Rund um die Pala di San Martino

Rosetta-Seilbahn – Rifugio Rosetta (2581m) – Altipiano delle Pale di San Martino – Passo Pradidali (2658m) – Rifugio Pradidali (2278m) – Passo di Ball (2443m) – Rosetta-Seilbahn (Autor: Eugen E. Hüsler)
Übers Plateau.
Gut einen Kilometer über den Hoteldächern von San Martino di Castrozza beginnt die Tour mit dem kurzen Abstieg von der Seilbahnstation (2609m) zum Rifugio Rosetta (2581m). Die bereits 1889 – notabene als Erste in den Pale di San Martino – errichtete Hütte gilt als zentraler Tourenstützpunkt dieser Dolomitengruppe. Nach Osten hin erstreckt sich das Altipiano, fast 50Quadratkilometer groß, ein unübersichtliches Durcheinander von Gräben, Dolinen und Hügeln – ver-steinerte Wellenschläge der Erdgeschichte, vor vielen Jahrmillionen auf dem Meeresgrund geboren. Das Wasser versickert hier fast so rasch wie in einem Sieb; umso erstaunlicher, dass sich zwischen den Felsbuckeln einige Seeaugen verstecken. Vielleicht gibt es deshalb auf dem Karstplateau eine Riviera di Manna?
Südseitig wird die Hochfläche von der Fradusta (2939m) überragt, deren stark geschrumpfter Gletscher deutlich signalisiert, dass nicht einmal in den Bergen alles »ewig« ist. Das Eisfeld hat in den letzten drei Jahrzehnten fast die Hälfte seiner Fläche eingebüßt – Verfallsdatum absehbar.
Zwillinge aus Stein.
Steine, kein Firn säumen den Weg über das Altipiano, der vom Rifugio Rosetta (2581m) in leichtem Auf und Ab erst nach Osten führt, dann nach Süd-osten umknickt und, ein paar namenlose Buckel umgehend, den Passo Pradidali (2658m; 1.15Std.) ansteuert. An der Senke kommt die Cima Canali (2900m) ins Blickfeld, ein wuch-tiger Klotz mit zerfurchten Flanken. Beim Geröllabstieg in den Felskessel von Pradidali gibt dann das elegante Felshorn des Sass Maor (2814m) die Richtung vor. Zusammen mit der Cima della Madonna (2752m), die ihn rechts flankiert, bildet er das schönste Gipfelpaar der südlichen Pala. Über die gut ein-sehbare Westkante der Cima della Madonna – die legendäre »Schleierkante« – verläuft eine der berühmtesten Kletterrouten der ganzen Dolomiten, erstbegangen von G.Langes und E.Merlet im Sommer 1920.
Eine Hütte und ein Wetterberg.
Drunten im Karboden liegt der Lago Pradidali (2242m), im Spätsommer oft halb ausgetrocknet; etwas höher, auf einer schönen Terrasse am Fuß des Torre Pradidali (2553m), steht das Rifugio Pradidali (2278m; 2Std.), südlicher Wendepunkt der Wanderrunde. Schlicht grandios ist die Felskulisse mit der markanten Cima Canali als Blickfang. Die Fernsicht geht nach Süden über das Val Canali bis zu Piz Sagron (2486m) und Sass de Mura (2547m), die den Feltriner Dolomiten angehören. Nicht zu sehen, weil er sich hinter dem Cimerlostock versteckt, ist dagegen der Monte Pavione (2335m), eine ebenmäßig gebaute, flache Pyramide und westlicher Eckpfeiler dieser südlichsten Dolomitengruppe. Er gilt in Fiera di Primiero als Wetterberg. Hängt eine Wolke an seinem Gipfel, richtet man sich hier auf Regen ein.
Zwei Briten und ein Welschtiroler.
Hinter dem Rifugio Pradidali leitet der Weg über steinige Wiesen und Geröll hinauf in den Passo di Ball (2443m; 2.30Std.), der Wasserscheide zum Val Cismòn. Benannt ist er (wie der westlich über dem Joch aufragende Gipfel) nach John Ball, dem ersten Präsidenten des Alpine Clubs und Erstbesteiger des Monte Pelmo. Sir Leslie Stephen, der 1869 in der Pala unterwegs war, regte die Namengebung an. Er logierte in Fiera di Primiero, das ganz offensichtlich nicht ganz den An-sprüchen eines englischen Gentlemans entsprach. »Primiero liegt einige tausend Meilen und einige Jahrhunderte jenseits von Eisenbahn und Zivilisation«, schrieb er später in seinen Memoiren. Sir Leslie wird wohl nicht gewusst haben, dass ausgerechnet aus diesem Bergnest am Fuß der Pala-Dolomiten jener Alois Negrelli stammte, der die Pläne zum Bau des Suezkanals entwarf und vor seinem Tod 1858 Technischer Direktor der Kanalgesellschaft war.
Schmal und luftig.
Der Weiterweg führt zunächst hinab in den obersten Karboden des Val di Roda und leitet dann auf ein schmales Band in den Sockelfelsen der Cima Immink (2855m). Drahtseile sichern den etwas luf-tigen Gang. Zur Linken hat man den felsigen Drachenrücken des Val-di-Roda-Kamms, im Vorblick die Rosetta; halbrechts sticht die Westwand der Pala di San Martino (2982m) in den Himmel. Sie wurde 1878 von einer illustren Gesellschaft erstbestiegen: Neben den großen Dolomitenführern Michele Bettega, Antonio Dimai und Santo Siorpaës war auch Alfred Markgraf von Pallavicini, ein recht bekannter Bergsteiger seiner Zeit, mit von der Partie. Er stürzte zehn Jahre später am Großglockner zu Tode (Wechtenbruch), wo er 1876 die später nach ihm benannte, 600Meter hohe und bis zu 55Grad steile Rinne als Erster mit drei Führern durchstiegen hatte.
Finale.
Am Fuß der Pala di San Martino gabelt sich der Weg: links geht’s hinab und hinaus nach San Martino di Castrozza, rechts erst flach um den Col de le Fede (2278m) herum und dann hinauf in den Passo di Val Roda (2572m). Der einst so kunstvoll angelegte Baron-von-Lesser-Weg – die noble Gesellschaft ritt früher ins Gebirge – mit seinen zahllosen Kehren ist leider größtenteils verfallen. Oben an der Senke entsteigt man dem Graben auf das Altipiano (4Std.), und der Blick geht nach Norden, wo die höchsten Gipfel der Pala (Cima della Vezzana, 3192m) aufragen. Zum guten Schluss sollte man sich – vor der Seilbahnfahrt hinab nach San Martino di Castrozza – noch den Abstecher zum Rosettagipfel (2743m) gönnen. Da hat man dann die ganze Pala im Blickfeld, auch den mächtigen Monte Agnèr (2872m), dessen Felsobelisk im Osten über dem Hochplateau aufragt.

