Schöneck-Südgrat und Wurmkopf

Ein wenig bekannter Steilaufstieg auf das Steinerne Meer (Autor: Joachim Burghardt)
Die schnellste Möglichkeit, zur Hochfläche des Steinernen Meeres zu gelangen, ist der Ramseider Steig (vgl. Tour 24), dessen oberer Teil vom Wanderparkplatz Sandten in der Stabler Au zügig erreicht werden kann. Mittels Sprengungen und aufwendiger Sicherung schuf man hier eine sehr direkte Verbindung zwischen dem Talort Maria Alm und der Ramseider Scharte, in der das Riemannhaus steht. Und man muss wirklich anerkennend sagen - Die Linienführung dieses Steigs ist ebenso atemberaubend wie die Tatsache, dass er ohne nennenswerte Schwierigkeiten durch steilstes Felsgelände führt – beim Blick von unten kaum glaubhaft. Aber sparen wir uns diesen Weg für den Abstieg auf und betrachten zunächst eine wenig bekannte Alternative: Ein Stück weiter östlich, an dem langen Kamm, der über die Glemmeralm und den Napfetzer zum Schöneck hinaufzieht, kann man noch ganz ohne betonierte Stufen bergsteigen. Ein typischer »vergessener Pfad« zieht östlich des Grates hinauf, ist oft nur als schwache Spur erkennbar und verlangt denen, die ihn begehen, einiges ab – doch wer sich im steilen, alpinen Gelände wohlfühlt, wird von hier langanhaltende Eindrücke mit nach Hause nehmen.
Erste Eindrücke eines stillen Pfades.
Ausgangspunkt der Tour ist der Wanderparkplatz in der Stabler Au, den man über den Almer Ortsteil Grießbachwinkl mit dem Auto erreicht. Von hier aus heißt es zunächst auf der Fahrstraße sechzig Höhenmeter absteigen, bis auf knapp 1100 Meter Höhe, kurz bevor eine Straße links (östlich) abzweigt, ein Pfad ebenfalls links in den Wald hineinführt; ob hier das Parken genehmigt ist, ist unklar, daher lieber oben an der Schranke parken. Ohne Beschilderung und Markierung geht es nun im Wald hinauf, bis bei der Tennhütte (1188 m) der Höhenrücken erreicht ist, der in der Folge den Routenverlauf vorgibt. Ein Schild weist nach links (nördlich) zum Schöneck, und hier beginnt der eigentliche Gratanstieg. Zunächst weglos über Gras, dann auf einem deutlichen Pfad und meist östlich unterhalb der Grathöhe steigen wir steil hinauf. Bald tauchen plötzlich die ersten rot-weißen Markierungen auf, die uns bis zum Gipfel begleiten werden. Man wollte die Route wohl nicht von ganz unten markieren, um sicherzustellen, dass sich nur diejenigen Bergsteiger hier hinauf »verirren«, die auch wirklich beabsichtigen, diesen anspruchsvollen Pfad zu begehen!
Ohne Umschweife nach oben.
Zwei kurze sandige Querungen im unangenehmen Steilgelände, eine davon mit Sicherungsseil, verlangen erstmals etwas Konzentration. Schnell gewinnen wir an Höhe und müssen zwischendurch doch immer wieder stehen bleiben, um den völlig freien Blick hinab ins Tal und hinüber zu den Hohen Tauern zu genießen. Hat man gar das Glück, an einem stillen Herbstmorgen mit Talnebel und wolkenlosem Himmel hier unterwegs zu sein, werden die Pausen zum Schauen länger, fällt das Weitergehen nicht immer leicht ... Nun wird der Pfad bald mühsamer und führt in ein zusehends felsigeres Terrain. Stellenweise verliert er sich ganz, doch die regelmäßigen Markierungen weisen verlässlich den Weg. Der schwierigste Teil liegt oberhalb von 2000 Metern: Hier sind wir stellenweise gezwungen, über bröslige und sehr steile Hänge direkt hinaufzusteigen, wobei die Hände hin und wieder mit anpacken. Über Fels (Stellen I) und Schutt wird nun noch das allerletzte Stück direkt am Grat überwunden, bevor sich plötzlich das Gipfelkreuz zeigt. Man muss wohl solch ein wildes Gelände lieben, muss sich in vielen Touren Erfahrung erworben haben, um Aufstiegen wie diesen etwas abgewinnen zu können. Aber wenn dem so ist, wird man die Begeisterung nur schwer zügeln können: Einen so direkten, langen, einsamen und zugleich aussichtsreichen Gipfelweg, der wirklich unmittelbar zum höchsten Punkt hinaufführt, findet man nicht alle Tage!
Vom Schöneck zum Wurmkopf.
Auf dem Schöneck befinden wir uns auf der Schwelle zu einer ganz anderen Landschaft: Das Hochplateau des Steinernen Meeres liegt uns zu Füßen, zumindest sein Westteil vom Breithorn über den Hundstod bis zum Funtenseetauern. Alpinhistorische Bedeutung hat das als Gipfel etwas untergeordnete Schöneck auch: Mit seinen prallen Westwänden lockte es Kletterer an, unter anderem den Broad-Peak-Erstbesteiger Marcus Schmuck, der hier in den 1950er-Jahren mehrere Routen erstmals beging. Herrlich und unbedingt empfehlenswert ist es nun, die Höhenwanderung hinüber zum Wurmkopf anzutreten. Wenn das Wetter und die Lichtverhältnisse stimmen, wird Bergsteigen hier wirklich zur tiefen Freude und zu einem großen Staunen! Direkt auf dem breiten Gratrücken lässt es sich unschwierig dahinspazieren, während linkerhand die riesige Hochfläche liegt und rechts die Wände steil in den Pinzgau abfallen. Die wenigen Meter zum schwach ausgeprägten Streichenbeil hinaufzusteigen lohnt sich auch und ist wohl Ausdruck des bergsteigerischen Spieltriebs. Weiter geht es in nordöstlicher Richtung zum Wurmkopf, dessen steiler Gipfelaufbau den Atem noch einmal schneller gehen lässt. Sein Nordeck, über ein paar Felsstufen (I) vom Gipfel schnell erreichbar, ist einer der vorzüglichsten Aussichtspunkte über die Hochfläche des westlichen Steinernen Meeres.
Gipfelzugabe oder Abstieg.
Während der Blick unablässig über die grauen Weiten schweift und sich nicht lösen mag, stellt sich die Frage nach dem Weiterweg. Absteigen oder noch die unmittelbar benachbarte Schönfeldspitze anpacken? Letzteres kommt nach dem beschwerlichen Aufstieg zum Schöneck nur für sehr konditionsstarke Bergsteiger in Frage und erfordert auf der Route von Westen her sicheres Steigen im ausgesetzten und teilweise sehr speckigen Felsgelände. Zwei Stunden müssen dafür zusätzlich zur Verfügung stehen! Die schwach ausgeprägte Erhebung zwischen Wurmkopf und Schönfeldspitze heißt übrigens Niederzink – mit seinen Südwänden seit Neuestem ein Sportkletterziel und hinsichtlich des Namens traditionell der viel kleinere Bruder der Schönfeldspitze, welche früher ja Hochzink – auch Freithofzink oder einfach Zinken – hieß. Belässt man es beim Wurmkopf, bleibt mehr Zeit zum Schauen, mehr Ruhe, um sich in die eigenartigen Formen dieser Landschaft zu vertiefen, sie wirken zu lassen. Ja, wir wandeln hier auf den Überbleibseln eines Meeres –Jahrmillionen ist es her, dass sich hierüber das Sonnenlicht im flachen, warmen Wasser brach! Gleich, ob wir vom Wurmkopf auf dem Panoramaweg über das Schöneck zurückwandern oder östlich über die Wurmscharte absteigen, nach etwa einer Stunde erreichen wir über markierte felsige Pfade das Riemannhaus am Sommerstein. Letzterer ist der Kletterberg schlechthin im Steinernen Meer und wegen seiner eigenartigen Gestalt einer der markantesten Berge der Berchtesgadener Alpen. Ein steiler alpiner Weg windet sich von Nordosten auf seinen Gipfel – allemal ein lohnender Abstecher.
Der Abstieg führt vom Riemannhaus über den anfangs beschriebenen Ramseider Steig ins Tal. Tausend Höhenmeter, die noch einmal Konzentration erfordern. Und wie schön ist es dann – ja, wie schön ist es immer! –, wenn sich der Kreis wieder einmal schließt.

