Balmenhorn, 4167 m, und Vincentpyramide, 4215 m – Signalkuppe, 4554

»Leichte« Viertausender in der Monte Rosa-Gruppe. (Achtung: GPS-Track nur vom Stausee-Mattmark zum Monte-Moro-Pass!) (Autor: Rose Marie und Gerhard Bleyer)
Das Monte-Rosa-Massiv ist das gewaltigste Bergmassiv in den Alpen. Seine nördliche Hälfte steht eindrucksvoll über Zermatt, die südliche über den fünf italienischen Tälern Valtournenche, Ayas, Gressoney, Valsesia und Anzasca. Kein Alpinist kann sich der Faszination des Monte Rosa entziehen, wenn er seiner ansichtig wird. Die Tourenwahl allerdings ist ein anderes Kapitel. Jedoch gibt es sowohl im Wallis als auch auf der italienischen Seite gute Bergführer, unter deren Führung unterwegs zu sein Freude macht. Es heißt, dass erfahrene und bestens konditionierte Bergsteiger sämtliche 14 Viertausender des Massivs in wenigen Tagen abhaken. So anspruchsvoll ist unsere Tourenauswahl in der Zauberwelt des Monte Rosa zwar nicht, aber dennoch ein unauslöschliches Erlebnis.Unter Berücksichtigung der Tatsachen, dass der Anstieg von Norden (Monte-Rosa-Hütte – Capanna Margherita) über den nicht ungefährlichen Grenzgletscher bei einer Höhendifferenz von 1760 Metern viel länger als der von der Gnifettihütte aus ist, und dass wir zudem bei Tour 20 bereits in Macugnaga sind, wollen wir die Gipfeltouren am Monte Rosa von Süden her angehen.
Der Wegverlauf.
Wie bei Tour 20 vom Mattmark-Stausee zum Monte-Moro-Pass und mit der Seilbahn nach Macugnaga. Wer so wie wir geplant und die ge-samte Hochtourenausrüstung (siehe Infokasten) gleich mitgenommen hat, kann nach der Rundwanderung zum Rifugio Zamboni die folgende Tour unmittelbar anschließen.
Von Macugnaga nach Alagna: Von Macugnaga-Staffa der TMR-Route (= Tour Monte Rosa) nach Süden folgen: über die Quarazza-Staumauer hinweg und teils dem Rio Quarazza entlang oder durch Fichtenwäldchen ins Valle Quarazza. Ein schmaler, steiler Pfad zieht sich in Kehren über den Berghang hoch und wird ab etwa 1750 m Höhe von einem zwei Meter breiten, gepflasterten Fahrweg abgelöst (1908 von den Alpini gebaut). In einem großen Kar nordöstlich des Turlopasses liegt das kleine Bivacco Lanti (2150 m). Wir fanden hier mit den Freunden eine Bleibe für die Nacht.
Anderntags weiter auf der gepflasterten Militärstraße und zum Schluss ein steiles Firnfeld empor zum Colle del Turlo (2738 m). Vom Pass auf der hier weniger gut erhaltenen Alpinistraße abwärts – Laghetti del Turlo, Alpe Grafenboden, Alpe Faller… Artenreich ist die Vegetation in der südländisch anmutenden Landschaft, um so mehr, je tiefer wir in den Parco Naturale Alta Valsesia hinabwandern. Über Stufen absteigend kommen wir zur St. Antonio-Kapelle. Von hier die letzte Stunde leicht hinaus nach Alagna (1190 m). Typisch für die Walsersiedlung aus dem 13. Jahrhundert die alten Steinbauten mit Steinplattendächern und Galerien, an deren Holzgittern das Getreide zum Nachreifen getrocknet wurde.
Von Alagna zur Punta Indren und zur Capanna Gnifetti: Von Alagna mit der Seilbahn zur Punta Indren (3260 m). Da die Seilbahn von Alagna zur Punta Indren wegen Neubau eines Teilstückes seit Dezember 2007 bis Wintersaison 2009/2010 außer Betrieb ist, bietet sich folgende Alternative für den Zustieg zur Gnifettihütte an. Zunächst per Bus von Alagna nach Gressoney-La-Trinité.
