Auf den Heiligkreuzkofel

Anspruchsvolle Gipfeltour, die eine gute Kondition und absolute Trittsicherheit voraussetzt. Im Anstieg zur Kreuzkofelscharte einige gesicherte Passagen, zuletzt reichlich Geröll. Übergang zur Forcela de Medesc weitgehend weglos, mit einigen leichten Felspassagen. Grandioses, sehr kontrastreiches Landschaftserlebnis. Nur bei sicherem Wetter gehen, keine Hütte am Weg! (Autor: Eugen E. Hüsler)
Ein Wallfahrtsort und ein Heiliger.
Kirchlein und Hospiz von Heiligkreuz vor den gewaltigen Westabstürzen des Heiligkreuzkofels bilden ein klassisches Dolomitenensemble. Entsprechend rege ist der Zulauf, was allerdings der Atmosphäre des Platzes nicht unbedingt gut bekommt. Erst am Abend, wenn die Ausflügler weg sind, Ruhe einkehrt und die tief stehende Sonne die Westabstürze der Kreuzkofelgruppe zum Leuchten bringt, wird die spirituelle Kraft von Heiligkreuz – alte Mauern und noch viel älterer Fels – erlebbar, am schönsten, wenn man gleich oben übernachtet.
Die Wallfahrt nach Heiligkreuz ist uralt, der Überlieferung nach soll sie auf den Grafen Otwin von Lurn und Pustertal zurückgehen, der um 1000 als Einsiedler hier in der Bergeinsamkeit lebte. Urkundlich erstmals er-wähnt wird Heiligkreuz 1485; der bestehende Bau mit seinem Pyramidendach geht auf das 16.Jahrhundert zurück. Seine heutige Form erhielt er erst durch den Umbau von 1852.
Im gleichen Jahr wurde drunten in Pedratsches, im Weiler Oies, Franz Freinademetz geboren. Nach einer Ausbildung zum Priester zog er als Missionar ins ferne China, das zu seiner zweiten Heimat werden sollte. Fast drei Jahrzehnte wirkte er unermüdlich, ein Freund des Landes (»Ich liebe China und die Chinesen: Hier möchte ich sterben und bei ihnen begraben werden«). Freinademetz starb 1908; im Jahr 2003 wurde er von Papst Johannes Paul II. heilig gesprochen.
Der Felssteig.
Gleich hinter dem Hospiz Heiligkreuz (2045 m) führt eine Wegspur in südlicher Richtung erst zwischen Latschen, dann im Geröll zum Wandfuß. Drahtseile helfen über einen ersten Aufschwung hinweg, dann gewinnt der Steig, die topografischen Gegebenheiten geschickt nutzend, über breite Bänder und Geröllhänge stetig an Höhe. Schlüsselstelle des Anstiegs ist eine etwa 50 Meter hohe Steilstufe, die mit Fixseilen entschärft wurde und auf eine kleine, der Wand vorgelagerte Kanzel mündet. Einmalig ist hier der Blick in die Vertikale; am südlichen Horizont glitzert das Gletscherweiß der Marmolada, und davor liegen die grünen Wellen der Hochalm Pralongià. Ein bequemes Horizontalband leitet unter den senkrecht auf-ragenden Felsen nach rechts auf einen mächtigen Geröllhang. Am linken Rand ar-beitet man sich mit Drahtseilhilfe in dem recht beweglichen Untergrund mühsam bergan zur breiten Gratsenke der Kreuzkofelscharte (Ju dla Crusc; 2612 m; 2 Std.)
Welt der Fanes.
Hier eröffnet sich unvermittelt eine völlig andere Landschaft – man ist heraus aus dem Steilgelände und schaut hinein ins Fanestal: eine riesige flache Schüssel, teilweise begrünt und umrahmt von eigenwillig geformten Bergen, rechts der markant gebänderte Piz d’Lavarela (3055 m), links der Neuner (2968 m) mit seinen aufgesteilten Platten. Nicht zu übersehen ist der felsige Buckel an seinem Fuß, das Ciastel de Fanes (2657 m). Hier wurden prähistorische Tonscherben und Reste eines Walls gefunden, was auf eine Fluchtburg hindeutet. Zeugnis des sagenhaften Volks der Fanes, das lange vor Beginn unserer Zeitrechnung zugrunde ging? Im ausgehenden Mittelalter war die Alm Kleinfanes lange Zeit Streitobjekt zwischen den Gemeinden Enneberg, Wengen und Abtei. Schließlich wurde eine salomonische Lösung gefunden: Die Alpe durfte im Wech-sel für ein Jahr von einer der drei Gemeinden bestoßen werden.
Zum Gipfel.
Aus der Kreuzkofelscharte führt ein Weglein links über den lang gestreckten Rücken sanft bergan. Zweimal leitet die Spur unmittelbar an den westseitigen Abbruch, was bei nicht ganz Schwindelfreien für eine leichte Gänsehaut sorgt. Zuletzt steigt man über den geröllbedeckten Gipfelkegel hinauf zum Heiligkreuzkofel (2907 m; 3 Std.) mit großem Panorama, das vom Ortler im Westen bis zu den Ampezzaner Dolomiten und nach Norden bis zum Alpenhauptkamm reicht.
Karstlandschaft.
Der Abstieg führt zunächst auf dem Hinweg zurück in die Kreuzkofelscharte (2612 m; 3.30 Std.) Hier biegt man in den von der Alpe Kleinfanes heraufkommenden Steig ein, folgt ihm aber nur ein kurzes Stück, bis rechts eine rot markierte Spur abgeht (Hinweis »Medesc«). Sie läuft über Karrenböden, Geröll, durch Gräben und ein paar kurze, leichte Kletterstellen ostseitig um den ungefügen Klotz des Piz de Medesc (2713 m) herum. Die Landschaft ist von archaischer Wildheit, irgendwie unfertig wirkend mit den riesigen Geröllhängen und aufgerissenen Felsflanken. Achtung: Gut auf die Farbtupfer achten, damit man in dem unübersichtlichen Gelände nicht vom richtigen Weg abkommt. Der mündet auf den markanten Einschnitt der Forcela de Medesc (2533 m; 4.15 Std.), über der sich südlich die gewaltige Bastion der Lavarela aufbaut – noch so ein Dolomitenriese.
Abstieg.
Über die Scharte verläuft ein markierter Weg, der Stern im Hochabtei mit dem Fanesgebiet verbindet. Auf der Geröllspur steigt man, die schöne Aussicht auf den Sassongher (2665 m) und die Abbrüche des Gherdenacia-Hochplateaus genießend, westseitig durchs Val de Medesc ab bis zur Verzweigung an seiner Mündung (ca. 2040 m; Hinweistafeln). Der rechte Weg ist hier auch der richtige; auf ihm wandert man unter den Wänden der Kreuzkofelgruppe zurück zur Liftstation Heiligkreuz (5.45 Std.).

