-weiß markiert bergan. Bei Bosslis Stein (1625 m; Hinweisschilder) verzweigt sich die Route; man folgt dem links abgehenden Weg, der, sanft steigend, hoch über der Schlucht des Triftwassers auf vom Eis polierten Felsterrassen weiter taleinwärts läuft. Während der sogenannten »Kleinen Eiszeit« (vor etwa 150 Jahren) reichte die Zunge des Triftgletschers bis ins Vorfeld der Klamm.

Geblieben sind lediglich schöne Schliffe, die von der Wirkung des langsam vorrückenden Eises erzählen. Die Berge rund um den Triftgletscher bestehen überwiegend aus Aaregranit, dem sich weiter nördlich Gneise anschließen. An den beiden Granitkuppen des Windeggs und des Drosieggs, welche die Schluchtenge bilden, ist die Hängebrücke (1720 m; 1.30 Std.) verankert. Sie ist der absolute Blickfang hier, erst der zweite Blick gilt dem milchig grünen See und dem (arg geschwundenen) Gletscher.

Schwindelfreie wagen sich auf die leicht wackelige Konstruktion. Projektiert wurde sie von dem Spezialisten Johannes Pfaffen, der im Himalaja zahlreiche ähnliche Brücken gebaut hatte; die Kosten von rund 180 000 Franken wurden vom Schweizer Alpenclub, der Sektion Basel (als Besitzerin der Trifthütte) und den Kraftwerken Oberhasli aufgebracht; der Zugang ist gesichert.

Hinauf zur Windegghütte

Ketten sichern auch den teilweise steilen Anstieg über die Felsen des Windeggs. Wer’s lieber gemütlicher mag, nimmt den »Familienweg«, der den Felsriegel schräg schneidet; bei der Windegghütte (1887 m; 2 Std.) treffen die beiden Routen zusammen. Von der Hüttenterrasse genießt man einen schönen Blick über das untere Trifttal und zum schroffen Tällistock (2578 m). Er besteht, wie die gesamte Gadmerflue, aus Sedimentgesteinen – ein Unterschied in Form und Farbe, der auch dem Laien sofort auffällt.

Abstieg zur Seilbahn

Der Hüttenweg führt über den nordseitigen, felsdurchsetzten und verstrauchten Hang steil bergab. Hier ist Trittsicherheit wichtig, und dazu besondere Vorsicht, sollte es geregnet haben. Bei Bosslis Stein stößt man wieder auf die Anstiegsroute. Auf ihr zurück zur Seilbahnstation (3 Std.).Zurück ins Tal Natürlich kann man auch zu Fuß ins Gadmer Tal absteigen, auf einem rot-weiß markierten Weg. Er quert eine Viertelstunde hinter der Seilbahnstation (1357 m) den Bösen Graben, der seinen Namen nicht ganz zu Unrecht hat und jäh in die Triftschlucht abfällt. Hinter dem inneren Höri (1331 m) steigt der Pfad etwa 150 Höhenmeter zum Schaftellauiwald an, eine weitere abschüssige Gefahrenzone umgehend.

Angenehm schattig geht’s dann hinunter nach Schaftelen (1127 m), wo man auf die alte Sustenstraße stößt. Sie wurde 1811 von den beiden Kantonen Bern und Uri erbaut: acht Berner Fuß breit (ca. 2,40 m) und mit einer Steigung von maximal zwei Zoll pro Fuß (gut 15 %). Auf ihr wandert man gemütlich hinunter zur Talstation der Triftseilbahn (1020 m; 1.30 Std. ab Underi Trift).

Für Abenteuerlustige

Wer sich während der luftigen Seilbahnfahrt zur Unteren Trift etwas genauer umschaut, kann den Pfad an der Westseite der Triftschlucht nicht übersehen. Als schmale Linie verläuft er zwischen den Felsen: noch ein Abstieg? Ja, aber nur einer für Leute, die sich in den Bergen auskennen und neben einem Hang zum Abenteuerlichen auch etwas Talent als Fährtensucher mitbringen, trotz vereinzelter Farbmarkierungen. Einige etwas ausgesetzte Passagen sind sogar mit Kletterseilen entschärft.