GEHZEITEN.
Stabler Au – Glemmeralm – Schöneck 3–4 Std., über Streichenbeil zum Wurmkopf 0:30 Std., über Wurmscharte oder Schöneck zum Riemannhaus 1 Std., über Ramseider Steig zurück zum Parkplatz 2–2:30 Std.; insgesamt 7–8 Std. (Schönfeldspitze zusätzlich 1:30–2 Std., Sommerstein 0:40 Std.)

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour10 km
Höhenunterschied1500 m
Dauer7.00 h
Schwierigkeit
StartortMaria Alm, 802 m
AusgangspunktWanderparkplatz in der Stabler Au oberhalb von Maria Alm, 1160 m
EndpunktSchöneck, 2389 m; Streichenbeil, 2412 m; Wurmkopf, 2451 m; (Schönfeldspitze, 2653 m; Sommerstein, 2308 m)
TourencharakterLange, landschaftlich großartige Tour. Der Aufstieg zum Schöneck verläuft meist als schwache Pfadspur; teilweise sehr steil und etwas heikel (Rutschgefahr), einzelne leichte Kletterstellen (I). Nur für sehr geübte Geher, für den Abstieg nicht geeignet! Die Wanderung über Schöneck, Wurmkopf und zum Riemannhaus ist markiert, allerdings felsig und alpin. Schönfeldspitze ausgesetzt und anspruchsvoll (I)! Abstieg vom Riemannhaus über den Ramseider Steig gut gesichert, Schwindelfreiheit wichtig.
Hinweise
BESTE JAHRESZEIT. Juli bis Oktober
KartentippAV-Karte 10/1 »Steinernes Meer« 1 - 25 000
VerkehrsanbindungMit dem Auto von der Deutschen Alpenstraße oder Bad Reichenhall über Lofer und Saalfelden. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln schwer zu erreichen
GastronomieRiemannhaus, 2177 m. AV-Hütte, bew. Mitte Juni bis Anfang Oktober. Tel. - 0043/65 82/733 00, www.riemannhaus.de
Tipps
Bei der Recherche fiel mir eine merkwürdige Begebenheit im Zusammenhang mit den Erhebungen Schöneck und Streichenbeil auf. Die beiden haben nämlich vor einigen Jahrzehnten ihre Namen getauscht! In allen älteren Karten und Führern, teils noch bis in die 1970er-Jahre, hieß der westlichere der beiden Gipfel Streichenbeil, der östliche hingegen Schöneck (oder Schönegg) – also genau andersherum als heute. Der Grund dafür ist leider nicht genau bekannt, vermutlich schrieb eine amtliche österreichische Karte etwa zu Beginn der 1960er-Jahre absichtlich oder versehentlich den Namenstausch erstmals fest.

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