Das andere Bild des Königssees

Das ganze Tal von Berchtesgaden bis zum Röthbachfall (Autor: Joachim Burghardt)
34 km
220 m
3.00 h
»Wo ist der Schriftsteller, der diese wahrhaft paradiesische Landschaft zwischen Berchtesgaden und Königssee, und gar noch am Königssee selbst, in die rechten Worte kleiden könnte?« – Diese Frage stellte August Sieghart 1949 in seinem »Königsseer Büchl«, und sie ist bis heute unbeantwortet. Mag man auch seine tiefsten Empfindungen mit den stärksten Begriffen wiederzugeben versuchen, von »heilig leuchtender Schönheit«, der »Perle der deutschen Alpen« oder »Bayerns Fjord« sprechen, eine stille Stunde am Königssee im Zauber des Morgens muss unaussprechlich bleiben – so schön, so unwirklich schön ist sie. Aber wer erlebt schon stille Stunden am Königssee? Den See zu besuchen, bedeutet zumeist, sich zusammen mit vielen anderen Touristen in ein Schiff zu setzen, andächtig dem witzelnden Bootsführer zu lauschen, mit einem leichten Schauder zur Watzmann-Ostwand hinaufzuschauen, in St. Bartholomä gut zu speisen und dann wieder heimzufahren.
Stille Stunden am Königssee.
Der Buchautor Armin Schneider schreibt - »Stille Wege ... und gleichzeitig Galanummern wie Linderhof oder Königssee, das geht nicht!« Mit diesem Satz – ich kann es aus eigener Erfahrung sicher sagen – irrt er: Es gibt durchaus auch am Königssee einsame Pfade, die in die Stille führen. Zugegeben, diese sind großenteils verfallen, verwachsen und für genussorientierte Wanderer alles andere als empfehlenswert. Wäre es daher nicht auch einmal reizvoll, eine »ganz normale« Schifffahrt über den Königssee anzutreten und dabei mehr zu sehen als nur das, was bei jeder Fremdenführung immer wieder erzählt wird? Begeben wir uns also auf eine kleine Tour inmitten der Besucherströme und achten dabei auf hintergründige Details, die unseren Weg säumen! Beginnen wir unsere Wanderung mit dem Spazierweg von Berchtesgaden zum Königssee, der – früher von Reisenden hochgepriesen – im Zeitalter des Riesenparkplatzes am See obsolet geworden zu sein scheint, und durchmessen wir das gesamte Königsseer Tal bis hinten in den geheimnisvollen Talkessel, wo bei Wasserfallrauschen und himmelhohen Wänden die Welt scheinbar zu Ende ist ...
Zu Fuß zum Königssee.
Gleich südlich vom großen Kreisverkehr in Berchtesgaden, wo sich das Wasser der Ramsauer Ache mit dem der Königsseer Ache mischt, beginnt auf dem Parkplatz der etwa fünf Kilometer lange ausgeschilderte Weg zum Königssee. Bequem lässt es sich hier spazieren, und wir stimmen uns langsam auf die landschaftlichen Überraschungen ein, die dort unser harren. Zu Beginn verläuft der Weg rechts des Bachs, überquert ihn dann und führt bis zum Königssee auf der östlichen Seite der Königsseer Ache (Beschilderung beachten!). Abwechslungsreich geht es mal durch Wald, mal durch bewohntes Gebiet, und immer wieder ergeben sich schöne Blicke links hinauf zum Göllstock. Dann ist es soweit: Der Königssee liegt vor uns, und nach dem bisher so ruhigen Anmarsch tauchen wir – vor allem an Schönwetterwochenenden – in den Trubel ein. Wer partout keine Lust hat, sich mit vielen anderen Ausflüglern in ein Boot zu setzen, kann die Wanderung auch mit einem Besuch des Malerwinkels, der Rabenwand (Tour 3) oder sogar des Brandkopfs (Tour 9) fortsetzen. Dennoch: Die Überfahrt mit dem Schiff muss man einmal gemacht haben! Normalerweise konzentrieren sich die Bootsführer mit ihren Erklärungen auf einen festen Kanon an Informationen, der vor allem den Pilgerschiffbruch an der Falkensteinerwand, den Malerwinkel, den Königsbachfall, das Echo, die Watzmann-Ostwand und die Auswirkungen der niedrigen Wassertemperatur auf die Familienplanung eines badenden Mannes umfasst. Nicht selten erzählen sie den Touristen aber auch Seemannsgarn: etwa dass die Schönfeldspitze der höchste Gipfel des Steinernen Meeres sei (das Selbhorn ist zwei Meter höher), dass der Watzmann Deutschlands zweithöchster Berg sei (das ist der Hochwanner) oder dass sich zwischen Watzmannfrau und Großem Watzmann sieben Kinder befänden (nur fünf sind deutlich ausgeprägt).
