Durchs Wimbachtal zum Seehorn

Eine Urlandschaft aus Sandflüssen, Felstürmen und Baumruinen (Autor: Joachim Burghardt)
Als Gegenstück zum idyllischen Königsseetal präsentiert sich auf der Watzmann-Westseite das rund neun Kilometer lange Wimbachtal als wildromantische Landschaft von eher herber Schönheit. Wüstenartige Schuttströme, das Wimbachgries, durchziehen es wie fossile Adern, und vielerorts bezeugen schiefe Baumkrüppel ihren ständigen Überlebenskampf. Weiter oben prägen Felstürme und canyonartige Schluchten die Szenerie, während noch ein Stück weiter auf österreichischer Seite plötzlich völlig andere Formen dominieren - Die Hochfläche des Steinernen Meeres liegt in greifbarer Nähe, und beim Abstieg liegen dem Wanderer grüne Wiesenhänge und ein herrlicher kleiner See zu Füßen. Insgesamt ergibt das eine gewaltige und sehr abwechslungsreiche Tagestour, beinahe eine kleine Gebirgsdurchquerung. Etwas beschaulicher gestaltet sich die Unternehmung mit einer Übernachtung in der Wimbachgrieshütte.
Hinein ins wilde Wimbachtal.
Bereits der Auftakt der Wanderung durchs Tal ist faszinierend: Auf kinderleichten und meist flachen Wegen geht es von der Wimbachbrücke zum Wimbachschloss, wo die schaurig-schöne Watzmann-Westwand die Szenerie beherrscht, und weiter bis zur Wimbachgrieshütte. Gut zwei Stunden lang hat man bis hier schon schauen und staunen können. Durch das gleichmäßige Gehen ist vielleicht innere Ruhe und auch eine erste Vertrautheit mit diesem wilden Tal eingekehrt. Wer für eine Nacht in der Grieshütte bleibt, hat abends Zeit, tiefer in die Geheimnisse der Landschaft einzudringen. Exkursionen sind vielerorts möglich und vor allem im Bereich der oberen Schuttströme sehr lohnend. Auf dem Gries selbst oder seinen seitlichen »Moränen« wandert es sich meist angenehm und unschwierig. Im Licht der Dämmerung ein besonderes Erlebnis!
Sterbende Berge.
Woher kommt der ganze Schutt im Wimbachtal? Ein Blick zu den fürchterlich brüchigen Ramsaudolomit-Bergruinen der Palfelhörner am südlichen Talschluss zeigt es: Jedes Jahr stürzen hier unzählige Tonnen Gesteinsmaterial zu Tal und lagern sich ab. Regnet es tagelang, saugt sich die teilweise mehrere hundert Meter starke Geröllschicht mit Wasser voll, die Schuttströme geraten in Bewegung und schieben sich mit Urgewalt talabwärts. Pflanzen können auf einem so bewegten Untergrund kaum Halt finden, weshalb hier völlig vegetationslose Sandstriche und Wälder unmittelbar benachbart sind. Je weiter man sich den Felsbastionen namens Rotleitenschneid, Hundstodkendlkopf, Kühleitenschneid und Palfelhörner nähert, umso urtümlicher wird die Landschaft. Den berühmten Ostalpen-Pionier Hermann von Barth, der am 11. Juli 1868 am Großen Palfelhorn bei einem Besteigungsversuch abstürzte und sich glücklicherweise nur leicht verletzte, inspirierte dieser Anblick zu folgenden Worten: »Aufgerissen bis in seine innersten Eingeweide umfängt der Mauerkranz das amphitheatralisch an seinem Fuße hingebreitete Trümmermeer.«
Die Einsamkeit im hintersten Wimbachgries ist tief beeindruckend – das gurgelnde Rinnsal im Leoganger Seilergraben mit seinem Geflüster von Schmelzen und Fließen, Werden und Vergehen wirkt wie ein heiterer Widerpart zum feierlichen Ernst der mächtigen, toten Schutthalden. Der Blick wandert immer wieder zum Watzmann, noch faszinierender sind indes die vielen hundert bröseligen Türme und Zinnen der Palfelhörner. Über das Kleine Palfelhorn verzeichnete 1911 der Zeller-Führer, der Vorläufer der heutigen Alpenvereinsführer: »Gehört zweifellos zu den bizarrsten, abenteuerlichsten Felsgestalten der Nördlichen Kalkalpen.« Und das Kleinste Palfelhorn wurde gar erst 1933 erstbestiegen – mehr als zwei Jahre, nachdem die Watzmann-Ostwand bereits im Winter erklommen war! 1959 ereignete sich an den Palfelhörnern ein gigantischer Felssturz, der die winterliche Schneedecke auf mehreren hundert Metern mit riesigen Muren überdeckte. Damals kam niemand zu Schaden, aber es gab auch keine Augenzeugen, die von diesem Ereignis hätten berichten können.
