Eisbachtal und Eiskapelle

Ein Spaziergang zum Fuß der Watzmann-Ostwand (Autor: Joachim Burghardt)
6 km
280 m
2.00 h
Als um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert immer mehr Wissenschaftler, Gelehrte und Touristen zum Königssee kamen, steckte die Entwicklung des Bergsteigens noch in den Kinderschuhen. Auch wenn manche Gipfel bereits vor der Säkularisation der Berchtesgadener Fürstprops-tei 1803 erstbestiegen wurden, beließen es die meisten Reisenden bei Schifffahrten über den Königssee und besahen sich die furchteinflößenden Felsmassive lieber von unten, anstatt sie zu erklimmen. Kein Wunder, bot doch allein die Bootsfahrt schon ein spektakuläres Amüsement - Mit dem Böller wurde ein bis zu siebenfaches Echo erzeugt, und immer wieder einmal gab es einen Holzsturz zu bestaunen, bei dem gewaltige Massen von Baumstämmen aus mehreren hundert Meter Höhe in den See stürzten – ein monströses Schauspiel, das seit den 1930er-Jahren Geschichte ist. Eine Wanderung aber stand bei jedem hoch im Kurs, der seinen Fuß auf die Halbinsel von St. Bartholomä setzte: die Wanderung durchs Eisbachtal bis zum Fuß der Watzmann-Ostwand.
Wanderung ins Eisbachtal.
Da anstelle des früher berüchtigten Steigs heute ein bequemer Wanderweg den See mit der Felswand verbindet und nur wenige Höhenmeter zu überwinden sind, gehört diese Route zu den meistfrequentierten des gesamten Nationalparks. Und dennoch sind bei geschickter Tourenplanung auch hier noch stille Stunden möglich: Bei Anfahrt mit dem ersten Schiff, vielleicht sogar an einem Wochentag in der Nebensaison, fallen möglicherweise die Erzählungen des Bootsführers aus, und die so heilsame Ruhe des Sees kann sich ausbreiten. Von St. Bartholomä aus geht es auf einem breiten Wanderweg durch Laubwald bis zum Eisbach, der bei der Kapelle St. Johann und Paul überquert wird. Wie zahlreiche alte Reiseberichte belegen, wurde das Wasser dieses Baches früher für besonders rein, hochwertig und heilkräftig gehalten. Kurz vor St. Johann und Paul stehen am Rand des Bachbetts die zwei »Schultessteine«, die mit ihren kryptischen Inschriften über hundert Jahre lang den Heimatforschern ein Rätsel waren – erst in den 1940er-Jahren konnten die beiden Steine als Gedenksteine für zwei verstorbene junge Frauen identifiziert werden. Hinter der Kapelle – in deren Nähe noch eine zweite, kleinere Kapelle stand, bis sie in den 1870er-Jahren vom Hochwasser mitgerissen wurde – geht es zunächst in Serpentinen im Wald aufwärts und später etwas flacher bis in den gewaltigen Kessel, der durch die Hachelwände, die Watzmann-Ostwand und die Südabstürze der Watzmannkinder gebildet wird.
Wilde Landschaft am Fuß der Ostwand.
Der Reisende Joseph August Schultes, der später die beiden nach ihm benannten Schultessteine aufstellen ließ, war von dieser Szenerie so beeindruckt, dass er 1804 schrieb: »Ich zweifle, ob es irgendwo in Europa einen so grausenvollen Winkel gibt, als dieses Amphitheater um die Eiscapelle.« Franz Anton von Braune erblickte im hinteren Eisbachtal gar »das schreckliche Chaos einer zerstörungsvollen Catastrophe des Erdballs«. Wem diese Aussicht aus sicherer Distanz nicht genügt, der erreicht auf Geröllpfaden nun eben diese Eiskapelle, ein sich ständig änderndes Eisgewölbe in einem Lawinenkegel am Fuß der Watzmann-Ostwand. Wie in einem Trichter sammeln sich nach Neuschneefällen und bei Tauwetter die herabstürzenden Schneemassen am Wandfuß und erzeugen das gletscherähnliche Eisgebilde, das im Laufe eines Sommers immer kleiner wird und von innen durch den Schmelzwasserbach ausgehöhlt wird. Mehrfach stürzte die Eiskapelle komplett ein, worauf es oft Jahre und Jahrzehnte dauerte, bis sich die schöne Form der kapellenartigen Höhlung wieder herausbildete. Alexander von Humboldt war bereits 1797 hier und beschrieb den einzigartigen Ort. Vom Betreten der Höhle wird allerdings abgeraten, denn herabstürzende Eismassen haben schon Todesopfer gefordert.
Die berühmte Watzmann-Ostwand.
Wer genau hinsieht, entdeckt Pfade, die nicht nur zur Eiskapelle, sondern an ihr vorbei steil hinaufführen. Das sind die Zustiegswege zur riesigen Bartholomäwand, der Watzmann-Ostwand, die etwa 1800 Meter hoch über dem hinteren Eisbachtal aufragt und von diesem Punkt aus in ihren Dimensionen gar nicht recht zu erfassen ist. Dutzende von Routen und Varianten wurden seit der Erstdurchsteigung im Jahre 1881 in dieser Wand eröffnet, doch nur die allerwenigsten davon sind regelmäßig das Ziel von Kletterern. Im Zusammenhang mit der Ostwand fallen immer wieder die gleichen Namen: Johann Grill (»Kederbacher«), der Erstdurchsteiger; Josef Aschauer, der Erstbegeher des Berchtesgadener Weges, des heutigen Normalweges; Heinz Zembsch, der »Hausmeister« der Ostwand mit mehr Begehungen, als ein Jahr Tage hat. Eher selten ist dagegen von der sensationellen Leistung des berühmten Hermann Buhl die Rede, der die Wand auf einer Route des V. Schwierigkeitsgrades durchkletterte, und zwar in einer Winternacht des Jahres 1953 – und das auch noch allein! Franz Rasp ist einigen Bergsteigern durch seine 294 Ostwanddurchsteigungen bekannt, weniger jedoch wegen seiner Soloklettereien: Drei der berühmten Ostwand-routen durchkletterte er als erster Winter-Alleingänger, aber auch an den erschreckend abweisenden Hachelwänden – vom Betrachter aus die linke Begrenzung des Talkessels – eröffnete er kühnste Routen ohne Seilpartner. Welches Gefühl muss das sein: Allein und unter Lebensgefahr eine so dunkle, brüchige Riesenwand zu durchklettern, nach Stunden schließlich auf den Gipfelgrat hinauszutreten und seine Euphorie mit keinem Menschen teilen zu können! Skitourengeher der schärferen Gangart steigen im Winter übrigens gern ins Hocheis im hintersten Eisbachtal hinauf, manche wagen sogar den Übergang von dort auf den Hachelgrat – für Normalwanderer schlichtweg unvorstellbar.
Zurück zum See.
Das entspannte Zurückschlendern in lieblichere Gefilde ist nach diesen schaurig-monströsen Bildern vielleicht noch etwas genussreicher als zuvor. Und wenn wir dann mit all den großartigen Eindrücken nach St. Bartholomä zurückkehren, können wir einmal mehr J. A. Schultes zitieren, der sich beim Anblick des Kirchleins mit den roten Türmen sicher war: »Ich wünschte mir keinen grösseren Pallast und keine schönere Lage, wenn ich der Kaiser aller Chineser wäre«!

