Rotspielscheibe und Fagstein

Zwei wunderschöne Gipfel abseits des Trubels (Autor: Joachim Burghardt)
17 km
1300 m
8.00 h
Eine Almwanderung durch saftiges Grün ist eine tolle Sache. Lohnenswerter wird eine Tour durch eine Gipfelbesteigung, von denen ich hier gleich zwei empfehlen kann. Doch damit nicht genug - Versteckte, aber gut gangbare Pfade gefällig, die in vielen Karten nicht eingezeichnet sind? Eine abwechslungsreiche Landschaft, die mit senkrechten Wänden, bizarren Karstformationen, Gipfelgraten und weiten Wiesen begeistert? All das ist hier zu finden! Tatsächlich, ich komme bei dieser Tour aus dem Schwärmen nicht heraus. Sowohl die Rotspielscheibe als auch der Fagstein sind unschwierig zu ersteigen und vor allem bei Einheimischen sehr beliebt. Die Überschreitung der beiden ergibt eine wunderbare tagfüllende Rundwanderung durch das westliche Hagengebirge.
Die Tour beginnt zeit- und kräftesparend am Parkplatz Hinterbrand, wo wir der Beschilderung zur nahegelegenen Jennerbahn-Mittelstation folgen. Dort geht es geradeaus weiter und durchwegs mit nur geringen Steigungen auf breiten Wegen den ganzen Jenner-Westhang entlang – ein wenig anstrengender Auftakt, der sich gut zum Warmwerden eignet! Gegen Ende dieser langen Querung fällt der Fahrweg noch einmal vierzig Höhenmeter ab und bietet tolle Ausblicke zum Watzmannmassiv. Am Ende des Gefälles überqueren wir den Königsberger Graben, den Hauptzufluss des Königsbaches, und steigen auf der anderen Seite steil zur nächsten größeren Fahrstraßenverzweigung hinauf. Hier halten wir uns links in Richtung Stahlhaus! Wiederum nur wenig später erreichen wir auf 1360 Meter Höhe die Abzweigung, von wo aus es rechts (östlich) zunächst leicht abfallend und unbeschildert zur Königstalalm weitergeht, welche nicht mit der tiefer gelegenen Königsbachalm zu verwechseln ist. Orientierungsschwierigkeiten? Was hier so kompliziert beschrieben ist, wird beim Blick auf die Karte sofort klar: Der direkte Aufstieg zur Königstalalm ist eigentlich nicht zu verfehlen.
Die Königstalalm erreichen wir schließlich über den Fahrweg, zuletzt etwas steil und über Serpentinen im Wald. In der kurzen Sommersaison bietet sich die in einer eindrucksvollen Umgebung gelegene Alm für eine Rast an. Wanderer kommen hier in den Genuss zünftiger Brotzeiten und frischer Milch, und es ist keine Seltenheit, dass Flötenspiel erklingt oder der Berchtesgadener Jodler durch den Talkessel hallt. Dazu die Almwiesen und die herumbummelnden Kühe ... Manch einem mag all das als übertrieben heile Welt erscheinen, als unerträglicher Gegensatz zur problembeladenen, urbanen Welt des Alltags. Es wäre jedoch geboten, die Almwirtschaft einmal ganz unvoreingenommen zu betrachten, sie als echtes Kulturgut wiederzuentdecken und auch im Blick zu behalten, mit welchen Schwierigkeiten und Mühen sie behaftet ist. Doch nun ruft der Gipfel: Wir wandern zwischen den beiden Almgebäuden hindurch und leicht aufsteigend auf einem Pfad in südöstlicher Richtung über einen Bach und in den Wald. Schon kurze Zeit später, am Beginn einer großen Lichtung, verzweigt sich der Weg, und wir wählen die rechte Variante, die in der Folge im Wald südwestlich hinaufführt. Auf dem schmalen, aber immer erkennbaren Pfad steigen wir nun in wenigen Spitzkehren die Ostflanke der von riesigen Blaubeerfeldern überzogenen Farnleiten hinauf, die den nördlichen Hügelvorbau der Rotspielscheibe bildet.
Almlandschaften und Felswände.
Von der Einsattelung vor dem Steilaufbau der Rotspielscheibe kann ein kurzer Abstecher zum höchsten Punkt der Farnleiten unternommen werden. Schon jetzt ist das Erlebnis großartig: Fernab der überlaufenen Routen schweift der Blick ungestört über die umliegenden Berge und hinab ins Berchtesgadener Tal. Sanfte Hügelformen und Grüntöne beruhigen das Auge, aber auch die direkt benachbarte düstere Nordwand der Rotspielscheibe ist nicht zu übersehen. Nun weht ein alpiner Wind! Aus dem Sattel zieht in südlicher Richtung ein nur in der neuesten AV-Karte verzeichneter Pfad zum eigentlichen Gipfelaufbau der Rotspielscheibe hinauf. Er führt durch ihre waldige und sehr steile Nordwestflanke und ist für schwindelfreie Bergsteiger mit Genuss zu begehen, Vorsicht allerdings bei Nässe! Schon bald erreichen wir – teils etwas ausgesetzt – den Gipfelkamm, wo von rechts (südlich) ein Pfad aus dem Priesberggebiet heraufführt. Angenehm und aussichtsreich sind die letzten Meter bis zum Gipfel, dann haben wir den Berg bestiegen, der früher meist nur »Scheibe« genannt wurde. Gerne schaut man nun noch einmal hinab zur Königstalalm, vor allem aber fasziniert der überraschend jähe Abbruch der Nordwand keine drei Schritte vom Gipfelkreuz entfernt.
Der Fagstein wartet.
Der Weiterweg bietet sofort Neues: Wir steigen südöstlich auf Steigspuren in den Kessel zwischen Rotspielscheibe, Reinersberg, Windschartenkopf und Fagstein ab und finden uns kurz darauf in einem zerklüfteten Felsgelände wieder, das sogar dem Steinernen Meer alle Ehre machen würde. Immer wieder sind schwache Markierungen und Steinmänner zu sehen, die den vielleicht zügigsten Durchstieg in diesem verkarsteten Auf und Ab vermitteln. Ob wir nun nach Steigspuren Ausschau halten oder auf eigene Faust dahinwandern – wichtig ist, die Einsattelung zwischen Windschartenkopf und Fagstein (Punkt 1996 der AV-Karte) anzusteuern. Von hier aus wäre in wenigen Minuten Abstieg der markierte Weg Nr. 416 zwischen Schneibstein und Seeleinsee erreichbar, doch empfehlenswerter ist es, mit dem Fagstein noch einen zweiten Gipfel mitzunehmen. Hierzu steigen wir einfach weglos über seinen Ostrücken auf und suchen uns selbst eine Route über Fels und Gras hinauf zum Gipfelgrat. Das Schlussstück kann man sich schöner nicht vorstellen: weglos, aber völlig unschwierig, direkt auf der Gratschneide und mit freiem Rundblick!
Abstieg über das Roßfeld.
Die Überschreitung des Fagsteins vervollständigen wir schließlich mit dem Abstieg zu den Wiesen des Roßfelds: Vom Gipfel geht es einfach auf dem Kamm weiter, bis nach 15 Minuten ein Abstieg nach rechts (westlich) möglich ist. Ein gut erkennbarer Pfad mogelt sich raffiniert durchs grasige Steilgelände. Vor allem bei Nässe sind Trittsicherheit und Schwindelfreiheit hier nicht fehl am Platz. Ansonsten ist der Weg aber mit keinen Schwierigkeiten verbunden, und wenig später finden wir uns auf den weiten Wiesenhängen des Hohen Roßfelds wieder. Auf einem unmarkierten Weg, der wiederum auf fast keiner Karte verzeichnet ist, gelangen wir in nordwestlicher Richtung nach unten. Ganz ohne Hindernisse sind die Roßfelder zur Königsseeseite hin ausgerichtet – sie vermitteln ein Gefühl der Freiheit und ermöglichen noch einmal stilles Wandern, bevor weiter unten die Hauptrouten warten. Besonders schön wäre es natürlich, hier im goldenen Licht eines späten Herbstnachmittags unterwegs zu sein! Nördlich der Kammerlwand und der Quelle des Abwärtsgrabens weist ein Bergrücken den Weg genau in Richtung Priesbergalm, von der uns schließlich nur noch ein letzter Waldstreifen trennt. Auf breiten Wegen zurück nach Hinterbrand geht diese Traumtour ihrem Ende entgegen.