Die vielleicht wildeste Gegend des Wimbachtals erleben wir, wenn wir schließlich in Richtung Loferer Seilergraben hinaufwandern. Der teils markierte, teils nur als Spur im Geröll erkennbare Weg führt zunächst kurz absteigend am nördlichen Fuß der Palfelhörner vorbei und dann in Richtung Wimbachscharte hinauf. Bald passieren wir eine Engstelle zwischen den Felsburgen und finden uns in einem weltfernen Canyon wieder, dem Loferer Seilergraben, über dem Dutzende von brüchigen Felsnadeln thronen. Leblos wirkt diese Welt aus Stein und Sand, abweisend und zugleich faszinierend. Auf etwa 1650 Meter Höhe überqueren wir einen Seitenbach dieses öden Tals, der mit seinem kühl sprudelnden Wasser so gar nicht hierher zu passen scheint. Gleich darauf geht es steil nach oben: Der letzte felsige Aufschwung bis zur Wimbachscharte stellt mit seinen beinahe vierhundert Höhenmetern noch einmal die persönliche Fitness auf die Probe, und auch Trittsicherheit und Schwindelfreiheit sind hier – wie es oft so schön heißt – »angenehm«. Für Nicht-Skifahrer ist es kaum zu glauben, dass diese Steilflanke im Frühjahr oft zur Abfahrt genutzt wird. Ein wenig Mut ist schon vonnöten, wenn man sich zum krönenden Abschluss der berühmten »Großen Reibn«, der gewaltigen Skiumrundung des Königssees, hier auf Brettln hinunterstürzt, um schließlich in Schussfahrt ins Wimbachtal hinauszusausen ...
Palfelhorn und Seehorn.
Als Sommerbergsteiger stehen wir oben schließlich vor der Entscheidung, das Große Palfelhorn zu besteigen oder nicht. Die körperliche Verfassung mag hier ausschlaggebend sein, aber auch die Uhrzeit, wenn man etwa den letzten Bus aus dem Weißbachtal hinauf zum Hirschbichlpass nicht verpassen will. Falls wir anstelle des Palfelhorns gleich das deutlich weniger anspruchsvolle Seehorn ansteuern, wandern wir einfach auf dem Weg zum Hochwiessattel weiter; andernfalls steigen wir bald nach der Wimbachscharte links (östlich) weglos bergauf und erreichen den Grat, der die außergewöhnliche Berggestalt des Palfelhorns trägt. Ein schmaler Pfad lotst uns nun teilweise etwas ausgesetzt zum Gipfel hinüber, wobei der genaue Verlauf und Zustand des Weges vor Ort begutachtet werden müssen: Immer wieder brechen ganze Stücke des Grates einfach weg – augenfälliger kann Erosion nicht vonstatten gehen! Auf derselben Route geht’s zurück, dann aber am besten nicht wieder zur Wimbachscharte hinab, sondern weiter auf der Kammhöhe zum Hochwiessattel, wobei ein paar felsige Stellen den Gebrauch der Hände erfordern (I). Schließlich erwandern wir uns das Seehorn, einen hervorragenden und eigenständigen Aussichtsberg, der zwar wie das Palfelhorn streng orographisch zur Hochkaltergruppe gezählt wird, gefühlsmäßig aber eine ganz eigene »Ecke« in den Berchtesgadener Alpen darstellt.
