Auf den Monte Piana

Auf dieser Runde erlebt man die Dolomiten von ihrer schönsten, aber auch von ihrer schrecklichsten Seite. Der Monte Piana gilt als eine erstklassige Aussichtswarte; während des Ersten Weltkriegs wurde erbittert um ihn gekämpft. So stößt man allenthalben auf Relikte aus jener unseligen Zeit. Das gesamte Gipfelplateau ist heute ein großes (makabres) Freilichtmuseum. (Autor: Eugen E. Hüsler)
11 km
920 m
5.00 h
Zwischen Drei Zinnen und Cristallo.
Drunten im Höhlensteintal, an der Strada d’Alemagna, wird fleißig fotografiert: die Drei Zinnen im Morgenlicht, das Cristallomassiv mit dem seichten Dürrensee im Vordergrund. Kaum jemand beachtet den massigen Berg im Winkel dazwischen: kein Dolomitenprofil, und oben ist er auch noch ganz platt. Wer trotzdem genauer hinguckt, entdeckt am Rand des Gipfelplateaus das große Toblacher Kreuz (2305 m). In seiner Nähe läuft der Pionierweg aus – auch er ein Relikt aus dem Ersten Weltkrieg –, der sich mit seinen vielen, nur mäßig steilen Serpentinen gut für den Aufstieg eignet.
Museum unter freiem Himmel.
Das ausgedehnte Gipfelplateau mit seinen beiden Kuppen, der nördlichen (2320 m), die während des Kriegs in österreichischem Besitz war, und der süd-lichen (2324 m), die von italienischen Truppen gehalten wurde, ist heute ein großes Freilichtmuseum. Eine Schautafel beim Rifugio Bosi (siehe »Kleine Genussvariante«) informiert über den Verlauf des kriegshistorischen Rundwegs. In der Hütte bekommt man einen detaillierten Führer der Dolomitenfreunde, die das Museum realisierten. Das ist allerdings schon eine ganze Weile her, was man im Gelände nicht übersehen kann: Informationsschilder und Wegzeiger gehörten eigentlich längst erneuert. Die mindestens zwei Stunden beanspruchende Runde erweist sich für jeden einigermaßen sensiblen Menschen als Kompendium des Schreckens, weniger allerdings durch die sichtbaren Relikte des grässlichen Ringens, als vielmehr durch die Suggestivkraft, die diesen stummen Löchern, den verfallenen Gräben, den Stacheldrahtverhauen und Bombentrichtern innewohnt. Ein Glück, dass die Aussicht immer wieder ablenkt, Auge und Gemüt versöhnt.
Dolomiten schauen.
Und das Panorama kann sich wirklich – im Wortsinn! – sehen lassen. Kein grenzenlos weiter Horizont, dafür faszinierende Felsbauten, alle unverwechselbar, sozusagen auf Halbdistanz: im Südwesten das Cristallomassiv, im Westen die Hohe Gaisl, im Osten die Sextener Dolomiten mit einem isoliert stehenden Zinnenstock, aus dieser Perspektive ein Gipfel und eine Nordwand. Im Süden dominieren Antelao und Sorapiš, erstrecken sich die einsamen Kare und Grate der Marmarole; nach Norden geht der Blick durch den tiefen Graben des Höhlensteintals bis zur aus dunklem Tonalit aufgebauten Rieserfernergruppe.
Der Pionierweg.
Die Runde beginnt auf dem ins Rienztal führenden Schottersträßchen. Nach etwa 250 Metern, an der ersten Verzweigung, nimmt man den rechts abgehenden Weg, der quer über das breite Geröllbett der Schwarzen Rienz zum Fuß des Monte Piana und zum Pionierweg führt (Hinweistafel). Der bereits vor Kriegsausbruch von österreichischen Truppen angelegte Steig schraubt sich in bequemen Serpentinen an der felsigen Nordwestflanke bergan und bietet dabei hübsche Blicke auf Dürrensee und Hohe Gaisl (3146 m), die Berge rund ums Fanestal und den gewaltigen Cristallostock. Der Weg blieb über weite Strecken gut erhalten; wo Rinnen zu queren sind, ist er stärker in Mitleidenschaft gezogen, ebenso auf einem kurzen Stück oberhalb der Baumwuchsgrenze. Drahtseile entschärfen diese Passage und helfen über die weggerutschte Trasse hinweg. Kurz darauf kommt man an den Überresten der Kriegs-seilbahn (Mittelstation) vorbei, die Landro mit den österreichischen Stellungen verband; noch etwas höher erinnert ein Kreuz am Weg daran, dass sich hier einst ein kleiner Soldatenfriedhof befand.
Die Gipfelfelsen des Monte Piana rücken nun allmählich näher; in ihrem Schutz bestand hier während des Kriegs eine kleine Barackenstadt. Links zweigt ein direkter Zugang zum Toblacher Kreuz ab, der gesicherte Hauptmann-Bilgeri-Steig (nur mit Klettersteigausrüstung zu begehen!); der Pioniersteig läuft am Fuß senkrechter Mauern hinaus in die Westflanke des Bergstocks und führt dann über Stiegen hinauf zum Plateau. Wenig weiter steht links das Toblacher Kreuz (2305 m; 3 Std.).
Am Monte Piana.
Vom Kreuz kann man nun über die vom Krieg gezeichnete Hochfläche direkt zur Forcela de i Castrade (2272 m) hinüber- oder auf einem markanten Horizontalband ein paar Meter unterhalb des Plateaus die Nordkuppe umwandern, vorbei an Stellungen, Unterkünften und den Überresten einer Stollenbahn, die bis zu den vordersten Frontlinien führte. Und immer wieder Löcher im Fels, manche nur als Deckung gedacht, andere wieder enden irgendwo, weil die Decke heruntergebrochen ist. Geradezu versöhnlich wirkt der Blick in die Weite, auf den einzig-artigen Felsbau der Drei Zinnen etwa.
Von der Forcela de i Castrade lohnt es sich, kurz zur Südkuppe des Monte Piana aufzu-steigen (Panorama). Knapp unter dem Gipfel steht die Piramide Carducci, gewidmet dem Nationalliteraten Giosuè Carducci, der 1906 den Nobelpreis erhielt. Der historische Rundweg folgt – ausgehend vom Rifugio Bosi – knapp unterhalb der Gipfelebene den italienischen Stellungen, die, ähnlich wie jene der Kaiserjäger, an und in die Felsen gebaut sind, dabei geschickt die natürliche Terrassierung des Geländes nutzend.
Abstieg.
Aus der flachen Senke der Forcela de i Castrade führen die Markierungen zunächst flach zum westlichen Plateaurand, dann in einigen Serpentinen bergab gegen eine markante Geröllreiße. Diese wird in einem kurzen Gegenanstieg gequert (Holz-leiter); anschließend leitet der Touristensteig zunehmend steiler über den bewaldeten Hang hinunter in den breiten, gerölligen Talboden von Schluderbach (1466 m). Hier hält man sich rechts und folgt einem Weglein am Bergfuß entlang zum Ostufer des Dürrensees (1403 m). Das seichte Gewässer schrumpft nach niederschlagsarmen Sommern jeweils auf die Hälfte seiner eigentlichen Größe. An der Mündung des Rienztals stößt man wieder auf den Hinweg. Über den Bach und auf der bekannten Sandpiste zurück zum Parkplatz an der Großen Dolomitenstraße (5.15 Std.).

