Ellmauer und Goinger Halt

Anspruchsvolle Steige im Wilden Kaiser
Vielen Bergfreunden ist das Kaisergebirge schon zur Bergheimat geworden. Und viele dürften sich schon die Frage gestellt haben, woher denn der Name dieses so beliebten Kalkgebirges kommt. Der Name Wilder Kaiser findet sich erstmals 1611 auf den Landtafeln Mathias Burgklehners. Doch waren bis ins 19. Jahrhundert die Bezeichnungen Hinterkaiser, Vorderkaiser sowie Hochkaiser gebräuchlich, bis sich die den Bergformen gemäße Unterscheidung in Wilden und Zahmen Kaiser durchsetzte.
Zwei Touren im Herzen des Wilden Kaisers sind hier vorgestellt. Zunächst geht es auf die Ellmauer Halt, den höchsten Kaisergipfel. Dann statten wir der Goinger Halt einen Besuch ab, der sich lohnt. Genießt man doch von diesem Berg wunderbare Einblicke in die berühmten Kletterwände von Christaturm und Fleischbank, die sich jenseits der Steinernen Rinne aufbauen. Die Beschreibung verbindet beide Unternehmungen zu einer abwechslungsreichen Zweitagestour, die tiefe Einblicke in das Herz des Wilden Kaisers gibt, dieser mystischen Felslandschaft aus unzähligen Türmen und Pfeilern, die heute ein Dorado extremer Kletterer ist.
Zur Ellmauer Halt
Ein Mautsträßchen führt von Ellmau nordwärts zur Wochenbrunneralm. Hier schnürt man die Bergschuhe und steigt über einen Almboden, durch Mischwald, zuletzt über latschenbewachsene Hänge hinauf zur Gruttenhütte. Man reserviert sich ein Nachtquartier und setzt dann den Weg zum höchsten Kaisergipfel fort.
War der Weg von der Wochenbrunneralm zur Gruttenhütte noch eine beschauliche Wanderung ohne jeglichen alpinistischen Ernst, so wandeln sich nun die Eindrücke. Rasch wird aus der Wanderung eine Bergtour, die schon bald ordentliche Anforderungen an den Begeher des „Normalweges“ zur Ellmauer Halt stellen wird.
Gleich hinterm Haus beginnt der markierte und beschilderte Steig. Er führt zunächst ins Hochgrubachkar, dann steiler hinauf zu den Gamsängern, Gras- und Schrofenbändern, die, langsam ansteigend, den Weiterweg in westlicher Richtung vermitteln. Mit Erreichen der Gamsänger beginnen auch die alpinistischen Schwierigkeiten der Tour. Zwar erleichtern drahtseilgesicherte Passagen das Vorankommen, immer aber ist der Weg ausgesetzt und durch Steinschlag vom Kopftörlgrat bedroht! Bei der gelben „Jägerwand“ zieht der Steig unter Führung von Drahtseilen nordwärts empor. Von nun an weisen Stifte, Klammern und Drahtseile den Weg zum Gipfel der Ellmauer Halt (2344 m). Für den Gipfelaufschwung gilt dasselbe wie für die Gamsänger: Steinschlaggefahr, hier durch höher oben befindliche Bergsteiger! Man selbst sollte sorgfältig gehen, das Lostreten von Steinen vermeiden und beim Begehen spätfrühjahrlicher Schneefelder besonders aufmerksam sein!
Am Gipfel der Ellmauer Halt steht das kleine, offene Babenstuberhüttchen, ein Notunterstand, der bei Gewittern allerdings sehr blitzschlaggefährdet ist. Man wird sich, wenn man bei verdienter Gipfelrast in das weite Rund schaut, nicht sattsehen können. Doch für das, was der weite Horizont an Bergen zu bieten hat, wird man wohl kaum Augen haben. Vielmehr faszinieren die schroffen Berge der nächsten Nähe. Senkrechte Wände, schluchtartige Täler, Kletterer in scheinbar haltlosem Fels – dramatische Landschaftsformen, gesehen vom höchsten Punkt dieses wilden Gebirges.
Doch irgendwann befällt einen leichte Unruhe. Man muss ja auch wieder hinunter von der Ellmauer Halt. Und zwar auf demselben heiklen Weg, den man heraufgekommen ist. Und das bedeutet: noch einmal viel Sorgfalt beim Gehen, viel Achtsamkeit auf die Gefahren, die dieser Weg durchaus bereithält.
Auf die Goinger Halt
Auch der nächste Tag dieses zweitägigen Kaiser-Abenteuers birgt noch einmal spannende Wegstellen. Doch alles in allem wartet er mit weit weniger Gefahren auf, gibt sich nicht gar so wild und bietet zudem noch einen Gipfel, auf dem einen keine Unruhe befallen muss.
Von der Gruttenhütte leitet ein drahtseilgesicherter, eindrucksvoller Steig durchs „Wilde Gschloß“ in Richtung Ellmauer Tor. Es ist dieser Steig, der auch als „Jubiläumssteig“ bezeichnet wird, bei etwas Vorsicht ohne besondere Schwierigkeiten zu begehen. Bei der Gruttenhütte folgt man den Beschilderungen, hält sich nordöstlich, quert eine halbe Stunde lang auf dem Jubiläumsweg ins Kübelkar, wo der Weg von der Gaudeamushütte her einmündet. Über harmlose Schrofen und Geröll geht es nun hinauf zum breiten Ellmauer Tor, das Karlspitze und Christaturm von den Goinger Halten trennt. Das Ellmauer Tor ist ein überaus eindrucksvoller Flecken, der in den Ostalpen wohl seinesgleichen sucht. Vom Ellmauer Tor steigt man ein paar Minuten am Anstiegsweg wieder ab, bis links, östlich, der Steig zur Hinteren Goinger Halt abzweigt. In einer halben Stunde gelangt man nun über Geröll und grasdurchsetzte Schrofen, vorbei an einer kurzen, drahtseilgesicherten Stelle zum 2192 Meter hohen Gipfel.
Die Hintere Goinger Halt gehört nicht nur zu den am leichtesten ersteigbaren Kaisergipfeln, sie wartet auch auf mit eindrucksvollen Einblicken in die spektakulären Kletterwände von Karlspitzen, Christaturm und Fleischbank. In diesen der Goinger Halt gegenüberliegenden Wänden wurde Alpingeschichte geschrieben. Und die Routen, die sie durchziehen, sind fast allesamt Klassiker: Dülferführe und Fleischbank-Südost, Christaturmkante und Pumprisse, um nur einige zu nennen. Auf dem Gipfel der Goinger Halt lässt sich gut sitzen und dem Klettertreiben drüben zusehen. Kein Abstieg drängt, keine noch bevorstehenden Schwierigkeiten könnten Sorgen bereiten.
Für den Abstieg nimmt man den Anstiegsweg zurück bis dorthin, wo „Jubiläumsweg“ und der Weg zur Gaudeamushütte zusammentreffen. Der Rest gehört dem Schlendrian. Hinunterbummeln zur „Gaudi“-Hütt'n und hinausspazieren zur Wochenbrunneralm, wo zwei gewiss eindrucksvolle Tage im Wilden Kaiser ausklingen.