Wenig beachtete Details.
Achten wir während der Fahrt also auf einige weniger bekannte Details: Das flache Ufergelände am Fuße des Königsbachfalls (in Fahrtrichtung links, bald nach dem Malerwinkel) gehört zur verfallenen Ronneralm, einer von mehreren Almen am See, die heute nicht mehr bestoßen werden. Der Königsbachfall selbst ändert sein Aussehen stark, je nachdem, wie lange der letzte ergiebige Regen zurückliegt. Zusammen mit der Burgstallwand und dem Schrainbachfall war er früher Schauplatz der spektakulärsten Sehenswürdigkeit überhaupt im Berchtesgadener Land, des Holzsturzes. Gewaltige Massen von zugeschnittenen Baumstämmen wurden weiter oben im Königsbach aufgeschichtet, und das Wasser wurde mittels einer hölzernen Klause oberhalb des Holzes aufgestaut. Öffnete man die Klause, ergoss sich das aufgestaute Wasser mit unbändiger Kraft nach unten, riss die Baumstämme mit und warf sie in lautem Getöse über die Felswand des Wasserfalls bis zum Königssee hinab. Schaulustige – vom Holzknecht bis zum königlichen Ehrengast – verfolgten dieses monumentale Schauspiel aus sicherer Entfernung. Das Holz wurde übrigens anschließend nach Berchtesgaden getriftet und für die Salzgewinnung verfeuert.
Echowand und Kessel.
Das Schiff nähert sich dann der Echowand, wo mit Flügelhorn oder Trompete ein ein- bis zweifaches Echo sowie ein anschließender »klingender Widerhall« in der aufgehaltenen Hand des Bootsführers erzeugt wird. Dass hier früher mit Handböllern oder Pistolen geschossen wurde, ist bekannt; selten erzählt man hingegen, dass die Bootsleute für ihre Gäste manchmal auch laut gegen die Echowand sangen oder schrieen. Bevor das Schiff links die Bedarfshaltestelle Kessel erreicht, passiert es eine höhlenartige Einbuchtung in der Felswand direkt über der Wasseroberfläche (links), das sogenannte Kuchler Loch, von dem man früher annahm, dass hier Wasser aus dem Königssee abfließt und beim Gollinger Wasserfall im Salzachtal wieder zutage tritt. Dann folgt die Anlegestelle Kessel, ein besonders schöner Ort mit interessanter Vergangenheit. Reisende, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts hierher kamen, erzählten voll Überschwang von der Einsiedelei, die sich ein Berchtesgadener Händler namens Wallner hier errichtet hatte, die sogenannte Wallnerklause. Auch war vom »kleinsten Englischen Garten Europas« die Rede, der die kleine Landzunge zierte. Noch früher, als jeder noch so kleine Wiesenfleck als Weide wertvoll war, wurde der Ort als »Mini-Alm« genutzt.
Namen rund um den Königssee.
Anschließend geht es direkt auf St. Bartholomä zu. Wer sich etwas intensiver mit Karten und Literatur befasst, stellt vielleicht fest, dass es in der Gegend rund um den Königssee auffallend viele Geländebezeichnungen gibt: Fast jede Felswand hat einen eigenen, manchmal sogar mehrere Namen. Auch unbedeutende Bergerhebungen, einzelne Wiesen und Buchten sind benannt und werden so zu individuellen »Persönlichkeiten«. Allein zwischen der Falkensteinerwand und dem Eiswinkel am Westufer lassen sich zahlreiche solcher Orte aufzählen, etwa eine Felsgrotte namens Rentbeamtenwand, eine frühere Anlegestelle namens Kerschbaumer-Anlage oder eine Wasserhöhle namens Teufelsmühle. Sogar die breiteste Stelle des Sees, die wir jetzt passieren, verharrt nicht in Anonymität – sie heißt »Mitterling«. All dies zeigt, in welch innigem, ja liebevollem Verhältnis die Menschen hier traditionell mit ihrem Land lebten. Einer dieser besonderen Orte ist auch das Watzmannlabl, eine große Steilwiese hoch oben an der Südostflanke des 1. Watzmannkindes. Dieses schwer zugängliche Naturjuwel war früher für seinen Gämsen- und Edelweißreichtum bekannt und wird sogar in Gedichten besungen. St. Bartholomä ist zweifelsohne das touristische Zentrum schlechthin im weiten Umkreis, und man erlebt das Eingebettetsein dieses idyllischen Ortes in die wilde Gebirgswelt am besten dann, wenn die erste richtig warme Vormittagssonne im April den Hochgebirgsschnee nass und schwer macht. Dann donnern nämlich in den Watzmannwänden im Minutentakt Lawinen herab, während in St. Bartholomä schon die Blumen blühen, und sorgen für offene Münder bei den arglosen Königsseetouristen.