Von Gressoney-La-Trinité per Seilbahn zum Passo di Salati: Rasch gleitet die 2004 neu erbaute, hochmoderne Seilbahn in die Höhe. Vom Passo di Salati (2938 m) geht es auf gutem Steig, teils steil und versichert, hinauf in den Colle di Pisse (3112 m). Es folgt ein kurzer Aufstieg zur Punta Indren (3260 m/ca. 1¼ Std.). Nun weiter auf der Route von Alagna. Zunächst in flachem Blockgelände zum Ghiacciaio d’Indren, diesen leicht ansteigend in nordwestlicher Richtung traversieren. Dann über eine sehr steile und versicherte Felsstufe in das obere Becken des Ghiacciaio di Garstelet. Nach dessen Querung steil empor (evtl. Leiter/Seile) zur Felsinsel, auf der die Capanna Gnifetti in einmalig schöner Umgebung steht (+ 1½ Std.).
Balmenhorn und Vincentpyramide: Am nächsten Morgen stehen, sozusagen als Einlauftour in der 4000er-Region, Balmenhorn und Vincentpyramide auf dem Plan. Vom Anseilplatz führt eine ausgeprägte Spur auf dem Lisgletscher nach Norden, leitet zwischen unzähligen Spalten hindurch oder darüber hinweg. Ein zauberhafter Sonnenaufgang begrüßt uns – und über dem Valle di Gressoney (Süden) liegt ein Meer aus weißen duftigen Wattebällchen. Vom Ghiacciaio del Lis streben wir dem Firnfeld südlich unterhalb des Balmenhorns zu und gelangen in leichter Kletterei auf seinen Gipfel mit der mannsgroßen Christusfigur aus Bronze sowie einer kleinen Biwakschachtel (4167 m). Ein eisiger Wind treibt uns trotz guter Sicht rasch wieder in die 100 Meter niedrigere Mulde hinab. Von hier in der wenig schwierigen Nordwestflanke steil empor auf die Vincentpyramide. Der Wind hat fantasievolle Strukturen in den Firnhang gepresst.
Völlig unberührt liegt das letzte Stück zum lang gestreckten Gipfel-plateau vor uns (4215 m). Im Gegensatz zum Balmenhorn herrscht jetzt völlige Windstille. Fantastisch ist das Panorama über dem Lis-gletscher – links der Liskamm, rechts das Schwarzhorn, dahinter bauen sich Ludwigshöhe, Parrotspitze und Dufourspitze auf. Mit dem Fernglas entdecken wir im Westen sogar Mont Blanc, Grandes Jorasses und Grand Combin, im Süden Gran Paradiso und Monte Viso. Im Osten liegt direkt unterhalb des Gipfelabbruches der Vincentpyramide der wildzerrissene Ghiacciaio delle Piode. Beängstigend ist der Blick in die Tiefe: weiße Firnhänge, riesige Spalten, dunkle Felsen …
Zur Hütte zurückgekehrt, wird uns erst bewusst, dass Samstag ist. In Scharen ziehen die Menschen über den Garsteletgletscher herauf. In den nahen Felsen und auf der Hüttenterrasse lagern Bergsteiger dichtgedrängt. Jeder will die letzten Sonnenstrahlen genießen, bevor er sich ins Hüttengedränge stürzt. Es geht zu wie in einem Taubenschlag: Kinder weinen, Erwachsene schimpfen, und da zumeist Italiener, entsprechend temperamentvoll. Rucksäcke stapeln sich in Ecken, auf Fluren und Gängen. Wir sind froh, unser 4er-Lager zu haben. In den Aufenthaltsräumen herrscht ein chaotischer Tumult, echt italienisch und laut. Um 21 Uhr ist absolute Stille im Haus.
Signalkuppe und Zumsteinspitze: Aufbruch am zweiten Hochtourentag kurz nach 5 Uhr. Es ist Sonntag. Wie ein Bandwurm ziehen sich die Seilschaften über den von Spalten durchfurchten Ghiacciaio del Lis hin. Das Licht der Stirnlampen gleicht dem Leuchten unzähliger Glühwürmchen in warmer Sommernacht – welch ein Vergleich an diesem frostigen Morgen. Als die Sonne im Osten über den Horizont steigt, ist der Himmel von malerisch roten Farben überzogen – und der Gran Paradiso über dem Aostatal wirkt zum Greifen nahe. Das sind keine guten Wetterzeichen. Beim Lisjoch unter den Eisabbrüchen der Parrotspitze eine erste kurze Rast. Aus den obersten Firnmulden des Grenzgletschers geht es von Südwesten her über einen Wechtengrat und einige Felsen auf die Signalkuppe (4554 m). Eindrucksvoll der Anblick des Liskammes – ein messerscharfer Firngrat schwingt sich zum Ostgipfel empor. Wild zerrissen liegt der Grenzgletscher unter uns, darüber Zumsteinspitze und Dufourspitze. Magisch angezogen wird der Blick vom Matterhorn im Westen.