Heiligkreuz – Kreuzkofelscharte 2 Std., Kreuzkofelscharte – Kreuzkofel 1 Std., Kreuzkofel – Forcela de Medesc 1.15 Std., nach Heiligkreuz 1.30 Std. Ingesamt 5.45 Std.

GPS-Track

Tourendetails

Länge der Tour12 km
Höhenunterschied970 m
Dauer5.00 h
Schwierigkeit
StartortAbtei (Pedratsches, 1324m) im Hochabtei
AusgangspunktHeiligkreuz (2045m), Bergstation der von Pedratsches ausgehenden Sessellifte
EndpunktWie Ausgangspunkt
TourencharakterEin Profil, das selbst für die Dolomiten ungewöhnich ist – senkrechter Absturz auf der einen, Plateaurand auf der anderen Seite: der Heiligkreuzkofel (2907 m). Während durch die dem Hochabtei zugewandte Flanke einige Kletterführen höchster Schwierigkeit verlaufen, darunter die von Reinhold und Günther Messner 1968 eröffnete Zentralpfeilerroute, lässt sich der gleiche Berg von der Kleinen Fanesalm aus sozusagen auf einem Bein ersteigen. Zwischen diesen beiden Extremen ist der gesicherte Anstieg über die Kreuzkofelscharte einzuordnen, keine Kletterei zwar, aber immerhin ein Felssteig, ein lustig-listig angelegtes Weglein, wo er-forderlich mit Drahtseilsicherung, damit man diesen Gang zwischen den Felsen auch unbeschwert genießen kann. Dabei faszinieren die Aus- und Einblicke zur Marmolada (3343 m), die mit ihrem Eispanzer einen markanten Akzent im Süden setzt, und nördlich bis zur weißen Gratlinie der Zillertaler Alpen. Noch mehr beeindruckt der Kontrast zwischen den grünen Talfluren des Hochabtei und den himmelwärts schießenden, rötlich-braunen Felsen der Kreuzkofelgruppe. Dieser eigenartigen Färbung verdankt der Heiligkreuzkofel seinen ladinischen Namen: l’Ciaval – das Pferd.
Hinweise
Heiligkreuz – Kreuzkofelscharte 2 Std., Kreuzkofelscharte – Kreuzkofel 1 Std., Kreuzkofel – Forcela de Medesc 1.15 Std., nach Heiligkreuz 1.30 Std. Ingesamt 5.45 Std.
KartentippTabacco 1:25000, Blatt 07 »Alta Badia–Arabba–Marmolada«
VerkehrsanbindungPedratsches liegt an der Gadertalstraße, 25 km von St. Lorenzen im Pustertal, 7 km von Corvara. Gute Busverbindungen. Die Heiligkreuzlifte sind von Juni bis September 8.30–12.30, 14–18Uhr in Betrieb.
GastronomieHeiligkreuz (2045 m), Juni bis September, Tel. 0471/839632
Informationen
La Majun – eine Wohlfühloase. Wer im Hochabtei nicht nur nach den Gipfeln guckt, sondern eine komfortable Unterkunft und ein feines Essen ebenso zu schätzen weiß wie echte Gastfreundschaft, der ist bei der Familie Mellauner in Stern/La Ila genau richtig. Und für Weingenießer lagern im Keller des Hauses viele edle Gewächse ... Hotel La Majun, Colzstr. 59, I-39030 Stern, Tel. 0471/847030, Fax 847034.
Tourismusbüro
Tourismusverband Alta Badia, Col-Alt-Str. 36, I-39033 Corvara, Tel. +39/0471/83 61 76, Fax 83 65 40, info@altabadia.org, www.altabadia.org

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