Der unbekannte Schartenkopf

Von der Peter-Wiechenthaler-Hütte auf das Steinerne Meer (Autor: Joachim Burghardt)
15 km
1500 m
7.00 h
So gut wie jedem, der schon einmal im Steinernen Meer unterwegs war, sind die drei bewirtschafteten Hütten der Hochfläche ein Begriff - Kärlinger Haus, Ingolstädter Haus und Riemannhaus. Auch die kleine Wasseralm in der Röth ist seit Jahren bewartet und sehr beliebt. Weniger bekannt dürfte zumindest unter Deutschen die Peter-Wiechenthaler-Hütte am südwestlichen Rand des Massivs sein – vermutlich wegen der etwas abseitigen Lage außerhalb des eigentlichen Gebirgsplateaus. Grund genug für Liebhaber ruhiger Gegenden, dieses Refugium einmal näher zu betrachten und auf Tourensuche zu gehen.
Schnell erkennt man das Paradeziel des Gebietes: den anspruchsvollen Saalfeldener Höhenweg, der von der Wiechenthaler-Hütte zum Riemannhaus führt und dabei drei Gipfel – Persailhorn, Mitterhorn und Breithorn – überschreitet. Die anderen Touren in Hüttennähe werden deutlich seltener begangen und sind landschaftlich sehr interessant, so auch die hier beschriebene Wanderung zur Weißbachlscharte und auf den Schartenkopf.
Aufstieg zur Hütte.
Die Tour beginnt im Ortsteil Bachwinkl oberhalb von Saalfelden, wo spätestens beim Parkplatz auf 850 Meter Höhe der Kautschukreifen gegen die Vibramsohle getauscht werden muss. Eine lohnende von mehreren möglichen Aufstiegsrouten führt zunächst über die Brücke unmittelbar am Parkplatz, gleich darauf links wieder über eine Brücke, kurz rechts und dann links auf einem breiten Wanderweg in den Wald hinauf. Nun ist es fast nicht mehr möglich, vom rechten Weg abzukommen: In einigen Serpentinen steigt man den Kienberg hinan und genießt immer wieder weite Ausblicke über den Saalfeldener Talkessel.Am »Kreuzweg« (1348 m) teilt sich der Weg auf, wobei die rechte der drei Optionen einigermaßen direkt und unschwierig das Steilgelände des Kienalkopfes überwindet. Droben steht dann die sympathische Peter-Wiechenthaler-Hütte, die mit originellem Aussehen, gemütlichen Räumen und einem tollen Talblick besticht.
Bekannte und unbekannte Gipfel.
Der Hausberg des Schutzhauses ist das östlich gelegene Persailhorn, das mit dem beliebten Saalfeldener Höhenweg und mehreren neu angelegten Klettersteigen exemplarisch für populäre Formen des Bergsports steht. Wir lassen es rechts liegen und folgen stattdessen dem bezeichneten Weg, der in einer langen Querung nach Nordosten zunächst fast keine Höhenmeter überwindet und dann in Richtung Weißbachlscharte hinaufführt. Eine seilversicherte Stelle im Bereich der »Hochachsel« ist leicht ausgesetzt, ansonsten treten uns keine Schwierigkeiten entgegen, und wir können mehr und mehr die Abgeschiedenheit dieses wenig bekannten Winkels der Berchtesgadener Alpen spüren. Der Pfad wird schließlich steiler, zieht zur Schlucht hinauf, die in Falllinie der Weißbachlscharte die Hänge teilt, führt aber nicht in sie hinein und bleibt immer überraschend unschwierig. Kaum einmal kommt es vor, dass man kurz die Hand zur Hilfe nehmen muss. In der Scharte löst sich dann bei guter Sicht die angesammelte Spannung, und der Blick wird frei: Der ganze westliche Teil der Hochfläche des Steinernen Meeres liegt ausgebreitet vor uns – Schönfeldspitze, Funtenseetauern, Watzmann und Hundstod beherrschen von rechts nach links das Panorama.
In der Weißbachlscharte treffen sich vier Routen: unser Aufstiegsweg von der Peter-Wiechenthaler-Hütte, rechts hinauf die markierte Höhenwanderung über das Achselhorn (Tour 25); geradeaus geht es in fünfzehn Minuten zur Wegscheid auf die Hochfläche hinab, und links (nordwestlich) steht ein kleines Gipfelchen, das sich weglos, aber unschwer erreichen lässt und Ziel dieser Wanderung ist: der Schartenkopf. Keine zehn Minuten dauert es, bis wir am Gipfelsteinmann und damit noch einmal fünfzig Meter höher stehen. Bei einem längeren, ungestörten Aufenthalt dort oben stellt man vielleicht fest, dass es oftmals nicht nur die spektakulären höchsten Berge sind, an denen Natur ganz unmittelbar erlebbar wird, sondern auch und gerade die kleinen Kuppen der zweiten und dritten Reihe. Je nachdem, zu welcher Tageszeit wir heraufgestiegen sind und wonach es uns jetzt noch gelüstet, können wir wieder zur Peter-Wiechenthaler-Hütte zurückkehren, die Höhenwanderung übers Achselhorn anpacken oder eine der drei Hochflächenhütten ansteuern. Und dann wäre da noch die Möglichkeit einer Überschreitung zum Hollermaißhorn.
Variante zum Hollermaißhorn.
Man hält sich hierzu vom Schartenkopf kommend immer auf dem grasigen Rücken, überwindet eine Graterhebung, gewinnt die Hollermaißnieder (2226 m) und steigt dann steil zum Gipfelaufbau des Hollermaißhorns hinauf. Die anspruchsvollste Stelle folgt knapp unterhalb des Gipfels mit einer kleinen Steilstufe (I, nicht links in den Westhang ausweichen!), bis schließlich der höchste Punkt (2298 m) in einer Linksschleife unschwierig über Grashänge erreicht wird (ab Schartenkopf 0:30 Std., knapp hundert Höhenmeter im Abstieg wie im Aufstieg, Schwierigkeitsgrad »schwer«). Der Weiterweg zum Grünkopf wäre noch einmal deutlich schwieriger und ist nur etwas für richtige Kletterer. Man kehrt also besser wieder zum Schartenkopf zurück oder steigt nordöstlich über steile Felsplatten weglos zur Hochfläche hinunter. Diese Variante führt durch sehr entlegene Gebiete und kann bei Schnee oder Vereisung heikel sein, bietet bei guten Verhältnissen aber großartige Einblicke in die Strukturen des Steinernen Meeres. Schließlich trifft man auf den Eichstätter Weg, der nördlich zum Ingolstädter Haus und südlich zur Wegscheid führt.

