Rund um die Tofana di Rozes

Pian dei Menìs – Forcella Col dei Bos – Valòn de Tofana – Rifugio Giussani – Val Travenanzes – Forcella Col dei Bos – Pian dei Menìs (Autor: Eugen E. Hüsler)
15 km
1330 m
6.00 h
Frontgebiet.
Die Wanderung führt aber nicht nur in einen der spektakulärsten Bergräume der Ampezzaner Dolomiten, sie ist auch eine Reise in die Vergangenheit. Während des Ersten Weltkriegs verlief die Dolomitenfront über das Tofanamassiv ins Val Travenanzes; besonders heftig wurde um den Castelletto (2656 m), den westlichen Felsvorbau der Tofana di Rozes, gerungen. Konrad Krafft von Dellmensingen, Kommandeur des Deutschen Alpenkorps, das hier im Sommer 1915 operierte, befürwortete eine Verteidigungslinie vom Lagazuoi zur Croda del Valon Bianco; Generalmajor Goiginger bestand aber darauf, das Travenanzestal und die Forcella Fontananegra in die Front einzubeziehen – eine zumindest fragwürdige Entscheidung, die verlustreiche Kämpfe nach sich zog.
Zum Castelletto.
Die Wanderung startet an der »Großen Dolomitenstraße« (Pian dei Menìs, 1985 m), führt durch den Wald in einer Viertelstunde sanft bergan zu einer ehemaligen Militärstraße. Deren linker Ast diente einst als Zufahrt zum italienischen Feldlazarett am Fuß der Falzáregotürme; der rechte führt in weiten Schleifen bis in die Karmulde unterhalb der Forcella Col dei Bos (2331 m), wo er ausläuft. An der Wegkreuzung auf der weiten Senke (1.15 Std.) hält man sich rechts und folgt dem Weg, der gegen die Südwand des Castelletto (2656 m) ansteigt. Im Fels gähnen die schwarzen Löcher ehemaliger Kriegsstellungen.
Zu einem ganz tiefen, stockfinsteren Loch führen wenig später deutliche Spuren - Es handelt sich um den Zustieg zu einem ehemaligen Alpinistollen. Er ist rund 500 Meter lang, steigt steil an, mündet im Rücken des Castelletto und dient heute als Zugang zu der beliebten »Via ferrata Lipella«.
Minenkrieg.
Der »Schreckenstein“, wie die Österreicher den Castelletto nannten, war ein hart umkämpfter Pfeiler des Travenanzes-Frontabschnitts, bot er den Österreichern doch die Möglichkeit, den italienischen Nachschub über die Falzáregostraße empfindlich zu treffen. Eroberungsversuche der Alpini blieben zunächst erfolglos, weshalb man sich zu einer Sprengung entschloss. Am 11. Juli 1916, nachts um 3.30 Uhr, detonierten 35 Tonnen Sprenggelatine, zerstören die k. u. k. Stellungen aber nur teilweise. Erst nach zähen und verlustreichen Kämpfen gelang es den Alpini am Tag danach, den »Schreckenstein« auch zu besetzen.
Aussicht.
Die Fortsetzung der Tour folgt in leichtem Auf und Ab dem Südwandfuß der Tofana di Rozes und bietet freie Sicht auf zahlreiche große Gipfel der östlichen Dolomiten (Sorapiš, Antelao, Pelmo, Civetta). Blickfang sind aber auch fünf vergleichsweise winzige Gipfel, die genau südlich aus dem Lärchenwald ragen: die Cinque Torri (2366 m). Gleich rechts dahinter erhebt sich der Nuvolau (2575 m) mit seinem Gipfelhaus, abgesetzt durch eine Scharte von dem isoliert aufragenden markanten Turm des Averau (2649 m; siehe Tour 19).
Ladys first!
Die 800 Meter hohe Tofana-Südwand wurde übrigens 1901 erstmals durchstiegen – im gleichen Jahr wie die Marmolada-Südwand –, und auch hier war das weibliche Geschlecht mit von der Partie: Ilona und Rolanda von Eötvös, zwei recht kapriziöse Ungarinnen der nobleren Gesellschaft, zeigten den Führern Dimai, Siorpaës und Verzi, was Frauen-Power vermag. Der Vater der beiden Damen, Lorán Eötvös, von Beruf Physiker, war ebenfalls ein begeisterter Alpinist. Zusammen mit dem Sextener Bergführer Michl Innerkofler bestieg er als Erster die Rotwand (1878). Seinen Töchtern gelangen spektakuläre Erstbegehungen, so an der Grohmannspitze, in den Cadini und an der Cima d’Auronzo. Chapeau!