Abstieg über den Seehornsee.
Auf dem markierten Pfad steigen wir schließlich am Westhang des Seehorns ab. Das sogenannte Sennerinkreuz auf 2170 Meter Höhe, an dem manch einer vielleicht gedankenlos vorübergeht, erinnert an ein dramatisches Ereignis: Die Sennerin Gertraud Schwab erfror hier beim Schafesuchen im Schneesturm – an einem 23. August! – und wurde erst ein Jahr später gefunden. Knapp vierhundert Meter weiter unten folgt dann mit dem Seehornsee noch einmal ein echter landschaftlicher Höhepunkt: Grünlich-geheimnisvoll schimmert das Wasser in seiner Mulde und lädt zu einem höchst erquicklichen Bad ein. Früher hieß der Seehornsee »Dießbachsee«, bis man den jetzigen Dießbachstausee schuf und aus dem kleineren der nunmehr zwei Dießbachseen den Seehornsee machte. Der weitere Abstieg führt uns bald ins Almgelände der Kallbrunn-almen, wo wir auf eine Fahrstraße treffen und rechts in gut einer Stunde über die Weißbachalm nach Hintertal hinunterwandern können. Nun muss uns nur noch der Wanderbus (letzte Fahrt 16.38 Uhr) oder ein freund-licher Autofahrer hinauf zum Hirschbichl und zum Hintersee kutschieren, von wo aus uns ein anderer Bus zur Wimbachbrücke zurückbringt. Bitte informieren Sie sich kurz vor der Tour über die Busverbindungen!

GEHZEITEN.
Wimbachbrücke – Wimbachgrieshütte 2–2:30 Std., Wimbachscharte 2 Std., Großes Palfelhorn und Seehorn 1:30–2 Std., über den Seehornsee nach Hintertal 2:30– 3:30 Std.; insgesamt 8–10 Std.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour22 km
Höhenunterschied1800 m
Dauer9.00 h
Schwierigkeit
StartortRamsau, 670 m
AusgangspunktWimbachbrücke, 620 m
EndpunktGroßes Palfelhorn, 2222 m; Seehorn, 2321 m
TourencharakterBis zur Wimbachgrieshütte völlig unschwieriger, breiter Wanderweg. Im Loferer Seilergraben markierter, jedoch mühsamer und zuletzt sehr steiler Pfad. Abstecher zum Palfelhorn zunächst weglos, dann ausgesetzter Pfad (leichte Kletterstellen, I). Ab dem Hochwiessattel unschwieriger Weg aufs Seehorn. Abstieg über den Seehornsee teilweise steil, doch ohne besondere Schwierigkeiten. Ab den Kallbrunnalmen Fahrstraßen. Gute Kondition und Trittsicherheit erforderlich!
