Der Schneibstein-Ostgrat

Eine lange, einsame Überschreitung im Hagengebirge (Autor: Joachim Burghardt)
Kein Tourenführer über die Berchtesgadener Alpen, in dem der Schneibstein nicht vorkommt! Überall steht es geschrieben, jeder weiß es - Der Schneibstein ist der angeblich »leichteste Zweitausender« im Berchtesgadener Land, ein vielbesuchter und beliebter Wanderberg, der insbesondere unter Einbeziehung der Jennerbahn einfach und zügig zu besteigen ist. Aber auch dieser hundertfach beschriebene Berg hat seine verborgenen Seiten. Wenig bekannt ist etwa die Tatsache, dass er nach dem Großen Teufelshorn und dem Kahlersberg die dritthöchste Erhebung des gesamten Hagengebirges darstellt, und nur gute Ortskenner wissen von den nichtmarkierten Routen, die zum Gipfelplateau hinaufführen. Die Besteigung des Schneibsteins aus dem Bluntautal über seinen langen Ostgrat ist einer der alpinistischen Höhepunkte östlich des Königssees: eine anstrengende, lange Unternehmung, die nur guten Bergsteigern mit bester Kondition anzuraten ist. Auch wenn diese Kammroute keine Hochflächenüberquerung ist, kann sie als typisch für das Hagengebirge gelten: Die Dimensionen sind gewaltig, die Wege steil und einsam, und nicht selten trifft man auf Gämsen oder Kreuzottern.
Durchs lange Bluntautal.
In Golling im Salzachtal folgen wir der Beschilderung in Richtung Bluntautal, bis ein Wanderparkplatz unter der Hochspannungsleitung das Ende des frei befahrbaren Straßennetzes ankündigt – nur Gäste des Gasthauses Bärenhütte dürfen weiterfahren. Vom Parkplatz aus geht es zu Fuß an den letzten Häusern des Gollinger Ortsteils Torren (sprich Torréhn) vorbei und zu einer Fahrstraßenverzweigung: Die beiden Varianten führen parallel zum Gasthaus Bärenhütte und umschließen die wunderschönen Bluntauseen, die man unbedingt gesehen haben sollte. Hinten im Bluntautal ist schon das Ziel der Tour sichtbar: der Schneibstein mit seinem Ostrücken. Ansonsten gestaltet sich das flache Wegstück bis zum Gasthaus recht unspektakulär und langatmig, und es wird Zeit, dass es dann endlich richtig losgeht: Beim Gasthaus Bärenhütte biegen wir südlich auf den Weg Nr. 454 ab und wandern an der Torren entlang, bis der markierte Pfad unmittelbar neben der Steilwand überraschend schroff und felsig nach oben führt.
Typische Steige im Hagengebirge.
Der sogenannte Schlumsteig führt nun bald wieder angenehmer im Wald hinauf, durch den Torrenwinkl und zur Stelle »beim kalten Wasser«, wo man pro Person noch einmal zwei bis drei Liter Wasser abfüllen sollte, denn für viele Stunden ist nun keine gute Quelle mehr in Aussicht. Im »Schlumhiefl« quetscht sich der Steig mit Holzleitern und Drahtseilen durch einige Engstellen. Bei der Wegverzweigung auf ca. 1130 m Höhe wählen wir den rechten Pfad (Nr. 454), der sich noch ein Stück steil und ausgesetzt emporwindet und dann wieder flacher wird. Nun heißt es aufpassen: Auf 1330 Meter Höhe markieren Steinmänner den Abzweig eines sehr schwachen, anfangs fast unsichtbaren Pfades nach rechts (westlich), dem wir aufmerksam folgen. Dieser alte Almpfad führt nun im von der Rotwandalm ostwärts herabziehenden Tal aufwärts, wobei er bald die nordseitige Begrenzungswand erreicht, ein Stück an dieser entlang führt und bis zu seinem oberen Ende immer auf der nördlichen Talseite bleibt.
Verwunschene Welten.
Schließlich erreichen wir die Rotwandalm, eine verträumte kleine Hochfläche, die man sich weltentrückter kaum vorstellen kann. Die letzten hölzernen Überreste des Kasers faulen vor sich hin, Gämsen streifen durchs hohe Gras. Es ist wie bei so vielen alten Almen fast nicht vorstellbar, dass hier Menschen lebten, und noch weniger, dass einst sogar Vieh hier heraufgetrieben wurde. Ist es nicht eine wertvolle Erfahrung, an solch einem Ort einer uns so fremd gewordenen Vergangenheit nahe zu sein, Einsamkeit bewusst zu erleben und zugleich die Welt der Autobahnen und des Internets nur wenige Kilometer entfernt zu wissen? Der Gedanke an das schwierige alpinistische Restprogramm des heutigen Tages reißt uns aus unseren Träumereien. Wir überqueren die Almwiesen in westlicher Richtung und suchen uns an geeigneter Stelle eine Route, die uns südwestlich zum Grat hinaufführt. Dabei halten wir uns nicht zu weit links, sondern peilen den in der AV-Karte angegebenen Punkt 1879 an! Der östlich vorgelagerte Gipfel der Rotwand bleibt aus Zeitgründen außen vor, auch ohne ihn ist die Tour lang und reichhaltig.
Auf zur Gratüberschreitung.
Wer nach etwas Suchen den schmalen Durchschlupf durchs Latschendickicht gefunden hat, findet vom Punkt 1879 an gut gangbare Latschengassen und freies Grasgelände. Der nun folgende Weg über den Grat ist der schwierigste Teil der Tour: In mehrmaligem Auf und Ab geht es über die grasige Rotwandschneid – auch Schneiber- oder Schneibsteingrat genannt –, wobei ein seitliches Ausweichen oft nötig ist. Eine detaillierte Beschreibung der Route ist hier nicht möglich. Wegfindige und erfahrene Bergsteiger werden die immer wieder vorhandenen Steigspuren und vereinzelten Mini-Steinmänner finden und kaum mit Schwierigkeiten konfrontiert sein, die den I. Grad überschreiten. Ein grasiger, kaminartiger Steilaufschwung ist die letzte Hürde, und wir erreichen wenig später das Gipfelkreuz des Schneibstein-Ostgipfels. Doch von hier ist es noch immer über eine Stunde wegloser Fußmarsch bis zum Hauptgipfel des Schneibsteins, wenn auch ohne jede Schwierigkeit. Lediglich ein paar Scharten erfordern kurze Zwischenabstiege. Dann ist der höchste Punkt der Tour erreicht!
Schneibstein-Gipfelrast und Abstieg.
In die Begeisterung über den Blick zum Watzmann müssen sich nun auch abwägende Gedanken mischen: Sind noch genug Zeit und Kraft für einen langen, beschwerlichen 6-Stunden-Abstieg vorhanden? Wenn nicht, sollte man unbedingt auf dem Normalweg nach Nordwesten zum ganzjährig geöffneten Stahlhaus (Tel.: 0049/8652/27 52) hinunterspazieren, dort einen gemütlichen Abend verbringen und anderntags das Bluntautal hinauswandern. Nur wer wirklich ausdauernd und zügig unterwegs ist, sollte südlich in die Windscharte absteigen und den Weg über die Hinterschlumalm zurück in Richtung Golling nehmen. Steil und mit Drahtseilhilfe geht es aus der Windscharte hinab (Vorsicht bei Altschnee!) zur wildromantisch gelegenen Hinterschlumalm. Deren Kaser wurde in Führern der 1930er-Jahre noch als Übernachtungsmöglichkeit empfohlen, heute dagegen fault er als morsches, dachloses Holzgerippe seinem vollständigen Verschwinden entgegen. In einer nicht enden wollenden, aber höchst eindrucksvollen einsamen Wanderung geht es zuletzt leicht aufsteigend zur Vorderschlum-alm, wobei der Weg zwar immer markiert, jedoch teils verwachsen und bei Nässe unangenehm ist. Bei der Wegverzweigung biegen wir links ab und gelangen über die drahtseilversicherte »Wohlmuet« zurück zu der Stelle (1330 m), wo wir auf den kleinen Pfad zur Rotwandalm hinauf abgezweigt sind. Auf dem bekannten Schlumsteig geht es nun steil hinab ins Bluntautal und talauswärts nach Golling. Was für eine Tour! Voller Eindrücke kehren wir nach Hause zurück, rufen uns viele Bilder noch einmal wach und ertappen uns vielleicht schon beim Gedanken an eine Rückkehr in dieses wilde Gebirge ...

