Eine Wanderung durch die Erdgeschichte

Auf den Spuren der Saurier: Der Naturraum Südtirols ist stets reich an Überraschungen. Ein Erlebnis besonderer Art bietet sich im Südtiroler Unterland, genauer gesagt zwischen Aldein und Radein östlich von Auer. Vergleiche mit westamerikanischen Canonlandschaften drängen sich entlang der Wanderung durch die Bletterbachschlucht auf, die mit einem geologischen Erlebnisweg ausgestattet wurde. Das Naturphänomen, das uns hier hautnah auf eindrucksvollste Weise vor Augen geführt wird, ist ein Werk der Erosionskraft des Wassers. Denn der Bletterbach hat sich tief in die Gesteinsschichten zu Füßen des Weißhorns eingeschnitten und dabei wie in einem geologischen Lehrbuch Schicht um Schicht freigelegt. Etwa zehn Milliarden Tonnen Gestein wurden im Laufe von 15 000 Jahren abgetragen und ins Etschtal verfrachtet. (Autor: Peter Mertz)
15 km
200 m
2.00 h

In der Bletterbachschlucht kann »geblättert« werden

Wie in einem geologischen Buch liegen die Phasen der Erdgeschichte vor uns. Wir erleben den Gesteinsaufbau nicht etwa aus der Ferne von Aussichtspunkten, sondern wandern inmitten der Schlucht durch die Epochen der Erdgeschichte. Ausgehend vom 2317 Meter hohen Weißhorn im Osten der Schlucht, zieht sich diese bis ins Etschtal hinab und legt den Aufbau der Dolomiten bis zur Basis frei. Jede Gesteinsschicht folgt ohne Verwerfung waagerecht aufeinander.

Glatt polierte Reibungsflächen und Felszertrümmerungen lassen heute noch die enormen Kräfte erahnen, die diese gebirgsbildenden Vorgänge begleitet haben. Die Bletterbachschlucht stellt somit ein einzigartiges, relativ leicht zugängliches geologisches Naturdenkmal dar, das wir entlang des Geotrails bestens kennenlernen können.

Mit jedem Schritt in eine andere Zeit

Vom Besucherzentrum in Aldein folgen wir dem mit Info-Tafeln gekennzeichneten Geotrail (Weg 3), der vom Parkplatz nach links in den Wald hinunter führt. Stets abwärts auf dem noch breiten und bequemen Waldweg, gelangen wir bei der ersten Station in die Nähe der Schlucht. Bereits bei Station 2 ergeben sich waghalsige Tiefblicke in die Schlucht und Einblicke in die Erdgeschichte, denn seit dem Ende der letzten Eiszeit, also seit 15 000 Jahren, hat sich der Bletterbach auf einer Strecke von acht Kilometern bis zu 400 Meter tief in die Gesteinsschichten eingegraben. Plötzlich liegen viele Jahrmillionen der Erdgeschichte vor uns.

Wir steigen auf dem gut befestigten, aber steilen Felspfad in die Schlucht hinab und erreichen das Bachbett beim sogenannten Taubenleck. Ringsum ragen die senkrechten Wände auf und spiegeln verschiedene Rot- und Brauntöne wider. Anfänglich und unvermutet umgibt uns ein beklemmendes Gefühl, denn wir müssen uns erst an die Tiefe der Schlucht gewöhnen. Der Weg führt kurz durch das Bachbett auf die Südseite, um dort wiederum in den senkrechten Wänden anzusteigen. Eine kurze Passage umläuft einen Teil der Schluchtstrecke, kommt an Station 4 vorbei, um beim Haltepunkt 5 wiederum die Schluchtsohle zu erreichen. Von jetzt an wandern wir bis zur mächtigen Steilstufe im Butterloch beinahe weglos im Bachbett.

Ein Blick auf das Geröll könnte Fossilien zutage bringen, die in den Gesteinsschichtungen eingeschlossen sind. Station 6 präsentiert uns etwas oberhalb des Bachbetts am Hang den Rest eines Vulkanschlots, ein Phänomen, dem wir auch bei der Station 9 begegnen. Etwa 30 Minuten geht es abenteuerreich durch das Bachbett aufwärts, bis wir an der großen Geländekante im Butterloch angekommen sind. Während der Bletterbach dort über zwei Kaskaden heruntertost, müssen wir die senkrechte Felswand mit hohen Stahlleitern überwinden.