Rosetta-Seilbahn – Passo Pradidali 1.15Std., zum Passo di Ball 1.15Std., zur Rosetta- Seilbahn 1.30Std. Insgesamt 4Std.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour12 km
Höhenunterschied700 m
Dauer4.00 h
Schwierigkeit
StartortSan Martino di Castrozza (1466m), bekannter Ferienort im Val Cismòn
AusgangspunktBergstation der Rosetta-Seilbahnen (2609m)
Endpunktwie Ausgangspunkt
TourencharakterEine der beliebtesten Wanderungen in den Pala-Dolomiten! Zum Klassiker geworden ist sie einerseits durch den Bau der Rosetta-Seilbahn, die einem den recht langen Anstieg von San Martino di Castrozza herauf abnimmt; vor allem bietet sie aber auch faszinierende Einblicke in die schönsten Felsräume des Massivs. Einmalig ist der Kontrast zwischen der mächtigen Nordkette und der Mondlandschaft des Altipiano, das sich nach Osten hin über mehrere Kilometer weit erstreckt. Im Pradidalikessel dann dominiert wieder die Vertikale, bilden Cima Canali (2900m) und Sass Maor (2814m) die Eckpfeiler einer Felskulisse, die sogar in den Dolomiten ihresgleichen sucht.
Wichtig auf dieser Tour ist zweierlei: gutes Wetter und Schwindelfreiheit. Letztere benötigt man, damit die etwas exponierte (aber drahtseilgesicherte) Querung in den Sockelfelsen der Pala di San Martino (2982m) nicht zur Zitterpartie wird; gutes Wetter ist vor allem auf dem Palaplateau vonnöten, denn bei Nebel (in der Pala keine Seltenheit) oder Neuschnee, wenn die Farbmarkierungen verschwinden, wird die Karsthochfläche rasch zu einem Irrgarten, in dem man sich leicht verlaufen kann!
Beste Jahreszeit
KartentippTabacco 1:25000, Blatt 022 »Pale di San Martino«
VerkehrsanbindungSan Martino di Castrozza liegt an der Südrampe der Rolle-Passstraße, 30km von Predazzo, 14km von Fiera di Primiero. Gute Busverbindungen über den Pass
GastronomieRifugio Rosetta, 20.6.–20.9., Tel. 0439/68308. Rifugio Pradidali, 20.6.–20.9., Tel. 0439/64180

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