1893 wurde auf der Signalkuppe das höchstgelegene Unterkunftshaus Europas, die Capanna Margherita, mit 30 Lagern gebaut. Seit dem Erweiterungsbau in den Jahren 1979/80 stehen etwa 100 Betten zur Verfügung. Wer nach seinen Gipfeltouren auf dem Grenzgletscher mit seinem komplizierten Spaltenlabyrinth zur Monte-Rosa-Hütte absteigen will, muss seinen kompletten Hochtourenrucksack mit herauftragen, um hier oben Quartier zu beziehen.
Im Südwesten beobachten wir Seilschaften im Aufstieg zur Zumsteinspitze, das ist unser nächstes Ziel. Leicht geht es hinab in den Gnifettisattel (4452 m), dann über einen Firnhang und kombiniertes Gelände empor zum höchsten Punkt der Zumsteinspitze (4563 m). Die Aussicht ist ähnlich wie die von der Signalkuppe. Allerdings baut sich der felsige Gipfel der Dufourspitze jetzt noch unmittelbarer vor uns auf. Im Norden sehr schön anzusehen Strahlhorn und Rimpfischhorn, Allalinhorn, Alphubel, Täschhorn und Dom.
Parrotspitze und Ludwigshöhe: Nach Rückkehr zum Gnifettisattel wandern wir über die oberen Firnhänge des Grenzgletschers zum Lisjoch zurück, biegen jedoch kurz vorher westwärts in Richtung Parrotspitze ab. Über einen steilen Firnhang muss man erneut an Höhe gewinnen, zum Schluss auf dem im oberen Teil schmalen Westgrat zum Gipfel (4432 m). Die Zeit ist bereits kräftig vorangeschritten und wir wollen noch die Ludwigshöhe mitnehmen. Zügig geht es zum Lisjoch hinab und von dort zunächst ziemlich eben, dann sehr steil empor zum Gipfel (4341 m). Ein viertes Mal haben wir heute die 4000-Meter-Marke überschritten. Fast unheimlich ist die Stille und Einsamkeit jetzt hier oben. Ganz nahe reckt sich kühn das Schwarz-horn gegen den Himmel – ein breiter, steiler Schneehang, von zwei Felsrippen flankiert, führt auf seinen höchsten Punkt (4322 m). Doch nicht für uns. Weit und breit ist kein Mensch mehr zu sehen und es wird Zeit, dem sicheren Schutz der Hütte zuzustreben, zumal drohende Wolken aufgezogen sind. Wir treiben uns gegenseitig zur Eile an. Plötzlich kommt dichter Nebel auf. Wäre nicht die ausgeprägte Spur der vorangegangenen Seilschaften in den Firn getreten, könnte es problematisch auf dem von Spalten durchzogenen Lisgletscher werden. Auf der Gnifettihütte ist es leer und still geworden, nur noch etwa 30 Bergsteiger sind oben geblieben, alle anderen ins Tal zurückgekehrt.
Abstieg und Seilbahnfahrt nach Gressoney: Große Überraschung am nächsten Morgen: Nebel und heftiges Schneetreiben. An weitere Touren ist nicht zu denken, zumal die Wetterprognosen laut Hüttenwirt ungünstig sind. Eine Seilschaft nach der anderen verlässt fluchtartig die Hütte zur Rückkehr ins Valsesia. Niemand möchte hier oben eingeschneit festsitzen. Auch uns hält es nicht länger, allerdings wird wohl kaum etwas daraus, die Tour Monte Rosa bis Zermatt fortzusetzen. Als schnellste und sicherste Rückkehr ins Wallis kommt jetzt nur der Abstieg zum Passo di Salati in Frage. Nach 1½ Stunden ist die Seilbahn-Bergstation erreicht. Talfahrt nach Gressoney-La-Trinité.