GEHZEITEN.
Hinterbrand–Königstalalm 2 Std., Rotspielscheibe 1:30 Std., Fagstein 1–1:30 Std., über die Roßfelder zur Priesbergalm 1:30 Std., Hinterbrand 1:30 Std.; insgesamt 8 Std.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour17 km
Höhenunterschied1300 m
Dauer8.00 h
Schwierigkeit
StartortDorf Königssee, 604 m
AusgangspunktParkplatz Hinterbrand, 1130 m
EndpunktRotspielscheibe, 1940 m; Fagstein, 2164 m
TourencharakterBis zur Königstalalm breite Wanderwege und Fahrwege, danach unbezeichnete, aber deutliche Pfade. Aufstieg zur Rotspielscheibe stellenweise steil. Von der Scheibe zum Fagstein zunächst Pfadspuren, dann Steinmänner, schließlich weglos, aber unschwierig. Abstieg vom Fagstein über deutlichen Pfad, stellenweise steil. Ab Priesberg- alm wieder breite Wege. Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und Orientierungsvermögen erforderlich.
Hinweise
BESTE JAHRESZEIT. Juni bis Oktober
KartentippUmgebungskarte »Nationalpark Berchtesgaden« 1 - 25 000 und AV-Karte 10/2 »Hochkönig/Hagengebirge« 1:25 000, Ausgabe 2008
VerkehrsanbindungMit Auto oder Bus von Berchtesgaden über den Obersalzberg und die Dürreckstraße zum Parkplatz Hinterbrand
GastronomieKönigstalalm, 1530 m. Almbetrieb mit Verkauf von Brotzeiten und Getränken etwa von Ende Juni bis Ende August. Tel. (Tal) - 08652/615 35. Priesbergalm, 1500 m, in der Sommersaison einfach bewirtschaftet. Tel. (Tal): 08652/22 14. Beide Almen ohne Übernachtungsmöglichkeit!

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