Der »Blutberg«

Valparolajoch – Siefsattel – Monte Sief – Col di Lana – Ciapel de Napoleon – »Teriòl Ladin« – Siefsattel – Valparolajoch (Autor: Eugen E. Hüsler)
16 km
750 m
5.00 h
Rundum schauen.
Um dieses Panorama zu erleben, steigt man vor allem auf den Berg, und wer bei passendem Wetter oben steht – etwa an einem Föhntag im Herbst –, hat sie alle im Blick, die 100 Dolomitzacken zwischen Rosengarten und Antelao (3264 m), zwischen Peitlerkofel (2875 m) und Agnèr (2872 m). Im Südwesten leuchtet der mächtige Firnschild der Marmolada (3343 m), deren Seilbahn man mit einem Fernglas ebenso leicht erkennen kann wie den riesigen Reflektor auf dem Piz Boè (3152 m), dem höchsten Gipfel des Sellamassivs. Im Südosten dominieren die beiden »Riesen des Zoldano«, Pelmo (3168 m) und Civetta (3220 m), die Szenerie, im Süden die Palazacken. Näher sind die Fanisspitzen (2989 m), die sich über dem kecken Felshorn des Hexensteins erheben; nach rechts schließen dann hintereinander die Tofana (3244 m) und der Cristallo (3221 m) an, zwei Große der Ampezzaner Dolomiten. Viel Grün zeigt der nordwestliche Abschnitt der Rundsicht, darüber und dahinter dann aber wieder Felsgrau - die ausgedehnte Pralongià vor den Puezbergen und den Geislerspitzen. Was für eine Schau!
Der gesprengte Gipfel.
Der Col di Lana ist nicht bloß ein Berg mit großer Aussicht, sondern auch einer mit dunkler Geschichte. Von Kriegsbeginn an entbrannte ein heftiger Kampf um den strategisch günstig gelegenen Gipfel. Nachdem ihn Kaiserschützen erobert hatten, rannten die Italiener fast ohne Pause gegen deren Gipfelstellung an – allein bis zum Wintereinbruch fast hundertmal. Ohne Erfolg.
Weitere Angriffe im Frühjahr 1916 wurden ebenfalls abgewiesen; deshalb entschloss man sich zum Bau eines Minenstollens. Am 17. April 1916 detonierten fünf Tonnen Nitrogelatine und sprengten den Gipfel samt Besatzung in die Luft. Rund 170 Mann starben; Oberleutnant von Tschurtschenthaler ging mit rund 100 Überlebenden in Gefangenschaft.
Noch heute gähnt ein tiefer Trichter in der geschundenen Erde; unmittelbar daneben steht eine Gedenkkapelle. Sie wurde 1935 eingeweiht, zu einer Zeit, als die Faschisten und Nationalsozialisten Europas bereits die nächste Weltkatastrophe vorbereiteten ...
Die Ereignisse am Col di Lana liegen übrigens dem Spielfilm »Berge in Flammen« zugrunde, den Luis Trenker 1931 drehte.
Col di Sangue.
Nicht zufällig nannten die Italiener den Gipfel »Blutberg«; nicht weniger als 8000 Soldaten verloren bei den verbissenen Kämpfen ihr Leben – umsonst. Die österreichischen Verbände bezogen eine neue, weiter nördlich verlaufende Verteidigungslinie am Monte Sief und am Siefsattel.
Ganz und gar unverständlich ist im Rückblick, weshalb die italienische Heeresleitung sich bei ihrem Durchbruchsversuch ins Pustertal so in den Col di Lana verbiss. Das weitläufige Almgelände der Pralongià – übersichtlich und kaum befestigt – hätte sich für einen kraftvollen Vorstoß bestens geeignet. Ganz klar ein kapitaler Fehler unfähiger Generäle.
Unter den Sieben Steinen hindurch.
Den Auftakt zur Höhenwanderung macht der viertelstündige Abstieg vom Rifugio Valparola (2168 m) – vorbei am gleichnamigen kleinen See – über teilweise sumpfige Wiesen und durch eine kurze, steile Rinne (Drahtseile) auf ein gesichertes Band, das zum Bosco di Vizza hin ausläuft. Unter den zerklüfteten Südabbrüchen der Setsas (Sieben Steine) quert das Weglein erst horizontal, dann ansteigend zu dem grasigen Kamm, der den Pico Setsas mit dem Monte Sief verbindet. Dabei genießt man freie Sicht auf das Tal des Cordévole und seine Kulisse mit der Civetta, die hinter dem breiten Rücken des Monte Porè immer schöner ins Bild kommt.
Auf dem Pico Setsas (2429 m), dem schroffen Vorbau der Sieben Steine, befand sich im Krieg ein Beobachtungsposten. Die Kuppe wird nach dem deutschen Geologen Ferdinand von Richthofen (1833–1905) auch Richthofenriff genannt, weil sich hier Schlern-dolomit und Cassianer Schichten verzahnen, zwei Gesteine, die das Landschaftsbild der westlichen Dolomiten mitprägen: harter, kaum geschichteter Kalk und dunkle, weiche Tuffe. Letztere bilden auch die sanftwellige Hochalmregion der Pralongià. Sie haben ihren Namen von der Hochabteier Gemeinde St. Kassian.
Kriegsspuren.
Am flachen Siefsattel (2209 m; 1.30 Std.) stößt man auf diverse Frontspuren: verfallene Unterstände, Stacheldraht, Krater. An der Nordflanke des Monte Sief sind die Schützengräben des Ersten Weltkriegs ori-ginalgetreu rekonstruiert worden, teilweise sogar mit den Holzabdeckungen. Mit präch-tiger Aussicht hinüber zur firngleißenden Marmolada, die sich so wirkungsvoll von dem schwarzen Vulkangestein des Padònkamms abhebt, steigt man zwischen den Gräben hinauf zum höchsten Punkt des Monte Sief (2424 m; 2.15 Std.). Er besteht wie der Col di Lana aus vergleichsweise weichem Tuffgestein, das zu eher sanften Formen erodiert. Lediglich am benachbarten Dente del Sief (2424 m) zeigt sich schroffer, blockiger Fels. Das Weglein weicht dem Aufschwung nach rechts aus; eine kurze, aber fast senkrechte Passage meistert man leicht an soliden Eisenbügeln. Drahtseile leiten anschließend am Grat entlang sanft abwärts. Auch hier sind ehemalige Schützengräben wiederhergestellt worden. Neue, mit Drahtseilen verankerte Holzstufen führen zum Gipfelgrat des Col di Lana, über den man rasch den höchsten Punkt gewinnt (2452 m; 2.45 Std.). Knapp darunter, etwas abseits am Ansatzpunkt des Ostgrates, steht die kleine Kapelle, ein Denkmal für die Opfer des blutigen Ringens.
Teriòl Ladin.
Natürlich kann man auf der gleichen Route zurückgehen; eine empfehlenswerte Alternative bietet der »Teriòl Ladin«, ein Wiesenpfad, der die gesamte Westflanke des Col di Lana quert und am Siefsattel (2209 m) wieder in den Hinweg mündet. Man folgt vom Gipfel absteigend einem von der Erosion ziemlich gezeichneten Zickzackweg, wobei die Civetta die ungefähre Richtung vorgibt. Allenthalben Stellungsreste und Stollenlöcher. Hinter dem Ciapel de Napoleon, einer felsigen Gratkuppe, die entfernt an die Kopfbedeckung des berühmten Korsen er-innert und ebenfalls Schauplatz schwerer Kämpfe war, zweigt rechts eine deutliche Wegspur ab. Sie führt über einen Geröllhang schräg hinunter zum Plan de la Chicia (2125 m), wo man auf den »Teriòl Ladin« stößt. Nun in leichtem Auf und Ab – zur Linken die mächtige Sellaburg – westseitig um den Col di Lana herum (Murmeltiere!). Oberhalb der Prè del Mone liegen die Überreste einer Seilbahnstation aus Kriegszeiten, ein Stück weiter alte Stellungen. Am Passo di Sief (2209 m;4.15 Std.) mündet der »Teriòl Ladin« in den Anstiegsweg. Auf ihm zurück zum Passo di Valparola (2168 m; 5.45 Std.).

