Brandenberg und Schottmalhorn

Zwei Felsberge voller Gegensätze (Autor: Joachim Burghardt)
Dieses Panorama gehört zu den klassischen Ansichten im Steinernen Meer - Der Funtenseekessel, gesehen von der Sonnenterrasse des Kärlinger Hauses, eingebettet in ein Hochgebirgs-Amphitheater, das kontrastreich zwischen lieblichen Almenlandschaften am See und felsig-düsteren Bergformen changiert. Der zentrale Blickfang in dieser Szenerie ist sicherlich das Schottmalhorn, das als schlankes Felshorn über der kühlen Mulde des Funtensees thront und mit dem Wildalmkirchl (Tour 16) um den Titel des technisch schwierigsten Berges im Steinernen Meer wetteifert. Zusammen mit seinem noch etwas stilleren und weniger bekannten Nachbarn, dem unscheinbaren Brandenberg, ergibt sich die Möglichkeit zu einer wunderschönen Halbtagestour voller Gegensätze.
Totes Weib und Brandenberg.
Als Stützpunkt für diese Unternehmung bietet sich das Kärlinger Haus an, das am besten vom Königssee oder von einer anderen Hütte aus zu erreichen ist. Der geruhsame Auftakt führt uns vom Haus zum See hinab, an dessen östlicher Seite entlang und dann weiter in Richtung Baumgartl. Im unteren Baumgartl biegen wir links ab und folgen dem Weg in Richtung Niederbrunnsulzen und Totes Weib. Der Abzweig hinauf zum Funtenseetauern bleibt links liegen, während wir im Stuhlgraben aufsteigen und am sogenannten Toten Weib, einem Gedenkstein für eine im Jahr 1631 hier verstorbene Frau Gründtner, die bayerisch-österreichische Grenze erreichen. Die wenig ausgeprägte, flächenmäßig jedoch riesige Gipfelkuppe des Brandenbergs liegt nun genau in südwestlicher Richtung, und es wird Zeit, dass wir uns von den roten Markierungen verabschieden und selbstständig eine günstige Route suchen. Der eigenen Wegfindung sind nun wieder einmal fast keine Grenzen gesetzt – über bizarre Felsplatten, Wasserrillen, kleine Grate und Schluchten geht es nun unschwierig und je nach Route ohne Kletterei aufwärts, bis wir den unscheinbaren Gipfel (2302 m) erreichen.
Ist es nicht herrlich, auf einem unbekannten und doch so typischen Berg des Steinernen Meeres zu stehen? Auf einem Berg, dessen Name sich vor ein paar Jahrzehnten geändert hat – früher hieß er »Schottmal« –, der in vielen Karten gar nicht als eigenständiger Gipfel auftaucht und vielleicht in manchem Winter mehr Besucher erlebt als in der Sommersaison? Gewiss, das Gipfelerlebnis mag weniger spektakulär sein als auf dem Hundstod oder der Schönfeldspitze, doch wer ein großartiges, einsames Naturerlebnis sucht, ist hier goldrichtig. Beim Abstieg ist die Orientierung einfach, da wir nun den nördlich gelegenen Spitz des niedrigeren Schottmalhorns anpeilen. Bis unmittelbar an seinen südlichen Fuß wandern wir hinab – und stehen dann plötzlich vor Steilfels! Ganz im Gegensatz zum behäbigen, breiten Brandenberg ist das Schottmalhorn nämlich nur in Kletterei zu erreichen.
Die einfachste Route führt vom Sattel zwischen Schottmalhorn und Brandenberg auf der Südseite hinauf und bewegt sich im I. und II. Schwierigkeitsgrad. Klettererfahrung und absolute Schwindelfreiheit sind hier natürlich Pflicht. Am flachen Gipfelgrat oben erwartet uns dann ein sensationeller Tiefblick zum Funtensee. Einmal stand ich im Sommer oben und stellte beim Blick ins Gipfelbuch überrascht fest, dass der letzte Eintrag bereits acht Monate alt war. Momente wie dieser sagen vielleicht mehr über diesen tausendfach gesehenen und doch so selten bestiegenen Berg aus als viele Worte und Bilder. Konzentriert klettern wir dann über den festen Fels wieder hinab, queren vom Sattel zwischen Schottmalhorn und Brandenberg an geeigneter Stelle ostwärts hinunter und erreichen bald wieder den markierten Weg. Der Rückmarsch zum Kärlinger Haus ist Formsache, das kühle Nass wartet!

GEHZEITEN.
Kärlinger Haus – Totes Weib 1:30 Std., Brandenberg 1 Std., Schottmalhorn 1–1:30 Std. – Kärlinger Haus 1:30–2 Std.; insgesamt rund 5–6 Std.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour7 km
Höhenunterschied800 m
Dauer5.00 h
Schwierigkeit
StartortDorf Königssee, 604 m
AusgangspunktKärlinger Haus, 1630 m
EndpunktBrandenberg, 2302 m; Schottmalhorn, 2232 m
TourencharakterBis zum Toten Weib markierter Wanderweg, danach weglose, unschwierige Besteigung des Brandenbergs, die ein Mindestmaß an Orientierungsvermögen und Trittsicherheit erfordert, ebenso der Weiterweg in Richtung Schottmalhorn. Die Besteigung des Schottmalhorns ist dagegen eine kurze Klettertour im I. und II. Grad, die erfahrene und schwindelfreie Bergsteiger seilfrei durchführen können und auch sicher wieder abklettern müssen. Abstieg zum Kärlinger Haus zunächst weglos, dann wieder auf Wanderweg. Ohne die Besteigung des Schottmalhorns ist diese Tour deutlich weniger schwierig.
Hinweise
BESTE JAHRESZEIT. Juli bis Oktober
KartentippAV-Karte 10/1 »Steinernes Meer« 1 - 25 000
VerkehrsanbindungMit Auto oder Bus zum Königssee, weiter mit dem Schiff bis St. Bartholomä oder Salet. Zustieg zum Kärlinger Haus siehe Tour 17, 19, 22, 27
GastronomieKärlinger Haus, 1630 m. AV-Hütte, bew. von Mitte/Ende Mai bis Mitte Oktober. Tel. - 08652/609 10 10, www.kaerlingerhaus.de

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