Rotwandl und Viehkogel

Zwei »kleine« Gipfel des Steinernen Meers (Autor: Joachim Burghardt)
Was für die Berchtesgadener Alpen im Allgemeinen gilt, trifft auch auf das Steinerne Meer im Speziellen zu - Drei, vier besonders markante Berge prägen das Gesamtbild, und die Zahl der gemeinhin empfohlenen und nachgewanderten Touren ist überschaubar. Als Repräsentanten des Steinernen Meeres gelten vor allem Schönfeldspitze und Hundstod, Sommerstein und Breithorn, Funtensee und Grünsee sowie die drei bewirtschafteten Alpenvereinshütten der Hochfläche. Zu Recht: Schließlich sind diese Gipfelziele und die Dreieckswanderung zwischen Kärlinger, Ingolstädter und Riemannhaus landschaftlich herausragend schön. Aber dann sind da eben noch die »untergeordneten« Gipfel, die zweit- oder sogar nur drittrangigen Erhebungen abseits der Wege, die oft nicht wahrgenommen werden und nur dem geübten Auge auffallen. Einen dieser wenig bekannten Berge, das Rotwandl, möchte ich in Kombination mit einem bekannten Wanderziel, dem Viehkogel, auf ungewöhnlichen Routen als Rundtour vorstellen.
Aufstieg durch die Vegetationszonen.
Mit dem Kärlinger Haus als zweifachem Übernachtungsstützpunkt lässt sich diese Unternehmung als lockere Tagestour mit ausgedehnten Pausen angehen. Konditionsstarke Wanderer können natürlich noch eine Etappe dranhängen, etwa hinauf zum Ingolstädter Haus, oder zum Königssee absteigen. Die Wanderung beginnt am besten frühmorgens am Kärlinger Haus. Auf dem markierten Wanderweg in Richtung Riemannhaus spazieren wir zunächst zum Funtensee hinunter, an diesem vorbei und dann rechts haltend zum Baumgartl hinauf. Das zunächst saftige Grün des Funtenseekessels weicht mehr und mehr einem kargeren Bewuchs, und auch die Bäume verlieren sich schließlich zugunsten einer Vegetation aus Gras und Latschen. Die grauen Felsflecken treten zunächst vereinzelt hervor, dehnen sich mehr und mehr aus und bilden schließlich eine großflächige Karstlandschaft. Zur höchst wechselvollen Waldgeschichte des Steinernen Meeres wurden übrigens schon Anfang der 1960er-Jahre von Hannes Mayer umfassende Erkenntnisse gewonnen, der unter anderem in einer kleinen Mulde auf 1720 Meter Höhe nahe dem Weg eine Pollenmessung durchführte.
Weglos aufs Rotwandl.
Bei der Wegverzweigung auf 1949 Meter Höhe bleiben wir rechts und halten schon bald Ausschau nach einer guten Möglichkeit, weglos zum Rotwandl hinüberzugehen. Wegfindigkeit und »Pioniergeist« dürfen sich hier austoben – wir suchen uns die günstigste Route durch das Gewirr aus Karrenformationen, kleinen Schluchten, grasigen Bändern und Felsrippen. Ohne größere Schwierigkeiten, bestenfalls in leichter Genusskletterei erreichen wir von Osten her das Gipfelplateau des Rotwandls. Und dann ist das Staunen groß! Inmitten dieses im wahrsten Sinne des Wortes Steinernen Meeres schwimmt das Rotwandl wie eine grüne Insel. Wiesen krönen sein flaches Haupt, und wer nicht zu spät im Jahr kommt, darf den Begriff »Blumenwiese« vielleicht sogar neu für sich definieren. Kaum zu fassen, dass der AV-Führer diesen einsamen und aussichtsreichen Plateauberg allen Ernstes als »wenig lohnend« abtut – Absicht mit Hintergedanken oder schlichtweg ein Irrtum?
Freie Sicht vom Viehkogel.
Bald hat uns jedoch die Hochfläche wieder. Der einfachste Abstieg führt uns auf der Nordseite über steiles Gras und Felsen von der Hochfläche hinab ins altbekannte Gewirr aus Felsstrukturen, Geröllflächen, Latschen und Wiesenflecken. Wieder dürfen wir nun unsere Route selbst bestimmen, ein wenig »Entdecker« sein, Ausschau halten. Wer jetzt schon genug hat vom weglosen Gelände und auf den zweiten Gipfel verzichten kann, steigt gleich ins Viehkogeltal bis zu den Markierungen ab und setzt die Wanderung entweder nach Norden zum Kärlinger Haus oder nach Süden zum Riemannhaus (Tour 22) fort. Andernfalls überqueren wir in nördlicher Richtung mit wenig Höhenunterschied die »Stang« in Richtung Viehkogel, bis wir nach einem kurzen Abstieg die Viehkogelnieder mitsamt dem markierten Weg erreichen. Ohne jedes felsige oder latschenartige Hindernis können wir nun diesen schönen Inselberg über seine steile Südwestseite besteigen. Wie überraschend ist dann der Blick, der uns taumeln lässt und jäh zum Funtensee hinabziehen möchte, wenn wir am Rand der Gipfelwiese stehen! Der liebliche Ort bricht in verderbliche Steilflanken ab. Aber wie lohnend ist auch das Bild der versammelten Prominenz von Watzmann, Schönfeldspitze, Hundstod! Eine richtige Ehrenloge über der weiten Hochfläche also, dieser Viehkogel, und das auf nur bescheidenen 2158 Metern Höhe.
Zurück zum kühlen See.
Auf dem Rückweg ist nach dem steilen Gipfelhang schon das unangenehmste Stück überwunden. Bei der Jagdhütte (1889 m) biegt der Weg ins Viehkogeltal ein, bevor es dann über Geröll hinabgeht und links der vom Ingolstädter Haus kommende Pfad einmündet. Genüsslich tauchen wir wieder ein in die wasserreiche, kühle Mulde des Funtensees, die schon so vielen Bergsteigern Erholung und Freude war.