Dauer:

Ellmau – Wochenbrunneralm 1 1/4 Std., Wochenbrunneralm – Gruttenhütte 1 1/4 Std., Gruttenhütte – Ellmauer Halt 2 1/2 Std., Ellmauer Halt – Gruttenhütte 2 Std. Gesamtgehzeit: etwa 7 Std.

Gruttenhütte – Ellmauer Tor – Goinger Halt 2 Std., Goinger Halt – Ellmauer Tor – Gaudeamushütte – Wochenbrunneralm 2 1/2 Std., Wochenbrunneralm – Ellmau 1 Std. Gesamtgehzeit: etwa 5 bis 6 Std.

Falls man mit dem Pkw zur Wochenbrunneralm gefahren ist, verkürzen sich die Gesamtgehzeiten an beiden Tourentagen um jeweils eine Stunde.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour9 km
Dauer7.00 h
Schwierigkeit
AusgangspunktEllmau, 804 m. Wochenbrunneralm, 1087 m, nördlich von Ellmau.
TourencharakterDer Aufstieg von Ellmau zur Gruttenhütte und weiter bis ins Hochgrubachkar ist unschwierig. Eine Fortsetzung des Anstiegs zur Ellmauer Halt aber ist eine ernste und nicht ungefährliche Bergtour (Ausgesetztheit; Klettersteigcharakter; erhöhte Steinschlaggefahr). Der Steig von der Gruttenhütte Richtung Ellmauer Tor ist bestens gesichert, als „Jubiläumssteig“ bekannt und gerne begangen (bei Regen ist wegen erhöhter Steinschlaggefahr auch hier Vorsicht geboten). Der Aufstieg vom Ende des Jubiläumssteiges zur Hinteren Goinger Halt vollzieht sich auf schmalen, aber unschwierigen Bergsteigen, dasselbe gilt für den Abstieg über die Gaudeamushütte zur Wochenbrunneralm.
Beste Jahreszeit
KartentippAlpenvereinskarte 1:25 000 „Kaisergebirge“.
Verkehrsanbindunga) mit dem Auto: Von der Autobahnausfahrt Kufstein-Süd der Autobahn München – Rosenheim – Innsbruck auf der Landstraße in Richtung St. Johann/Tirol bis Ellmau; dann etwa 5 km auf asphaltierter Mautstraße nordwärts zur Wochenbrunneralm. b) mit Bahn/Bus: Auf der Strecke München – Rosenheim – Innsbruck bis Kufstein; ab hier Busverbindung nach Ellmau. Taxidienst von Ellmau zur Wochenbrunner Alm.
GastronomieWochenbrunneralm, 1087 m (ganzjährig bewirtschaftet, 30 Lager); Gruttenhütte, 1619 m (AV-Hütte, Anfang Juni bis Mitte Oktober bewirtschaftet, 48 Betten, 105 Lager); Gaudeamushütte, 1267 m (AV-Hütte, Mitte Mai bis Mitte Oktober bewirtschaftet, 15 Betten, 45 Lager).
Höchster Punkt
Ellmauer Halt, 2344 m. Hintere Goinger Halt, 2192 m.
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