Mooslahnerkopf und Watzmannfrau

Stille Wege an einem wilden Berg (Autor: Joachim Burghardt)
»Wer Watzmannfrau sagt, muss auch Watzmann-Mann sagen«, könnte man philosophieren. Tatsächlich herrscht keine Klarheit über den Namen der Nummer 2 im Watzmannmassiv. Die Karten bevorzugen zwar überwiegend »Kleiner Watzmann«, ignorieren damit aber die aufgrund der Sage gemeinhin akzeptierte Weiblichkeit des Berges. Denn nicht nur der grausame König, sondern auch Frau und Kinder wurden, so heißt es, für ihre Verbrechen bestraft und in Stein verwandelt. Der Zeller-Führer von 1911 kennt die gemütliche Bezeichnung »Watzmannweibl«, und sogar »Watzfrau« ist mitunter anzutreffen. Wie man sie auch nennen mag, ihr Schattendasein gegenüber dem Großen Watzmann ist enorm und von den späten Nachmittagsstunden an wörtlich zu verstehen. Es gibt keinen Wanderweg zum Gipfel hinauf, nur einen schmalen Pfad mit Kletterstellen. Auch sind die anspruchsvollen Passagen nicht mit Drahtseilen entschärft, wie man das von der Watzmann-Überschreitung gewöhnt ist. So bürgt also schon der Normalweg auf die Watzmannfrau für ein erhebliches Maß an landschaftlicher Ursprünglichkeit, gepaart mit dem außergewöhnlichen Etwas, das so vielen »Second Summits« dieser Welt eigen zu sein scheint. Zusammen mit dem Mooslahnerkopf und dem Rinnkendlsteig als Zustiegsroute ergibt das eine großartige Zweitagestour mit unvergesslichen Tiefblicken.
In St. Bartholomä verfolgen wir den nördlichen Uferweg, der als reizvolle Seepromenade den inneren Schweinehund betört, noch bevor die Tour richtig begonnen hat - Faul auf der Bank sitzen, sich sonnen, vielleicht kurz ins Wasser hüpfen und dann auf eine Halbe in den Biergarten? Falls der motivierte Bergsteiger diesen Versuchungen widersagt hat, erreicht er die Stelle, wo der Weg das Ufer verlässt und die ersten Höhenmeter überwindet. Der sogenannte Rinnkendlsteig führt nun zunächst durch Wald und weiter oben durch freies Steilgelände, das noch Spuren des großen Waldbrandes von 1927 zeigt. Einige alte Holzleitern und Drahtseile sehen nicht sehr vertrauenerweckend aus, doch insgesamt ist der Steig für schwindelfreie Bergsteiger gut zu begehen und aufgrund der wunderschönen Tiefblicke zum Königssee höchst lohnenswert. Oben angekommen, schauen wir noch kurz bei der aussichtsreichen Archenkanzel vorbei, bevor wir eine Viertelstunde später die Kührointalm erreichen. Es bietet sich an, am Nachmittag noch den Mooslahnerkopf anzupacken und in der Kührointhütte zu übernachten, um dann am nächsten Morgen mit frischen Kräften zur Watzmannfrau aufzubrechen. Aber auch eine große Ein-Tages-Tour mit nur einem der beiden Gipfel ist möglich.
Überraschende Aussichten.
Der Weg zum Mooslahnerkopf ist nicht deutlich beschildert: Er zieht von der Kührointhütte südlich hinauf und überquert auf 1405 Meter Höhe eine von Ost nach West verlaufende Forststraße – hierher gelangt man auch direkt vom Wanderweg Archenkanzel–Kührointalm –, ist dann aber nicht mehr zu verfehlen. Durchgehend im Wald führt der deutliche Steig nach oben, mitunter etwas steil und rutschig, aber unschwierig und nicht ausgesetzt. Nach gut einer Stunde erreichen wir dann den Gipfel, der eigentlich nur eine untergeordnete Erhebung im langen Ostkamm der Watzmannfrau darstellt. Und doch ist es ein Ort, der bei guten Sichtverhältnissen unvergesslich bleiben wird. Wer hier am Nachmittag aus dem schattigen Wald neben dem Gipfelkreuz in die Sonne hinaustritt, dem tut sich ganz unvermittelt eine freie Sicht hinab zum Königssee auf – ein herrlicher Anblick, an dem man sich nicht satt sehen kann. Zurück geht es auf dem Aufstiegsweg.
Die Watzmannfrau ruft.
Eine Bergtour von deutlich größerem Kaliber ist die Besteigung der Watzmannfrau. Von der Kührointhütte gehen wir ein Stück auf dem Wanderweg in Richtung Watzmannhaus, bis am Ende der freien Almfläche bei einem Wasserbehälter links ein Pfad hinaufführt. Auf diesem steigen wir zunächst bequem und flach, bald steiler und wurzelreicher über den bewaldeten Höhenrücken auf. Noch vor dem eigentlichen Gipfelaufbau folgt dann die Schlüsselstelle: Die Nordostflanke der Watzmannfrau verengt sich hier zu einem schmalen Grat, der auf seiner Schneide überquert wird und nicht umgangen werden kann. Schon manch ein Wanderer ist angesichts dieser plötzlichen Schwierigkeit verzagt und umgekehrt. Dabei ist es tatsächlich mehr die überraschende Ausgesetztheit als die klettertechnische Schwierigkeit an sich, die hier Kopfzerbrechen bereitet. Nach wenigen Metern konzentrierten Steigens im II. Grad wird das Gelände sofort wieder leichter, und die beiderseitigen Abgründe gähnen nur noch in sicherer Entfernung.
Exponierte Gipfelmomente.
Einige Steinmänner und gelbe Farbtupfer helfen im weiteren Verlauf bei der Orientierung. Dennoch ist unsere Wegfindigkeit gefragt, da es sich nicht um eine deutlich markierte Route handelt. Über einzelne leichte Kletterstellen, Geröll und Felsplatten gewinnen wir mehr und mehr an Höhe, bis der steile Anstieg am Gipfelkreuz endet. Der Blick zieht dann seine weiten Kreise, wandert nach Süden über das Steinerne Meer, über Hochkönig und Hagengebirge, über den Hohen Göll und den Untersberg. Gleich nebenan dominiert die schiere Felsmasse des Großen Watzmanns. Besonders imponierend wirkt das Watzmannkar mit den fünf Kindern und seinem öden Fels-Chaos aus unserer Perspektive – eine tief beeindruckende Urlandschaft! Auf dem vorgelagerten Südgipfel der Watzmannfrau finden wir weiche Sitzplätze im Gras und können ein bisschen über die Geschichte dieses Bergs sinnieren. Im Jahr 1852 setzten der Überlieferung zufolge der siebzehnjährige Johann Grill und der erst neunjährige Johann Punz als Erste ihren Fuß auf den Gipfel der Watzmannfrau. Später genossen die beiden Ramsauer, bekannt als »Kederbacher« und »Preissei«, hohes Ansehen als Bergführer. Im 20. Jahrhundert war die Watzmannfrau vor allem wegen ihrer markanten Westwand ein alpinistischer Brennpunkt. Sehr interessant ist aber auch der Blick über den Ostgrat zum Mooslahnerkopf hinab. Diese Route ist nämlich strenggenommen die technisch einfachste an der Watzmannfrau, da sie keine so unangenehme einzelne Kletterstelle beinhaltet wie der Normalweg. In einer anspruchsvollen, weglosen Überschreitung steigen erfahrene Bergsteiger manchmal also auch vom Mooslahnerkopf über den Grat und zuletzt durch die schuttreiche Ostflanke zur Watzmannfrau hinauf.
Für den Abstieg ist aber in jedem Fall der Normalweg vorzuziehen, denn er ist uns bereits bekannt und bietet begeisternde Tiefblicke in den Berchtesgadener Talkessel. Ist der kurze Grat mit seinem exponierten Gendarm dann überwunden, müssen wir nur noch durch den Wald zur Kührointalm absteigen, wobei auf dem schmalen Pfad vor allem bei Nässe Rutschgefahr, aber keine Absturzgefahr mehr herrscht. Von Südwesten her erreichen wir dann wieder Kühroint. Nachdem wir uns vielleicht noch die im Jahr 1999 errichtete Bergopfer-Gedenkkapelle angesehen haben, beginnt mit dem Abstieg zum Dorf Königssee das letzte Kapitel der Tour. Über ausgeschilderte Forststraßen und breite Wege geht es hinunter zur Klingeralm und an der Bob- und Rodelbahn entlang zum Dorf Königssee. Wie schön und zugleich merkwürdig ist es, wenn man dort noch einmal zurückdenkt an die wilde, einsame Hochgebirgslandschaft, die wir durchschritten haben! Eine steile Welt, die sprachlos macht …