GEHZEITEN.
Bachwinkl – Peter-Wiechenthaler-Hütte 2:30 Std., Weißbachlscharte 2 Std., Schartenkopf 0:10 Std., Abstieg auf selber Route 3–3:30 Std.; insgesamt 7–8 Std. (Hollermaißhorn je nach Rückweg zusätzlich 1–2 Std.)

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour15 km
Höhenunterschied1500 m
Dauer7.00 h
Schwierigkeit
StartortSaalfelden, 749 m
AusgangspunktWanderparkplatz im Saalfeldener Ortsteil Bachwinkl, 850 m
EndpunktSchartenkopf, 2306 m; (Hollermaißhorn, 2298 m)
TourencharakterBis zur Peter-Wiechenthaler-Hütte unschwieriger Wanderweg. Zur Weißbachlscharte markierter Weg, teilweise etwas steil und felsig. Besteigung des Schartenkopfs weglos, aber ohne Schwierigkeiten. Die optionale Überschreitung zum Hollermaißhorn wie auch der anschließende Abstieg zur Hochfläche fallen in den Schwierigkeitsgrad »schwer« (weglos, kurze Kletterstellen, steile Felsplatten). Bergerfahrung und große Trittsicherheit sind dort unbedingt erforderlich.
Hinweise
BESTE JAHRESZEIT. Juli bis Oktober
KartentippAV-Karte 10/1 »Steinernes Meer« 1 - 25 000
VerkehrsanbindungMit der Bahn von Salzburg über Golling; mit dem Auto von der Deutschen Alpenstraße oder Bad Reichenhall über Lofer
GastronomiePeter-Wiechenthaler-Hütte, 1708 m. AV-Hütte, bew. Ende Mai bis Anfang Oktober; März bis Mai sowie Oktober zusätzlich an Wochenenden Fr–So. Schlüssel für Winterraum bei OeAV-Sektion Saalfelden. Tel. - 0043/65 82/ 734 89 (Hütte), 0043/65 82/732 42 (Sektion)
Tipps
Bei gutem Wetter kann der Aufstieg von Saalfelden auch als Abendwanderung empfohlen werden. Vor allem im Herbst – etwa im Oktober kurz vor Saisonschluss – ist eine richtig genussvolle Mondscheintour möglich, und man kommt dennoch nicht allzu spät bei der Hütte an. Über Öffnungszeiten und Mondstand informieren, Stirnlampe nicht vergessen!
Informationen
Lange Zeit bestand Unklarheit über die Namen der westlichen Randgipfel des Steinernen Meeres - In einigen Karten heißt der Schartenkopf Hollermaißhorn, während der Letztere ganz namenlos bleibt. Auch die heute übliche Unterscheidung zwischen den südlich gelegenen Erhebungen Äulhorn und Achselhorn (Tour 24) war früher die Ausnahme. Erst die 1969 aufgelegte Alpenvereinskarte führte eine eindeutige Benennung aller Gipfel ein. Noch überraschender dürfte jedoch die in mehreren Führern nachzulesende Information sein, dass die hier beschriebene Überschreitung von der Weißbachlscharte über den Schartenkopf bis zum Hollermaißhorn – und über die Hochfläche weiter bis zu den Schindlköpfen – einmal ein markierter Übergang war. Ein schönes Beispiel dafür, dass menschliche Infrastruktur manchmal sang- und klanglos verschwindet und das Gebirge sich im Laufe von Jahrzehnten in ein fast spurenloses »Niemandsland« zurückverwandeln kann.

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