Als Butterloch wird der wilde Felskessel bezeichnet, in den der Bletterbach als 30 Meter hoher Wasserfall hineinstürzt. Ein steil nach allen Seiten abfallender Porphyrsockel bildet die Unterlage und geht allmählich in den Grödner Sandstein über. Zudem bietet sich von der Abbruchkante des Sockels ein bizarrer Panoramablick auf den Felskessel des Butterlochs mit den verschiedenfarbigen Schichten. An der Oberkante des Wasserfalls, bei der Station 10, haben wir die Möglichkeit, über eine Wegverbindung direkt zum Besucherzentrum zurückzukehren. Nach rechts führt eine weitere Wegschlinge noch 15 Minuten in die Schlucht hinein, um bei Station 12 in Richtung Ausgangspunkt zu wenden. Nach Lust und Laune kann man dort weiter schluchteinwärts dem Bachbett folgen, um auch noch in die hintere Bletterbachschlucht vorzustoßen. Dabei passieren wir die Stationen 13 und 14 und kehren am selben Weg zur Station 12 zurück.

Retour nach Aldein über die Lahner Alm

Von der Station 12 steigen wir auf schmalem Pfad aus der Schlucht heraus und befinden uns sehr rasch in den lichten Föhrenwäldern, die an den Schluchtkanten wachsen. Der Weg wird bald breiter und mündet in eine Forststraße, die später abwärts führt und uns zu den Stationen 15 (An der Quelle) und 16 bringt. Von dort hat man einen aussichtsreichen Rückblick auf die Schlucht mit dem Weißhorn dahinter.

Nur wenig später zweigt nach rechts ein breiter Waldweg in Richtung Lahner Alm ab, der ebenfalls mit einem Themenweg ausgestattet ist. Diesmal wird der umgebende Wald samt seinen Tieren und Pflanzen besprochen. Gleich bei der ersten Station können wir Vogelstimmen ertönen lassen. In wenigen Minuten ist die Lahner Alm erreicht, die auf einer kleinen Lichtung liegt und zur Einkehr lädt. Etwas westlich führt der Waldweg nach links abwärts hin zum Ausgangspunkt. Wir passieren mehrere Stationen, darunter an einem kleinen Teich eine weitere interaktive Schautafel mit Vogelstimmen. Von dort sind es nur wenige Hundert Meter auf breiter Fahrstraße bis zum Parkplatz am Besucherzentrum Aldein.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour15 km
Höhenunterschied200 m
Dauer2.00 h
AusgangspunktBesucherzentrum Geoparc Bletterbach bei Aldein (1550 m).
EndpunktBesucherzentrum Geoparc Bletterbach bei Aldein (1550 m).
TourencharakterTeilweise anspruchsvolle Wanderung auf Waldpfaden, schmalen Fels- und Schluchtsteigen und teilweise über loses Geröll innerhalb der Schlucht; abschüssige Passagen sind mit Seilen gesichert, Aufstieg im Butterloch über Stahlleitern; Trittsicherheit ist von Vorteil. 
Beste Jahreszeit
KartentippFreytag & Berndt, WKS 5 Gröden, 1:50 000; Kompass, Blatt 59 Sellagruppe, 1:50 000.
MarkierungenWegweiser zu den Wanderwegen, Markierung und Wegweiser zum Themenweg.
VerkehrsanbindungBei Neumarkt/Auer von der A22 auf die Fleimstalstraße, Abzweigung nach Aldein östlich von Montan, die 4,5 km lange Zufahrt zum Besucherzentrum zweigt 1 km oberhalb von Aldein ab. Anfahrt mit dem Bus Busverbindung nur nach Aldein, nicht jedoch bis zum Besucherzentrum.
GastronomieLahneralm oberhalb des Besucherzentrums, Gasthöfe in Aldein (z.B. Mösslerhof, Café Ploner).
Tipps
Die Besucherzentren: Das Besucherzentrum Aldein stellt jene Vorgänge anschaulich dar, die zur Entstehung der Gesteinsschichten und der Bletterbachschlucht geführt haben. Das Zentrum sollte vor Beginn der Wanderung unbedingt besichtigt werden (Anfang Mai–Allerheiligen täglich 9:30-18 Uhr). Das Geomuseum in Radein auf der Südseite der Schlucht befasst sich hingegen mit den einzigartigen fossilen Funden aus der Schlucht wie Spuren von Sauriern, versteinerten Fischen, Muscheln und Pflanzen (Mai-Okt.: Mi, Sa, So 15-17:30 Uhr).
Informationen
Wissenswertes: Bei Regen oder gar Gewittern darf diese Tour auf keinen Fall unternommen werden, es besteht sogar Wanderverbot. Bei einem heranrückenden Gewitter muss die Schlucht auf schnellstem Wege verlassen werden. Im Winter und Frühjahr besteht große Steinschlaggefahr.

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