GEHZEITEN.
St. Bartholomä – Kührointalm 2:30–3 Std., Mooslahnerkopf hin und zurück 2–2:30 Std., Watzmannfrau hin und zurück 5 Std., Abstieg zum Dorf Königssee 2 Std.; insgesamt rund 12 Std.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour18 km
Höhenunterschied2150 m
Dauer10.00 h
Schwierigkeit
StartortKönigssee, 604 m
AusgangspunktSt. Bartholomä, 604 m
EndpunktMooslahnerkopf, 1815 m; Watzmannfrau, 2307 m
TourencharakterAnspruchsvolle Bergtour mit alpinem Charakter. Aufstieg über den Rinnkendlsteig stellenweise gesichert, steil und ausgesetzt. Auf den Mooslahnerkopf unschwieriger, aber steiler Pfad. Die Besteigung der Watzmannfrau erfolgt über den schwach markierten Normalweg über den Kederbichl, mehrere leichte Kletterstellen. Schwierigste Einzelstelle ist der Gendarm im Nordgrat, eine sehr ausgesetzte, kurze Kletterstelle im II. Grad. Nur für erfahrene, absolut schwindelfreie und wegfindige Bergsteiger; bei Nässe unangenehm! Abstieg zum Dorf Königssee auf einfachen, breiten Wanderwegen.
Hinweise
BESTE JAHRESZEIT. Juli bis Oktober
KartentippUmgebungskarte »Nationalpark Berchtesgaden« 1 - 25 000 oder AV-Karte Bayerische Alpen BY22 »Berchtesgaden/Untersberg« 1:25 000
VerkehrsanbindungMit Bus oder Auto zum Königssee, weiter mit dem Schiff nach St. Bartholomä
GastronomieKührointhütte, 1420 m. Privathütte mit Übernachtungsgelegenheit, bewirtschaftet von Mai bis Oktober. Tel. - 0171/353 33 69, www.kuehroint.com

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