Hinweise
BESTE JAHRESZEIT. Je nach Schneelage im Loferer Seilergraben Ende Juli bis Oktober. Achtung: Der RVOWanderbus Linie 847 von Weißbach über den Hirschbichlpass in die Ramsau verkehrt nur bis Anfang Oktober und nicht bei jeder Witterung! Info: RVO Niederlassung Berchtesgaden, Tel.: 08652/94 48 20
KartentippUmgebungskarte »Nationalpark Berchtesgaden« 1 - 25 000 und Topographische Karte »Berchtesgadener Alpen« 1:50 000
VerkehrsanbindungMit dem Auto auf der B 305 zur Wimbachbrücke; Bus von Berchtesgaden
GastronomieWimbachgrieshütte, 1326 m. Touristenverein Naturfreunde, bew. Anfang Mai bis Ende Oktober. Tel. - 08657/344, E-Mail: bernd_kreh@web.de
Tipps
Alternative Routen. Wer nicht auf den Wanderbus angewiesen sein will, weil er etwa die Abendstimmung noch zu Fuß erleben möchte, hat eine Reihe von Alternativen bei der Tourenplanung: Naheliegend wäre es beispielsweise, vom Seehorngipfel nicht westlich, sondern in die Hochwies abzusteigen und zuletzt wieder aufsteigend das Ingolstädter Haus aufzusuchen (1:30–2 Std. ab Seehorn). Ebenfalls denkbar ist der Rückweg auf der Aufstiegsroute, denn nach dem Loferer Seilergraben birgt der Weg durchs Wimbachtal keine Schwierigkeiten mehr und kann mit Stirnlampe notfalls auch bei Nacht begangen werden. Eine Übernachtung in der Wimbachgrieshütte oder der weitere Abstieg bis zur Wimbachbrücke (ca. 3:30 Std. ab Seehorn) sind dann die Optionen.
Informationen
Die Jagd in den Königsseer Bergen. Von jeher wurden die Berchtesgadener Alpen von allerlei illustren Persönlichkeiten bis hin zu den bayerischen Königen zur Jagd besucht. Das Wimbachtal zählte zu den wichtigsten Revieren, ja es trug früher aufgrund seines Wildreichtums sogar den Namen »Tiergarten«. Der letzte Fürstpropst von Berchtesgaden ließ sich als komfortablen Jagdstützpunkt das heute als Gaststätte dienende Wimbachschloss (s. u.) errichten. Unzählige Legenden ranken sich um die Abenteuer und Tragödien der Jagd rund um den Königssee. Ein gewisser Hans Duxner soll im 17. Jahrhundert alleine 127 Lämmergeier erlegt haben, während sich Urban Fürstmüller zur selben Zeit mit 25 erlegten Bären und 43 geschossenen Steinadlern hervortat. In das Amüsement bei der Lektüre dieser alten Geschichten mischt sich teilweise aber auch Befremden - Mit Begeisterung und Stolz berichtet mancher Literat davon, wie man Hirsche, die von Hunden in den Königssee hineingehetzt wurden und verängstigt um ihr Leben schwammen, aus dem Boot heraus bequem abknallte. Noch weit bis ins 20. Jahrhundert hinein ließen sogenannte Feingeister jede Sensibilität für die Gefahr des Aussterbens von Tierarten vermissen, so etwa Friedrich Schönau, der in seinem pathosgeladenen Buch über die »Hochlandromantik um den Königssee« die Adlerjagd als heroisches Tun darstellt und einige Kapitel später vom Pflanzenschutz spricht! Der »Adlergraf« Max Arco-Zinneberg verewigte seine Jagderlebnisse unter anderem in seinem unbeholfenen Mundartgedicht »Rat für Adlerjäger« (1865), in dem er lehrt, dass man die »schlauen Luder« besonders gut anlocken und schießen könne, wenn man nahe dem Adlerhorst ein Kätzchen festbindet oder den flugunfähigen Jungvogel zum Schreien bringt. Schönau fand diese Verse fast neunzig Jahre später noch »lustig« und »köstlich«. Helden dieses Schlages waren es, die für die Ausrottung mehrerer Tierarten rund um den Königssee verantwortlich zeichneten. Eines darf man bei diesen Überlegungen natürlich nicht vergessen: Heutzutage sind Jagd-Schilderungen wie die des »Adlergrafen« zwar nicht mehr salonfähig, doch greift die gegenwärtige Gesellschaft mit ihren Baumaßnahmen, ihrem Müll und ihren Abgasen folgenschwerer in die Natur ein als je zuvor.

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