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour16 km
Höhenunterschied750 m
Dauer5.00 h
Schwierigkeit
StartortSt. Kassian (1563 m), Ferienort im Hochabtei
AusgangspunktValparolajoch (2168 m), Straßenpass zwischen dem Hochabtei und dem Ampezzano bzw. Buchenstein
EndpunktWie Ausgangspunkt.
TourencharakterAuf der Fahrt über die »Große Dolomitenstraße« dürften ihn die meisten übersehen, gibt es links und rechts der berühmten Passstraße doch entschieden Attraktiveres zu bestaunen als den breit-behäbigen, bis unter den Gipfel grünen Rücken, der sich im Winkel über den Talgräben des Cordévole und des Andrazbachs erhebt. Kein markantes Profil, auch kein Dolomitfels, der Klettermöglichkeiten signalisiert. Und der größte Vorzug des Col di Lana ist von der Straße aus überhaupt nicht zu erkennen, dazu braucht’s eine Landkarte - seine freie Lage im Zentrum der Dolomiten und die entsprechend großartige Aussicht.
Beste Jahreszeit
KartentippTabacco 1 - 25 000, Blatt 07 »Alta Badia – Arabba – Marmolada«
VerkehrsanbindungVon Stern via St. Kassian hinauf zum Valparolajoch, 14 km. Busverbindung
GastronomieKeine Einkehrmöglichkeit unterwegs. Am Valparolajoch das Rifugio Valparola, Juni bis Oktober; Tel. 0436/86 65 56
Tipps
Zitat. In dieser Beziehung sind die Befehle von grausamer Strenge. Hinter den Unseren stehen Feldgeschütze und Maschinengewehre, die den Soldaten, sollten sie wanken, in den Rücken schießen werden. [...] Während des Gefechts ließ der General, der die Brigade kommandierte, einige Soldaten durch Carabinieri erschießen, ohne Verhandlung, ohne Spur eines Verhörs, nur um ein Exempel zu statuieren. Aus dem Tagebuch des italienischen Frontsoldaten Attilio Freschura Nach der Sprengung des Col di Lana verweigerte das 180. Bersaglieri- Bataillon den Befehl, zur Front vorzurücken. Über 300 Soldaten desertierten und flohen ins Hinterland. Sie wurden jedoch gefangen genommen, 40 von ihnen ausgewählt und erschossen. Kein Einzelfall.
Informationen
Gehzeit - Gesamt 5 Std. Valparolajoch – Siefsattel 1.30 Std., Siefsattel – Col di Lana 1.15 Std., Rückweg 3 Std.
Tourismusbüro
Tourismusverband Alta Badia, Col-Alt-Straße 36, I-39033 Corvara; Tel. +39/0471/83 61 76, Fax 83 65 40, info@altabadia.org, www.altabadia.org

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