Busfahrt nach Breuil/Valtournenche: Mit dem Bus hinaus aus dem total verregneten Gressoneytal nach Pont-St.-Martin am Eingang ins Aostatal. Hier verdampft der Regen bereits auf Straßen und Dächern. Erholsame Weiterfahrt durch das liebliche sommerwarme Valle d’Aosta bis Chatillon. Nun umsteigen und nach Breuil (Cervinia) im rauen Valtournenche (2006 m). Als mächtiger Felskoloss steht das Matterhorn über dem Dorf. Der Seilbahnbetrieb ist wegen eines Höhensturmes auf dem Plateau Monte Rosa eingestellt. Also Übernachten in Breuil.
Rückkehr nach Zermatt/Mattertal: Am nächsten Morgen dann Bergfahrt zur Testa Grigia (3479 m). Es ist lausig kalt, aber wenigstens scheint die Sonne. Umgeben von einem großartigen Panorama geht es auf dem spaltenreichen Theodulgletscher (unbedingt anseilen!) hinab zum Theodulpass und weiter zur Gandegghütte. Kurz darauf ist der Trockene Steg erreicht (2939 m), und wir fahren mit der Seilbahn hinab nach Zermatt.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour7 km
Höhenunterschied4660 m
Dauer10.00 h
Schwierigkeit
StartortSaas-Almagell (1673 m) im Saastal.
AusgangspunktStausee Mattmark (2203 m) südlich von Saas-Almagell im Schluss des Saastals.
EndpunktZermatt
Tourencharaktermehrtägige kombinierte Bergwander- und Hochgebirgs-/Gletschertour. Ab Punta Indren (Bergstation oberhalb von Alagna) oder (von 2007 bis etwa 2010) ab Passo di Salati (Bergstation oberhalb Gressoney) und Capanna Gnifetti lange Gletscherüberschreitungen mit Gipfelbesteigungen. Unbedingte Voraussetzung sind solide Berg- und Gletschererfahrung, sonst nur mit Bergführer.
Beste Jahreszeit
KartentippSAW-Wanderkarte 1:50 000, Blatt 284 T (Mischabel; mit eingezeichneten Routen) sowie Landeskarte der Schweiz 1:50 000, Blatt 294 (Gressoney).
Verkehrsanbindungsiehe Tour 10 und 20. Rückkehr: von Zermatt mit der Matterhorn Gotthard Bahn talauswärts; steht der Pkw am Mattmark-Stausee, von Stalden per Bus ins Saastal und zum Ausgangspunkt zurück.
GastronomieRif. Gaspare Oberto und Rif. Zamboni, siehe Tour 20; Gandegghütte und Rif. Theodule, siehe Tour 3; Bivacco Lanti (2150 m), CAI/Macugnaga, offen, 9 Lager. Capanna Gnifetti (3611 m), CAI/Varallo, 176 Lager, von Mitte April bis Mitte September bewirtschaftet, Tel. 0039/0163/780?15; Capanna Margherita auf dem Gipfel der Signalkuppe (4554 m), 96 Schlafplätze, bewartet: Mitte Juni bis Ende August, Tel. 0039/0163/910?39 (Hütte), 0039/0163/515?30 (Tal); Neue Monte-Rosa-Hütte (2883 m), 120 Schlafplätze, bewartet: Juli bis Mitte September, Tel. 027/967?21?15 (Hütte) 027/956?31?50 (Tal).
Unterkunft
Rif. Gaspare Oberto und Rif. Zamboni, siehe Tour 20; Gandegghütte und Rif. Theodule, siehe Tour 3; Bivacco Lanti (2150 m), CAI/Macugnaga, offen, 9 Lager. Capanna Gnifetti (3611 m), CAI/Varallo, 176 Lager, von Mitte April bis Mitte September bewirtschaftet, Tel. 0039/0163/780?15; Capanna Margherita auf dem Gipfel der Signalkuppe (4554 m), 96 Schlafplätze, bewartet: Mitte Juni bis Ende August, Tel. 0039/0163/910?39 (Hütte), 0039/0163/515?30 (Tal); Neue Monte-Rosa-Hütte (2883 m), 120 Schlafplätze, bewartet: Juli bis Mitte September, Tel. 027/967?21?15 (Hütte) 027/956?31?50 (Tal).
Tourismusbüro
Saas-Grund und Saas-Almagell, siehe Tour 15. Macugnaga, siehe Tour 20. Alagna (1190 m) im Valsesia. APT Alagna: I–13021 Alagna Valsesia, Tel. 0039/0163/92 29 88; Breuil (2006 m) im Valtournenche; Zermatt (1616 m), siehe Tour 1.

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