Höhlensteintal – Toblacher Kreuz 3 Std., über den Touristensteig zurück 2.15 Std. Insgesamt 5.15 Std.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour11 km
Höhenunterschied920 m
Dauer5.00 h
Schwierigkeit
StartortToblach (1241m) im Pustertal, auf der Wasserscheide zwischen Rienz und Drau
AusgangspunktWanderparkplatz gegenüber vom Hotel Drei Zinnen (1406m)
EndpunktWie Ausgangspunkt
TourencharakterDen Monte Piana kann man seiner Aussicht oder seiner Vergangenheit wegen aufsuchen; das Panorama ist seit einer halben Ewigkeit dasselbe, eine Geschichte hat der Berg erst seit vier Generationen. Militärhistoriker werten ihn als einen Eckpfeiler der Dolomitenfront im Ersten Weltkrieg, halten Attacken und Gegenangriffe fest, addieren Gefallene auf beiden Seiten zu einer grausigen Bilanz. Da mag ich die Rundschau lieber, und all die Tapferkeit, die auf diesem blutdurchtränkten Boden bewiesen wurde, ist mir kein Trost, höchstens Mahnung: Nie wieder!
Hinweise
Höhlensteintal – Toblacher Kreuz 3 Std., über den Touristensteig zurück 2.15 Std. Insgesamt 5.15 Std.
KartentippTabacco 1:25000, Blatt 010 »Sextener Dolomiten«
VerkehrsanbindungVon Toblach durchs Höhlensteintal bis zur Mündung des Rienztals, 9 km. Gute Busverbindungen
GastronomieKeine Einkehr am Weg
Tourismusbüro
Tourismusverein, Dolomitenstr. 3, I-39034 Toblach, Tel. +39/0474/97 21 32, info@toblach.info, www.toblach.info

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