Der Kahlersberg und vier weitere Grenzgipfel

Eine herrliche Dreitagestour im westlichen Hagengebirge (Autor: Joachim Burghardt)
Der Hochseeleinkopf ist ein Stück weit mitverantwortlich für dieses Buch. Denn es waren stille, weitgehend unbekannte Berge wie er, die in mir die Idee der »vergessenen Pfade« reifen ließen und mir zeigten, dass oftmals eben nicht die Parade-Normalwege, sondern eher unspektakuläre Schönheiten die Augen zum Leuchten bringen und für langanhaltende Freude im Alltag sorgen. Und dieser Hochseeleinkopf mit seiner wenig markanten wiesenbewachsenen Gipfelkuppe ist genau so ein Fall - Im Schatten des weitaus bekannteren und höheren Kahlersbergs stellt er eigentlich nichts weiter dar als eine von vielen Grenzerhebungen zwischen Bayern und Salzburg – eigentlich. Als einziges Tourenziel wird man ihn sich kaum erwählen, doch als Überschreitung zusammen mit seinen Nachbarn bietet sich die Möglichkeit zu einer hervorragenden und großenteils einsamen Höhenwanderung. Die »Königsetappe« dieser Unternehmung ist lang, erfordert gute Kondition und einen frühen Aufbruch. Stimmen die Rahmenbedingungen, ist bei dieser Panoramatour allerdings nicht nur Anstrengung, sondern vor allem Genuss angesagt!
Stützpunkt Gotzenalm.
Die Überschreitung vom Kahlersberg bis zum Schneibstein sollte am besten von der Gotzenalm aus angegangen werden. Ein idealer Hüttenzustieg ist der aussichtsreiche, unter König Max II. angelegte Reitweg von Kessel zur Gotzentalalm und weiter durch die Seeau hinauf zur Gotzen. Alternativ bietet sich auch der deutlich steilere und mühsamere Aufstieg von Salet über den Kaunersteig (vgl. Tour 14) an, aber auch vom Obersee über den Landtalsteig oder von der Wasseralm (Tour 16) lässt sich die Gotzenalm gut über das Landtal erreichen. Wer sich abends bei der Hüttengaudi zurückhält, ist am nächsten Morgen um so frischer, wenn die große Tagesetappe über die Regenalm und den zuletzt sehr aussichtsreichen und schönen Reitweg ins Landtal beginnt. Im Landtal wird es schnell alpin und auch steiler: Wir halten uns gleich links und steigen durch den wilden oberen Teil des Hochtals noch 350 Höhenmeter hinauf, bis wir das Hochgschirr erreichen, den wichtigen Übergang zum Seeleinsee, zur Priesbergalm und zum Schneibstein. Der berühmte Gelehrte Franz von Paula Schrank berichtete schon im Jahr 1785 von diesem Pass, den er wenige Jahre zuvor als einer der ersten nicht-einheimischen Bergsteiger überhaupt besucht hatte.
Steil auf den Kahlersberg.
Unser Gipfelweg führt uns jedoch nicht auf der anderen Seite des Hochgschirrs hinab, sondern direkt rechts (östlich) an die steilen Flanken des Kahlersbergs heran. Wie so oft im Gebirge kann man sich beim Anblick der abschüssigen Flächen vielleicht zunächst nicht vorstellen, dass dieses Gelände ohne größere Schwierigkeiten passierbar ist – aber das ist es doch! Meister der Wegfindung und des Wegebaus waren auch hier am Werk und haben einen Durchschlupf durch das sogenannte »Mausloch« gefunden. Ein paar Drahtseile und etwas Ausgesetztheit – Schlimmeres hat der Bergsteiger hier nicht zu erdulden. Oben wird das Gelände dann überraschend flach, wir biegen um eine Kurve und finden uns auf den weiten, beruhigenden Südwesthängen des Kahlersbergs wieder. Die längst aufgelassene Kahlersbergalm befand sich genau in dieser Gegend, nur etwas weiter südlich – mit seiner Lage auf 2159 Meter Höhe war das Almgebäude das wohl höchstgelegene in den gesamten Königsseer Bergen. Ganz verträumt schlendern wir nun weiter, entspannt und aussichtsreich, mit etwas Glück sogar mit Blickkontakt zu Steinböcken. Und dann dauert es nicht mehr lange, bis von rechts die Aufstiegsroute über den Eisenpfad einmündet und der zweithöchste Berg des Hagengebirges erreicht ist – eine der großen Berchtesgadener Gipfelgestalten!
Die Überschreitung beginnt.
Vom höchsten Punkt genießen wir eine fabelhafte Rundumsicht und erspähen in den nordostseitigen Abstürzen vielleicht schon die Abstiegslinie. Dazu bietet uns eine der Scharten im Gratverlauf ein geeignetes Schlupfloch: Südöstlich wandern wir weglos den Gipfelrücken so lange hinunter, bis wir in einer Scharte, dem sogenannten »Fensterl« – oder bei Punkt 2292 östlich davon – nordseitig absteigen können. Das ist zugegebenermaßen eine Route für Bergsteiger »alter Prägung«: eine steile, weglose Schuttrinne, in der man es je nach Verhältnissen auch mit Altschneefeldern und Felspassagen zu tun hat, aber nie wirklich ins Klettergelände gerät. Trittsichere Bergsteiger werden hier zügig durchkommen! Über bizarre Felsformationen und an Latschenfeldern vorbei gehen wir dann hinüber zum Hochseeleinkopf, der sich unschwierig über seine steilen Wiesenflanken ersteigen lässt. In kürzester Zeit erleben wir das Nebeneinander von wilden Felsflanken, Schuttreißen, phantasievollen Gesteinsformationen und einzelnen Blumen auf der karstigen Hochfläche, Latschenfeldern und saftigen Wiesen. Ja, das sind sie, die bildreichen Bergmomente abseits des Trubels, fern von Seilbahn und Hüttenlärm!
Wunderschöne Höhenwanderung.
Und weiter geht’s: Ein namenloser Kopf (P. 2132), der Schlumkopf und der Windschartenkopf lassen sich nun allesamt genussreich überschreiten, ohne dass sich ein Hindernis in den Weg stellt. Wie abgelegen und verträumt diese Landschaft ist, lässt sich auch daran erkennen, dass hier auffallend viele Gipfel- und Schartennamen nicht eindeutig festgelegt wurden – der Hochseeleinkopf heißt auch Hochsoienkopf, der Schlumkopf auch Schlunghorn, die Windscharte auch Windschnurr. Erst am Windschartenkopf ist erfahrungsgemäß wieder mit mehr Wanderpublikum zu rechnen. Nordöstlich steigen wir mit einigen Pfadspuren und Steinmännern in die Windscharte ab und stehen dann wieder auf einem richtig breiten Wanderweg. Bei aller Begeisterung für das weglose Gehen – ist man nicht doch immer wieder ein wenig erleichtert, wenn man sich nicht mehr viele Gedanken über die Wegfindung machen muss? Ein letzter Aufstieg vervollständigt die Überschreitung: Gemächlich und sanft erwandern wir uns den Schneibstein, jenen letzten, äußersten Vorposten des Hagengebirges. Kommt jetzt schon Wehmut auf beim Blick zurück, mit den noch lebendigen Bildern vor Augen, Bildern einer urtümlichen Landschaft, von einem Tag des Unterwegsseins mit Sonne und Wind, von einem ganz intensiven Freiheitsgefühl vielleicht? Wir werden darüber sinnieren können, wenn uns die müden Beine zum Stahlhaus hinuntertragen.
Ob man dieses Bergerlebnis dann anderntags so »stehen lässt« und auf breiten Wegen über die Königstalalm zufrieden nach Kessel absteigt oder gleich ein neues Abenteuer beginnt, zu neuen Zielen aufbricht, bleibt jedem überlassen. Glücklich, wer vor einer solchen Wahl steht und selbst entscheiden darf!