GEHZEITEN.
Parkplatz Torren – Gasthaus Bärenhütte 0:45 Std. – Abzw. Rotwandalmpfad 1:30–2 Std. – Rotwandalm 1:30 Std. – Schneibstein-Ostgipfel 2 Std. – Schneibstein 1–1:30 Std. – Windscharte 0:20 Std. – Vorderschlumalm 2 Std. – Gasthaus Bärenhütte 2 Std. – Parkplatz Torren 0:45 Std.; insgesamt ca. 12–13 Std.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour22 km
Höhenunterschied2000 m
Dauer10.00 h
Schwierigkeit
StartortGolling, 476 m
AusgangspunktParkplatz in Torren
EndpunktSchneibstein, 2276 m
TourencharakterLange, anspruchsvolle Überschreitung, die bestes Orientierungsvermögen, alpine Erfahrung und erstklassige Kondition erfordert! Stundenlang wegloses Gelände, bestenfalls Pfadspuren, wenige Steinmänner, keine durchgehende Markierung! Die Gratüberschreitung zum Ostgipfel beinhaltet Stellen I–II, Orientierung nicht immer einfach. Ab Ostgipfel unschwieriges, wegloses Gelände; ab Schneibstein markierte, dennoch anspruchsvolle und bei Nässe heikle Wege. Nur bei guten Bedingungen unternehmen, ausreichend Getränke mitführen!
Hinweise
BESTE JAHRESZEIT. Juli bis Oktober; unterhalb der Windscharte oft Altschnee!
KartentippAV-Karte 10/2 »Hochkönig/Hagengebirge« 1 - 25 000, Ausgabe 2008; für den auf der AV-Karte nicht abgebildeten nordöstlichsten Teil der Route zusätzlich: Topographische Karte »Berchtesgadener Alpen« 1:50 000
VerkehrsanbindungMit dem Auto wie in der Einleitung beschrieben nach Golling, Ortsteil Torren; mit der Bahn nach Golling-Abtenau und zu Fuß zum Ausgangspunkt
GastronomieGasthaus Bärenhütte im Bluntautal
Tipps
Der Pfad zur Rotwandalm ist teilweise unkenntlich und nur hin und wieder durch kleine Steinmänner zu identifizieren. Wer ihn verliert, kann auch genau in der Talsohle aufsteigen – diese Route ist sehr direkt und unschwierig, allerdings bei hohem Bewuchs etwas unangenehm zu begehen.

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