GEHZEITEN.
Kärlinger Haus – Baumgartl – Rotwandl 2 Std., Viehkogel 1:30 Std., Kärlinger Haus 1:30 Std.; insgesamt 5 Std.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour9 km
Höhenunterschied800 m
Dauer5.00 h
Schwierigkeit
StartortDorf Königssee, 604 m
AusgangspunktKärlinger Haus, 1630 m
EndpunktRotwandl, 2231 m; Viehkogel, 2158 m
TourencharakterRundtour mit vielen weglosen Passagen, die Trittsicherheit, alpine Erfahrung und eine gute Orientierungsgabe erfordert. Bis oberhalb der Baumgartlhöhe markierter Weg, dann weglose Besteigung des Rotwandls, je nach Route eventuell mit leichten Kraxelstellen (I). Vom Rotwandl nordseitiger Abstieg über steile Wiesen, unschwierig und weglos zum Viehkogel, dort wieder markierter Weg. Hinweis - Die Schwierigkeitsbewertung dieser Tour tendiert zu »schwer«. Vertrautheit mit weglosem Gelände sollte bei einer Begehung unbedingt vorhanden sein.
Hinweise
BESTE JAHRESZEIT. Ende Juni bis Oktober
KartentippAV-Karte 10/1 »Steinernes Meer« 1 - 25 000
VerkehrsanbindungMit Bus oder Auto zum Königssee, weiter mit dem Schiff nach St. Bartholomä oder Salet. Zustieg zum Kärlinger Haus siehe Tour 17, 19, 22, 27
GastronomieKärlinger Haus, 1630 m, am Funtensee. AV-Hütte, bewirtschaftet von Ende Mai bis Mitte Oktober. Tel. - 08652/609 10 10, www.kaerlingerhaus.de
Tipps
Neben dem markierten Wanderweg, der vom Viehkogel zum Kärlinger Haus hinunterführt, besteht eine interessante Abstiegsalternative zum Funtensee. Man geht dazu vom Gipfel zunächst wieder den steilen Südwesthang hinab und dann aus der Viehkogelnieder südöstlich durch eine Schafgasse teils weglos ins Baumgartl zurück (vgl. AV-Karte). Die Schafgasse hieß früher übrigens auch »Staubgasse« – wohl wegen des Blütenstaubs der vielen Latschen, mit dem man beim Hindurchgehen bestäubt wurde. Gebietskenner und Extremskifahrer benutzen noch eine dritte Route, die ich an dieser Stelle explizit nicht empfehlen, sondern nur erwähnen will - Vom Gipfel des Viehkogels wird mitunter auch direkt nordöstlich extrem steil in Richtung Funtensee abgestiegen – oder im Winter mit Ski abgefahren –, wobei man den Steilabstürzen der Viehkogel-Ostflanke nördlich ausweicht und erst viel weiter unten mit einer Querung nach Osten den Funtenseekessel erreicht – schwierig!

Lust bekommen? Noch mehr Touren finden Sie in unserem Buchtipp:

Tassilo Wengel

Rheinsteig

»Deutschlands schönster Wanderweg 2006« bietet auf 320 km zwischen Bonn und Wiesbaden schönste Naturerlebnisse und spektakuläre Ausblicken auf den Rhein.

Jetzt bestellen
Mehr zum Thema