GEHZEITEN.
Kessel – Gotzentalalm – Gotzenalm 4 Std. (alternativ: Salet – Kaunersteig – Regenalm – Gotzenalm 4 Std.), Gotzenalm – Hochgschirr 2 Std., Kahlersberg 1 Std., weiter zu: Hochseeleinkopf – Schlumkopf – Windschartenkopf 2:30 Std., Schneibstein 1 Std., Stahlhaus 1–1:30 Std., Abstieg über Königsbachalm und Gotzentalalm nach Kessel 3 Std.; insgesamt rund 15 Std.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour30 km
Höhenunterschied2500 m
Dauer10.00 h
Schwierigkeit
StartortDorf Königssee, 604 m
AusgangspunktSchiffsanlegestelle Kessel oder Salet, 604 m
EndpunktKahlersberg, 2350 m; Hochseeleinkopf, 2109 m; Schlumkopf, 2204 m; Windschartenkopf, 2211 m; Schneibstein, 2276 m
TourencharakterLange, meist weglose Überschreitung, die alpine Erfahrung und gute Kondition erfordert. Die anspruchsvollste Passage der Tour ist der Abstieg vom Kahlersberg über das »Fensterl«, der weglos durch steiles Schutt- und Blockgelände führt. Vom Hochseeleinkopf bis zur Windscharte unschwierige Höhenwanderung. Sonst überall markierte Wanderwege. Ausreichend Getränke mitführen!
Hinweise
BESTE JAHRESZEIT. Juli bis Oktober
KartentippAV-Karte 10/2 »Hochkönig/Hagengebirge«, Ausgabe 2008 1 - 25 000
VerkehrsanbindungMit Auto oder Bus zum Königssee, weiter mit dem Schiff bis Kessel oder Salet
GastronomieBerggaststätte Gotzenalm, 1685 m. Privathütte, bew. von Mitte Mai bis Mitte Oktober. Tel. - 08652/69 09 00, Carl-von-Stahl-Haus (Stahlhaus), 1730 m. AV-Hütte, ganzjährig bew. (außer 24.12.). Tel.: 08652/27 52, www.carl-von-stahl-haus.com

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