ETAPPEN.
St. Bartholomä, 604 m – Eisbachtal – Eiskapelle, ca. 880 m – Eisbachtal – St. Bartholomä.
GEHZEITEN.
St. Bartholomä – Eiskapelle 1–1:30 Std., zurück nach St. Bartholomä 1 Std.; insgesamt 2–2:30 Std.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour6 km
Höhenunterschied280 m
Dauer2.00 h
Schwierigkeit
StartortDorf Königssee, 604 m
AusgangspunktSt. Bartholomä, 604 m
EndpunktWie Ausgangspunkt.
TourencharakterEinfache, kurze Wanderung in großartiger Umgebung. Bis zum Talkessel unterhalb der Watzmann-Ostwand unschwieriger, markierter Wanderweg, bis zur Eiskapelle mehrere kleinere Pfade.
Hinweise
BESTE JAHRESZEIT. Frühjahr bis Herbst. Im Winter und zu Frühlingsbeginn oft Lawinengefahr!
KartentippUmgebungskarte »Nationalpark Berchtesgaden« 1 - 25 000
VerkehrsanbindungMit Bus oder Auto zum Königssee, weiter mit dem Schiff nach St. Bartholomä
GastronomieGaststätte in St. Bartholomä, Tel. - 08652/ 96 49 37, www.sankt-bartholomae.de
Tipps
Sehr zu empfehlen ist auch ein Abstecher zur Mündung des Eisbachs, die früher in unmittelbarer Nähe von St. Bartholomä lag, schließlich aber künstlich nach Süden verlegt wurde, um die Halbinsel und die Schmalstelle des Sees vor den Schuttmassen aus der Watzmann-Ostwand zu schützen. Hierzu verfolgt man vom Kirchlein aus den Wanderweg, der in Richtung Schrainbach an der Uferlinie entlangführt. Dort, wo sich der Schuttstrom in den See ergießt, lässt es sich trefflich rasten - Die stille Südhälfte des Sees liegt vor einem, und der »Strand« lädt zu einem Bad ein – vielleicht auch nur zu einem Sonnenbad. Der Eisbach selbst versickert meist bereits ein Stück vor der Mündung und fließt dem Königssee unterirdisch zu. Nach Regenfällen oder während der Schneeschmelze kann er allerdings zu einem reißenden Bach anschwellen, der nicht mehr trockenen Fußes zu überqueren ist. Die unbändige Kraft des Eisbachs lässt sich vielleicht etwas besser erahnen, wenn man sich einmal vor Augen führt, dass das Wasserwirtschaftsamt Traunstein im Jahr 1973 die astronomische Summe von 600 000 DM ausgab, um die Halbinsel von St. Bartholomä für die nächsten Jahrzehnte vor Beschädigungen durch den Eisbach zu schützen!
Informationen
Einzigartige Naturschönheiten, die ohne große Mühe erreichbar sind - die gewaltige Watzmann-Ostwand, die eigenartige Eiskapelle und die wunderschöne Eisbachmündung am Königssee.

Lust bekommen? Noch mehr Touren finden Sie in unserem Buchtipp:

Joachim Burghardt

Vergessene Pfade um den Königssee

Stille Wege und einsame Gipfel rund um den Königssee - ein alpiner Genuss für den Bergsteiger, der nicht nur dorthin gehen mag, wohin alle schauen!

Jetzt bestellen