In der 1:25 000-Karte von Swisstopo ist das Weglein eingezeichnet. Es führt, vom Weg zur Unteren Trift abzweigend, zunächst über den Tobigerbach, dann zur Alphütte (1388 m) auf der linken Talseite. Die deutliche Spur leitet, fast 100 Meter an Höhe verlierend, weiter talauswärts, quert dann ansteigend auf bequemen Bändern eine längere Felszone und mündet schließlich (Weidetor) auf den Waldboden (Hütte; 1366 m). Über gestufte Felsen (Sicherungen) steigt man ab zu den Alpwiesen im Rücken des Erggelihubels (1301 m) und zum Inneren Erggeli (1223 m). An der Weggabelung rechts und über den licht bewaldeten Hang hinunter zum Triftwasser und auf solider Brücke über ihre wilde Mündungsklamm. Wenig weiter, beim Chäppeli, trifft man auf die alte Sustenstraße. Sie führt zurück zur Talstation der Triftseilbahn (1020 m; 2 Std. ab Underi Trift).

Gesamt 3 Std.
Underi-Trift – Nepalbrücke 1.30 Std.,
Nepalbrücke – Windegghütte 0.30 Std.,
Abstieg 1 Std.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour5 km
Höhenunterschied540 m
Dauer3.00 h
StartortInnertkirchen (625 m)
AusgangspunktBergstation der Trift-Seilbahn (1357 m). Die Bahn verkehrt Juni bis Oktober 9–16 Uhr (bei schönem Wetter ab 8 Uhr).
EndpunktBergstation der Trift-Seilbahn, bei den Varianten Talstation (1020 m)
TourencharakterAbwechslungsreiche, recht kurze Wanderung in die Hochgebirgsregion des inneren Trifttals. Absoluter Gag: die Nepalbrücke über den Gletschersee.

 
Beste Jahreszeit
KartentippSwisstopo 1:50 000, Blatt 255. Für Abstieg via Eggerli 1:25 000, Blatt 1210
MarkierungenWeiß-rot-weiße Markierungen, Wegzeiger
VerkehrsanbindungVon Innertkirchen über die Sustenstraße zur Talstation der Seilbahn
GastronomieWindegghütte, Mitte Juni bis Mitte Oktober, Tel. +41(0)33/975 11 10, www.windegghütte.ch
Tipps
LANDGASTHOF TÄNNLER - Ein günstig gelegener und dazu sehr sympathischer Stützpunkt für Touren rund um das Haslital ist der Landgasthof Tännler in Wylen oberhalb von Innertkirchen, direkt an einer Postbus-Haltestelle. Gute Küche, gemütliche Zimmer und eine angenehme Atmosphäre: Da fühlt man sich wohl. Vielleicht liegt das (auch) am Baujahr des Hauses: 1633. Die ersten Siedler ließen sich allerdings schon viel früher an dieser Stelle nieder. Bei Umbauarbeiten wurden Überreste eines römischen Anwesens entdeckt! Die Tännler waren nicht nur Bauern und Gastwirte, sondern auch Bergführer. Eine echte Pioniertat gelang Alexander Tännler mit der ersten Winterbesteigung des Mont Blanc am 25. Februar 1904 – auf Skiern. Das war zu jener Zeit sehr ungewöhnlich, und als sich Alexander Tännler 1898 aus Deutschland per Post seltsame Holzlatten schicken ließ, hielt man ihn für leicht verschroben: »Jetzen ischt Xander bim Tunderwätter no verruckta worden!« (Ulich Matti, 1949). Tännler ließ sich nicht beirren, er unternahm zahlreiche Wintertouren, auch mit dem deutschen Geologen Hugo Mylius, der ihn schließlich zur Mont-Blanc-Tour animierte.
Landgasthof Tännler, Sustenstraße 33, CH-3862 Innertkirchen-Wyler, Tel. +41(0)33/971 14 27, E-Mail: info@landgasthof-taennler.ch, www.landgasthof-taennler.ch
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