Ein bisschen klettern dürfen auch schwindelfreie Bergwanderer auf der Runde um die Tofana di Rozes: hinauf zur Grotta de Tofana. Ein mit Drahtseilen gesichertes Steiglein ermöglicht den Zustieg zu der mächtigen Grotte etwa 20 Meter über dem Wandfuß.
Zur Forcella Fontananegra.
Keinen Felskontakt bietet der Weiterweg, der ohne nennenswerte Höhenunterschiede ins mächtige Geröllkar des Valon de Tofana führt. Hier stößt man auf den breiten ehemaligen Kriegsweg, der in Serpentinen ansteigt zur markanten Senke zwischen der Mittleren (Mezzo) und der Vorderen Tofana (Rozes). Knapp unterhalb der Forcella Fontananegra (2580 m) steht die Halbruine des ex-Rifugio Cantore (2542 m), rechts abseits im Kar das Denkmal für den Alpinigeneral Antonio Cadore, der hier im Sommer 1915 von einem österreichischen Scharfschützen erschossen wurde.
Abstieg ins Travenanzestal.
Im »Joch zur schwarzen Quelle«, das von Bergsturztrümmern übersät ist, lädt die Giussani-Hütte (2580 m; 2.45 Std.) zur Rast vor einer grandiosen Kulisse, bevor man den Abstieg ins Travenanzestal unter die Füße nimmt. Der ordentlich markierte Weg führt hinab in das von Felsmauern umrahmte Majariè-Kar. Scharte und Kar waren erbittert umkämpft; die Höhe musste im Sommer 1916 von den Österreichern aufgegeben werden.
An der folgenden Verzweigung (2220 m) gehen Wanderer rechts; nur entsprechend ausgerüstete Klettersteigler nehmen die Abkürzung über die »Scala del Menighel«. Sie führt über eine nahezu senkrechte 50-Meter-Wandstufe hinunter ins Travenanzestal; es handelt sich dabei allerdings nicht, wie man vielleicht annehmen könnte, um einen alten Kriegssteig. Vielmehr wurde diese Route 1907 vom Wirt der Wolf-von-Glanvell-Hütte angelegt – als erster Ampezzaner Klettersteig notabene! Die Hütte der Sektion Dresden des ÖTK im Travenanzestal erhielt schon bald nach Kriegsbeginn schwere italienische Artillerietreffer und brannte nieder. Benannt war das Haus nach dem Grazer Bergpionier Wolf von Glanvell, der 1905, nicht einmal 33j-ährig, am Hochschwab abstürzte.
Der markierte Wanderweg umgeht diesen Abbruch rechts; am Felsfuß (4 Std.) hält man sich dann links (nicht auf Weg 403 weitergehen!) und folgt der deutlichen Spur, die ansteigend ins Talinnere führt. Ein Blick links hinauf in die Felsen bestätigt, wie luftig ein Abstieg über die »Menighel-Leiter« ist.
Über die Forcella Col dei Bos.
Im Travenanzestal hat man einen Gegenanstieg von knapp 400 Höhenmetern bis hinauf in die weite Senke unter dem Col dei Bos (2331 m), also Zeit genug, mehr als nur einen Blick in die markant gebänderte Westwand der Tofana di Rozes zu werfen. Ihren Gipfel besetzten Angehörige des Deutschen Alpenkorps im Juli 1915; der 3225 Meter hohe Berg gilt als höchster Frontpunkt, den ein deutscher Soldat im Ersten Weltkrieg erreichte. Im September des gleichen Jahres wurde das Häuflein von den Alpini vertrieben. Auswirkung auf das Kriegsgeschehen: keine.
Oben am Joch (5.15 Std.) öffnet sich dann der bereits bekannte Blick nach Süden, jetzt im Licht des Nachmittags. Und beim Abstieg zur »Großen Dolomitenstraße« (6 Std.) wird man dann bestimmt noch ein paar Mal zurückschauen auf die monumentale Südwand der Tofana di Rozes – staunend, aber auch nachdenklich: alpine Schönheit als Kriegskulisse?

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour15 km
Höhenunterschied1330 m
Dauer6.00 h
Schwierigkeit
StartortCortina d’Ampezzo (1211 m), weltberühmter Ferienort in den östlichen Dolomiten
AusgangspunktPian dei Menìs (1985 m) an der Ostrampe der Falzárego-Passstraße, 2 km östlich unterhalb der Scheitelhöhe. Große Parkfläche, Bushalt
EndpunktWie Ausgangspunkt.