Das Reitl.
Wir wollen unseren Blick aber auf den wenig beachteten Ort genau gegenüber am Ostufer richten. Das sogenannte Reitl wurde zu früheren Zeiten als Alm genutzt – es ist also nach der Ronneralm und Kessel die dritte längst nicht mehr bewirtschaftete Alm am Königssee-Ostufer – und findet nun schon seit langer Zeit als Wildfütterungsplatz Verwendung. Manchmal kann man vom Schiff aus Hirsche beobachten, die sich von der bereitgestellten Nahrung bis an den See herablocken lassen. Das Reitl ist aber noch in anderer Hinsicht interessant: Wenn der Königssee im Winter zufror, das Eis jedoch nicht auf dem ganzen See tragfähig war, bestand für die Bewohner von St. Bartholomä im Reitl die einzige Möglichkeit, zum Dorf Königssee zu gelangen. Dazu überquerte man den See an seiner schmalsten Stelle über das dünne Eis mit einem Schwimmschlitten, der einen im Falle des Einbrechens an der Wasseroberfläche hielt, und verfolgte vom Reitl aus den alten Viehtriebsteig, der das gesamte Ostufer entlang führt und heute aufgrund von Sturmschäden und mangelnder Pflege nur noch sehr mühsam und nicht gefahrenfrei begangen werden kann. Aber auch Bergsteiger aus dem Steinernen Meer gingen früher von Salet zum Reitl, um dann per Zuruf ein Boot aus St. Bartholomä anzufordern.
Bei der Weiterfahrt nach Salet fällt der laute Schrainbachfall auf, in dessen Nähe sich vor langer Zeit eine zusätzliche Schiffsanlegestelle befand. Wenig später erreichen wir die Endhaltestelle Salet, und bei passenden Verhältnissen – z. B. während der Schneeschmelze im Frühjahr – können wir links oben an der Kaunerwand einen weiteren Wasserfall bewundern: den Staubbachfall mit seinen langen, silbrigen Wasserfäden. Unbedingt zu empfehlen ist jetzt noch die – meist alles andere als einsame – Wanderung zum Obersee. Auf einem breiten Weg spazieren wir an der Gaststätte Salet vorbei und überqueren den Saletbach, auf dem früher Holz vom Obersee in den Königssee getriftet wurde. Wir passieren den links liegenden Mittersee mit seinen unzugänglichen morastigen Ufern und erreichen schon wenig später das Westufer des Obersees. Was für ein Anblick! Einige Reisende schilderten den Obersee in ihren Berichten als noch eindrucksvoller als den Königssee – er ist eben noch stiller, noch entlegener. Schließlich gelangen wir über den gut ausgebauten Steig, der südlich um den gesamten See herumführt, zur ein-samen Fischunkelalm, die kurioserweise tiefer liegt als der Hof, zu dem sie gehört. Der Name »Fischunkel«, von den Einheimischen Fi-schúnkl ausgesprochen, hat wahrscheinlich nichts mit Fischen zu tun, sondern wurde in der Literatur verschiedentlich auf lateinische oder rätoromanische Ursprünge zurückgeführt: fasciunculus, »schmaler Wiesenstreifen« oder fiscuncel, »Fischteich«.
Ein letztes Wegstück liegt nun noch vor uns, führt noch tiefer in dieses weltferne Tal hinein. In den Wald hinaufsteigend, zuletzt wieder leicht bergab gelangen wir schließlich in den Talschluss, wo Deutschlands höchster Wasserfall, der Röthbachfall, über mehrere Stufen herabrauscht und bald in der Talmulde, der Fischunkel, versickert. Wahrlich, hier im hintersten Winkel, umschlossen von ungangbaren Felswänden, kann man wirklich meinen, die Welt sei zu Ende. Apropos Felswände – ungangbar? Nein! Es ist kaum zu glauben, aber durch die Walchhüttenwand südlich des Obersees führte früher ein Steig! Heute ist er fast unauffindbar, doch allein das Wissen, dass Senner und Holzknechte einmal in dieser scheinbar senkrechten Wand unterwegs waren, ringt einem großen Respekt ab. Und auch die beiden markierten Steige, die links des Röthbachfalls die Landtalwand und die Röthwand überwinden, sind gute Beispiele der Wegebaukunst. Nach ausgiebigem Schauen und Rasten heißt es wieder zurückkehren – zurück zum Obersee, nach Salet, zum Schiff, zum Dorf Königssee und schließlich wieder hinaus aus diesem merkwürdigen, einzigartigen Tal der zwei Seen, wo lautes Gedränge und stilles Schauen oftmals so nahe beieinanderliegen.