TourencharakterZigtausende verdrehen sich jedes Jahr auf der Fahrt von Cortina d’Ampezzo hinauf zum Falzáregopass den Hals nach der riesigen Südwand der Tofana di Rozes. Anderthalb Kilometer hoch ragt sie über der »Großen Dolomitenstraße« in den blauen Himmel – Felsarchitektur vom Feinsten. Besteigen lässt sich der Dreitausender natürlich auch, und auf dem Normalweg ist das nicht einmal besonders schwierig. Und dann gibt’s auch noch den »Giro della Tofana«, eine der genussvollsten Wanderungen der Dolomiten. Dabei kann man den Koloss von allen Seiten bewundern, auch seine mit Geröll bedeckte Nordabdachung und die massig-breite, auffallend gebänderte Westwand. Oben an der Forcella Col dei Bos kommt dann nochmals die Südwand ins Blickfeld – tolles Finale einer großen Runde. Erstmals bestiegen wurde der Gipfel übrigens 1863 von dem Wiener Paul Grohmann und seinem Führer Lacedelli.
Hinweise
Konrad Krafft von Dellmensingen. Nach der italienischen Kriegserklärung war es das Deutsche Alpenkorps, das dem »letzten Aufgebot« der Monarchie an der Südgrenze Tirols zu Hilfe kam. Ortskundige, aber schlecht ausgebildete Standschützen und die kriegserfahrenen deutschen Regimenter bildeten fast auf Anhieb eine schlagfertige Truppe, die in den ersten Monaten des Dolomitenkrieges alle italienischen Angriffe abwehrte. Kommandant des Deutschen Alpenkorps war Konrad Krafft von Dellmensingen (1862–1953); für seinen Kriegseinsatz wurde er u. a. mit dem Orden Pour le Mérite und der Eisernen Krone I. Klasse ausgezeichnet. In der entscheidenden XII. Isonzoschlacht, die zum Zusammenbruch der italienischen Front führte, war er für den Einsatz von Giftgas (Blaukreuz, Grünkreuz) verantwortlich. Nach dem Ende des Kaiserreichs schloss sich Dellmensingen in Bayern den republikfeindlichen Kräften an; nach deren Putschplänen sollte eine Militärdiktatur errichtet werden mit Krafft von Dellmensingen als Führer. Später tat er sich als fanatischer Judenhasser hervor und befürwortete unverhohlen den Vernichtungskrieg gegen das Weltjudentum. Obwohl nach dem Zweiten Weltkrieg auf Anordnung der Amerikaner alle nationalsozialistisch belasteten Namen getilgt werden sollten, heißt die Krafft-von-Dellmensingen-Kaserne noch heute so. Sie beherbergt unter anderem das Gebirgsmusikkorps 8.
KartentippTabacco 1 - 25 000, Blatt 03 »Cortina d’Ampezzo«
VerkehrsanbindungVon Cortina d’Ampezzo oder vom Passo Falzárego (2105 m) über die »Große Dolomitenstraße« zum Pian dei Menìs
GastronomieRifugio Giussani (2580 m), Mitte Juni bis 20. September; Tel. 0436/57 40
Tipps
Zitat. Uns fehlte vor allem die Artillerie. Die wenigen schweren Haubitzbatterien der 4. Armee hatten im ersten Monat nur eine Zuteilung von 15 Schuss täglich. Außerdem besaß die Armee, die in diesem denkbar unwegsamen und ungangbaren Gelände vorrücken musste, fast keine alpinen Truppen. Unsere Infanterie musste ohne geeignete Ausrüstung, ohne Kenntnis des Geländes, verstärkt durch nur wenige Maschinengewehre und Minenwerfer, angreifen. Sogar an Drahtscheren und Sprengpatronen, um die Drahthindernisse wegzuräumen, war Mangel. Diese Umstände machten die zahlenmäßige Überlegenheit unserer Infanterie, die das Zwei- und Dreifache gegenüber dem Gegner betrug, hinfällig. Piero Pieri, »Kämpfe um den Castelletto«
Informationen
Gehzeit - Gesamt 6 Std. Pian dei Menìs – Forcella Col dei Bos 1.15 Std., Forcella Col dei Bos – Rifugio Giussani 1.30 Std., Rifugio Giussani – Val Travenanzes – Forcella Col dei Bos 2.30 Std., Forcella Col dei Bos – Pian dei Menìs 0.45 Std.
Tourismusbüro
Ufficio Informazioni, Piazza Roma, I-32043 Cortina d´Ampezzo; Tel. +39/0436/869086, infodolomiti@dolomiti.org, www.dolomiti.org

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