ETAPPEN.
Berchtesgaden – Königsseer Ache – Königssee – Schifffahrt über Kessel und St. Bartholomä nach Salet – Obersee – Fischunkelalm – Fischunkel/Röthbachfall – zurück nach Salet.
GEHZEITEN.
Berchtesgaden – Königssee 1 Std.; Anlegestelle Salet – Obersee 0:15 Std., Fischunkelalm 0:30 Std., Fischunkel/Röthbachfall 0:30 Std., zurück nach Salet 1:15 Std.; insgesamt ca. 3:30 Std. reine Gehzeit plus 2 Std. Schifffahrt.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour34 km
Höhenunterschied220 m
Dauer3.00 h
Schwierigkeit
StartortBerchtesgaden, 541 m; Dorf Königssee, 604 m
AusgangspunktParkplatz direkt südlich vom Bahnhof Berchtesgaden
EndpunktWie Ausgangspunkt.
TourencharakterLandschaftlich wunderschöne, sehr einfache Wandertour mit Schifffahrt und vielen Sehenswürdigkeiten. Durchgehend breite Wege, zwischen Berchtesgaden und Königssee auch asphaltierte Straßen. Nur der Steig »am Wandl« entlang dem Obersee ist holprig und alpin, jedoch ungefährlich.
Hinweise
BESTE JAHRESZEIT. Solange die Boote der Königsseeschifffahrt bis Salet verkehren, d.h. in der Regel von April bis Oktober. Der erste Teil der Tour ist ganzjährig zu empfehlen. Besonders schön und ruhig an Werktagen in der Nebensaison.
KartentippUmgebungskarte»Nationalpark Berchtesgaden« 1 - 25 000
VerkehrsanbindungMit Bahn oder Auto nach Berchtesgaden
GastronomieDiverse Gaststätten im Dorf Königssee; Gaststätte in St. Bartholomä, Tel. - 08652/96 49 37; Alpengaststätte Saletalm, Tel.: 08652/630 07; Almen am Südufer des Sees
Tipps
Kraft der Worte. »Dieses Thal ist die interessanteste Gegend des ganzen Ländchens für den Naturforscher und Naturfreund: denn aus einem wunderbaren Gemische der lieblichsten und schauerlichsten Formen und Gefilde – wo der Wanderer zwischen blumigen Wiesen und schattenden Haynen, zwischen heerdennährenden Alpen und unwirthlichen Klippen über Fluren und Fluthen, bald von der Ansicht des magischen Farbenspiels, der sanftesten und heitersten Gebilde und von den Anklängen und Resonanzen des fröhlichen Gejauchzes, Getönes und Geräusches der Hirten und Herden und der schäumenden Cascaden ergötzt, bald von ungeheuern und schrecklichen Gestalten und von dem wilden Toben und Brausen der stürmischen Elemente geängstigt hinwallt; wo der Frühling und Sommer mit dem Winter in brüderlicher Eintracht wohnen; wo im frappantesten Contraste üppige Fülle der Triebkraft grüne Matten und bunte Blüthen-Teppiche neben grauser Verödung webt, laute Lebenspulse rings um das todtstille Reich der Verwesung pochen, und aus den Ruinen vergehender Gebilde neue, jugendliche Formen und Gefilde entstehen – schuf die Natur eine Gegend, welche der lebhaftesten Einbildungskraft genialische Dichtung von dem romantischen Bilde eines Feenlandes noch weit übertrifft.« Franz Anton von Braune über das Königsseer Tal, 1821
Informationen
Nebel am Königssee. Eines der außergewöhnlichen Naturphänomene am Königssee ist der häufig auftretende Morgennebel, der sich bei schönem Wetter in den Vormittagsstunden lichtet. Wer schon mit dem ersten Schiff nach Kessel fährt und genug Geduld hat, dort auf die Sonne zu warten, kann mit etwas Glück ein großartiges Schauspiel mitverfolgen, wenn sich die Nebelschwaden plötzlich auflösen und die in der Morgensonne gleißenden Watzmannwände freigeben. Mit Erica Schwarz möchte man dann fast sagen - »Wer früh mit dem Boot ausfährt, fährt in den ersten Schöpfungsmorgen.« Aber auch sonst lohnt es sich oft, in Kessel einfach mal auszusteigen und mit einem späteren Schiff weiterzufahren: Vor allem am Vormittag ist es so möglich, den See in völliger Ruhe zu erleben.

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